Macht die Evolution im Banking Sprünge? Das Beispiel Blockchain

Von Ralf Keuper

Die Evolutionstheorie musste in der Vergangenheit schon mehrmals als Begründung für so manche steile These herhalten – auch im Banking. Schnell wird dabei vergessen, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften nach anderen Regeln verläuft, als es bei der biologischen der Fall ist, wie sie von Charles Darwin formuliert wurde. Die kulturelle Evolution stützt sich auf andere Prinzipien als die biologische. Warum das so ist, habe ich in Banken als Ergebnis der kulturellen Evolution, oder: Weshalb Darwin nicht weiter hilft zu erläutern versucht.

Die Frage, ob die Evolution Sprünge macht oder nur graduelle Anpassungen zulässt, wird in der Forschung seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Aktuell sprechen die Belege für die letztere Annahme, wie es in Evolution afrikanischer Säugetiere erfolgte kontinuierlich, nicht sprunghaft heisst.

Etwas anders verhält es sich bei der Verbreitung von Innovationen in menschlichen Gesellschaften, wie Steven Johnson in Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation schreibt. Der Zeitraum für die Durchsetzung neuer technischer Standards hat sich laut Johnson in der Vergangenheit deutlich verkürzt.

In der Zeit vor dem Internet galt in der Softwareproduktion die 10/10-Regel, die besagt:

Es dauert zehn Jahre, eine neue Plattform zu entwickeln, und weitere zehn, bis sie ein breites Publikum findet.

Beispiele: HDTV, DVDs, GPS-Navigationsgeräte

Die neue 1/1-Regel des Internet-Zeitalters dagegen lautet:

Es dauert nur noch ein Jahr, eine neu Plattform zu entwickeln, und ein weiteres, bis sie ein breites Publikum findet.

Beispiel: YouTube

Betrachten wir die Entwicklung im Bereich Mobile Payments, und hier vor allem Apple Pay, dann können wir nach einem Jahr sagen, dass die 1/1-Regel weitgehend bestätigt wird; vor allem auch dann, wenn wir berücksichtigen, wie schnell auf einmal Google und Samsung mit Konkurrenzprodukten zur Stelle sind.

Wie verhält es sich angesichts dessen mit der Blockchain? Wie verläuft hier die Evolution. In Die Evolution der Blockchain – Decentralized Applications (DAPP) schrieb ich:

Insgesamt verfestigt sich langsam aber sicher der Eindruck, dass wir, um die Entwicklung der Blockchain besser zu verstehen, die Evolutionstheorie zur Hilfe nehmen können bzw. müssen, wenngleich nicht im exakten Sinn der biologischen Evolution. Das betrifft m.E. vor allem das Phänomen der Emergenz, d.h. was kann noch alles aus den Elementen der Blockchain entstehen, was sich nicht voraussagen lässt. In dem Zusammenhang halte ich das Schaubild, das Friedemann Brenneis kürzlich in Ist Bitcoin das finale Puzzleteil des Internets vorgestellt hat, für inspirierend. Daneben kursiert noch die Metapher der Blockchain-Geologie. Abgesehen davon gibt es aber auch Stimmen, die nicht davon ausgehen, dass ich an der Oberfläche noch etwas wesentlich ändern wird.

Die 1/1 – Regel scheint hier (noch) nicht zu greifen. Die Blockchain-Technologie existiert schon seit längerem, die ersten Projekte haben ebenfalls ein – gemessen an der Zeitrechnung des Internets – hohes Alter erreicht, ohne dass wir von einem Durchbruch, wie im Bereich Mobile Payments, sprechen können. Ripple, Ehtereum, Stella und andere warten noch auf den „Tipping Point“, so er denn kommt.

In den Banken macht sich die Hoffnung breit, mit der Blockchain-Technologie an die alten Zeiten anknüpfen zu können. Abgesehen davon, dass der Grundgedanke der Blockchain-Technologie (Dezentralität und Transparenz) kaum mit der Kultur in den Banken kompatibel ist, entzieht sich die Blockchain der Kontrolle, d.h. sie wird vielleicht keine Sprünge, wohl aber einige Entwicklungsstufen schneller durchlaufen, als man es bisher gewohnt ist. Die Halbwertszeit von Geschäftsmodellen könnte sich daher mehr noch als bisher reduzieren. Ein Umstand, mit dem die Banken nur schwer umgehen können.

Damit nicht genug. Der größte Schub wird von dem neuen Hype-Thema, dem Internet of Things, kommen. Sobald die erste Ernüchterung eingekehrt ist, könnte die Stunde der Blockchain, als der Kommunikationsschicht schlagen. Und hier stehen andere Branchen bereits in den Startlöchern. Das Internet der Dinge in der Hosentasche – ganz so abwegig ist das nicht.

Banken, mit ihrem Denken in geschlossenen Systemen, passen hier, Stand heute, nicht (mehr) rein. Ob mit oder ohne Blockchain.

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