Warum organisierte Banden heute keine Kassen mehr überfallen, sondern Tresorräume aufbohren – und was das über den Strukturwandel im Bankwesen verrät.
Der klassische Banküberfall ist ein Relikt. Wer heute mit vorgehaltener Waffe eine Sparkassenfiliale betritt, wird feststellen, dass sich der Aufwand kaum noch lohnt: Die Kassen führen minimale Bargeldbestände, die Überwachungssysteme sind engmaschig, die polizeiliche Reaktionszeit kurz. In Dänemark etwa halten nur noch rund zwanzig Filialen überhaupt Bargeld vor – Kartenzahlungen haben den Rest verdrängt.
Doch Kriminalität folgt ökonomischen Gesetzen. Wenn ein Markt austrocknet, suchen die Akteure nach Alternativen. Und die haben sie gefunden: in den Tresorräumen, wo Tausende Schließfächer auf engstem Raum konzentriert sind, gefüllt mit Bargeld, Gold, Schmuck und Dokumenten – Werte, die im operativen Filialbetrieb längst verschwunden sind.
Der Niedergang des Kassenraubs
Die Entwicklung lässt sich in nüchternen Zahlen ablesen. Die fortschreitende Bargeld-Substitution durch Kartenzahlung und Mobile Payment hat die liquiden Mittel aus den Filialen gezogen. Was früher die attraktive Beute bildete – der gefüllte Kassentresor – existiert in dieser Form nicht mehr.
Die Banken haben reagiert, nicht aus Sicherheitsgründen, sondern aus Kostengründen: Weniger Bargeld bedeutet weniger Handling, weniger Personal, weniger Versicherungskosten.
Parallel dazu hat sich die Sicherheitstechnik entwickelt. Hochauflösende Kameras, biometrische Zugangskontrollen, vernetzte Alarmsysteme – der potentielle Täter steht einer Infrastruktur gegenüber, die seine Erfolgswahrscheinlichkeit dramatisch senkt und sein Entdeckungsrisiko maximiert. Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht mehr auf.
Das Zwischenspiel der Automatensprenger
Für einige Jahre schien das Sprengen von Geldautomaten die logische Antwort auf den Niedergang des Kassenraubs zu sein. Allein 2022 wurden in Deutschland über 500 Automaten gesprengt, 2023 waren es noch 461 Fälle. Die Täter – überwiegend aus dem niederländisch-belgischen Korridor operierend – hatten sich professionalisiert: präzise Zeitfenster, schnelle Fluchtrouten über die A1 und A2, eingespieltes Vorgehen.
Doch dieses Geschäftsmodell stößt an Grenzen. Der massive Kollateralschaden – gesprengte Fassaden, beschädigte Wohnungen, Gefahr für Anwohner – erzwingt intensive Fahndung und länderübergreifende Ermittlungen. Die Banken haben aufgerüstet: Tintenfärbungssysteme, verstärkte Gehäuse, permanente Überwachung. Die Fallzahlen sinken seit 2024. Der Markt wurde reguliert – von beiden Seiten.
Die Renaissance des Tresorraubs
Was derzeit geschieht, ist keine Rückkehr zur klassischen Bankräuberei, sondern ihre Transformation. Die spektakulären Einbrüche in Sparkassen-Filialen in Gelsenkirchen und Bonn – mutmaßliche Beutesummen im zweistelligen Millionenbereich – markieren einen Paradigmenwechsel. Die Täter arbeiten sich mit Spezialbohrern in die Tresorräume vor und brechen systematisch Hunderte, manchmal Tausende Schließfächer auf.
Der Grund liegt in einer bemerkenswerten Informationsasymmetrie: Der Inhalt von Schließfächern ist weder den Banken noch den Behörden bekannt. Das erzeugt gleich drei Effekte, die für organisierte Kriminalität attraktiv sind. Erstens ist die Beute schwer zu beziffern und damit auch schwer zu versichern. Zweitens melden Geschädigte nicht immer vollständig – Schwarzgeld und unversteuerte Werte schaffen ungern Aktenkundigkeit. Drittens laufen Ermittlungen ins Leere, wenn niemand genau weiß, was eigentlich fehlt.
Die Konzentrationsdynamik als Verstärker
Das Filialsterben im deutschen Bankwesen wirkt als Multiplikator. Eine Sparkasse, die früher zehn Filialen mit je 200 Schließfächern betrieb, konzentriert heute vielleicht noch 1.600 Fächer auf zwei Standorte. Für organisierte Banden bedeutet das: Ein einziger erfolgreicher Einbruch ersetzt zehn frühere Taten. Die Konzentration der Werte folgt der Konzentration der Strukturen.
Es ist die gleiche Logik, die in anderen Branchen unter dem Begriff der „Angriffsfläche” diskutiert wird. Je weniger Standorte, desto höher die Wertdichte pro Standort. Die Effizienzgewinne der Bank werden zu den Effizienzgewinnen der Einbrecher.
Was das Bankwesen daraus lernen muss
Die Verlagerung der kriminellen Aufmerksamkeit ist ein Indikator für strukturelle Veränderungen, die weit über Sicherheitsfragen hinausreichen. Sie zeigt, dass der physische Restbestand des Bankgeschäfts – die Tresorräume, die Schließfächer – unter einem anderen Risikoprofil steht als bisher angenommen. Die Sicherheitskonzepte, die für Bargeldbestände und Geldautomaten entwickelt wurden, greifen hier nicht.
Interessanterweise schweigen die betroffenen Institute meist zu den Vorfällen – aus nachvollziehbaren Gründen. Wer öffentlich über Schwachstellen in Tresorräumen diskutiert, lädt zur Nachahmung ein. Doch das Schweigen hat seinen Preis: Es verhindert den branchenweiten Austausch über wirksame Gegenmaßnahmen.
Die eigentliche Frage ist, ob das Schließfachgeschäft in seiner heutigen Form noch zeitgemäß ist. In einer Welt, in der Werte zunehmend digital existieren und physische Wertaufbewahrung ein Nischenphänomen wird, könnte die konzentrierte Lagerung in Banktresoren ein Auslaufmodell sein – nicht weil die Nachfrage verschwindet, sondern weil das Risikoprofil nicht mehr beherrschbar ist.
Die Lehre für das Bankwesen
Die Verschiebung der Banküberfälle ist mehr als eine Fußnote in der Kriminalstatistik. Sie ist ein Seismograph für den Strukturwandel im Bankwesen. Wo früher der operative Betrieb das Ziel war, wird heute der letzte physische Wertlager attackiert. Organisierte Kriminalität reagiert auf Marktveränderungen schneller und adaptiver als manche Institutsleitung – ein Befund, der zum Nachdenken anregen sollte.
Die Banken haben den Bargeldbestand aus den Filialen gedrängt, aus guten betriebswirtschaftlichen Gründen. Dass damit der „Angriffspunkt” nicht verschwunden ist, sondern sich nur verlagert hat, war vorhersehbar. Dass die Schließfächer nun ins Visier geraten, ist die konsequente Folge. Die nächste Frage muss lauten: Was kommt danach?
Ralf Keuper
Quellen:
Old School Bank Robbers Are a Vanishing Breed – finews.com
https://www.finews.com/news/english-news/55132-bank-robbers-are-a-vanishing-breed
Wütende Kundschaft versammelt sich nach Bankraub vor Sparkasse in Gelsenkirchen – TeleBärn
https://www.telebaern.tv/news/wuetende-kundschaft-versammelt-sich-nach-bankraub-vor-sparkasse-in-gelsenkirchen-162937176
Thieves drill into German bank vault and steal millions from safety deposit boxes – euronews
https://www.euronews.com/2025/12/30/thieves-drill-into-german-bank-vault-and-steal-millions-from-safety-deposit-boxes
Thieves use drill to steal €30m in German bank heist – BBC News
https://www.bbc.com/news/articles/c4grzz60kp3o
Looting of ATM cash machines in Germany still rife – Euro Weekly News
https://euroweeklynews.com/2024/10/28/atm-blast-crime-continues-to-sweep-across-germany/
Spektakuläre Einbrüche in Sparkassen: Millionenbeute und Goldraub – IT-Boltwise
https://www.it-boltwise.de/spektakulaere-einbrueche-in-sparkassen-millionenbeute-und-goldraub.html

