Das rote S der Spar­kas­sen gehört zu den bekann­tes­ten Zei­chen des Lan­des. Der Deut­sche Spar­kas­sen- und Giro­ver­band (DSGV), der Dach­ver­band der Spar­kas­sen-Finanz­grup­pe und zen­tra­le Trä­ger der Mar­ken­rech­te, geht der­zeit gegen Finanz­häu­ser vor, deren Auf­tritt dem S nahe­kommt. Zwei Fäl­le sind öffent­lich: das Köl­ner Fonds­haus Sau­ren, dem das Land­ge­richt Ham­burg nach Anga­ben des Unter­neh­mens vor­läu­fig die Nut­zung sei­nes neu­en Signets unter­sagt hat, und der Münch­ner Bro­ker Sca­lable Capi­tal, von dem der Ver­band eben­falls eine Ände­rung des Logos ver­langt. Nach Berich­ten der Finanz-Sze­ne spra­chen Ver­tre­ter der Spar­kas­sen außer­dem bei der Ham­bur­ger Sutor Bank und der Köl­ner Sozi­al­bank vor und reg­ten eine bal­di­ge Umfir­mie­rung an; bei­de Häu­ser sol­len sich dem Ver­neh­men nach wider­setzt haben.

Die Fäl­le wer­fen eine Fra­ge auf, die über das ein­zel­ne Logo hin­aus­reicht: Wie weit reicht der Schutz einer sehr bekann­ten Mar­ke? Genügt es, dass ein Zei­chen Erin­ne­run­gen an das S weckt, oder muss eine kon­kre­te Ver­wechs­lungs­ge­fahr oder eine Aus­nut­zung des guten Rufs hin­zu­kom­men? Dahin­ter steht eine zwei­te Fra­ge, die das Recht nicht allein beant­wor­tet: Was bedeu­tet das S heu­te, und für wen? Ein Zei­chen schützt, was sich in den Köp­fen der Öffent­lich­keit mit ihm ver­bin­det, und die­se Ver­bin­dung ist nicht für alle Zeit gege­ben. Sie muss von jeder Gene­ra­ti­on neu her­ge­stellt wer­den, in einer Umge­bung, die sich durch weni­ger Filia­len sowie durch Apps und Platt­for­men verändert.

Der Bei­trag geht bei­den Fra­gen nach. Er beginnt mit dem Mar­ken­recht und den aktu­el­len Fäl­len, prüft dann, was Sprach­wis­sen­schaft und Zei­chen­theo­rie zur Sor­ge vor einem Alpha­bet-Mono­pol sagen, und fragt zuletzt mit Ber­ger und Luck­mann, was ein Zei­chen im Wan­del der Gene­ra­tio­nen und der Medi­en noch trägt. Vie­les ist offen, weil die Ver­fah­ren lau­fen und zen­tra­le Zah­len feh­len. Der Text kenn­zeich­net, was belegt ist und was Deu­tung bleibt.


Zwei Schutz­lo­gi­ken

Das Mar­ken­recht kennt zwei Wege, die sich in der Pra­xis oft ver­mi­schen. Der ers­te ist die Ver­wechs­lungs­ge­fahr nach § 14 Abs. 2 Mar­kenG. Maß­geb­lich sind die Ähn­lich­keit der Zei­chen, die Nähe der Dienst­leis­tun­gen und die Kenn­zeich­nungs­kraft der älte­ren Mar­ke. Eine tat­säch­lich ein­ge­tre­te­ne Ver­wechs­lung ist nicht nötig, die blo­ße Gefahr genügt, und bei einem sehr bekann­ten Zei­chen fällt der Schutz­be­reich wei­ter aus. Das ist unter Mar­ken­recht­lern unstrittig.

Der zwei­te Weg ist der Schutz der bekann­ten Mar­ke. Er greift auch dann, wenn kei­ne Ver­wechs­lungs­ge­fahr besteht, ver­langt aber mehr als ein vages Anklin­gen: Das frem­de Zei­chen muss eine unlau­te­re Aus­nut­zung oder Beein­träch­ti­gung der Unter­schei­dungs­kraft oder Wert­schät­zung der bekann­ten Mar­ke bewir­ken. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das 2015 im Streit um das Spar­kas­sen-Rot gegen die Groß­bank San­tan­der aus­for­mu­liert. Er hielt Ansprü­che des DSGV auch ohne Ver­wechs­lungs­ge­fahr für mög­lich, wenn der Ver­kehr das San­tan­der-Logo gedank­lich mit der Farb­mar­ke der Spar­kas­sen ver­knüpft und die­se Mar­ke als Ele­ment des Markt­auf­tritts beein­träch­tigt wird. Die Ver­knüp­fung allein reicht danach nicht aus. Sie ist die ers­te Stu­fe, die Beein­träch­ti­gung die zweite.

Genau an die­ser zwei­ten Stu­fe ent­schei­det sich, ob Asso­zia­ti­on genügt. Bis­her hat der DSGV in den aktu­el­len Fäl­len nicht öffent­lich erklärt, wel­che Vor­aus­set­zung er jeweils als erfüllt ansieht. Auf Anfra­gen zu Sca­lable ließ der Ver­band mit­tei­len, Mar­ken­schutz sei auch Ver­brau­cher­schutz und man gehe gegen Ver­let­zun­gen der Wort­mar­ke, der Farb­mar­ke und des Sparkassen‑S kon­se­quent vor. Zu Ein­zel­fäl­len äußert er sich nicht.

Das Rot ist gehal­ten, der Buch­sta­be ist offen

Der Ver­band kann auf einen Erfolg ver­wei­sen. Die Spar­kas­sen ver­wen­den das Rot HKS 13 seit 1972, als der Gestal­ter Otl Aicher das ein­heit­li­che Erschei­nungs­bild ent­warf; die Farb­mar­ke ist seit 2007 für Bank­dienst­leis­tun­gen für Pri­vat­kun­den ein­ge­tra­gen. San­tan­der, das einen nahe­zu glei­chen Rot­ton nutzt, erreich­te 2015 beim Bun­des­pa­tent­ge­richt die Löschung der Farb­mar­ke. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dung am 21. Juli 2016 auf, die Mar­ke blieb bestehen. Ende 2019 einig­ten sich bei­de Sei­ten dar­auf, dass San­tan­der den Rot­ein­satz in Deutsch­land ver­rin­gert. Zehn Jah­re Rechts­streit also, am Ende ein Ergeb­nis zuguns­ten des Verbands.

Ob sich dar­aus etwas für den Buch­sta­ben ablei­ten lässt, ist frag­lich. Ein Rot­ton ist ein ein­zel­ner Punkt im Farb­spek­trum, ein S dage­gen steht jedem zur Ver­fü­gung, der das latei­ni­sche Alpha­bet benutzt. Dass auch eine Prüf­stel­le die­sen Unter­schied ernst nimmt, zeigt ein Ver­fah­ren vor dem Amt der Euro­päi­schen Uni­on für geis­ti­ges Eigen­tum (EUIPO). Dort leg­te der DSGV 2023 Wider­spruch gegen die Uni­ons­mar­ke „S digi­tal“ eines Abrech­nungs­dienst­leis­ters für Gesund­heits­be­ru­fe ein, gestützt auf vier älte­re Wort­mar­ken mit dem S. Am 18. Juni 2025 wies das Amt den Wider­spruch voll­stän­dig zurück. Es hielt unter ande­rem fest, dass sich der Buch­sta­be S im Finanz­be­reich nicht mono­po­li­sie­ren lässt, und erkann­te dem Ver­band kei­ne erhöh­te Kenn­zeich­nungs­kraft zu, weil er nicht dar­ge­legt habe, wel­che Umsät­ze auf wel­che Mar­ke ent­fie­len. Der DSGV leg­te Beschwer­de ein und nahm sie am 1. Okto­ber 2025 zurück.

Der Fall taugt nur bedingt als Vor­bild. Es ging um Wort­mar­ken und um Waren und Dienst­leis­tun­gen aus dem Gesund­heits­be­reich, nicht um das gra­fi­sche Sparkassen‑S und nicht um Wett­be­wer­ber im Finanz­ge­schäft. Als Hin­weis dar­auf, wie ein Prü­fer das Ver­hält­nis von Buch­sta­be und Bran­che beur­tei­len kann, bleibt er den­noch bemer­kens­wert. Für die Ein­ord­nung der aktu­el­len Fäl­le ist er ein ver­öf­fent­lich­ter Anhalts­punkt aus einem förm­li­chen Ver­fah­ren, mehr nicht.

Das S war nicht immer rot

Die Geschich­te des Zei­chens rela­ti­viert die Rol­le der Far­be. Das ers­te ein­heit­li­che Sym­bol der Spar­kas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on war nicht das S, son­dern der „Her­mes­kopf”, den der Ber­li­ner Gra­fi­ker Karl Schul­pig 1925 für den Deut­schen Spar­kas­sen- und Giro­ver­band gestal­te­te. Das S ent­warf der Wie­ner Gra­fi­ker Lois Gaigg erst 1938 im Auf­trag des Deut­schen Spar­kas­sen­ver­lags, zunächst als Ver­lags­lo­go mit Ein­wurf­trich­ter und Mün­ze. Nach 1948 ent­wi­ckel­te es sich zum Mar­ken­zei­chen der Spar­kas­sen. Otl Aicher ließ den Trich­ter weg und mach­te das Zei­chen rot.

Dass die Insti­tu­te dem Rot nicht sofort folg­ten, hat mit der Ver­fas­sung der Grup­pe zu tun. Das Hand­buch von 1972 war als Regel­werk auf lan­ge Sicht gedacht, nicht als Gesetz­buch. Der DSGV hat­te kei­ne Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz, jede Spar­kas­se ent­schied für sich. In gro­ßen Städ­ten blie­ben des­halb ande­re Far­ben lan­ge sicht­bar. In Köln und Kiel wech­sel­te man 2005 von Blau auf Rot, in Essen und Frank­furt 2006, in Mün­chen 2007 von Gelb. Die Spar­kas­se Neu­kir­chen-Vluyn hat­te schon Anfang der 1990er Jah­re umstel­len wol­len und ver­schob den Schritt aus Kos­ten­grün­den bis Dezem­ber 2004. Die Tau­nus-Spar­kas­se führ­te bis 2009 ein eige­nes Logo, die Nas­saui­sche Spar­kas­se stell­te erst im Janu­ar 2015 von Blau-Oran­ge auf Rot um. Ver­bind­lich wur­de der ein­heit­li­che Auf­tritt mit dem Relaunch 2003/​2004: Seit­her gibt es eine eige­ne Spar­kas­sen­schrift, Regeln für den Ein­satz des Zei­chens und eine Ein­tra­gung als Kol­lek­tiv­mar­ke, deren Nut­zer sich an die Mar­ken­sat­zung des DSGV hal­ten müs­sen. 2014 konn­te der dama­li­ge DSGV-Prä­si­dent Georg Fah­ren­schon sagen, alle Insti­tu­te hät­ten sich für Rot entschieden.

Für den Streit um die Logos folgt dar­aus zwei­er­lei, jeweils mit Vor­be­halt. Ers­tens ist die Far­be als Abstands­ar­gu­ment weni­ger stark, als sie wirkt. Ein blau­es S stand über Jahr­zehn­te für Spar­kas­sen, in Köln, wo Sau­ren sei­nen Sitz hat, noch bis 2005. Wer ein blau­es, sti­li­sier­tes S sieht, kann es also durch­aus mit der Spar­kas­se ver­bin­den. Ob ein Gericht das so sieht, hängt vom Gesamt­ein­druck ab und ist offen. Zwei­tens ist die Ein­heit­lich­keit, die der Ver­band heu­te ver­tei­digt, jün­ger, als es scheint. Sie ist das Ergeb­nis eines lan­gen Anglei­chungs­pro­zes­ses, des­sen letz­te Etap­pe erst vor gut zehn Jah­ren abge­schlos­sen wur­de. Ob die­se Vor­ge­schich­te in den lau­fen­den Ver­fah­ren eine Rol­le spielt, ist nicht bekannt.

Sau­ren: Die Gestal­tung entscheidet

Der Fall Sau­ren zeigt, wie eng die Linie zwi­schen Nähe und Abstand ver­läuft. Eck­hard Sau­ren, Grün­der des Köl­ner Fonds­hau­ses, mel­de­te das neue Signet im Febru­ar 2026 beim Deut­schen Patent- und Mar­ken­amt an; Mit­te Mai war es ein­ge­tra­gen. Am 10. Juli ging der neue Auf­tritt in leuch­ten­dem Blau mit geo­me­tri­schen For­men live, am 30. Juli kam das Anwalts­schrei­ben des DSGV. Zuvor hat­ten Sau­rens Mar­ken­an­wäl­te nach sei­ner Dar­stel­lung kei­ne Ver­wechs­lungs­ge­fahr gese­hen, obwohl die Iden­ti­täts­re­cher­che das Spar­kas­sen-Zei­chen ange­zeigt hat­te. Kom­pro­miss­an­ge­bo­te, das Signet nur im eige­nen Mar­ken­kon­text zu zei­gen, nie in Rot und nie mit dem Punkt dar­über, lehn­te der Ver­band nach Anga­ben von Sau­ren ab.

Zwei Ham­bur­ger Mar­ken­recht­ler hal­ten den Aus­gang für offen. Chris­ti­an Rau­da, Fach­an­walt für gewerb­li­chen Rechts­schutz, ver­weist auf die hohe Bekannt­heit des S, die den Schutz­be­reich erwei­tert, bezwei­felt aber, dass Kun­den das Signet über­haupt als S lesen; bei einer Dre­hung um 90 Grad hät­te der Ver­band sei­ner Ansi…