Am 27. März 1980 ver­liert Sil­ber inner­halb eines Tages über 30 Pro­zent sei­nes Wer­tes. Der “Sil­ver Thurs­day” mar­kiert das Ende einer bei­spiel­lo­sen Markt­ma­ni­pu­la­ti­on durch die Gebrü­der Hunt, die mit Fremd­ka­pi­tal von Ban­ken und Ter­min­bör­sen fast das gesam­te US-Finanz­sys­tem in den Abgrund rei­ßen. Der Fall offen­bart eine bemer­kens­wer­te Kon­stan­te: Wie sys­tem­re­le­van­te Akteu­re durch über­höh­te Fremd­ka­pi­tal­quo­ten, ver­spä­te­te Regu­lie­rung und das Ver­sa­gen von Risi­ko­kon­troll­me­cha­nis­men gan­ze Märk­te desta­bi­li­sie­ren kön­nen – eine Blau­pau­se, die bis heu­te wiederkehrt.


Die Mecha­nik der Spe­ku­la­ti­on: Hebel, Markt­en­ge und insti­tu­tio­nel­les Versagen

Der Sil­ber­markt Ende der 1970er Jah­re war klein und anfäl­lig. Wäh­rend Gold größ­ten­teils in den Tre­so­ren der Zen­tral­ban­ken schlum­mer­te, war phy­si­sches Sil­ber rar – und das mach­te es ver­wund­bar. Welt­weit wur­den jähr­lich rund 450 Mil­lio­nen Unzen pro­du­ziert und ver­braucht. Ein Markt im Gleich­ge­wicht, der jedoch von weni­gen Groß­käu­fern aus dem Takt gebracht wer­den konnte.

Die Hunt-Brü­der erkann­ten die­se Schwach­stel­le. Ihre Stra­te­gie war sim­pel, aber wir­kungs­voll: Ers­tens kauf­ten sie mas­sen­haft ech­tes Sil­ber. Zwei­tens schlos­sen sie Ter­min­kon­trak­te ab – Ver­spre­chen, spä­ter noch mehr Sil­ber zu kau­fen. Drit­tens, und das war der ent­schei­den­de Trick: Sie bestan­den dar­auf, dass ihnen das Sil­ber auch wirk­lich aus­ge­lie­fert wur­de, statt die Kon­trak­te ein­fach wie­der zu verkaufen.

Die ers­ten Erfol­ge (1970−1974)

Zwi­schen 1970 und 1973 kauf­ten die Hunts rund 200.000 Unzen Sil­ber – eine über­schau­ba­re Men­ge, doch sie reich­te aus, um den Preis von 1,50 auf 3 US-Dol­lar zu ver­dop­peln. Das Prin­zip funk­tio­nier­te. Also leg­ten sie nach.

Bis Anfang 1974 hiel­ten sie bereits Kon­trak­te über 55 Mil­lio­nen Unzen und ver­lang­ten die tat­säch­li­che Lie­fe­rung. Nor­ma­ler­wei­se wickel­ten Händ­ler sol­che Geschäf­te ohne phy­si­sche Über­ga­be ab – man zahl­te ein­fach die Preis­dif­fe­renz aus. Die Hunts aber woll­ten das Metall haben. Die­se For­de­rung brach­te die Ter­min­bör­sen in Bedräng­nis: Woher soll­ten sie plötz­lich so viel Sil­ber nehmen?

Das Prin­zip der künst­li­chen Knappheit

Die phy­si­sche Aus­lie­fe­rung war der Schlüs­sel. Jede Unze, die die Hunts in ihren Tre­so­ren ver­schwin­den lie­ßen, fehl­te auf dem Markt. Erschwe­rend kam hin­zu: Vier­zig Jah­re zuvor hat­te die US-Regie­rung den pri­va­ten Gold­be­sitz ver­bo­ten. Vie­le Ame­ri­ka­ner hat­ten dar­auf­hin ihre Edel­me­tall­be­stän­de ins Aus­land geschafft. Die Hunts nutz­ten die­se his­to­ri­sche Erfah­rung und lager­ten ihr Sil­ber in Zürich und Lon­don – außer­halb der Reich­wei­te ame­ri­ka­ni­scher Behörden.

Im Früh­jahr 1974 stand der Sil­ber­preis bei über 6 US-Dol­lar – vier­mal so hoch wie vier Jah­re zuvor. Die Hunts kon­trol­lier­ten nun fast 10 Pro­zent des gesam­ten welt­wei­ten Sil­ber­an­ge­bots. Sie waren nicht mehr nur gro­ße Käu­fer, son­dern hat­ten eine markt­be­herr­schen­de Posi­ti­on erreicht.

Die Expan­si­on: Vom Fami­li­en­un­ter­neh­men zum inter­na­tio­na­len Konsortium

Bis 1978 bau­ten die Brü­der ihre Posi­ti­on wei­ter aus. Wei­te­re 20 Mil­lio­nen Unzen wan­der­ten in ihre Bestän­de. Doch sie woll­ten noch grö­ßer wer­den. Gemein­sam mit zwei sau­di­schen Prin­zen grün­de­ten sie die “Inter­na­tio­nal Metal Invest­ment Group” – ein Kon­sor­ti­um, das nun sys­te­ma­tisch die Ter­min­bör­sen COMEX (New York) und CBOT (Chi­ca­go) mit Sil­ber­käu­fen über­schwemm­te. Bis 1979 erwar­ben sie wei­te­re Kon­trak­te über 40 Mil­lio­nen Unzen.

Die Jagd nach Sil­ber war damit kei­ne pri­va­te Spe­ku­la­ti­on mehr, son­dern hat­te inter­na­tio­na­le Dimen­sio­nen ange­nom­men. Das soll­te sich rächen.

Die Rol­le der Ban­ken: Fremd­ka­pi­tal als Brandbeschleuniger

Der zen­tra­le Feh­ler der Hunt-Spe­ku­la­ti­on lag im mas­si­ven Ein­satz von Fremd­ka­pi­tal. Über einen Zeit­raum von fast zehn Jah­ren kauf­ten die Hunts und ihre Part­ner rund 5.000 Ton­nen Sil­ber, etwa 150 Mil­lio­nen Unzen – das ent­sprach der Hälf­te der ame­ri­ka­ni­schen und etwa 15 Pro­zent der welt­wei­ten Sil­ber­vor­rä­te. Dazu kamen etwa 200 Mil­lio­nen Unzen in Form von Sil­ber-Kon­trak­ten an den Ter­min­bör­sen. Die welt­wei­te Nach­fra­ge nach Sil­ber war zwi­schen­zeit­lich auf rund 450 Mil­lio­nen Unzen gestie­gen, wäh­rend die Pro­duk­ti­on stagnierte.

Die Hunts finan­zier­ten die­se Posi­ti­on zu gro­ßen Tei­len mit Fremd­ka­pi­tal. Sie waren von Ban­ken und Ter­min­bör­sen abhän­gig, die ihre Posi­tio­nen durch Kre­di­te ermög­lich­ten. Die Ban­ken akzep­tier­ten dabei die Sil­ber­be­stän­de als Sicher­heit und erhöh­ten kon­ti­nu­ier­lich die Kre­dit­li­ni­en, wäh­rend der Sil­ber­preis stieg. Ende 1979 erreich­te der Sil­ber­preis 34,45 US-Dol­lar – die COMEX änder­te im Janu­ar ihre Regeln und ver­füg­te, dass jeder Inves­tor nur noch maxi­mal 10 Mil­lio­nen Unzen hal­ten durfte.

Mit­te Janu­ar 1980 über­wand der Sil­ber­preis die Mar­ke von 50 US-Dol­lar. Nur weni­ge Jah­re zuvor hat­te die Fein­un­ze noch 1,50 US-Dol­lar gekos­tet. Die Sil­ber­be­stän­de des Hunt-Clans erreich­ten einen Wert von 4,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar – eine Schul­den­po­si­ti­on von 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bei einem durch­schnitt­li­chen Ein­stand von 35 US-Dol­lar je Sil­ber-Ter­min­kon­trakt inklusive.

Regu­la­to­ri­sche Inter­ven­ti­on und der Zusammenbruch

Mit der Sus­pen­die­rung des Sil­ber­han­dels an der COMEX Ende 1980 wen­de­te sich das Blatt. Die Bör­se nahm nur noch Liqui­die­rungs­auf­trä­ge an, der Preis begann zu fal­len. Zudem erhöh­te die Fede­ral Reser­ve die Zin­sen, und der stär­ke­re US-Dol­lar belas­te­te die Prei­se für Gold und Sil­ber. Bis Mit­te März 1980 fiel der Sil­ber­preis auf rund 21 US-Dol­lar zurück – beschleu­nigt durch pani­sche Ver­käu­fe klei­ner Spe­ku­lan­ten und Anle­ger, die dem Bei­spiel der Hunts gefolgt waren.

Auch das phy­si­sche Ange­bot stieg, da auf­grund des Preis­an­stiegs pri­va­te Sil­ber­be­stän­de wie Tafel­sil­ber, Schmuck und Mün­zen auf den Markt kamen. In Deutsch­land wur­de bereits 1975 die alte, sil­ber­hal­ti­ge 5‑DM-Mün­ze gegen eine sil­ber­freie aus­ge­tauscht. Die zuneh­men­de phy­si­sche Knapp­heit, auf die die Stra­te­gie der Hunts basier­te, erwies sich als Illu­si­on. Die CBOT und COMEX ver­füg­ten nur über zusam­men 120 Mil­lio­nen Unzen Sil­ber in ihren Lagern, und die Stra­te­gie der Hunts, auf phy­si­scher Lie­fe­rung zu bestehen, wur­de von einer zuneh­men­den Anzahl von Markt­teil­neh­mern imitiert.

Der 27. März 1980 ging als “Sil­ver Thurs­day” in die Geschich­te ein: Sil­ber eröff­ne­te bei 15,80 US-Dol­lar und schloss bei 10,80 US-Dol­lar – ein Wert­ver­lust von über 30 Pro­zent an einem ein­zi­gen Tag. Für die Hunts, deren durch­schnitt­li­cher Ein­stand bei ihren Sil­ber-Ter­min­kon­trak­ten bei 35 US-Dol­lar lag, bedeu­te­te dies eine Schul­den­po­si­ti­on von 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar – offi­zi­ell aus den US-Dol­lar gerech­net waren es sogar 1,7 Mil­li­ar­den. Vie­le Inves­to­ren gin­gen Short-Posi­tio­nen ein und ver­stärk­ten den Abwärts­trend beim Sil­ber­preis deut­lich. Mit­te 1980 erreich­te der Sil­ber­preis wie­der rund 17 US-Dollar.

Sys­te­mi­sches Risi­ko und die Gren­zen der Regulierung

Ende 1979 gab die CBOT bekannt, dass kein Inves­tor mehr als drei Mil­lio­nen Sil­ber-Kon­trak­te hal­ten darf. Alle Kon­trak­te über die­sem Limit muss­ten bis zum Febru­ar 1980 liqui­diert wer­den. Auch die Ein­schuss­pflicht wur­de erhöht. Bun­ker inter­pre­tier­te die­se Regel­än­de­run­gen als Zei­chen einer dro­hen­den Knapp­heit und kauf­te wei­ter. Auch Lamar Hunt stieg zu die­sem Zeit­punkt ein und inves­tier­te 300 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Bun­ker Hunt hielt mitt­ler­wei­le 40 Mil­lio­nen Unzen Sil­ber im Aus­land und 90 Mil­lio­nen Unzen Sil­ber zusam­men mit den Part­nern der Inter­na­tio­nal Metal Invest­ment Group, die wie­der­um wei­te­re 90 Mil­lio­nen Unzen mit Lie­fer­ter­min März 1980 hielten.

Der zu die­sem Zeit­punkt reichs­te ame­ri­ka­ni­sche Clan konn­te den Nie­der­gang durch Ver­käu­fe nicht mehr auf­hal­ten. Der Erhalt des Fami­li­en­ver­mö­gens hat­te für sie Prio­ri­tät, und da Gold­be­sitz noch immer ver­bo­ten war, fokus­sier­te sich ihr Inter­es­se auf den Sil­ber­markt. Neben Län­de­rei­en und Immo­bi­li­en bil­de­te Sil­ber die zen­tra­le Anla­ge­klas­se. Die fol­gen­den Ereig­nis­se am Sil­ber­markt waren für die Fami­lie ähn­lich bedeu­tend wie die staat­li­che Ent­eig­nung des pri­va­ten US-Gold­be­sit­zes in den USA vor 40 Jahren.

Die Sil­ber­spe­ku­la­ti­on der Gebrü­der Hunt, die 1980 im Zusam­men­bruch des Sil­ber­han­dels gip­fel­te, offen­bart ein struk­tu­rel­les Mus­ter, das sich durch die Finanz­ge­schich­te zieht. Der mas­si­ve Ein­satz von Fremd­ka­pi­tal ver­wan­del­te eine Wet­te auf stei­gen­de Sil­ber­prei­se in ein sys­te­mi­sches Risi­ko für das gesam­te US-Finanz­sys­tem. Die Ban­ken, die den Hunts Kre­di­te in Mil­li­ar­den­hö­he gewähr­ten, han­del­ten nach der glei­chen Logik wie spä­ter bei der Sub­prime-Kri­se: Solan­ge die Kur­se stei­gen, erschei­nen selbst hoch­ris­kan­te Posi­tio­nen als soli­de besichert.

Die ver­spä­te­te regu­la­to­ri­sche Reak­ti­on ist beson­ders bemer­kens­wert. Erst als der Sil­ber­preis bereits auf 34,45 US-Dol­lar gestie­gen war, änder­te die COMEX ihre Regeln. Die CBOT folg­te Ende 1979 mit Posi­ti­ons­li­mits – zu einem Zeit­punkt, als die Hunts bereits eine markt­be­herr­schen­de Stel­lung inne­hat­ten. Die­se zeit­li­che Ver­zö­ge­rung ist cha­rak­te­ris­tisch für Regu­lie­rungs­be­hör­den, die erst auf mani­fes­te Kri­sen reagie­ren, anstatt struk­tu­rel­le Risi­ken prä­ven­tiv zu adressieren.

His­to­ri­scher Kon­text: Das Ende von Bret­ton Woods und die Infla­ti­ons­ängs­te der 1970er Jahre

Die Hunt-Spe­ku­la­ti­on muss im Kon­text des Zusam­men­bruchs des Bret­ton-Woods-Sys­tems ver­stan­den wer­den. Mit dem Ende der Gold­bin­dung des US-Dol­lars 1971 ver­lo­ren bei­de Metal­le ihre offi­zi­el­le mone­tä­re Funk­ti­on. Der Jom-Kip­pur-Krieg, die Ölkri­se, der Krieg des Schahs im Iran und der Afgha­ni­stan­krieg der UdSSR führ­ten zu einem mas­si­ven Anstieg der Staats­ver­schul­dung in den USA. Die mas­si­ve Aus­wei­tung der Geld­men­ge und stei­gen­de Infla­ti­ons­ra­ten mach­ten Edel­me­tal­le als Infla­ti­ons­schutz attraktiv.

Seit 1971 konn­te die US-Zen­tral­bank ihren Ver­pflich­tun­gen nicht mehr nach­kom­men. Die Gold­men­ge der Ver­ei­nig­ten Staa­ten reich­te zur Deckung der Wäh­rung bei wei­tem nicht mehr aus. 1973 brach das Bret­ton-Woods-Sys­tem, das inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­sys­tem mit einem durch den Gold­stan­dard gedeck­ten US-Dol­lar als Leit­wäh­rung, zusam­men. Durch die Abschaf­fung von Sil­ber- und Gold­stan­dard ver­lo­ren bei­de Metal­le an wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung, und gro­ße Men­gen gelang­ten auf den Markt. Dies trieb den Preis für Sil­ber auf unter 2 US-Dol­lar pro Fein­un­ze und wirk­te sich nach­hal­tig nega­tiv auf die Sil­ber­för­de­rung aus, denn zu die­sem gerin­gen Preis woll­ten nur weni­ge Staa­ten das Metall fördern.

Die bedeu­ten­den Ein­fluss­grö­ßen der ver­gan­ge­nen 50 Jah­re für Edel­me­tal­le stel­len das Ver­bot pri­va­ten Gold­be­sit­zes in den USA und der Zusam­men­bruch des 1944 geschaf­fe­nen Bret­ton-Woods-Sys­tems dar. Im Kampf gegen die “Gro­ße Depres­si­on” erklär­te 1933 der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Frank­lin D. Roo­se­velt den pri­va­ten Besitz von Gold im Wert von mehr als 100 US-Dol­lar für ille­gal. Wenig spä­ter wer­ten die USA ihre Wäh­rung mas­siv ab, indem der Umtausch­kurs von Gold von 20,67 auf 35 US-Dol­lar ange­passt wurde.

Par­al­le­len zur Gegen­wart: Von Sil­ber zu Kryp­to­wäh­run­gen und Meme-Stocks

Die Geschich­te wie­der­holt sich, nur die Büh­ne wech­selt. Was 1980 mit Sil­ber geschah, sehen wir heu­te in ande­ren Märk­ten – mit den glei­chen Mecha­nis­men, aber neu­en Schauplätzen.

Game­Stop 2021: Die Reddit-Rebellion

Im Janu­ar 2021 koor­di­nier­ten sich Tau­sen­de Klein­an­le­ger über das Red­dit-Forum “Wall­Street­Bets”, um die Aktie der Video­spiel­ket­te Game­Stop in die Höhe zu trei­ben. Gro­ße Hedge­fonds hat­ten auf fal­len­de Kur­se gewet­tet – soge­nann­te “Short-Posi­tio­nen”. Die Red­dit-Trader kauf­ten mas­sen­haft Game­Stop-Akti­en und zwan­gen die Hedge­fonds, ihre Wet­ten zu exor­bi­tan­ten Prei­sen glattzustellen.

Das Mus­ter ist ver­traut: Kon­zen­trier­tes Kapi­tal trifft auf einen engen Markt. Vie­le Klein­an­le­ger han­del­ten mit gelie­he­nem Geld, also mit Hebel. Der Preis schoss von 20 auf über 480 US-Dol­lar – nur um Wochen spä­ter wie­der abzu­stür­zen. Die Illu­si­on: Man kön­ne durch koor­di­nier­tes Han­deln einen Markt dau­er­haft kon­trol­lie­ren. Die Rea­li­tät: Sobald die ers­ten ver­kau­fen, bricht das Sys­tem zusammen.

Kryp­to-Cra­s­hes: Wenn digi­ta­le Ver­mö­gens­wer­te verdampfen

Noch deut­li­cher zei­gen sich die Par­al­le­len bei Kryp­to­wäh­run­gen. Neh­men wir den Zusam­men­bruch der Bör­se FTX 2022: Kun­den leg­ten ihr Geld bei der Bör­se an, in der Annah­me, es sei sicher ver­wahrt. Tat­säch­lich ver­lieh FTX das Geld an Hedge­fonds, die damit hoch­ris­kan­te Wet­ten ein­gin­gen – alles mit mas­si­vem Hebel finanziert.

Als die ers­ten Kun­den ihr Geld zurück­woll­ten, stell­te sich her­aus: Die Kas­se war leer. 8 Mil­li­ar­den US-Dol­lar ver­schwun­den. Wie bei den Hunts 1980 implo­dier­te ein schein­bar soli­des Kon­strukt, sobald jemand die tat­säch­li­che Aus­lie­fe­rung – in die­sem Fall die Aus­zah­lung – verlangte.

Ähn­lich bei Terra/​Luna (Mai 2022): Ein “Sta­b­le­co­in”, der angeb­lich immer einen US-Dol­lar wert sein soll­te, fiel inner­halb von Tagen auf Null. 40 Mil­li­ar­den US-Dol­lar Markt­wert lös­ten sich in Luft auf. Der Grund? Das Sys­tem basier­te auf Ver­spre­chen statt auf ech­ten Sicher­hei­ten – genau wie die Sil­ber­kon­trak­te der Hunts auf Lie­fe­run­gen beruh­ten, die nie erfol­gen konnten.

Die Ver­mitt­ler: Wer ver­dient am Risiko?

Der ent­schei­den­de Punkt: Die Ver­mitt­ler haben die fal­schen Anreize.

1980: Die Ban­ken Die Ban­ken ver­lie­hen den Hunts Mil­li­ar­den, weil sie an jedem Kre­dit ver­dien­ten. Solan­ge der Sil­ber­preis stieg, erschien alles sicher. Je mehr gelie­hen wur­de, des­to höher die Ein­nah­men der Bank. Dass das Sys­tem kol­la­bie­ren könn­te, war nicht ihre pri­mä­re Sorge.

2021: Die Bro­ker Beim Game­Stop-Fall ver­dien­ten Bro­ker wie Robin­hood nicht an Han­dels­ge­büh­ren, son­dern dar­an, dass sie die Auf­trä­ge ihrer Kun­den an gro­ße Han­dels­fir­men wei­ter­ver­kauf­ten – das soge­nann­te “Pay­ment for Order Flow”. Je mehr gehan­delt wird, des­to mehr ver­dient der Bro­ker. Ob die Kun­den Geld ver­lie­ren? Zweitrangig.

2024: Die Krypto-Börsen
Man­che Kryp­to-Bör­sen bie­ten ihren Kun­den an, mit 100-fachem Hebel zu han­deln. Das bedeu­tet: Mit 1.000 Euro kann man Posi­tio­nen im Wert von 100.000 Euro ein­ge­hen. Die Bör­se kas­siert Gebüh­ren auf jede Trans­ak­ti­on. Wenn der Kun­de sein Geld ver­liert – und bei sol­chen Hebeln pas­siert das schnell –, hat die Bör­se trotz­dem verdient.

Das grund­le­gen­de Pro­blem bleibt

Die Tech­no­lo­gie ändert sich, das Pro­blem nicht: Wenn die­je­ni­gen, die das Sys­tem am Lau­fen hal­ten, mehr am Han­dels­vo­lu­men ver­die­nen als an der Qua­li­tät der Geschäf­te, ent­ste­hen sys­te­mi­sche Risiken.

  • Die Bank ver­dient an Kre­di­ten, nicht an soli­den Sicherheiten
  • Der Bro­ker ver­dient an Trans­ak­tio­nen, nicht an klu­gen Investitionen
  • Die Kryp­to-Bör­se ver­dient an Han­dels­vo­lu­men, nicht an nach­hal­ti­gen Gewinnen

Das Ergeb­nis ist immer das glei­che: Risi­ken wer­den sys­te­ma­tisch unter­schätzt, weil die Ver­mitt­ler kurz­fris­tig pro­fi­tie­ren, wäh­rend die lang­fris­ti­gen Gefah­ren bei ande­ren lie­gen – bei den Anle­gern, beim Steu­er­zah­ler, beim gesam­ten Finanzsystem.

Die Hunts brauch­ten Jah­re, um den Sil­ber­markt in die Knie zu zwin­gen. Bei Terra/​Luna dau­er­te es drei Tage. Die Geschwin­dig­keit nimmt zu, die Mecha­nik bleibt gleich.

Die regu­la­to­ri­sche Archi­tek­tur hat sich seit 1980 kaum ver­än­dert. Auch heu­te reagie­ren Auf­sichts­be­hör­den pri­mär auf mani­fes­te Kri­sen, anstatt struk­tu­rel­le Risi­ken prä­ven­tiv zu begren­zen. Die Ein­füh­rung von Posi­ti­ons­li­mits erfolgt regel­mä­ßig zu spät. Die Erhö­hung von Mar­gin-Requi­re­ments geschieht erst, wenn Märk­te bereits über­hitzt sind. Und die Durch­set­zung bestehen­der Regeln schei­tert oft an der Kom­ple­xi­tät moder­ner Finanz­pro­duk­te und der grenz­über­schrei­ten­den Natur der Märkte.

Schluss­fol­ge­run­gen: Die Per­sis­tenz struk­tu­rel­ler Schwächen

Der Sil­ver Thurs­day von 1980 war kei­ne Anoma­lie, son­dern ein Sym­ptom struk­tu­rel­ler Schwä­chen im Finanz­sys­tem. Die Kom­bi­na­ti­on aus kon­zen­trier­ten Posi­tio­nen, hoher Fremd­ka­pi­tal­quo­te, ver­spä­te­ter Regu­lie­rung und dem Ver­sa­gen von Risi­ko­kon­troll­me­cha­nis­men hat sich seit­her wie­der­holt – von der Savings-and-Loan-Kri­se über Long-Term Capi­tal Manage­ment bis zur Finanz­kri­se 2008 und dar­über hinaus.

Die zen­tra­le Leh­re bleibt unge­hört: Märk­te sind mani­pu­lier­bar, wenn ein­zel­ne Akteu­re durch Fremd­ka­pi­tal in die Lage ver­setzt wer­den, markt­be­herr­schen­de Posi­tio­nen auf­zu­bau­en. Die Selbst­re­gu­lie­rung der Märk­te funk­tio­niert nicht, wenn die Anrei­ze der Inter­me­diä­re mit den Sys­tem­ri­si­ken kon­f­li­gie­ren. Und die Regu­lie­rung kommt sys­te­ma­tisch zu spät, wenn sie reak­tiv statt prä­ven­tiv agiert.

Solan­ge die­se struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen fort­be­stehen, wer­den sich die Mus­ter des Sil­ver Thurs­day in neu­en For­men wie­der­ho­len. Die Namen der Akteu­re ändern sich, die Assets wech­seln, die tech­no­lo­gi­schen Platt­for­men ent­wi­ckeln sich wei­ter – aber die fun­da­men­ta­le Dyna­mik bleibt die­sel­be. Das ist kei­ne his­to­ri­sche Remi­nis­zenz, son­dern eine War­nung für die Gegenwart.

Ralf Keu­per