Der Chef des nor­we­gi­schen Staats­fonds betreibt einen Pod­cast, trifft Elon Musk und spricht über Kunst und Psy­cho­lo­gie. Damit bricht er mit allem, was Staats­fonds bis­her aus­zeich­ne­te: Dis­kre­ti­on, Anony­mi­tät, tech­no­kra­ti­sche Nüch­tern­heit. Ist das die Zukunft des öffent­li­chen Kapitals—oder bloß geschick­te Selbstinszenierung?


Staats­fonds gal­ten lan­ge als die stil­len Rie­sen der Welt­wirt­schaft. Sie ver­wal­ten Bil­lio­nen, bewe­gen Märk­te und finan­zie­ren gan­ze Volkswirtschaften—doch ihre Chefs kennt kaum jemand. Das liegt im Wesen der Insti­tu­ti­on: Wer das Ver­mö­gen eines Staa­tes ver­wal­tet, soll die­nen, nicht glän­zen. Die Tugend des Fonds­ma­na­gers ist die Unsichtbarkeit.

Nico­lai Tan­gen, seit 2020 Chef des nor­we­gi­schen Staats­fonds, hält davon wenig. Der ehe­ma­li­ge Hedge­fonds-Mana­ger hat aus dem mit 2,1 Bil­lio­nen Dol­lar größ­ten Staats­fonds der Welt eine Medi­en­mar­ke gemacht. Sein Pod­cast „In Good Com­pa­ny” ver­sam­melt die Pro­mi­nenz des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus: Satya Nadel­la, Sam Alt­man, Elon Musk. Tan­gen selbst tritt auf wie ein Vordenker—er spricht über Kunst, Krea­ti­vi­tät, Psy­cho­lo­gie und die Zukunft der Arbeit. Unter sei­ner Füh­rung ist der Fonds um rund 80 Pro­zent gewach­sen, was ihm 2025 eine zwei­te Amts­zeit sicherte.

Doch die Fra­ge bleibt: Wem dient die­se Sichtbarkeit?

Das nor­we­gi­sche Experiment

Tan­gen ver­tei­digt sei­nen Stil als demo­kra­ti­sche Rechen­schaft. Der Fonds gehört den Nor­we­gern, also sol­len sie ver­ste­hen, wor­in ihr Geld steckt. Der Pod­cast sei kei­ne Eitel­keit, son­dern Auf­klä­rung: Er ver­bin­de die Bür­ger mit den Unter­neh­men und Ideen, die ihre Zukunft prä­gen. In einer Zeit, in der Ver­trau­en in Insti­tu­tio­nen schwin­det, sei Trans­pa­renz kein Luxus, son­dern Notwendigkeit.

Das Argu­ment hat Gewicht. Nor­we­gen finan­ziert aus dem Fonds etwa ein Fünf­tel sei­nes Staats­haus­halts, die Regie­rung darf jähr­lich bis zu drei Pro­zent der Erträ­ge aus­ge­ben. Ein Ver­mö­gen die­ser Grö­ßen­ord­nung ver­langt nach Legitimation—und Legi­ti­ma­ti­on ent­steht in Demo­kra­tien durch Öffent­lich­keit. Tan­gen lie­fert sie, indem er den Fonds per­so­ni­fi­ziert und nah­bar macht.

Doch genau hier liegt das Risi­ko. Wer eine Insti­tu­ti­on per­so­ni­fi­ziert, macht sie abhän­gig von der Per­son. Kri­ti­ker wer­fen Tan­gen vor, er erklä­re zwar sich selbst, aber nicht die Mecha­nis­men des Fonds. Die Mar­ke Tan­gen wach­se schnel­ler als das Ver­ständ­nis für lang­fris­ti­ges Inves­tie­ren. Und was geschieht, wenn der cha­ris­ma­ti­sche Chef geht? Bleibt dann eine gestärk­te Institution—oder eine Leerstelle?

Die Gegen­mo­del­le: Dis­kre­ti­on als System

Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich wird Tan­gens Son­der­stel­lung deut­lich. Die Abu Dha­bi Invest­ment Aut­ho­ri­ty, mit rund 1,1 Bil­lio­nen Dol­lar der zweit­größ­te Staats­fonds, ver­kör­pert das exak­te Gegen­teil: maxi­ma­le Ver­schwie­gen­heit. Ihre Füh­rung tritt nicht auf, gibt kei­ne Inter­views, kom­men­tiert kei­ne Stra­te­gien. Die ADIA ver­steht Dis­kre­ti­on nicht als Defi­zit, son­dern als Tugend. Wer schweigt, gibt kei­ne Angriffs­flä­che. Wer unsicht­bar bleibt, kann unge­stört handeln.

Die­ses Modell passt zu auto­ri­tä­ren Sys­te­men, in denen öffent­li­che Rechen­schaft kei­ne Rol­le spielt. Die Legi­ti­ma­ti­on des Fonds speist sich nicht aus demo­kra­ti­scher Zustim­mung, son­dern aus staat­li­cher Auto­ri­tät. Der Fonds­ma­na­ger ist Tech­no­krat im Dienst der Herr­schen­den, nicht Kom­mu­ni­ka­tor im Dienst der Bürger.

Sin­ga­pur steht für einen drit­ten Weg. Die bei­den gro­ßen Fonds des Stadtstaats—GIC und Temasek—kombinieren staat­li­che Kon­trol­le mit pro­fes­sio­nel­lem Auf­tre­ten. Tema­sek ver­öf­fent­licht Nach­hal­tig­keits­be­rich­te und stra­te­gi­sche Ana­ly­sen, die Chef­eta­ge bleibt jedoch im Hin­ter­grund. Die Legi­ti­ma­ti­on ent­steht hier weder durch Offen­heit noch durch Auto­ri­tät, son­dern durch Per­for­mance. Wer Ren­di­te lie­fert, muss sich nicht erklären.
Das Spannungsfeld

Die drei Model­le spie­geln unter­schied­li­che Ant­wor­ten auf die­sel­be Fra­ge: Woher bezieht ein Staats­fonds sei­ne Berech­ti­gung? Nor­we­gen setzt auf demo­kra­ti­sche Teil­ha­be, die Golf­staa­ten auf staat­li­che Macht, Sin­ga­pur auf tech­no­kra­ti­sche Effi­zi­enz. Tan­gens Expe­ri­ment tes­tet, ob sich das ers­te Modell mit den Anfor­de­run­gen glo­ba­ler Kapi­tal­märk­te ver­ein­ba­ren lässt.

Die Risi­ken sind real. Öffent­lich­keit erzeugt Erwar­tun­gen, Erwar­tun­gen erzeu­gen Druck, Druck kann zu kurz­fris­ti­gem Han­deln ver­lei­ten. Ein Fonds­ma­na­ger, der Pod­casts auf­nimmt und Mei­nun­gen äußert, wird angreifbar—für Medi­en, für Poli­tik, für Inter­es­sen­grup­pen. Die Stil­le der ADIA ist auch ein Schutzschild.

Zugleich zeigt Tan­gens Erfolg, dass Trans­pa­renz nicht zwangs­läu­fig scha­det. Der Fonds wächst, die Nor­we­ger ver­trau­en ihm, die inter­na­tio­na­le Repu­ta­ti­on ist hoch. Viel­leicht liegt die Wahr­heit in der Mit­te: Offen­heit als Stra­te­gie funk­tio­niert, solan­ge sie insti­tu­tio­nell ein­ge­hegt bleibt. Der Fonds braucht einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Chef—aber er darf nicht von ihm abhängen.

Aus­blick

Für Deutsch­land, das mit dem „Gene­ra­tio­nen­ka­pi­tal” über einen eige­nen Staats­fonds nach­denkt, lie­fert der Ver­gleich Mate­ri­al zum Nach­den­ken. Wel­ches Modell passt zu einer Demo­kra­tie mit aus­ge­präg­ter Skep­sis gegen­über Finanz­märk­ten und staat­li­cher Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on? Tan­gens par­ti­zi­pa­ti­ver Ansatz hät­te Charme—doch er setzt vor­aus, dass jemand bereit ist, sein Gesicht zu zei­gen. In einem Land, das sei­ne Wirt­schafts­füh­rer lie­ber im Ver­bor­ge­nen weiß, ist das kei­ne Selbstverständlichkeit.

Nico­lai Tan­gen hat gezeigt, dass ein Staats­fonds auch anders geführt wer­den kann: öffent­lich, dia­lo­gisch, per­sön­lich. Ob das ein Modell für ande­re ist oder eine nor­we­gi­sche Beson­der­heit bleibt, wird sich zei­gen. Sicher ist nur: Die Zeit der unsicht­ba­ren Fonds­ma­na­ger geht zu Ende. Die Fra­ge ist, was an ihre Stel­le tritt.

Ralf Keu­per


Quel­len: 

New York Times – Nico­lai Tan­gen und der Fonds:
https://www.nytimes.com/2026/01/09/business/economy/nicolai-tangen-in-good-company-podcast-norges-bank.html

NBIM – Lea­der Group (Über­sicht Füh­rungs­team inkl. Tangen):
https://www.nbim.no/en/about-us/leader-group/

NBIM – Per­sön­li­ches Pro­fil Nico­lai Tangen:
https://www.nbim.no/en/about-us/leader-group/leadergroup-persons/nicolai-tangen/

NBIM – The fund’s value (Wert­ent­wick­lung des Fonds):
https://www.nbim.no/en/investments/the-funds-value/

IFSWF – ADIA Assess­ment (Abu Dha­bi Invest­ment Authority):
https://ifswf.org/assessment/adia-2016

Tema­sek – FAQs (Sin­ga­pur):
https://www.temasek.com.sg/en/about-us/faqs