Michael Hüther will den Euro zur Weltwährung machen – auf Basis eines gemeinsamen Safe Assets, das vor allem auf deutscher Bonität ruht. Doch während in Köln über die Kapitalmarktunion diskutiert wird, ziehen die Renditen deutscher Bundesanleihen auf ein 15-Jahres-Hoch, die Schuldenquote liegt seit sechs Jahren über der Maastricht-Grenze, und der Unterton der Rating-Berichterstattung hat sich spürbar verschoben. Der Anker, auf dem das ganze Modell ruht, gerät genau in dem Moment ins Wanken, in dem er gebraucht wird.
Die Idee klingt bestechend: Der Euro könnte, gestützt auf ein gemeinsames europäisches Safe Asset, schrittweise in die Rolle einer zweiten Weltreservewährung hineinwachsen – nicht als Ablösung des Dollars, sondern als Ergänzung. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, treibt diese Debatte seit Monaten voran und verknüpft sie geschickt mit Investitions- und Verteidigungszielen. Der Vorschlag: eine begrenzte europäische Investitionsunion – Infrastruktur, Energie, Digitalisierung, Verteidigung –, die den Markt testet, statt sofort alle Schulden zu vergemeinschaften.
Die Logik ist ökonomisch nicht falsch. Eine Leitwährung braucht mehr als eine glaubwürdige Notenbank; sie braucht ein tiefes, liquides und sicheres Anleihesegment. Genau das fehlt dem Euro, weil die Staatsanleihen der Mitgliedsländer zersplittert sind. Nur: Das Modell setzt implizit voraus, dass Deutschland als bonitätsstärkstes Land ungenutzte fiskalische Kapazität hat, die man nur mobilisieren müsste. Diese Annahme trägt gerade immer weniger.
Der Fels, der selbst bröckelt
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag Ende August 2026 bei rund 3,2 Prozent – nahe einem Fünfzehn-Jahres-Hoch von 3,275 Prozent, das kurz zuvor erreicht wurde. Bereits im März hatte die Rendite erstmals seit 2011 wieder die Drei-Prozent-Marke überschritten, während der Bund zeitgleich eine Emission von über 500 Milliarden Euro vorbereitete. Das ist kein Ausreißer, sondern ein struktureller Übergang: Zinsniveau und Emissionsvolumen verschieben sich gemeinsam.
Die Fundamentaldaten passen ins Bild. Die deutsche Schuldenquote lag Ende 2025 bei 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das sechste Jahr in Folge über der Maastricht-Grenze von 60 Prozent, bei einem Wirtschaftswachstum, das in den vorangegangenen fünf Jahren real praktisch bei null lag. Bis 2030 plant der Bund über Kernhaushalt und Sondervermögen zusammen rund eine Billion Euro neue Schulden, bei gleichzeitig sinkenden Investitionen. Für 2026 wird ein gesamtstaatliches Defizit von 3,7 Prozent des BIP erwartet, für 2027 bereits 4,1 Prozent.
Noch hat das keine Konsequenzen für die Bestnote: Fitch bestätigte im Mai 2026 das AAA-Rating mit stabilem Ausblick, auch S&P hält daran fest. Aber der Unterton der Berichterstattung hat sich verschoben, obwohl die Ratings formal noch stehen. Genau in dieser Gemengelage soll Deutschland die Ankerfunktion für ein neues gemeinsames Instrument übernehmen, das globale Reserveverwalter überzeugen soll.
Warum es kein anderes Land richten kann
Der naheliegende Einwand – dann eben ein anderes Land – trägt nicht. Irland hat exzellente Bonität, aber einen viel zu kleinen Markt, um globale Referenzfunktion zu tragen. Griechenland ist trotz spürbarer Stabilisierung von einer Ankerrolle weiter entfernt als jedes andere Euroland. Italien bringt das nötige Volumen mit, aber nicht die Bonität. Frankreich hat zuletzt selbst Herabstufungen und Haushaltsunsicherheit erlebt. Keines dieser Länder verbindet Größe und Bonität in der Kombination, die ein Safe Asset bräuchte.
Die eigentlich tragfähige Antwort liegt deshalb nicht in der Suche nach einem zweiten Deutschland, sondern in supranationalen Instrumenten: EU-Anleihen, ESM, EIB. Im Spread-Vergleich handeln diese Papiere inzwischen teils sogar knapper als einzelne Kernländer – ein Hinweis darauf, dass sich Sicherheit institutionell diversifizieren lässt, statt an einem einzigen nationalen Anker zu hängen.
Nur schließt sich damit der Kreis: Ein supranationales Instrument in relevanter Größenordnung setzt gemeinsame Haftung voraus – und diese Haftung ruht weiterhin überproportional auf dem größten und bonitätsstärksten Beitragszahler. Europa bräuchte also gerade jetzt mehr deutsche Mithaftungsbereitschaft, während die fiskalische Basis dafür enger wird und die politische Bereitschaft in Deutschland traditionell gering ist.
Die Volumenfrage bleibt ungelöst
Selbst wenn die Konditionalitätsfrage gelöst würde – womit sich die EU historisch schwertut, siehe die Durchsetzungsschwäche des Stabilitäts- und Wachstumspakts –, bliebe ein zweites Problem: die schiere Größenordnung. Eine schrittweise aufgebaute Investitionsunion für Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und Verteidigung dürfte auf absehbare Zeit nur einen Bruchteil des US-Anleihemarktes erreichen. Reservewährungsstatus braucht nicht nur ein sicheres Asset, sondern eines in einer Größenordnung, die globale Portfolioumschichtungen überhaupt aufnehmen kann.
Bezeichnend ist, dass selbst Hüther in weniger zugespitzten Auftritten vorsichtiger klingt, als es die große Erzählung von der historischen Chance suggeriert: In einem Gespräch mit dem Handelsblatt-Chefökonomen Bert Rürup räumte er ein, dass der Dollar trotz aller politischen Risiken mangels Alternativen dominant bleibe, weil der US-Kapitalmarkt groß, liquide und tief sei. Diese Einschätzung passt schlecht zur Dringlichkeit, mit der die “Stunde des Euro” andernorts beschworen wird.
Die strategische Logik hinter der Kapitalmarktunion bleibt richtig: Europa braucht sie ohnehin, unabhängig von jeder Leitwährungsambition. Aber der Zeitpunkt für die große Erzählung von der historischen Chance ist denkbar ungünstig gewählt – ausgerechnet in dem Moment, in dem der eigentliche Anker der Konstruktion selbst ins Wanken gerät.
Ralf Keuper
Quellen:
- Deutschland 10-Jahres-Anleiherendite – tradingeconomics.com
- Renditeanstieg bei Bundesanleihen: Übergang zu einer zinsgetriebenen Staatsfinanzierung – experten.de
- Deutschland: AAA-Rating in Gefahr? – extraetf.com
- Was passiert, wenn Deutschlands Bonität fällt? – tkp.at
- Momentum Builds for Strong and Deep European Safe Assets – Intereconomics
- Economic Challenges: Dollar-Dominanz im Stresstest – Handelsblatt
- Die Stunde des Euro als Weltwährung? – Atlantik-Brücke
