Geschäftsmodell und Auswege bankeigener IT-Dienstleister im europäischen Vergleich
In Europa betreiben viele Bankengruppen ihre IT nicht selbst und kaufen sie auch nicht am Markt ein. Sie lassen sie von einem Rechenzentrum betreiben, das ihnen gehört. Das gilt für die Genossenschaftsbanken in Deutschland und Österreich, für die Sparkassen, für die Regionalbanken von Crédit Agricole und, in kleinerem Zuschnitt, für viele dänische, italienische und Schweizer Institute. Das Modell hat Jahrzehnte funktioniert. Die Frage dieses Beitrags ist, wie belastbar es unter den heutigen Bedingungen bleibt: steigende technologische und regulatorische Anforderungen auf der einen Seite, Eigentümer unter Ertragsdruck auf der anderen. Und welche Auswege haben Häuser gewählt, die ihre Abhängigkeit vom Stammgeschäft verringern wollten?
Die Befunde stützen sich auf eigene Recherchen in Geschäftsberichten, Verbandszahlen, Behördenunterlagen sowie Presse- und Fachberichten. Sie sind vorläufig. Wo eine Aussage auf einer Deutung beruht, steht das im Text.
1. Die Konstruktion: Eigentümer gleich Kunde
Das Besondere am bankeigenen Rechenzentrum liegt weniger in der Technik als in der Eigentümerstruktur. Atruvia, der IT-Dienstleister der genossenschaftlichen FinanzGruppe, gehört nach dem Geschäftsbericht 2025 zu 91,6 Prozent den regionalen Beteiligungsgesellschaften der Volks- und Raiffeisenbanken, zu 6,7 Prozent den Primärbanken direkt und zu 1,3 Prozent sonstigen genossenschaftlichen Unternehmen. Privatbanken halten 0,3 Prozent. Das Unternehmen betreut etwas mehr als 720 Banken, verarbeitet über 97 Millionen Konten und setzte 2025 rund 1,89 Milliarden Euro um. Die dänische SDC gehörte bis 2025 ihren Kunden, vielen kleinen und mittleren Banken in Dänemark, Schweden, Norwegen und auf den Färöern. Raiffeisen Informatik in Österreich gehört zu 47,35 Prozent der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien und zu 46,85 Prozent der RBI Invest.
Diese Konstruktion hat Vorteile. Die Kunden sind gebunden, die Umsätze planbar, Investitionen lassen sich über Mengenpreise umlegen. Sie hat auch eine Eigenart, die der Ökonom Albert O. Hirschman in seinem Buch Exit, Voice, and Loyalty (1970) beschrieben hat: Wer eine Organisation nicht ohne Weiteres verlassen kann, nutzt die Beschwerde. Banken, die ihr Rechenzentrum mitbesitzen und dessen Kernsystem nutzen, wechseln nicht wie bei einem Lieferanten. Wechsel kommen vor, meist im Zuge von Fusionen, wie der dänische Fall BEC zeigt (Abschnitt 3). Rechenschaft läuft über Eigentümer und Aufsicht, nicht über Preise und Wechsel. Das ist eine Deutung. Sie lässt sich an den Vergleichsfällen prüfen.
2. Was das Modell unter Druck setzt
Technik und Regulierung. Die europäische Verordnung DORA zur digitalen Betriebsstabilität nimmt besonders kritische IKT-Dienstleister unter direkte Aufsicht. Die europäischen Aufsichtsbehörden veröffentlichten am 18. November 2025 die erste Liste mit 19 benannten Anbietern, darunter Amazon Web Services, Google Cloud, Microsoft, Oracle und SAP, aber auch Accenture, Capgemini, IBM, Kyndryl, NTT Data, Tata Consultancy Services, Deutsche Telekom, Orange und der Finanztechnologie-Anbieter Fidelity National Information Services. Atruvia, die Finanz Informatik, SDC und Cedacri stehen nicht darauf. Die Verbundzentren unterliegen damit nicht der direkten europäischen Aufsicht über kritische Dienstleister, sondern der nationalen Aufsicht, die Auslagerungsunternehmen nach § 44 KWG selbst prüfen kann, und der Aufsicht über die Banken, die sie nutzen. Die Banken bleiben verpflichtet, Konzentrationen selbst zu prüfen und Ausstiegsmöglichkeiten vorzuhalten. Für ein Verbundrechenzentrum heißt das: mehr Nac…
