Wero scheitert nach dem gleichen Muster wie Paydirekt – nur 3 Millionen aktivierte Nutzer in Deutschland, bei angekündigten Händlern wie Lidl oder Rossmann ist der Dienst nicht einmal gelistet. Man braucht 5‑Euro-Prämien für Aktivierungen. Das ist kein Zufall, sondern strukturelle Konsequenz dysfunktionaler Konsortiallogik.
Dabei konnten die Banken früher anders. 1971 schuf Eckart van Hooven mit dem Eurocheque eine grenzüberschreitende Payment-Infrastruktur für 15 Länder – schnell, einfach, erfolgreich. 1985 entwarf Wolfgang Starke die S‑Card mit Echtzeit-Bezahlung, vierzig Jahre vor Wero. 1995 etablierte die deutsche Bankenbranche mit HBCI die weltweit erste API-Initiative im Banking – Open Banking zwanzig Jahre vor PSD2, als freiwilliger Standard.
Was geschah zwischen 1995, als HBCI funktionierte, und 2015, als Paydirekt scheiterte? In diesen zwanzig Jahren erodierten die Banken ihre institutionelle Entscheidungsfähigkeit systematisch. Regulatorische Verdichtung, Finanzialisierung der Steuerung, Beratungsabhängigkeit, Gremienkultur – die Konsorten wandelten sich von Entscheidungszentren zu Konsenssystemen. Das Konsortium wurde zum Konsens-System zweiter Ordnung, in dem sich Entscheidungskosten potenzieren statt zu addieren.
Diese Analyse zeigt: Die Banken verlieren nicht an Silicon Valley oder PayPal. Sie verlieren an sich selbst. Das ist keine Nostalgie, sondern präzise Diagnose einer Transformation, die theoretisch umkehrbar ist – wenn man sie erst einmal versteht.
Eine strukturelle Analyse institutioneller Entscheidungsunfähigkeit im europäischen Banking
Prolog: Die Wiederholung als Pathologie
Paydirekt ist gescheitert. Wero wiederholt das Muster ohne grundlegende Änderung der Methodik. Die Zahlen vom Dezember 2025 sind eindeutig: In Deutschland nur 3 Millionen aktivierte Nutzer, bei angekündigten Händlern wie Hornbach, Rossmann oder Lidl ist Wero noch nicht einmal als Zahlungsmethode gelistet. Man braucht 5‑Euro-Prämien, um überhaupt Aktivierungen zu erzeugen. Die Deutsche Bank startete erst Mitte Dezember 2025 mit vollem Funktionsumfang – mehr als ein Jahr nach dem ursprünglichen Wero-Launch.
Das ist nicht Pech. Das ist strukturelle Konsequenz einer institutionellen Pathologie, die sich präzise benennen lässt: dysfunktionale Konsortiallogik. Dabei haben die Banken historisch bewiesen, dass es auch anders geht. Die Beweise sind zahlreich und eindrucksvoll:
- Eurocheque (1971): Grenzüberschreitende Payment-Infrastruktur für 15 europäische Länder
- EC-Karte (1981): Bargeldlose Zahlung und Geldautomatenzugang, offensiv gegen US-Konkurrenz positioniert
- S‑Card-Vision (1985): Elektronisches Echtzeit-Bezahlen, konzeptionell vierzig Jahre vor seiner Zeit
- HBCI (1995): Open Banking als branchenweiter Standard, zwanzig Jahre vor PSD2
Dies waren nicht zufällige Einzelerfolge, sondern systematische Innovationsfähigkeit über drei Jahrzehnte. Die Banken führten technologisch, koordinierten effektiv, gestalteten offensiv. “Bis zur Jahrtausendwende auf der Höhe der Zeit”, wie sich retrospektiv feststellen lässt.
Was hat sich verändert? Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie führt ins Zentrum der institutionellen Transformation, die zwischen 1995 (HBCI funktioniert) und 2015 (Paydirekt scheitert) stattfand.
I. Der Eurocheque als Kontrastfolie
Die Ausgangslage 1971
Am 7. Mai 1971 beschlossen Kreditinstitute aus 15 Ländern, Schecks und Scheckkarten ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild zu geben. Der “Vater des Eurocheques”, Eckart van Hooven – damals im Vorstand der Deutschen Bank für das Privatkundengeschäft zuständig – hatte eine klare Vision: ein Zahlungsmittel von Europäern für Europäer. Der garantierte Höchstbetrag betrug zunächst 300 DM. Von diesem Schub profitierten europäischer Einzelhandel und Hotellerie gleichermaßen.
Die strategische Klarheit war bemerkenswert. Van Hooven formulierte 1983 gegenüber der New York Times die Bedrohungslage explizit: “Es gibt eine starke Flut amerikanischer Einkaufskarten auf dem europäischen Markt, mit der erklärten Absicht, die europäischen Zahlungsmittel wie Eurocheque und Eurocard zu verdrängen. Sie bedrohen die Möglichkeiten und die Dienstleistungen der europäischen Banken. Sie bergen die Gefahr, dass die…

