Die ange­kün­dig­te Wert­pa­pier-Offen­si­ve der Spar­kas­sen ist stra­te­gisch nötig, aber sie wirkt eher defen­siv und halb­gar im Ver­gleich zu ech­ten Neo­bro­kern – tech­nisch ein Fort­schritt, struk­tu­rell blei­ben die alten Probleme.


Was kon­kret geplant ist

Ab 2026 sol­len Akti­en- und ETF-Käu­fe sowie ETF-Spar­plä­ne direkt in der bestehen­den Spar­kas­sen-App mög­lich sein, ohne sepa­ra­te Wert­pa­pier-Apps[1]Spar­kas­sen grei­fen Neo­bro­ker mit ‘offen­si­ve­rem Pro­dukt’ an. Die Ziel­grup­pe sind klar die Selbst­ent­schei­der, die bis­her zu Trade Repu­blic, Sca­lable & Co. abge­wan­dert sind.

Dis­ku­tiert wer­den nied­ri­ge­re Order­ge­büh­ren und ggf. redu­zier­te oder weg­fal­len­de Depot­ge­büh­ren, aber jede Spar­kas­se ent­schei­det selbst über das kon­kre­te Preis­mo­dell. Kryp­to-Han­del soll ab Mit­te 2026 hin­zu­kom­men; Pri­va­te-Equi­ty-Ange­bo­te sind expli­zit nicht geplant.

War­um das sinn­voll ist:

  • Die Spar­kas­sen ver­lie­ren seit Jah­ren Wert­pa­pier­kun­den an Neo­bro­ker, weil deren Apps ein­fa­cher, güns­ti­ger und spie­le­ri­scher zu bedie­nen sind
  • Mit rund 19 Mil­lio­nen App-Nut­zern haben sie einen enor­men Hebel: Wenn Wert­pa­pier­han­del „per Knopf­druck” direkt im Giro-Umfeld mög­lich ist, senkt das mas­siv Rei­bung für Einsteiger
  • Für Kun­den, die ger­ne alles bei einer Haus­bank bün­deln (Giro, Depot, Bera­tung, Filia­le), kann ein inte­grier­tes, halb­wegs güns­ti­ges Ange­bot attrak­tiv sein

Wo die Gren­zen liegen:

  • Preis­lich wer­den die Spar­kas­sen vor­aus­sicht­lich nicht dau­er­haft auf 0–1 Euro pro Trade her­un­ter­ge­hen; teil­wei­se ist noch von 8–12 Euro die Rede, und selbst 2–3 Euro wären nur ein hal­ber Schritt
  • Das Preis­mo­dell bleibt frag­men­tiert: Jede Spar­kas­se kann eige­ne Gebüh­ren set­zen; das steht im Kon­trast zur kla­ren, ein­heit­li­chen Preis­lo­gik der Neobroker
  • Die Infra­struk­tur über Deka und DWP Bank setzt Kos­ten- und Kom­ple­xi­täts­gren­zen, wes­halb inter­ne Stim­men selbst sagen, ein güns­ti­ges oder kos­ten­lo­ses Depot sei eigent­lich Vor­aus­set­zung für Wettbewerbsfähigkeit

Das struk­tu­rel­le Dilem­ma: Platt­form vs. Verbund

Neo­bro­ker funk­tio­nie­ren als zen­tra­le Platt­for­men mit ein­heit­li­cher Preis­lo­gik, kon­sis­ten­ter UX und radi­ka­ler Kos­ten­ef­fi­zi­enz. Die Spar­kas­sen blei­ben ein föde­ra­ler Ver­bund von 350+ recht­lich selb­stän­di­gen Insti­tu­ten, die gemein­sa­me Infra­struk­tur nut­zen, aber eige­ne Pri­cing-Sou­ve­rä­ni­tät behal­ten wollen.

Das ist kein tech­ni­sches, son­dern ein Gover­nan­ce-Pro­blem: Selbst wenn die Deka/DWP-Infra­struk­tur tech­nisch lie­fert, kann jede Spar­kas­se aus loka­len Ertrags­zwän­gen eige­ne Gebüh­ren­mo­del­le fah­ren. Das Ergeb­nis ist Frag­men­tie­rung statt Ska­lie­rung – genau das Gegen­teil des­sen, was Platt­form­öko­no­mie erfolg­reich macht.

His­to­ri­sche Parallelen

Die Spar­kas­sen haben die­ses Mus­ter bereits mehr­fach durchgespielt:

  • Pay­di­rekt schei­ter­te an man­geln­der Ver­ein­heit­li­chung und spä­ter Markteinführung
  • Kwitt war tech­nisch soli­de, aber kam Jah­re nach Venmo/​PayPal
  • Giro­pay wur­de nie zum domi­nan­ten Stan­dard, weil die Durch­set­zung im Ver­bund zu schwach war
  • Yomo – das viel­leicht sym­pto­ma­tischs­te Bei­spiel: 2021 als digi­ta­le Ban­king-App für jun­ge Ziel­grup­pen gestar­tet, um N26 und Co. zu kon­tern, 2023 bereits wie­der ein­ge­stellt. Eine App, die weder tech­nisch über­zeug­te noch preis­lich kon­kur­renz­fä­hig war, und die nach zwei Jah­ren man­gels Erfolg ein­fach auf­ge­ge­ben wurde

Das Yomo-Deba­kel zeigt das Grund­pro­blem beson­ders deut­lich: Halb­her­zi­ger Start, unkla­re Posi­tio­nie­rung, feh­len­de Durch­hal­te­fä­hig­keit. Statt eine digi­ta­le Mar­ke über Jah­re kon­se­quent auf­zu­bau­en (wie N26 es mit mas­si­ven Ver­lus­ten jah­re­lang durch­ge­zo­gen hat), wur­de nach kur­zer Zeit der Ste­cker gezo­gen. Das ist das Gegen­teil von Platt­form-Den­ken, das auf lang­fris­ti­ge Ska­lie­rung und Mar­ket-Making setzt.

Der föde­ra­le Auf­bau ist iden­ti­täts­stif­tend, aber er ver­hin­dert sys­te­ma­tisch die radi­ka­le Ver­ein­heit­li­chung, die digi­ta­le Platt­for­men brau­chen, um gegen zen­tra­li­sier­te Wett­be­wer­ber zu bestehen. Und er ver­hin­dert die stra­te­gi­sche Geduld, die nötig ist, um digi­ta­le Öko­sys­te­me auf­zu­bau­en – weil jedes Insti­tut kurz­fris­ti­ge Ertrags­zie­le hat und nie­mand ver­bind­lich für Ver­lus­te wäh­rend der Auf­bau­pha­se haf­ten will.

Die Preis-Fal­le: Zwi­schen Ertrags­druck und Wettbewerbsfähigkeit

Inter­ne Kri­ti­ker nen­nen das „kos­ten­lo­ses Depot als Vor­aus­set­zung”. Das igno­riert jedoch, dass die Spar­kas­sen ein grund­sätz­lich ande­res Ertrags­mo­dell fah­ren müssen:

Neo­bro­ker-Öko­no­mie

  • Ska­lie­rung auf Mil­lio­nen Kun­den mit mini­ma­lem Kostensockel
  • Pay­ment for Order Flow (PFOF) in den USA; in Euro­pa Zins­mar­gen, in Deutsch­land jetzt mit MFT-Lizenz, Pre­mi­um-Abos, Krypto-Spreads
  • Kein Fili­al­netz, kei­ne Beratungsinfrastruktur
  • Kun­de als Daten­punkt in einem Growth-ori­en­tier­ten Geschäftsmodell

Spar­kas­sen-Öko­no­mie

  • Loka­le Fili­al­prä­senz als Kos­ten­fak­tor und Selbstverständnis
  • Quer­fi­nan­zie­rung über Pro­vi­si­ons­ge­schäft (Fonds, Versicherungen)
  • Bera­tungs­ba­sier­tes Ver­triebs­mo­dell, das durch Self-Ser­vice kan­ni­ba­li­siert wird
  • Öffent­li­che Eigen­tü­mer­struk­tur mit begrenz­tem Kapi­tal­druck, aber auch begrenz­ter Risikobereitschaft

Wenn eine Spar­kas­se W…