The Empire Strikes Back (White Paper CORE)

Von Ralf Keuper

Der Struktur- und Stilwandel im Banking wurde in den letzten Jahren vorwiegend an der wachsenden Zahl von Fintech-Startups festgemacht. Hin und wieder kam der Hinweis, Internetkonzerne oder Digitale Plattformen, wie Amazon, Google oder Alibaba, seien inzwischen ernstzunehmende  Mitbewerber.  Während viele Fintech-Startups vom Konfrontations- auf den Kooperationsmodus mit den Banken umgeschaltet haben, ist der Expansionsdrang der großen digitalen Plattformen bzw. der Internetkonzerne ungebremst; sie sind dabei ihren Aktionsradius weiter auszudehnen und gleichzeitig die Vertikalisierung voranzutreiben. Dabei können sie sowohl Größenvorteile (Economies of Scale) wie auch Verbundeffekte (Economies of Scope) realisieren; Möglichkeiten, die den meisten Fintech-Startups verwehrt sind, da sich ihre Innovationen auf wenige Bereiche beschränken, was dazu führt, dass ihr Effekt häufig verpufft. Die echte Herausforderung für die Banken geht daher weniger von den Fintech-Startups, sondern vielmehr von Amazon, Google & Co. aus, wie CORE in dem Whitepaper The Empire Strikes Back feststellt:

As a result, the current situation can be summarized as follows: for financial institutions, the marginal utility of previous consolidation efforts has been reached, the development of fintechs shows signs of incipient stagnation, and providers of technology platforms are unleashing an unprecedented form of market stimulation (network effects). While attempts to counteract this development by means of lobbying in Berlin, Bonn or Brussels may seem enticing, an objective assessment of overarching global forces reveals that such lobbying has little hope of success. In fact, it would be akin to the Luddite movement, as the efficiency potential offers a far greater benefit to society as a whole than the no longer appropriate protection of particular local spheres of interest represented by individual institutions or groups.

In gewisser Hinsicht sorgen die Fintech-Startups dafür, dass die Banken in ihren gewohnten Bahnen verharren, und den eigentlichen Strukturwandel aus dem Blick verlieren:

The structural cause of this emerging stagnation is that the fragmentation of value chains driven by fintechs is not suitable as a base for new approaches to value creation and business models with disproportionately high value. In the past, fintechs were able to use new technological possibilities and break down existing value creation patterns; by taking this approach, they managed to remodel banking products and services against a digital backdrop. While key impetus for innovation arose from digital modularization, the expectations of investors in terms of market growth, profitability and resulting company value could not be met.

Die Banken müssen demnach dringend ihre Blickrichtung verändern und nach Möglichkeiten suchen, nicht noch mehr Boden an die großen Digitalen Plattformen zu verlieren. Große Chancen, so die Autoren, bietet das Internet of Things:

Immense room to maneuver is opening up for financial institutions to develop products and services in the completely digital and industrial context of the “Internet of Things” through networking, datafication and platform approaches. On the one hand, this comprises the integration of existing financial products into concrete contexts in terms of users and, as a result, their embedment into platforms. On the other hand, this entails independent ecosystems being set up separately in order to combine product and services with offers in digital contexts. At any rate, this approach is generally accompanied by revised requirements in terms of the design of the offer for digital financial products and services.

Von großer Bedeutung ist dabei der Schutz der personenbezogenen sowie weiterer Daten (Smart Home, Connected Car) der Nutzer:

Financial institutions could formulate proposals here which have a dual function: protecting and safeguarding data on the one hand, and, making them available on all channels to those authorized to access them, on the other, meaning that these can be utilized according to the context in question and with close involvement by the owners and users of the data.

Auf der IT-Seite sollten die Banken ihre Abhängigkeit von bzw. die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern überdenken und stattdessen wieder mehr eigenes Know How aufbauen:

Consequently, the continual development of supplier structures are needed in the future. These must be reorganized as flexible pools of experts focused on competence. This implies a greater avoidance of long-term production contracts with larger organizations such as IBM, HP, Accenture and offshore factories like TCS, Cognizant, Infosys; the same applies to freelancer pooling such as Hays, GFT or Allgeier which focuses on costs. At the same time, internal IT supply structures must be assessed much more critically in terms of efficiency and innovation aspects as these will be in direct competition to services offered by technology providers in the future.

Würdigung:

Die Studie arbeitet den eigentlichen Struktur- und Stilwandel im Banking systematisch heraus. Die Plattformökonomie hebt das Geschäftsmodell der Banken aus den Angeln. Versuche, die alten Zustände mittels digitaler Transformation und mit politischer Unterstützung wiederherzustellen, werden ihr Ziel verfehlen. Die Banken müssen in vielen Bereichen neue Wege gehen – auch und gerade, was die Zusammenarbeit mit IT-Dienstleistern und Fintech-Startups betrifft.

Das Bezugssystem im Banking hat sich gewandelt – Banken konkurrieren nicht mehr nur mit anderen Banken, sondern mit Unternehmen, für die das Banking lediglich ein weiterer Service ist, Teil eines übergreifenden Geschäftsmodells, das auch mal Quersubventionierung zulässt, aber Größen- und Verbundeffekte ermöglicht, die Banken , und noch weniger Fintech-Startups, in dieser Form nicht realisieren können. Das liegt zum einen daran, dass Banken keine eigenen Betriebssysteme und Endgeräte herstellen und zum anderen darin begründet, dass sie nicht über die nötige Reichweite im Netz verfügen – jedenfalls nicht in der Ausprägung, wie das Google, Facebook, WeChat und Alipay können. Kurzum: Die Banken haben ihre Digitale Souveränität eingebüßt; sie sind abhängig von ihren potenziellen Mitbewerbern – eine neue Situation. Folge davon ist, dass die Banken nicht mehr die Kontrolle über den Daten- und Informationsfluss haben – wie in der Vergangenheit; das gilt vor allem für die Bezahldaten.

Wie die Autoren zu Recht betonen, sind das Internet of Things, die Kommunikation der technischen Objekte kombiniert mit Fragen der Datensouveränität der Nutzer das Gebiet, auf dem sich entscheiden wird, ob die Banken in Zukunft noch eine relevante Rolle im Wirtschaftskreislauf spielen werden. Das geht m.E. weit über IoT Payments hinaus. Wie das Beispiel Alibaba und Cainiao zeigt, bekommt die Logistik eine Schlüsselfunktion. Wer die Daten von der Herstellung des Produktes bis zu seiner Auslieferung unter seiner Kontrolle hat, und dazu noch entsprechende Services, wie Payments, anbieten kann, der benötigt eine Bank, wenn überhaupt, nur noch für die reine Transaktionsabwicklung.

Solange also die Banken auf die Infrastruktur der Internetkonzerne angewiesen sind, bleibt für sie nur noch wenig Raum. Ein wichtiger Hebel, um nicht völlig an den Rand gedrängt zu werden, ist die Digitale Identität im Zusammenhang mit der Datensouveränität der Nutzer und Unternehmen. Hier können sich die Banken als Trusted Partner präsentieren, als eine Art Clearingstelle für die Digitale Identitäten und der mit ihnen verbundenen Daten und Objekte. Vorstellbar ist die Gründung von Identity Banks zusammen mit der Industrie, dem Mittelstand oder auch den Kommunen (!). Begleitet wird dieser Prozess womöglich von der Entstehung des Internet of Me, d.h. es stehen Lösungen parat, mit denen die Nutzer sich ihr eigenes Dashboard erstellen können, ohne dass es dabei noch von Belang ist, welche Programme, Betriebssysteme, Geräte und Diensteanbieter sich dahinter verbergen. Anders als heute, gilt das Prinzip:

Die Anwendung kommt zu den Daten!

Dann könnte das Empire tatsächlich zurückschlagen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Aber:

Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt (Konfuzius)

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Ein Kommentar zu The Empire Strikes Back (White Paper CORE)

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