Im August 2022 warn­te der Öko­nom Satya­jit Das, die nächs­te Finanz­kri­se wer­de von den pri­va­ten Märk­ten aus­ge­hen. Fast 10 Bil­lio­nen Dol­lar, inves­tiert in Unter­neh­men ohne Markt­prei­se, bewer­tet nach Model­len statt durch Märk­te, finan­ziert mit der Annah­me ewig bil­li­gen Kapi­tals. Drei Jah­re spä­ter ist der pro­gnos­ti­zier­te Crash aus­ge­blie­ben – aber die Mecha­nis­men lau­fen prä­zi­se wie vor­her­ge­sagt. Was aus­sieht wie Ent­war­nung, ist in Wahr­heit gefähr­li­cher: eine schlei­chen­de Kri­se japa­ni­schen Typs, die nicht in Wochen explo­diert, son­dern in Jah­ren ero­diert. Deutsch­land steht dabei beson­ders expo­niert da – nicht nur durch direk­te Invest­ments sei­ner Ver­si­che­run­gen und Pen­si­ons­kas­sen, son­dern durch über 3.000 mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men in Pri­va­te-Equi­ty-Hand, vie­le davon hoch­ver­schul­det und refi­nan­zie­rungs­ab­hän­gig. Die Zom­bi­fi­zie­rung hat längst begon­nen, nur erkennt sie kaum jemand, weil die Bilan­zen noch stim­men und die Nar­ra­ti­ve intakt bleiben.


I. Die Pro­phe­zei­ung und das Schwei­gen danach

Als Satya­jit Das im August 2022 sei­ne War­nung for­mu­lier­te[1]Pri­va­te Märk­te als Epi­zen­trum der nächs­ten Finanz­kri­se?, schien der Zeit­punkt ungüns­tig gewählt. Die Welt war mit ande­ren Kri­sen beschäf­tigt – Coro­na-Nach­we­hen, begin­nen­de Infla­ti­on, weni­ge Wochen spä­ter der Ukrai­ne-Krieg. Eine War­nung vor abs­trak­ten Risi­ken in pri­va­ten Märk­ten, einer Asset-Klas­se, die den meis­ten Men­schen ohne­hin fremd ist, ver­hall­te weit­ge­hend unge­hört. Zumal das Nar­ra­tiv der Pri­va­te-Mar­kets-Indus­trie intakt schien: höhe­re Returns als Public Mar­kets, nied­ri­ge­re Vola­ti­li­tät, per­fek­te Diver­si­fi­ka­ti­on. Fast 10 Bil­lio­nen Dol­lar waren inves­tiert, ver­wal­tet von Namen wie Blackstone, KKR und Apol­lo – Insti­tu­tio­nen, die als Meis­ter der Value Crea­ti­on galten.

Doch Das’ Argu­men­ta­ti­on ziel­te auf etwas Fun­da­men­ta­le­res als zykli­sche Markt­be­we­gun­gen. Er iden­ti­fi­zier­te eine struk­tu­rel­le Fra­gi­li­tät, die auf drei Säu­len ruh­te: Bewer­tun­gen ohne Markt­prei­se, Refi­nan­zie­rungs­ab­hän­gig­keit bei cash­flow-nega­ti­ven Invest­ments, und die Annah­me, bil­li­ges Kapi­tal sei eine Kon­stan­te, nicht eine his­to­ri­sche Anoma­lie. Die­se drei Fak­to­ren, so sei­ne The­se, wür­den bei einer Zins­wen­de zu kas­ka­den­ar­ti­gen Ver­wer­fun­gen füh­ren – ver­gleich­bar mit der Sub­prime-Kri­se 2008, nur grö­ßer und unsichtbarer.

Drei Jah­re spä­ter zeigt sich: Die Zins­wen­de kam här­ter als erwar­tet, die Fede­ral Reser­ve erhöh­te die Leit­zin­sen von 0,25% auf 5,5% in atem­be­rau­ben­dem Tem­po. Und den­noch – kein Crash. Kein Leh­man-Moment für Pri­va­te Equi­ty. Kei­ne Schlag­zei­len über kol­la­bie­ren­de Fonds. Die Akti­en­märk­te erhol­ten sich 2023 und 2024, die Wirt­schaft wuchs wei­ter, von Kri­se kei­ne Spur.

Hat­te Das sich geirrt?

Die Ant­wort ist kom­pli­zier­ter und beun­ru­hi­gen­der: Er hat­te recht, aber die Kri­se folgt ande­ren Dyna­mi­ken als erwar­tet. Sie explo­diert nicht, sie ero­diert. Sie ereig­net sich nicht an den Bör­sen, son­dern in den Büchern insti­tu­tio­nel­ler Inves­to­ren. Sie zeigt sich nicht in pani­schen Ver­käu­fen, son­dern in stil­len Abschrei­bun­gen, geschei­ter­ten Fund­rai­sin­gs und Unter­neh­men, die zu Zom­bies wer­den, weil nie­mand sie ver­kau­fen kann. Das ist die gefähr­lichs­te Form der Finanz­kri­se: die unsicht­ba­re, die sich Zeit lässt.

II. Was geschah: Die Chro­nik einer ver­leug­ne­ten Krise

Die Zins­wen­de traf die Pri­va­te Mar­kets mit vol­ler Wucht, nur wur­de der Auf­prall durch Struk­tu­ren abge­fe­dert, die ihn nicht eli­mi­nier­ten, son­dern ver­teil­ten und ver­län­ger­ten. Ein Über­blick über die drei Jah­re seit Das’ War­nung liest sich wie die Pro­to­kol­le einer schlei­chen­den Systemerkrankung.

2022 brach­te zunächst Ver­leug­nung. Als die Zin­sen zu stei­gen began­nen, herrsch­te noch Opti­mis­mus – das wer­de vor­über­ge­hen, die Fed wer­de bald wie­der pivo­tie­ren, die Bewer­tun­gen blie­ben sta­bil. Doch gegen Jah­res­en­de zeig­ten sich ers­te Ris­se: Refi­nan­zie­run­gen von LBO-Kre­di­ten wur­den schwie­ri­ger, Growth-Unter­neh­men konn­ten kei­ne Anschluss­fi­nan­zie­run­gen mehr zu akzep­ta­blen Kon­di­tio­nen beschaf­fen. Klar­na, 2021 noch mit 46 Mil­li­ar­den Dol­lar bewer­tet, muss­te sich bei einer Finan­zie­rungs­run­de mit 6,7 Mil­li­ar­den zufrie­den­ge­ben – ein Absturz von 85 Pro­zent. Das war kein Ein­zel­fall, son­dern exem­pla­risch für hun­der­te Tech-Uni­corns, deren Bewer­tun­gen auf ZIRP-An…