Die LBBW mel­det für 2025 das zweit­bes­te Ergeb­nis ihrer Geschich­te und ihre Finanz­che­fin stellt „dau­er­haft hohe Gewin­ne” in Aus­sicht[1]LBBW-Finanz­che­fin sieht dau­er­haf­te Mil­li­ar­den­ge­win­ne ihrer Bank. Eine Aus­sa­ge, die eine hell­se­he­ri­sche Kom­pe­tenz vor­aus­setzt, für die es in der Geschich­te der Lan­des­ban­ken kei­nen Beleg gibt—und die in die­ser Geschich­te nahe­zu jedes Mal an der Rea­li­tät geschei­tert ist. Neben einer Gui­dance, die bereits vier­zehn Pro­zent unter dem berich­te­ten Ergeb­nis liegt, einer Risi­ko­vor­sor­ge, die im fal­schen Moment fällt, und einer Ber­lin-Hyp-Inte­gra­ti­on, die in einer struk­tu­rell gefähr­de­ten Anla­ge­klas­se ver­an­kert, ver­dient die­se epis­te­mi­sche Zumu­tung die eigent­li­che Auf­merk­sam­keit. Wer die Mel­dung neben ihre Kon­tex­te legt, liest sie anders als ihre Autoren sie geschrie­ben haben wollten.


Vor­stän­de kom­mu­ni­zie­ren Dau­er­haf­tig­keit nicht, wenn sie selbst­ver­ständ­lich ist. Die rhe­to­ri­sche Figur der „dau­er­haft hohen Gewin­ne”, die Ste­fa­nie Münz den Jah­res­zah­len der LBBW bei­gege­ben hat, erscheint typi­scher­wei­se dann, wenn die Zins­pha­se, die die­se Gewin­ne ermög­licht hat, ihrem Ende ent­ge­gen­geht. Inso­fern ist die Tona­li­tät der Mel­dung bereits ein Datum für sich, bevor man die Zah­len über­haupt im Ein­zel­nen gele­sen hat. Wer ein „star­kes Signal” wahr­nimmt, soll­te zuerst fra­gen, wer hier sen­det, an wen, und war­um der Anlass über­haupt ein Signal verlangt.

Ein Vor­steu­er­ge­winn von 1,28 Mrd. Euro ist beacht­lich, aber er steht nicht allein im Raum. Das deut­sche Ban­ken­sys­tem insgesamt—von der Deut­schen Bank über die Com­merz­bank bis zu Spar­kas­sen, Volks­ban­ken und Landesbanken—hat seit der Zins­wen­de 2022 unge­wöhn­lich hohe Ergeb­nis­se ein­ge­fah­ren. Die wesent­li­che Quel­le ist nicht ope­ra­ti­ve Exzel­lenz, son­dern der Zins­über­schuss, der sich nach einer Deka­de Nega­tiv­zin­sen abrupt nor­ma­li­siert hat. Wer in den Jah­ren 2023 bis 2025 kei­ne Gewin­ne macht, hat ein haus­ge­mach­tes Pro­blem; wer Gewin­ne macht, par­ti­zi­piert am geld­po­li­ti­schen Rücken­wind. Die­se Ein­ord­nung rela­ti­viert die Zuschrei­bung des Ergeb­nis­ses an Diver­si­fi­ka­ti­on und Kos­ten­kon­trol­le erheb­lich. Auch die Rekor­der­trä­ge aus Wert­pa­pier­han­del, Ver­mö­gens­ver­wal­tung und Pro­vi­si­ons­ge­schäft sind zykli­sche Grö­ßen, die an eine güns­ti­ge Markt­pha­se gebun­den sind, nicht an ein struk­tu­rell über­le­ge­nes Geschäfts­mo­dell. Han­dels­er­geb­nis­se zäh­len, das zeigt die Ban­ken­ge­schich­te seit den 1990er Jah­ren ver­läss­lich, zu den flüch­tigs­ten aller Ertragskomponenten.

Beson­de­res Augen­merk ver­dient die Risi­ko­vor­sor­ge. Dass sie auf 332 Mio. Euro gesun­ken ist, wird in der Eigen­kom­mu­ni­ka­ti­on als Beleg für Sta­bi­li­tät gewen­det. Struk­tu­rell gele­sen ist das Gegen­teil näher­lie­gend. In einer Pha­se, in der die deut­sche Indus­trie unter dem dop­pel­ten Druck der chi­ne­si­schen Export­of­fen­si­ve und anhal­tend hoher Ener­gie­kos­ten steht, in der die gewerb­li­che Immo­bi­lie euro­pa­weit in einer tie­fen Kor­rek­tur ver­harrt, und in der die Pro­gno­sen des IAB eine fort­ge­setz­te Schwä­che des Arbeits­mark­tes anzei­gen, wären stei­gen­de, nicht fal­len­de Vor­sor­gen das erwart­ba­re Bild. Die pro­zy­kli­sche Logik von IFRS 9 ist seit Jah­ren bekannt und zählt zu den unbe­ant­wor­te­ten Struk­tur­schwä­chen der euro­päi­schen Bank­bi­lan­zie­rung. His­to­risch sind die nied­rigs­ten Vor­sor­ge­quo­ten regel­mä­ßig an den Zyklus­hoch­punk­ten gemes­sen worden—2006, 2007, zuletzt 2019. Eine fal­len­de Vor­sor­ge im aktu­el­len Umfeld ist ein Früh­in­di­ka­tor, der ein Fra­ge­zei­chen ver­dient, kein Aus­ru­fe­zei­chen. Die par­al­le­le Beob­ach­tung aus dem genos­sen­schaft­li­chen Sek­tor, wo BVR-Rekord­ge­win­ne auf stei­gen­de NPL-Quo­ten tref­fen, fügt sich in das­sel­be Muster.

Die Inte­gra­ti­on der Ber­lin Hyp wird als struk­tu­rel­ler Fort­schritt gefei­ert. Betriebs­wirt­schaft­lich mag sie das im Hin­blick auf Syn­er­gien und Fun­ding-Struk­tur sein; port­fo­lio­theo­re­tisch erhöht sie die Kon­zen­tra­ti­on der LBBW in einer Anla­ge­klas­se, die sich in einem schwe­ren struk­tu­rel­len Umbruch befin­det. Büro­im­mo­bi­li­en in deut­schen B- und C‑Lagen, Ein­zel­han­dels­flä­chen und zuneh­mend auch Logis­tik in Über­ka­pa­zi­täts­re­gio­nen sind kei­ne Seg­men­te, in die eine Lan­des­bank zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt ihre Expo­nie­rung ver­grö­ßern soll­te, wenn sie die kom­men­den Jah­re ohne Ver­wer­fun­gen durch­fah­ren will. Die Ber­lin-Hyp-Inte­gra­ti­on bin­det die LBBW struk­tu­rel­ler an den Com­mer­cial-Real-Estate-Zyklus, als es ihre bis­he­ri­ge Auf­stel­lung tat. Dass die­ser Umstand in der Eigen­kom­mu­ni­ka­ti­on uner­wähnt bleibt, ist nicht über­ra­schend, aber ana­ly­tisch bemerkenswert—und ein klas­si­scher Fall des­sen, wor­auf Ansoff mit dem Begriff der „weak signals” hin­ge­wie­sen hat.

Im Hin­ter­grund steht das struk­tu­rel­le Mus­ter der Lan­des­ban­ken. Sie haben in der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te Pha­sen hoher Gewin­ne in güns­ti­gen Zins­pha­sen immer wie­der mit Kri­sen bezahlt, die aus ris­kan­ten Aus­weich­ma­nö­vern in der Zins­dür­re resul­tier­ten. HSH Nord­bank, WestLB, Bay­ern­LB, Sach­senLB ste­hen in die­ser Rei­he. Die LBBW ist heu­te ein der am bes­ten auf­ge­stell­ten unter den ver­blie­be­nen Häu­sern. Doch die struk­tu­rel­len Span­nun­gen des Modells sind mit einem oder meh­re­ren guten Jah­ren nicht ver­schwun­den: kei­ne eige­ne Retail-Basis auf Spar­kas­sen-Niveau, eine Abhän­gig­keit von Who­le­sa­le-Fun­ding, die poli­tisch-kom­mer­zi­el­le Eig­ner­am­bi­gui­tät zwi­schen Land Baden-Würt­tem­berg, Spar­kas­sen­ver­band und Stadt Stutt­gart, und schließ­lich die regio­na­le Kon­zen­tra­ti­on auf ein Baden-Würt­tem­berg, das selbst als Auto­mo­bil- und Maschi­nen­bau-Clus­ter unter erheb­li­chem struk­tu­rel­lem Druck steht. Die­se Span­nun­gen sind tem­po­rär über­tönt von einem zins­ge­trie­be­nen Ertrags­bild, nicht aufgelöst.

Die eigent­li­che Zumu­tung der Ankün­di­gung liegt jedoch nicht in den Zah­len, son­dern in ihrer epis­te­mi­schen Struk­tur. Die Aus­sa­ge, der Gewinn wer­de „dau­er­haft” ober­halb der Mil­li­ar­den­gren­ze lie­gen, setzt vor­aus, dass die Finanz­che­fin eines Insti­tuts mit erheb­li­cher Expo­nie­rung in Zins­märk­ten, gewerb­li­chen Immo­bi­li­en und einem indus­tri­ell unter Druck ste­hen­den Fir­men­kun­den­port­fo­lio die Zukunft vor­her­se­hen kön­ne. Im Finanz­sek­tor, und bei den Lan­des­ban­ken im Beson­de­ren, ist genau die­se Fähig­keit his­to­risch nie nach­ge­wie­sen wor­den. Die Pro­gno­sen der WestLB, der Sach­senLB, der HSH Nord­bank und der Bay­ern­LB sind in schö­ner Regel­mä­ßig­keit von der Rea­li­tät wider­legt wor­den, häu­fig inner­halb weni­ger Quar­ta­le nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung. Selbst seriö­se makro­öko­no­mi­sche Insti­tu­tio­nen mit weit grö­ße­ren Analyseapparaten—IWF, Bun­des­bank, ifo—verfehlen ihre Jah­res­pro­gno­sen rou­ti­ne­mä­ßig; dass eine ein­zel­ne Bank­vor­stän­din Aus­sa­gen über die Dau­er­haf­tig­keit eige­ner Gewin­ne tref­fen kann, die über meh­re­re Zyklus­pha­sen Bestand haben sol­len, ist eine Annah­me, für die es in der Ban­ken­ge­schich­te kei­nen Beleg gibt. Pop­per wür­de an die­ser Stel­le dar­an erin­nern, dass Pro­gno­sen Ver­mu­tun­gen sind, die an der Rea­li­tät schei­tern können—und im Bank­we­sen ver­läss­lich schei­tern, sobald der Zyklus dreht. Dass eine CFO sich den­noch mit einer sol­chen Aus­sa­ge an die Öffent­lich­keit wen­det, ist kom­mu­ni­ka­tiv bemer­kens­wert: Es ver­langt vom Publi­kum ent­we­der den Glau­ben an eine hell­se­he­ri­sche Kom­pe­tenz, deren Exis­tenz­be­weis fehlt, oder die Bereit­schaft, die Aus­sa­ge als das zu lesen, was sie struk­tu­rell ist—ein Beru­hi­gungs­akt, kein Pro­gno­se­akt. Die Tat­sa­che, dass die­se Aus­sa­ge öffent­lich aus­ge­spro­chen und von der Finanz­pres­se ohne Rück­fra­ge wei­ter­ge­reicht wird, sagt dabei weni­ger über die LBBW aus als über den Zustand einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­öko­no­mie, in der die epis­te­mi­sche Prü­fung sol­cher Sät­ze weit­ge­hend aus­ge­fal­len ist.

Auf­schluss­rei­cher als das Ergeb­nis 2025 ist vor die­sem Hin­ter­grund die Gui­dance für 2026: „über 1,1 Mrd. Euro”. Das ist, in einem CEO-Voka­bu­lar, das sys­te­ma­tisch zur opti­mis­ti­schen Sei­te neigt, ein Rück­gang von rund vier­zehn Pro­zent gegen­über dem berich­te­ten Jahr. Vor­stands­chefs for­mu­lie­ren sol­che Ziel­grö­ßen nicht als Böden, son­dern als erreich­ba­re Zie­le, häu­fig als Ober­gren­ze des­sen, was intern rea­lis­tisch erwar­tet wird. Wer die­se Zahl neben die Bot­schaft der „dau­er­haft hohen Gewin­ne” stellt, sieht die PR-Sche­re unmit­tel­bar: Die kom­mu­ni­ka­ti­ve Linie kün­digt Dau­er an, die nume­ri­sche Linie kon­ze­diert Zyklus. Die Dif­fe­renz zwi­schen bei­den ist der ana­ly­tisch inter­es­san­te Ort.

Das Ergeb­nis der LBBW ist soli­de und zeigt, dass das Haus die Zins­pha­se dis­zi­pli­niert aus­ge­nutzt hat. Es ist aber kein Beleg für ein struk­tu­rell über­le­ge­nes Geschäfts­mo­dell, son­dern für die Fähig­keit, bei güns­ti­ger Wit­te­rung nicht zu stol­pern. Die eigent­li­chen Prüfungen—die CRE-Kor­rek­tur, die Fol­gen der deut­schen Indus­trie-Dekon­struk­ti­on für das Fir­men­kun­den­port­fo­lio, das Aus­lau­fen des Zins­rücken­windes, der Locke­rungs­pfad der EZB—stehen noch aus. Eine nüch­ter­ne Les­art wür­de die 1,28 Mrd. Euro als Hoch­punkt eines Zyklus begrei­fen, nicht als Aus­gangs­punkt eines neu­en Niveaus. Genau in die­ser Dif­fe­renz liegt der eigent­li­che Gehalt der Meldung.

Ralf Keu­per