Bank Runs sind nicht ein­fach irra­tio­na­le Mas­sen­pa­nik – sie fol­gen einem Mus­ter. Eine neue Stu­die zu 4.049 Bank Runs zwi­schen 1863 und 1934 zeigt: Fun­da­men­ta­le Schwä­che ist der ent­schei­den­de Fak­tor, ob aus einem Ansturm eine Insol­venz wird. Doch auch soli­de Ban­ken kön­nen unter Druck gera­ten, wenn das Ver­trau­en ins Sys­tem ins­ge­samt bröckelt.


Der klas­si­sche Bank Run – auf­ge­brach­te Spa­rer, die sich vor Bank­schal­tern drän­gen, um ihre Ein­la­gen zu ret­ten – gilt als Urbild der selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung. Wenn alle gleich­zei­tig ihr Geld abhe­ben wol­len, kol­la­biert selbst eine grund­so­li­de Bank, so die gän­gi­ge Vor­stel­lung. Doch stimmt das wirk­lich? Oder gibt es ein sys­te­ma­ti­sches Mus­ter, das unter­schei­det zwi­schen Panik ohne Fol­gen und Panik mit Katastrophe?

Eine neue Stu­die ame­ri­ka­ni­scher Öko­no­men lie­fert dazu bemer­kens­wer­te Ant­wor­ten – nicht durch theo­re­ti­sche Model­le, son­dern durch akri­bi­sche his­to­ri­sche Detek­tiv­ar­beit. Mit­hil­fe von Natu­ral-Lan­guage-Pro­ces­sing haben die Autoren aus his­to­ri­schen Zei­tungs­be­rich­ten 4.049 Bank Runs im Zeit­raum von 1863 bis 1934 iden­ti­fi­ziert und ana­ly­siert. Die­ser Daten­satz – der umfas­sends­te sei­ner Art – ermög­licht erst­mals einen sys­te­ma­ti­schen Blick auf die Mecha­nis­men, die aus einem Ansturm besorg­ter Kun­den ent­we­der eine über­stan­de­ne Kri­se oder eine Bank­plei­te machen.

Die Ana­to­mie des Bank Run: Fun­da­men­tals schla­gen Panik

Das ers­te und wich­tigs­te Ergeb­nis: Bank Runs tref­fen deut­lich häu­fi­ger Ban­ken mit schwa­chen Fun­da­men­tal­da­ten. Insti­tu­te mit nied­ri­ger Kapi­tal­aus­stat­tung, illi­qui­den Akti­va oder frag­wür­di­ger Kre­dit­qua­li­tät gera­ten signi­fi­kant öfter unter Druck als ihre soli­der auf­ge­stell­ten Wett­be­wer­ber. Die Spa­rer der Gild­ed Age und der Pro­gres­si­ve Era waren offen­bar kei­ne blin­de Her­de – sie unter­schie­den durch­aus zwi­schen robus­ten und anfäl­li­gen Instituten.

Doch die Stu­die zeigt auch: Selbst fun­da­men­tal gesun­de Ban­ken sind nicht immun. Wenn nega­ti­ve Nach­rich­ten zur Real­wirt­schaft kur­sie­ren oder das Ver­trau­en ins Ban­ken­sys­tem ins­ge­samt erschüt­tert wird, kön­nen auch soli­de Insti­tu­te in einen Run gera­ten. Hier zeigt sich die anste­cken­de Dimen­si­on von Finanz­kri­sen – das sys­te­mi­sche Risi­ko, das ent­steht, wenn Unsi­cher­heit von ein­zel­nen Insti­tu­ten auf die gesam­te Bran­che überspringt.

Der ent­schei­den­de Unter­schied: Von der Panik zur Pleite

Der Clou der Ana­ly­se liegt jedoch in der Unter­schei­dung zwi­schen Run und Insol­venz. Nicht jeder Bank Run endet in einer Bank­plei­te – im Gegen­teil. Die Autoren zei­gen: Ob aus einem Ansturm tat­säch­lich ein Kol­laps wird, hängt ent­schei­dend von den Fun­da­men­tal­da­ten ab. Star­ke Ban­ken ver­füg­ten über ein Arse­nal von Überlebensmechanismen:

Inter­ban­ken-Koope­ra­ti­on spiel­te eine zen­tra­le Rol­le. Clea­ring­hou­ses und Bank­kon­sor­ti­en spran­gen ein, stell­ten Liqui­di­tät bereit und signa­li­sier­ten damit Ver­trau­en in das bedroh­te Insti­tut. Die­se Form der Selbst­re­gu­lie­rung – ein pri­va­ter Len­der of Last Resort – funk­tio­nier­te aller­dings nur bei Ban­ken, deren Sol­venz grund­sätz­lich außer Fra­ge stand.

Eigen­ka­pi­tal­zu­füh­run­gen durch Groß­ak­tio­nä­re oder neue Inves­to­ren demons­trier­ten com­mit­ment und stopp­ten oft die Panik. Auch öffent­li­che Signa­le der Stär­ke – etwa die Prä­sen­ta­ti­on von Bar­geld­re­ser­ven, Erklä­run­gen pro­mi­nen­ter Geschäfts­leu­te oder Berich­te über erfolg­rei­che Prü­fun­gen – konn­ten die Dyna­mik umkehren.

Am radi­kals­ten war die tem­po­rä­re Aus­set­zung der Ein­lö­se­pflicht (sus­pen­si­on of con­ver­ti­bi­li­ty). Ban­ken erklär­ten sich vor­über­ge­hend außer­stan­de, Ein­la­gen bar aus­zu­zah­len, blie­ben aber ope­ra­tio­nal im Kre­dit­ge­schäft. Die­se Maß­nah­me – heu­te kaum vor­stell­bar – gab Insti­tu­ten Zeit, sich zu reor­ga­ni­sie­ren, ohne in eine fire sale ihrer Akti­va getrie­ben zu werden.

Makro­öko­no­mi­sche Fol­gen: Fun­da­men­tals entscheiden

Die wohl wich­tigs­te Erkennt­nis betrifft die real­wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen. Die Autoren zei­gen auf loka­ler Ebe­ne: Bank­plei­ten – ob mit oder ohne vor­an­ge­hen­den Run – füh­ren zu dras­ti­schen Rück­gän­gen bei Ein­la­gen und Kre­dit­ver­ga­be. Runs ohne anschlie­ßen­de Insol­venz dage­gen hin­ter­las­sen kaum dau­er­haf­te Spu­ren im regio­na­len Finanzsystem.

Das bedeu­tet: Nicht die Panik selbst ist das Pro­blem, son­dern die tat­säch­li­che Zer­stö­rung von Finanz­ka­pa­zi­tät durch Insol­ven­zen. Und die­se Insol­ven­zen tref­fen eben pri­mär Ban­ken mit schlech­ten Fun­da­men­tal­da­ten. Die selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung – der Run, der eine gesun­de Bank in den Ruin treibt – erweist sich als sel­te­ne Aus­nah­me, nicht als Regel.

Leh­ren für die Gegenwart

Die­se his­to­ri­schen Befun­de wer­fen ein neu­es Licht auf aktu­el­le Debat­ten. Die Ban­ken­kri­sen von 2023 – Sili­con Val­ley Bank, Signa­tu­re Bank, Cre­dit Suis­se – zei­gen ähn­li­che Mus­ter: fun­da­men­tal fra­gi­le Insti­tu­te, die unter Stress zusam­men­bra­chen, wäh­rend robus­ter auf­ge­stell­te Wett­be­wer­ber den Sturm überstanden.

Auch die Rol­le von Infor­ma­ti­on wird sicht­bar: In Zei­ten digi­ta­ler Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on kön­nen Runs heu­te noch schnel­ler eska­lie­ren als im 19. Jahr­hun­dert – aber die Mecha­nis­men blei­ben die­sel­ben. Ver­trau­en in ein­zel­ne Insti­tu­te kor­re­liert mit deren tat­säch­li­cher Sub­stanz; sys­te­mi­sche Schocks kön­nen auch Gesun­de tref­fen; und ob aus Panik eine Kata­stro­phe wird, hängt letzt­lich von den Fun­da­men­tals ab.

Die Stu­die ist damit auch ein Plä­doy­er für nüch­ter­ne Kri­sen­ana­ly­se. Nicht jeder Bank Run ist Aus­druck irra­tio­na­ler Her­den­pa­nik. Oft genug zeigt sich dar­in die – wenn auch gro­be und manch­mal feh­ler­haf­te – kol­lek­ti­ve Ein­schät­zung rea­ler Schwä­chen. Und die wirk­sams­te Kri­sen­prä­ven­ti­on ist und bleibt nicht aus­ge­feil­te Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Ein­la­gen­si­che­rung allein, son­dern soli­de Eigen­ka­pi­tal­ba­sis, robus­te Liqui­di­täts­re­ser­ven und gesun­de Geschäftsmodelle.

Was die Zei­tungs­le­ser zwi­schen 1863 und 1934 instink­tiv erfass­ten, bleibt gül­tig: Im Zwei­fel ver­trau­en Men­schen Sub­stanz mehr als Versprechen.