Ulrich Bind­seil (EZB) und Mitu Gula­ti (Uni­ver­si­ty of Vir­gi­nia School of Law) haben mit ihrem IBF Working Paper “For­eign Bonds, Ter­ri­to­ri­al Chan­ge and Repu­dia­ti­on – The Sile­si­an Bond Saga of the 18th Cen­tu­ry and Its Impli­ca­ti­ons for Modern Sove­reign Debt” einen bemer­kens­wert prä­zi­sen Brü­cken­schlag voll­zo­gen: von einer weit­ge­hend ver­ges­se­nen Epi­so­de der früh­neu­zeit­li­chen Staats­fi­nan­zie­rung zur drän­gends­ten offe­nen Fra­ge der gegen­wär­ti­gen Geo­po­li­tik. Die „Sile­si­an Bonds Saga” ist nicht anti­qua­ri­sche Finanz­ge­schich­te. Sie ist ein struk­tu­rel­les Präzedenzmodell.


Der his­to­ri­sche Sachverhalt

In den 1730er Jah­ren emit­tier­te Öster­reich unter Kai­ser Karl VI. Anlei­hen auf den Kapi­tal­märk­ten in Lon­don und Ams­ter­dam. Die Bonds waren durch Ein­nah­men aus Schle­si­en besi­chert und von den Schle­si­schen Stän­den garan­tiert – ein für die Zeit unge­wöhn­lich moder­nes Kon­strukt der Territoralfinanzierung.

1740 änder­te sich alles. Fried­rich II. fiel in Schle­si­en ein, und mit dem Frie­den von Ber­lin 1742 muss­te Öster­reich die Pro­vinz abtre­ten. Im Gegen­zug über­nahm Preu­ßen for­mal die Ver­bind­lich­kei­ten aus den Lon­do­ner und Ams­ter­da­mer Bonds. Die ent­schei­den­de Fra­ge war: Was bedeu­tet die­se „Über­nah­me” in der Praxis?

Die Ant­wort fiel asym­me­trisch aus – und zwar nach Macht­lo­gik, nicht nach Rechts­prin­zi­pi­en. Die Lon­do­ner Bond­hol­der erhiel­ten unter diplo­ma­ti­schem Druck der bri­ti­schen Kro­ne schließ­lich voll­stän­di­ge Rück­zah­lung. Die Ams­ter­da­mer Bonds hin­ge­gen wur­den größ­ten­teils repu­di­iert. Die Saga zog sich bis 1830, als nach drei Debat­ten in der Deut­schen Bun­des­ver­samm­lung in Frank­furt das The­ma end­gül­tig zu Unguns­ten der hol­län­di­schen Gläu­bi­ger geschlos­sen wur­de – 88 Jah­re nach dem Frie­den von Berlin.


Die ana­ly­ti­sche Struk­tur: Macht vor Recht

Was Bind­seil und Gula­ti her­aus­ar­bei­ten, ist der ent­schei­den­de Unter­schied zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und den Nie­der­lan­den – nicht in ihrer Rechts­po­si­ti­on, son­dern in ihrem staat­li­chen Durch­set­zungs­po­ten­zi­al gegen­über Preu­ßen. Fried­rich II. war ein ratio­na­ler Akteur. Er kal­ku­lier­te Repu­ta­ti­ons­kos­ten gegen poli­tisch-mili­tä­ri­sche Risi­ken. Die bri­ti­sche Kro­ne hat­te die Instru­men­te, Druck aus­zu­üben; die nie­der­län­di­schen Gläu­bi­ger fehl­ten in die­sem Machtgefüge.

Repu­dia­ti­on
Der Begriff (latei­nisch repu­dia­re – zurück­wei­sen, ver­sto­ßen) bezeich­net die ein­sei­ti­ge Ver­wei­ge­rung der Schul­den­an­er­ken­nung durch einen Schuld­ner – ohne Ver­hand­lung, Umstruk­tu­rie­rung oder Insol­venz­ver­fah­ren. Der Unter­schied zu ver­wand­ten Begrif­fen ist…