Wenn ein Schiffs­ver­kehr inner­halb weni­ger Tage auf null fällt, ist das kein Ereig­nis, für das die Wirt­schafts­sta­tis­tik eine Vor­la­ge hat. Genau das ist seit Ende Febru­ar 2026 in der Stra­ße von Hor­muz gesche­hen. Das BIS Working Paper Nr. 1378 von Enis­se Khar­rou­bi ver­sucht, aus his­to­ri­schen Schwan­kun­gen des Ver­kehrs an zwölf gro­ßen mari­ti­men Eng­päs­sen abzu­lei­ten, was eine sol­che Stö­rung für Roh­stoff­prei­se, Welt­pro­duk­ti­on, Infla­ti­on und Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen bedeu­tet. Das Paper ist im Ergeb­nis deut­li­cher als in sei­nen Vor­aus­set­zun­gen. Bei­des ver­dient Aufmerksamkeit.


Was das Paper feststellt

Die Daten­grund­la­ge ist die Port­watch-Daten­bank von IWF und Uni­ver­si­tät Oxford, die den Schiffs­ver­kehr täg­lich seit 2019 erfasst. Hor­muz sticht dar­in aus zwei Grün­den her­aus: Durch die Meer­enge läuft mehr als ein Fünf­tel des welt­weit gehan­del­ten Roh­öls, und der Tan­ker­an­teil am Ver­kehr liegt mit 60 bis 70 Pro­zent deut­lich über den rund 40 Pro­zent oder weni­ger an ande­ren Eng­päs­sen. Ver­kehrs­stö­run­gen in Hor­muz sind damit weit stär­ker Ener­gie­stö­run­gen als anderswo.

Ein ange­bots­ge­trie­be­ner Rück­gang des Ver­kehrs geht in den Schät­zun­gen mit einem Anstieg der rea­len Ener­gie­prei­se von etwa 15 bis 17 Pro­zent nach zwölf Mona­ten ein­her, bei Dün­ge­mit­teln sind es etwa 7 bis 8 Pro­zent nach sechs und rund 15 Pro­zent nach zwölf Mona­ten. Die glo­ba­le Indus­trie­pro­duk­ti­on liegt nach einem Jahr um 1,6 bis 1,8 Pro­zent nied­ri­ger, die Ver­brau­cher­prei­se sind um 0,6 bis 1,2 Pro­zent höher. Pro­duk­ti­on sinkt also, wäh­rend Prei­se stei­gen. An den Finanz­märk­ten wei­ten sich die Spreads: bei US-Unter­neh­mens­an­lei­hen guter Boni­tät um etwa 15 Basis­punk­te, bei Hochz­ins­an­lei­hen um etwa 50, bei Staats­an­lei­hen der Schwel­len­län­der um etwa 30. Nach­fra­ge­ge­trie­be­ne Ver­kehrs­schwan­kun­gen wir­ken dage­gen deut­lich schwä­cher und teil­wei­se nicht signifikant.

Die Kern­aus­sa­ge ist damit, dass Hor­muz weni­ger ein Son­der­fall der Ölmärk­te ist als ein Indi­ka­tor für glo­ba­le Ange­bots­schocks, der Stag­fla­ti­on aus­löst. Ande­re gro­ße Eng­päs­se wie Suez, Bab el-Man­deb oder Malak­ka zei­gen in der Stich­pro­be kei­ne ver­gleich­bar kon­sis­ten­ten Makroeffekte.

Was die Ergeb­nis­se tragen

Bemer­kens­wert ist zunächst, dass die Effek­te auch dann bestehen, wenn für eta­blier­te Maße glo­ba­ler Ölan­ge­bots- und Nach­fra­ge­schocks kon­trol­liert wird. Der Ver­kehr in der Meer­enge ent­hält also Infor­ma­ti­on, die über die übli­chen Ölpreis­mo­del­le hin­aus­geht. Das ist plau­si­bel: Ein Ölan­ge­bots­schock misst, wie viel geför­dert wird, der Schiffs­ver­kehr misst, ob und wie schnell es ankommt. Dass Dün­ge­mit­tel in den Ergeb­nis­sen auf­tau­chen, erin­nert dar­an, dass Hor­muz nicht nur ein Öl‑, son­dern auch ein Agrar- und Che­mi­ena­del­öhr ist.

Auf­fäl­lig ist auch, dass sich die Finanz­markt­re­ak­ti­on mit Ver­zö­ge­rung auf­baut. Die Spreads reagie­ren erst nach drei bis vier Mona­ten signi­fi­kant und blei­ben bis zu einem Jahr erhöht. Ein Ener­gie­preis­schock schlägt sich dem­nach zuerst in den Prei­sen nie­der und erst spä­ter in der Kre­dit­qua­li­tät, wenn die Kos­ten­wir­kung bei den Schuld­nern ange­kom­men ist. Wer aus dem Tages­ge­sche­hen an den Roh­öl­bör­sen auf die Lage der Kre­dit­märk­te schlie­ßen will, wird des­halb tendenziell …