Die Nachricht klingt nach Aufbruch: Über 2.000 amerikanische Startups stehen kurz vor dem Unicorn-Status, also einer Bewertung von einer Milliarde Dollar oder mehr. Als „Soonicorns” bezeichnet sie Ilya Strebulaev, Stanford-Professor für Finance und Venture Capital, der den Begriff zwar nicht erfunden hat, ihn aber maßgeblich geprägt und in die öffentliche Debatte eingebracht hat. Die Botschaft ist klar: Künstliche Intelligenz hat den Weg zu astronomischen Bewertungen dramatisch verkürzt. Brauchten Startups früher durchschnittlich 6,5 Jahre für den Unicorn-Sprung, sollen es heute nur noch 3,5 Jahre sein. Das klingt nach Innovation. Es ist in Wirklichkeit ein Warnsignal.
Survivorship Bias als Geschäftsmodell
Tim O’Reilly hat in seinem viel diskutierten Essay The fundamental problem with Silicon Valley’s favorite growth strategy für Quartz (2019) den entscheidenden Begriff geprägt: „survivorship bias masquerading as strategy.” Wer Blitzscaling – also das Prinzip des kapitalgefeuerten Hyperwachstums zur Marktbeherrschung, popularisiert durch Reid Hoffmans gleichnamiges Buch – als universelle Erfolgsformel versteht, liest die Geschichte der Techbranche selektiv. Amazon, Google, Facebook: Die spektakulären Gewinnergeschichten werden als Beweis für das Modell gelesen, während die Tausenden gescheiterten Nachahmungsversuche diskret im Vergessen verschwinden. Das VC-Ökosystem hat ein strukturelles Interesse daran, genau diese Selektion aufrechtzuerhalten.
Das Soonicorn-Phänomen ist die konsequente Weiterführung dieser Logik unter KI-Bedingungen[1]Will 2026 Be the Year of the ‘Soonicorn’?. Die Gründungsschwelle sinkt, weil KI-Tools Prozesse automatisieren, die früher erhebliche Personalkosten verursacht hätten. Die Bewertungen steigen, weil Investoren in der Antizipation einer KI-induzierten Produktivitätsrevolution bereitstehen. Was dabei systematisch ausgeblendet wird: Die Frage, ob der Markt diese Produkte überhaupt aufnehmen kann.
Die verschwiegene Kernfrage
Die eigentliche ökonomische Grundfrage lautet nicht: Wie schnell lässt sich ein Startup skalieren? Sie lautet: Für wen? Welches konkrete, zahlungswillig unterlegte Problem wird gelöst? Wie groß ist der adressierbare Markt wirklich, wenn man ihn von der Kapitalnachfrageseite her denkt und nicht von der Angebotsseite?
KI erhöht nicht die Zahl der lösbaren Probleme in der Wirtschaft. Sie erhöht die Zahl der Startups, die behaupten, ein Problem zu lösen. Das Ergebnis ist ein struktureller Angebotsüberhang: Hunderte von KI-Anwendungen konkurrieren um denselben schmalen Streifen an Unternehmenskunden, die bereits unter Integrationsmüdigkeit, Datenschutzbedenken und übersättigten IT-Budgets leiden. Wer die Absorptionsfähigkeit des Marktes ernst nimmt, kommt zu einem ernüchternden Befund: Die Nachfrageseite kann das Angebot nicht auffangen.
O’Reilly hat diesen Mechanismus am Beispiel des Ride-Hailing-Marktes präzise beschrieben. Investoren, überschwemmt mit…
References
| ↑1 | Will 2026 Be the Year of the ‘Soonicorn’? |
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