Der Zusammenbruch des Diamantenmarktes 1979⁄80 offenbart ein Grundmuster, das sich in der Geschichte der Rohstoffmärkte mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit wiederholt: Die Verwechslung von künstlicher Knappheit mit intrinsischem Wert. De Beers hatte über Jahrzehnte erfolgreich die Fiktion aufrechterhalten, Diamanten seien eine “harte Währung” – vergleichbar mit Gold, nur noch beständiger. Diese Erzählung funktionierte, solange das Kartell die vollständige Kontrolle über Angebot und Nachfrage behielt.
Die Mechanik des Kartells
De Beers’ Geschäftsmodell beruhte auf einem dreifachen Kontrollmechanismus:
Erstens die Produktionskontrolle durch die Diamond Trading Company (DTC), die den größten Teil der weltweiten Rohdiamanten aufkaufte und den Bergbaugesellschaften Förderquoten zuteilte.
Zweitens die Vertriebskontrolle durch die Central Selling Organisation (CSO), die über das System der “sights” in London nur etwa 150 zugelassene Händler belieferte – ein klassisches Nadelöhr, das Preisdisziplin erzwang.
Drittens die Lagerhaltung als Puffer, mit der De Beers Überangebot vom Markt fernhielt und bei Nachfrageschwäche intervenieren konnte.
Dieses System war dem OPEC-Kartell strukturell überlegen: Während die OPEC stets mit der Versuchung einzelner Mitglieder kämpfte, ihre Quoten zu überschreiten, kontrollierte De Beers die gesamte Wertschöpfungskette von der Mine bis zum Großhändler.
Die Destabilisierung: Drei konvergierende Kräfte
Der monetäre Faktor
Die Dollarentwertung der 1970er Jahre und die steigende Inflation in den USA trieben Anleger in Sachwerte. Gold stieg, Silber stieg – warum nicht auch Diamanten? Das De Beers-Syndikat hatte jahrzehntelang Preisstabilität garantiert; für verunsicherte Kapitalanleger erschien dies als Qualitätsmerkmal einer “harten Währung”.
Die israelische Anomalie
Tel Aviv entwickelte sich zum aufstrebenden Zentrum der Diamantenverarbeitung. Die israelische Regierung förderte diese Entwicklung durch günstige Kredite an die Banken. Eine unbeabsichtigte Konsequenz: Die Entstehung von Diamanten-Investitionsfirmen, die außerhalb des traditionellen De Beers-Kanals operierten und Steine direkt an Privatanleger verkauften. Das Kartell verlor damit die Kontrolle über einen wachsenden Teil der Nachfrageseite.
Die japanische Kreditpraxis
In Japan hatte sich die Praxis etabliert, Diamanten als Kreditsicherheit zu akzeptieren. Diese scheinbar harmlose Finanzinnovation verwandelte Diamanten von einem Luxusgut in ein Finanzinstrument – mit fatalen Konsequenzen für die Preisstabilität.
Die Blasendynamik
1979 verdoppelte sich der durchschnittliche Diamantenpreis. Bei hochwertigen Einkarätern verzehnfachte sich der Preis auf zeitweise 60.000 US-Dollar. De Beers versuchte, durch sukzessive Angebotsausweitung den Markt zu kühlen – vergeblich. Das Unternehmen stand vor einem Dilemma: Jede Angebotsausweitung bestätigte die Erwartung steigender Preise und heizte die Spekulation weiter an.
Der Auslöser des Zusammenbruchs kam aus Japan: Als die ersten Banken bei den spekulativ überhöhten Preisen Diamanten nicht mehr als Sicherheit akzeptierten, begann eine Kettenreaktion. Bankrotte Spekulanten mussten ihre Bestände liquidieren, was weitere Margin Calls auslöste. Der klassische Mechanismus einer platzenden Blase.
Innerhalb eines Jahres fiel der Preis von 60.000 auf 6.000 US-Dollar – zurück auf das Niveau vor der Hysterie. Selbst massive Interventionen – ein Verkaufsstopp, Rückkäufe im Wert von über 6 Milliarden Dollar, die Schließung einer südafrikanischen Mine – konnten den Kollaps nicht aufhalten.
Strukturelle Lehren: Das Muster des Kartellversagens
Der Diamantencrash illustriert ein wiederkehrendes Muster, das sich bei Rohstoffkartellen beobachten lässt:
Phase 1: Erfolgreiche Preiskontrolle
Das Kartell etabliert künstliche Knappheit und stabile, leicht steigende Preise. Der Erfolg nährt die Illusion, der kontrollierte Preis entspreche dem “wahren” Wert.
Phase 2: Externe Schocks verschieben die Nachfrage
Makroökonomische Verwerfungen (Inflation, Währungskrisen) oder neue Marktteilnehmer (israelische Investitionsfirmen) erzeugen Nachfrage, die außerhalb der Kartelllogik operiert. Das Kartell kann das Angebot kontrollieren, aber nicht die Motive der Käufer.
Phase 3: Finanzielle Hebelwirkung
Wenn der Rohstoff als Kreditsicherheit oder Finanzinstrument akzeptiert wird, entsteht eine Rückkopplungsschleife: Steigende Preise ermöglichen höhere Beleihung, die höhere Beleihung finanziert weitere Käufe, die weitere Käufe treiben die Preise.
Phase 4: Der Kontrollverlust
Das Kartell steht vor einem unlösbaren Problem: Es kann entweder die Preise durch massive Angebotsausweitung drücken (und damit die eigene Erzählung von der “harten Währung” zerstören) oder die Spekulation laufen lassen (und damit die Kontrolle über den Markt verlieren). De Beers wählte einen Mittelweg – und scheiterte an beiden Fronten.
Phase 5: Der Zusammenbruch
Sobald ein Element der Hebelstruktur versagt (japanische Banken akzeptieren keine Diamanten-Sicherheiten mehr), kollabiert das gesamte System. Die Geschwindigkeit des Absturzes übersteigt die Reaktionsfähigkeit des Kartells.
Parallelen zu anderen Rohstoffkrisen
Das Muster des Diamantencrash findet sich in variierter Form bei zahlreichen Rohstoffblasen:
Die Silberspekulation der Hunt-Brüder (1979÷80) zeigt dieselbe Dynamik von Hebelwirkung und abruptem Zusammenbruch, als die Börsenaufsicht die Margin-Anforderungen erhöhte.
Die Ölpreiskrisen demonstrieren die Grenzen selbst mächtiger Kartelle: OPEC konnte Angebotsverknappung erzwingen, aber nicht die Nachfragereaktion kontrollieren – langfristig führten hohe Preise zu Substitution und neuen Förderquellen.
Die Seltene-Erden-Krise 2010⁄11 wiederholte das Muster: Chinas Exportrestriktionen trieben die Preise, was Recycling, Substitution und neue Minen außerhalb Chinas stimulierte.
Die bleibende Erkenntnis
Der Diamantencrash 1979 enthält eine fundamentale Lektion über die Grenzen künstlicher Marktordnung: Kartelle können Preise stabilisieren, solange alle Marktteilnehmer innerhalb der Kartelllogik operieren. Sobald externe Akteure – seien es inflationsgeplagte Anleger, kreditgebende Banken oder neue Handelszentren – den Rohstoff nach eigenen Kriterien bewerten, verliert das Kartell die Kontrolle.
De Beers hat diese Lektion gelernt und wendet die Methoden von 1979 noch heute an: Als die Finanzkrise 2009 die Luxusgüternachfrage einbrechen ließ, reagierte das Unternehmen mit Förderkürzungen und Marktinterventionen. Der entscheidende Unterschied zu 1979: Es gab keine parallele Spekulationsblase, keine Hebelwirkung durch Kreditbesicherung, keine außer Kontrolle geratene Investorennachfrage. Die Stabilisierung gelang – weil die destabilisierenden Faktoren fehlten, nicht weil die Methoden überlegen waren.
Die “härteste Währung der Welt” erwies sich als fragiles Konstrukt, dessen Wert weniger von den physikalischen Eigenschaften des Kohlenstoffkristalls abhängt als von der Fähigkeit eines Kartells, die kollektive Illusion seiner Werthaltigkeit aufrechtzuerhalten.
Ralf Keuper
Quelle:
Lukrative Rohstoffmärkte. Ein Blick hinter die Kulissen (FinanBuch Verlag)

