Rund 50 Filialschließungen, bis zu 170 Stellen gestrichen – und das bei einem Konzerngewinn von 14,1 Milliarden Euro. Die Standortliste reicht von Aalen bis Greifswald, von Flensburg bis Leverkusen. Aber wer darin nur ein regionales Muster sucht, greift zu kurz. Hinter dem Rückzug steht eine übergeordnete Markteinschätzung: Deutschland als Ganzes wird als Retailmarkt uninteressanter – zu geringe Margen, zu schwaches Wachstum, zu hoher struktureller Druck auf die Konsumentenbasis. Die regionalen Schließungen sind Ausdruck davon, nicht Ursache. Santander exerziert zwei Entscheidungslogiken vor, die unabhängig voneinander wirken und dennoch zum selben Ergebnis führen – kontextblinde Konzerneffizienz und eine nüchterne Gesamtmarkteinschätzung, im Südwesten mit zusätzlicher Risikoschärfe. Wer das nur als Digitalisierungsfolge liest, versteht es halb.
Es gibt Meldungen, die auf den ersten Blick nach Routine aussehen. Santander Deutschland schließt rund 50 Filialen, baut 150 bis 170 Stellen ab, begründet das mit dem Strukturwandel im Retailbanking und dem Renditeziel von 20 Milliarden Euro bis 2028. Der Konzern im Hintergrund verbucht Rekordgewinne. Alles schon dagewesen, alles bekannt.
Aber dieser Vorgang ist bei genauerem Hinsehen aufschlussreicher als die meisten seiner Art – weil er zwei völlig verschiedene Entscheidungsrationalitäten sichtbar macht, die unabhängig voneinander wirken und dennoch in exakt dieselbe Richtung zeigen.
Der Rahmen ist größer als die Standortliste. Bevor man über einzelne Regionen spricht, muss man über den Gesamtmarkt sprechen. Deutschland ist für eine internationale Retailbank wie Santander kein attraktiver Wachstumsmarkt mehr – und das nicht erst seit gestern. Stagnierende Reallöhne über Jahre, strukturelle Wachstumsschwäche, demografischer Druck, eine Konsumentenbasis, die spart statt konsumiert. Dazu ein Bankenmarkt, der seit Jahrzehnten zu den margenärmsten in Europa gehört: zu viele Anbieter, zu viel Wettbewerb durch Sparkassen und Genossenschaftsbanken, zu wenig Spielraum für die Renditen, die ein internationaler Konzern von einem Teilmarkt erwartet.
Santander hat Deutschland nie als Kernmarkt behandelt – aber in den 2000er und frühen 2010er Jahren als Wachstumsmarkt mit Potenzial. Die Übernahme des SEB-Privatkundengeschäfts 2011, der Aufbau eines Flächennetzes, die Integration zweier Vertriebsmarken: das war Investitionslogik. Jetzt ist diese Phase beendet. Was folgt, ist der kon…
