“Banken haben lange Zeit wahnsinnig viele Daten gesammelt, aber damit nichts getan” (Viktor Mayer-Schönberger)

Von Ralf Keuper

In einem Interview mit der ZEIT zu seinem neuen Buch Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus sagt Volker Mayer-Schönberger, dass wir in Europa zu sehr auf das Geld als der wichtigsten Informationsquelle fixiert seien. Die neue Währung sind Daten, die das Geld in seiner Funktion als Gradmesser für den Zustand der Wirtschaft sowie als Preis- Koordinationsmechanismus abgelöst hätten. Das hat für die Banken dramatische Auswirkungen, so Mayer-Schönberger. Hier räche sich, dass die Banken Information mit Geld gleichgesetzt hätten. Auf die Frage

Was bedeutet es denn für die Finanzindustrie, wenn ihr Rohstoff, das Geld, weniger wichtig wird?

antwortet Mayer-Schönberger:

Dass sie sich dramatisch umorientieren muss. Banken und Finanzdienstleister können Informationsflüsse am Markt organisieren. Stellt sich nur die Frage, inwieweit Organisationen, die jahrhundertelang die Information aufs Geld verkürzt haben, dieses Denken hinter sich lassen und zum digitalen Champion werden können. Banken wie auch Versicherungen haben lange Zeit wahnsinnig viele Daten gesammelt, aber damit nichts getan. Und damit waren sie die unvorstellbar großen Verschwender von Einsicht. Sie haben keinen Mehrwert daraus gewonnen, den sie den Kunden hätten zur Verfügung stellen können – oder auch der Gemeinschaft.

Der Gedanke an sich ist nicht neu. Vor einigen Jahrzehnten merkte der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan in seinem Buch Die magischen Kanäle – Understanding Media an:

Heute stellt die Technik der Elektrizität den Geldbegriff selbst in Frage, da die neue Dynamik menschlicher gegenseitiger Abhängigkeit von zerlegenden Medien wie etwa dem Buchdruck auf allumfassende oder Massenmedien wie den Telegrafen übergeht (Geld als Medium, oder: Die neue Informationsbewegung (Marshall McLuhan).

In der Tat haben die Banken zu wenig aus ihrem Datenschatz gemacht. Ihr Vorsprung, ihr Wettbewerbsvorteil ist dahin (Vgl. dazu: Wie der „Wettbewerbsvorteil Information“ den Banken aus den Händen gleitet).Die Banken haben ihr Informationsmonopol in den letzten Jahren an die großen digitalen Plattformen verloren.Das eigentliche Problem der Banken besteht m.E. jedoch nicht darin, dass sie Geld mit Information gleichgesetzt haben – in der Vergangenheit haben Banken immer auch externe Informationen, wie Bloomberg, bei ihren Entscheidungen berücksichtigt. Sie haben nur nicht mehr den Zugriff auf den Großteil der relevanten Daten, auf die Verhaltens- und Bezahldaten der Kunden – sie verfügen nur noch über einen relativ schmalen Ausschnitt – eine vorwiegend historische Sicht in Form von Transaktionsdaten. Das ist das eigentliche Problem. Mit dem Internet of Things wird sich dieses Ungleichgewicht aller Voraussicht nach noch verstärken.

Bereits Anfang der 1970er Jahre forderte der damalige Vorstandschef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, die Banken auf, ein neues Rollenverständnis zu entwickeln:

Die Banken werden zunehmend die Rolle einer Clearingstelle und Drehscheibe eines auf die praktischen Bedürfnisse der Wirtschaft abgestellten Beratungs- und Informationsflusses zu übernehmen haben. …
Das hier nur anzudeutende zukunftsträchtige Feld nützlichen Zusammenwirkens über den engeren Bereich des klassischen Bankgeschäfts hinaus wäre vielleicht nicht unzutreffend mit dem Begriff „Consulting Financial Engineers“ zu umschreiben, einer Bezeichnung, die eines Tages auf den Firmenschildern der Banken auftauchen könnte. (in: Mut zur Freiheit)

Es sieht ganz so aus, als hätten die Banken, wie Mayer-Schönberger andeutet, die Chance verspielt, auf Basis ihrer Daten den Kunden und der Gemeinschaft echte Mehrwerte zu liefern. Alle Bemühungen, digitale Champions zu werden, gleichen dem Versuch, das Pferd von hinten aufzuzäumen – in gewisser Weise das, was Platon mit seinem Höhlengleichnis beschrieben hat.

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