Alfred Escher baute in den 1850er Jahren mit Kreditanstalt und Rentenanstalt keine bloßen Banken, sondern ein integriertes Finanzierungssystem für die schweizerische Industrialisierung. Die Verschränkung von Projektfinanzierung und Kapitalakkumulation, verbunden mit gezielter Infrastrukturpolitik, machte Zürich zum dominanten Finanzplatz der Schweiz – lange bevor die strategische Tragweite dieser Institutionengründungen sichtbar wurde. Eschers persönlicher Sturz änderte daran nichts mehr.
Die Gründung der Schweizerischen Kreditanstalt 1856 wird oft als Reaktion auf akuten Kapitalbedarf der Nordostbahn erzählt, als pragmatischer Schritt eines Eisenbahnunternehmers, der Finanzierungslücken schließen musste. Diese Lesart verkennt die strategische Dimension: Escher verstand die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern in Paris, London und Frankfurt nicht nur als Finanzierungsproblem, sondern als Souveränitätsdefizit. Wer die Kapitalzufuhr kontrolliert, nimmt Einfluss auf strategische Infrastrukturentscheidungen. Die Kreditanstalt sollte diese Abhängigkeit brechen und Schweizer Kapital für Schweizer Projekte mobilisieren. Finanzplatzentwicklung war bei Escher keine ökonomische Spekulation, sondern politisches Programm.
Die Architektur, die Escher in den folgenden Jahren aufbaute, folgte einer funktionalen Logik, die über einzelne Institutionen hinausging. Mit der Rentenanstalt 1857 schuf er das komplementäre Element zur Kreditanstalt: Während diese kurzfristige Projektfinanzierung, Emissionsgeschäft und Industriekredite organisierte – das dynamische, transaktionale Element des Systems – sammelte die Rentenanstalt langfristige Spargelder und Versicherungsprämien und stellte sie als Investitionskapital zur Verfügung. Die Kreditanstalt finanzierte Industrialisierung und Infrastruktur, die Rentenanstalt akkumulierte das durch diese Entwicklung entstehende bürgerliche Vermögen und speiste es als langfristiges Kapital zurück in das System. Ein selbstverstärkender Kreislauf entstand, der Zürich zum Organisationszentrum schweizerischer Kapitalströme machte.
Dieser Kreislauf war nicht zufällig in Zürich lokalisiert. Escher verstand früh, dass Finanzplatzbildung infrastrukturelle und institutionelle Voraussetzungen braucht. Die Nordostbahn machte Zürich zum Verkehrsknoten, der Hauptbahnhof zum zentralen Umschlagpunkt des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Die Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums 1854 – Escher war bis zu seinem Tod Vizepräsident des Schulrats – schuf eine Ausbildungsstätte für Ingenieure und technische Intelligenz, die sowohl Eisenbahnbau als auch industrielle Entwicklung vorantrieb. Die Eisenbahnerfolge generierten Vertrauen in Zürich als Emissionsplatz für Anleihen und Aktien. Die informellen Netzwerke der Mittwochs- und Donnerstagsgesellschaft koordinierten die beteiligten Akteure aus Politik, Wirtschaft und Bildung. Vier Mechanismen griffen ineinander: Konzentration von Steuerungszentren, Infrastrukturkopplung, Kapitalattraktion und Reputationsbildung.
Die zeitgenössische Kritik an Eschers Machtfülle – “Zar von Zürich”, “heimlicher König der Schweiz”, “Bundesbaron” – war nicht unberechtigt. Seine Doppelrolle als Nationalrat, Regierungsrat, Bankdirektor und Eisenbahnpräsident konzentrierte politische Entscheidungsmacht und ökonomische Steuerungsfähigkeit in einer Person. Gordon A. Craig zitiert in “Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869” Jakob Stämpflis Vorwurf der “modernen Feudalherren”, die sich den “Anstrich von Wohltätern der Menschheit” gaben. Die “Eidgenössische Zeitung” warnte bereits 1852 vor “Börsenspiel und Papierschwindel”. Diese Kassandrarufe waren, wie Craig einordnet, in der ersten Phase des wirtschaftlichen Aufstiegs übertrieben. In den 1850er und 1860er Jahren war die Verschränkung von liberaler Politik und wirtschaftlichen Interessen noch produktiv, die Industriellen in der liberalen Partei waren Baumeister, nicht Rentiers. Erst später, als sich wirtschaftliche Macht konsolidierte und Kellers pessimistische Diagnosen über den “alles durchdringenden Materialismus” zutreffend wurden, schlug produktive Machtkonzentration in dysfunktionale Privilegiensicherung um.
Die Eisenbahnkrise der 1870er Jahre, Kursverluste, Kostenüberschreitungen beim Gotthard und Emil Weltis politische Offensive gegen Escher führten 1878 zu dessen erzwungenem Rücktritt aus der Gotthardbahnleitung und faktisch zu seinem politischen Sturz. Vier Jahre später starb er, verbittert und isoliert. Aber dieser persönliche Fall änderte nichts an der strukturellen Position Zürichs. Die Kreditanstalt und die Rentenanstalt funktionierten unabhängig von ihrem Gründer weiter. Die Institutionen waren bei ihrer Gründung auf Escher angewiesen, danach aber selbstständig operationsfähig. Die SRF-Dokumentation Alfred Escher – Aufstieg und Fall des Schweizer Wirtschaftspioniers formuliert präzise, dass niemand “ahnte, dass seine Unternehmen Zürich zum grössten Finanzplatz Europas machen würden”. Die systemische Wirkung überstieg die persönliche Intention.
Darin liegt die historische Singularität Eschers: Er operierte in einem kurzen Zeitfenster, in dem der junge Bundesstaat von 1848 schwache Zentralgewalt hatte, Kompetenzen zwischen Kantonen und Bund unklar waren, regulatorische Strukturen fehlten und Kapitalmangel persönliche Netzwerke zur Kapitalmobilisierung notwendig machte. In dieser Phase konnte persönliche Macht noch systembildend wirken. Escher nutzte diese Bedingungen nicht nur, er verstand ihre strukturelle Logik: Politik, Kapital, Infrastruktur und Bildung funktionierten nicht isoliert, sondern als System. Er baute keine einzelnen Institutionen, sondern ein Gefüge wechselseitiger Verstärkung.
Die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften, regulatorische Dichte, Transparenzanforderungen und institutionalisierte Interessenvertretung machen solche Machtkonzentration heute unmöglich. Was bei Escher als persönliche Steuerungsfähigkeit produktiv war, würde heute als Systemrisiko, Korruption oder Kartellbildung sanktioniert werden. Die von ihm geschaffenen Institutionen – ETH Zürich, Gotthardbahn, Swiss Life – überdauerten ihn lange, die Kreditanstalt existierte als Credit Suisse 167 Jahre, bevor sie 2023 in der UBS aufging. Die institutionelle Persistenz war bemerkenswert, aber nicht automatisch. Escher baute Strukturen, die funktional waren und ihre Gründungsbedingungen überdauerten – aber auch diese blieben historisch kontingent. Seine eigentliche Leistung lag nicht in der Ewigkeit seiner Institutionen, sondern darin, dass er in einer spezifischen historischen Konstellation ein System schuf, das die Transformation der Schweiz zur Industrienation ermöglichte.
Ralf Keuper

