Dr. Andre­as Windisch

Die stra­te­gi­sche Bedeu­tung der Digi­ta­len Iden­ti­tä­ten ist in den letz­ten Mona­ten in den Fokus gerückt. Bei­spiel­haft dafür ist der Start der Daten- bzw. Log­in-Alli­an­zen Ver­i­mi und net­ID, von YES sowie von Anbie­tern block­chain-basier­ter Lösun­gen wie Block­chain Helix und Idento.one. Der der­zei­ti­ge Zustand, das Feh­len eines sog. Iden­ti­ty Lay­ers, eines “Meta-Log­ins” für das Inter­net, spielt nach Ansicht vie­ler Markt­be­ob­ach­ter den gro­ßen Inter­net­kon­zer­nen (Goog­le Ama­zon, face­book, Apple – GAFA) in die Hän­de. Ein­mal ein­ge­loggt gibt es dar­aus kaum noch ein Ent­kom­men (Lock-in-Effekt) – der Gewöh­nungs­ef­fekt und die Bequem­lich­keit tun ihr übri­ges. Könn­ten die e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me, u.a. auf Basis der eID des neu­en Per­so­nal­aus­wei­ses, eine Alter­na­ti­ve sein? Ist die Block­chain für die Ver­wal­tung digi­ta­ler Iden­ti­tä­ten eine geeig­ne­te Tech­no­lo­gie? Kön­nen die Nut­zer die Hoheit, die Sou­ve­rä­ni­tät über ihre Daten zurück­ge­win­nen? Erhöht der aktu­el­le face­book-Skan­dal die Sen­si­bi­li­tät der Nut­zer für den Wert und die Schutz­be­dürf­tig­keit ihrer Daten? Was müss­te sich dafür auf tech­no­lo­gi­schem und orga­ni­sa­to­ri­schem Gebiet ändern, wel­che Vor­aus­set­zun­gen müs­sen noch geschaf­fen wer­den? Wel­che Rol­le hät­te pay­di­rekt spie­len kön­nen? Was für Optio­nen blei­ben den Ban­ken noch? Auf die­se und wei­te­re Fra­gen gibt Dr. Andre­as Win­disch (Foto), Mana­ging Direc­tor bei der asquared GmbH und über­dies pro­fun­der Ken­ner des Mark­tes für Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten, im Gespräch mit Bank­stil Antwort. 

  • Herr Dr. Win­disch, was macht das The­ma Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten für Sie so interessant?

Ich befas­se mich seit vie­len Jah­ren mit inno­va­ti­ven digi­ta­len Geschäfts­mo­del­len. Die ste­ti­ge Anpas­sung der Umfeld­pa­ra­me­ter des Mark­tes in den Berei­chen Kun­den­er­war­tun­gen, Regu­la­to­rik und Tech­no­lo­gie sind seit jeher Enabler für inno­va­ti­ve Geschäfts­mo­del­le. Für nahe­zu all die­se Geschäfts­mo­del­le bil­den digi­ta­le Iden­ti­tä­ten die Grund­la­ge: So sind für die Abwick­lung des Grund­ge­schäfts häu­fig gewis­se per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten erfor­der­lich und/​oder es muss sicher­ge­stellt wer­den, dass die Geschäfts­part­ner tat­säch­lich die sind, die sie vor­ge­ben zu sein. Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten sind somit ele­men­ta­rer Bestand­teil inno­va­ti­ver digi­ta­ler Lö­sun­gen, für die Stand heu­te jedoch in Deutsch­land kei­ne über­grei­fen­de Lö­sung exis­tiert. Vie­le Initia­ti­ven und Unter­neh­mun­gen ver­spre­chen aktu­ell, eine sol­che Lö­sung unter Wah­rung des Daten­schut­zes und der Pri­vat­sphä­re sei­ner Benut­ze­rIn­nen bereit­zu­stel­len und dadurch auch eine Ant­wort auf die vie­len Daten­schutz­skan­da­le zu liefern.

Die Schaf­fung einer adä­qua­ten Lö­sung für digi­ta­le Iden­ti­tä­ten Kom­pa­ti­bi­li­tät auf glo­ba­ler bzw. zunächst euro­päi­scher Ebe­ne sind gesell­schaft­lich höchst rele­vant und für mich als Infor­ma­ti­ker und Inge­nieur allein des­halb ganz beson­ders interessant.

Kim Came­ron mach­te bereits im Jahr 2005 dar­auf auf­merk­sam, dass ein über­grei­fen­der Iden­ti­ty Lay­er im Inter­net nicht exis­tiert und beschreibt, wie die­ser Lay­er aus­se­hen soll­te. Damals waren die Her­aus­for­de­run­gen auf Grund des Feh­lens eines sol­chen Lay­ers bereits deut­lich spür­bar: Es hat sich ein Fli­cken­tep­pich aus Aus­weich­lö­sun­gen eta­bliert, wel­che Abhil­fe schaf­fen soll­ten. In den letz­ten Jah­ren hat sich die Anzahl digi­ta­ler Geschäfts­mo­del­le und digi­ta­ler Öko­sys­te­me sowie die Durch­drin­gung des Inter­nets im All­tag jedoch signi­fi­kant gestei­gert, wes­halb eine Lö­sung erst recht erfor­der­lich wur­de. Ein ein­heit­li­cher Iden­ti­ty Lay­er exis­tiert jedoch nach wie vor nicht, die ein­her­ge­hen­den Pro­ble­me sind wei­ter­hin präsent.

Es exis­tie­ren vie­le inter­es­san­te Ansät­ze für tech­ni­sche Stan­dards, wie bei­spiels­wei­se ope­nID oder die Lö­sun­gen der fido Alli­ance, die in spe­zi­el­len Sek­to­ren, für ein­zel­ne Nut­zer­grup­pen oder bestimm­te Anwen­dungs­fäl­le zum Ein­satz kom­men. Kei­ner der Ansät­ze hat es jedoch bis­lang geschafft, tat­säch­lich über­grei­fend Akzep­tanz zu erfah­ren und sich als (de-fac­to) Stan­dard zu etablieren.

  • Ist der feh­len­de Iden­ti­ty Lay­er des Inter­nets nicht auch der Grund dafür, dass die sog. Daten­kra­ken wie face­book und Goog­le ihr eige­nes Rechts­re­gime beim Umgang mit den per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten der Nut­zer durch­set­zen konnten?

Der Begriff Daten­kra­ke wird häu­fig ver­wen­det, ist aber sehr nega­tiv kon­no­tiert. Face­book und Goog­le sind zwei Bei­spie­le für Unter­neh­men, die Pio­nie­re sind (bzw. waren) in der Erschaf­fung und Eta­blie­rung von daten­ba­sier­ten Geschäfts­mo­del­len. Die bekann­ten Daten­skan­da­le ver­deut­li­chen, wel­che Gefah­ren in der­ar­ti­gen Geschäfts­mo­del­len lie­gen, wenn die The­men Daten­schutz, Pri­vat­sphä­re und/​oder Secu­ri­ty nicht gen­ü­gend ernst genom­men werden.

Ich den­ke, ein bestehen­der Iden­ti­ty Lay­er hät­te die­se Pro­ble­me nicht voll­stän­dig ver­hin­dern kön­nen; immer­hin liegt ein Groß­teil der Pro­ble­me auch in der unü­ber­leg­ten Daten­frei­ga­be durch die Benut­zer. Face­book bei­spiels­wei­se ver­fügt grund­sätz­lich über einen ordent­li­chen Daten­frei­ga­be­me­cha­nis­mus und geeig­ne­te Pri­vat­sphä­ren­ein­stel­lungs­op­tio­nen – aber wie schnell wer­den die nö­ti­gen Frei­ga­ben bereit­wil­lig für sinn­lo­se Spie­le, Umfra­gen und Quiz von Dritt­an­bie­tern erteilt? Die Benut­zer und deren Sen­si­bi­li­tät für das The­ma Daten­schutz war und ist ein ganz ent­schei­den­der Fak­tor für die Erfol­ge die­ser Player.

Die Exis­tenz eines Iden­ti­ty Lay­ers hät­te die mitt­ler­wei­le erreich­te Über­macht der GAFAs viel­leicht ein­däm­men kön­nen. Die Benut­zer wä­ren viel­leicht schon früher für die Rele­vanz des Daten­schut­zes sen­si­bi­li­siert wor­den, Daten­frei­ga­ben mit der „ech­ten“ Iden­ti­tät wür­den viel­leicht etwas über­leg­ter erteilt und die Reich­wei­te der Diens­te durch Like- und Log­in- But­tons hät­te signi­fi­kant ein­ge­schränkt wer­den können.

Dies nach­zu­ho­len, ist nun das erklär­te Ziel lau­fen­der Initia­ti­ven – ob sie Erfolg haben wer­den, wird sich zeigen.

  • Wel­che Vor­aus­set­zun­gen soll­ten Ihrer Ansicht nach e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me erfül­len, wenn sie dau­er­haf­ten Erfolg haben wollen?

Aus mei­ner Sicht muss hier an zwei Stel­len ange­setzt wer­den. Zunächst müs­sen bei der Kon­zep­ti­on und Ent­wick­lung des e‑I­den­ti­ty-Sys­tems bzw. ‑Sche­mes selbst ein paar wich­ti­ge Din­ge berück­sich­tigt wer­den. Dabei geht es im Wesent­li­chen um die bereits erwähn­ten Laws of Iden­ti­ty von Came­ron, wobei ich noch stär­ker auf das Per­so­na-Kon­zept sowie die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen drän­gen wür­de, die eine Omni­prä­senz des Diens­tes ermög­li­chen. In mei­nem Bei­trag “Erfolgs­fak­to­ren für e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me” habe ich die Erfolgs­fak­to­ren zusam­men­ge­fasst. Das ist mei­nes Erach­tens aber alles kein Hexen­werk und heut­zu­ta­ge leicht zu bewerkstelligen.

Viel wich­ti­ger und tat­säch­lich rele­vant für die Eta­blie­rung eines e‑I­den­ti­ty-Sys­tem­s/­Sche­mes ist es, bestehen­de Digi­ta­li­sie­rungs­lü­cken im All­tag der Men­schen durch For­mu­lie­rung inno­va­ti­ver Anwen­dungs­fäl­le – die erst durch das Vor­han­den­sein eines über­grei­fen­den e- Iden­ti­ty-Sys­tems mög­lich sind – zu schlie­ßen, um somit einen für den Benut­zer deut­lich wahr­nehm­ba­ren Mehr­wert zu schaf­fen. Der Erfolg die­ser Sys­te­me kommt mit der wie­der­keh­ren­den Nut­zung, d.h. die Inte­gra­ti­on in häu­fig-fre­quen­tier­te Anwen­dungs­fäl­le als auch die Schaf­fung neu­er Anwen­dungs­fäl­le als Allein­stel­lungs­merk­mal soll­ten im Vor­der­grund stehen.

  • Mit dem neu­en Per­so­nal­aus­weis (nPA) steht seit Jah­ren eine Lö­sung zur Ver­fü­gung, mit der die Nut­zer ihre Iden­ti­tä­ten im Netz veri­fi­zie­ren kön­nen. War­um kommt der nPA trotz­dem nicht so recht vom Fleck?

Das stimmt und ich wür­de mich freu­en, wenn ich ihn auch mal irgend­wo sinn­voll nut­zen könn­te. Der nPA ist dem Hen­ne-Ei-Pro­blem erle­gen, und in der aktu­el­len Kon­stel­la­ti­on haben weder Hen­ne noch Ei Lust dar­auf, mit­zu­spie­len. Wel­chen Anreiz haben Ser­vice Pro­vi­der, ein teu­res Ver­fah­ren ein­zu­bin­den, für das sie sich zunächst auf­wän­dig zer­ti­fi­zie­ren müs­sen, wenn es am Ende kaum jemand nutzt? Die eID-Funk­ti­on des Per­so­nal­aus­wei­ses ist bei den Wenigs­ten akti­viert wor­den und wo sie akti­viert wur­de, ist die zur Nut­zung erfor­der­li­che PIN nicht mehr griff­be­reit und taucht erst Jah­re spä­ter wie­der auf, wenn man den PIN-Brief zufäl­lig in weg­sor­tier­ten Schrei­ben wie­der­fin­det – die Aus­stel­lung einer neu­en PIN ist selbst­ver­ständ­lich kos­ten­pflich­tig. Aber selbst wenn der Aus­weis akti­viert und die PIN parat liegt, man­gelt es häu­fig am not­wen­di­gen Kar­ten­le­ser, der teu­er und nicht son­der­lich nut­zer­freund­lich ist – Abhil­fe schafft mitt­ler­wei­le die AusweisApp2. Den­noch stel­len all die­se Hür­den die Benut­zer vor eine ähn­li­che Fra­ge, wie bereits die Ser­vice Pro­vi­der: War­um soll­te ich mir das für die weni­gen Anwen­dungs­be­rei­che antun, wenn es doch auch anders (ein­fa­cher) geht? Erschwe­rend kom­men Vor­ur­tei­le und Ver­trau­ens­de­fi­zi­te gegen­ü­ber Staat und Poli­tik hinzu.

Viel­leicht hel­fen die sich ent­wi­ckeln­den e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me dem nPA aber sogar auf die Sprün­ge, indem er ana­log zur AusweisApp2 mög­lichst benut­zer­freund­lich inte­griert wird, für eben jene Anwen­dungs­fäl­le, die tat­säch­lich eine Iden­ti­fi­ka­ti­on des Benut­zers erfordern.

  • In letz­ter Zeit sind gleich meh­re­re Daten-Alli­an­zen an den Start gegan­gen bzw. haben ihren Start ange­kün­digt. Ist das rich­ti­ge, ist das ein erfolgs­ver­spre­chen­der Weg?

Naja… posi­tiv her­vor­zu­he­ben ist, dass das Pro­blem schein­bar an vie­len Stel­len ver­stan­den wor­den ist und adres­siert wird, was schon mal einen ganz guten Start­punkt dar­stellt. Die aktu­el­len Iden­ti­täts- und Daten-Alli­an­zen sind zudem mit teils unter­schied­li­chem Fokus unter­wegs: Die net­ID mit vor­nehm­lich Publisher-Part­nern wird ver­mut­lich auf Lö­sun­gen für Opt-Ins im Rah­men der kom­men­den ePri­va­cy-Richt­li­nie fokus­sie­ren, VERIMI ist ein bran­chen­ü­ber­grei­fen­der Log­in-Dienst, YES star­tet aus dem Finanz­dienst­leis­tungs­sek­tor und posi­tio­niert sich als ID-Sche­me und wei­te­re spe­zia­li­sier­te­re Initia­ti­ven wie z.B. Helix Alpha und idento.one legen den Fokus auf das The­ma Daten. Fast alle Initia­ti­ven eint jedoch die Hoff­nung, der de-fac­to Stan­dard für den Kun­den zu wer­den, also zukünf­tig als eine Art Gene­ral­schlüs­sel für alle digi­ta­len Diens­te zu die­nen. Und an die­ser Stel­le begin­nen mei­ne Zwei­fel: Um den Gene­ral­schlüs­sel her­um ist eine spür­ba­re Kon­kur­renz erwach­sen, die eigent­lich unnö­tig ist. Die Benut­zer wer­den sich ihre Gene­ral­schlüs­sel ohne­hin selbst aus­su­chen: Ob sie nun einen Mercedes.me-Schlüssel, einen Spar­kas­sen-Schlüs­sel, einen über­grei­fen­den VERIMI- oder YES-Schlüs­sel oder einen web.de-Schlüssel nut­zen möch­ten, bleibt ihnen über­las­sen. Wesent­lich ist doch, dass alle Sys­te­me inter­ope­ra­bel sind und sich die Initia­to­ren nicht gegen­sei­tig Stei­ne in den Weg legen. An die­ser Stel­le erhof­fe ich mir die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft und ‑wil­lig­keit aller Markt­teil­neh­mer, denn ansons­ten scha­det dies wie­der nur der Ver­brei­tung aller Lö­sun­gen und „die ande­ren“ gehen wei­ter­hin als Sie­ger vom Platz.

  • Eben­so prä­sent wie die Daten-Alli­an­zen in der Bericht­erstat­tung sind die diver­sen Start­ups und Initia­ti­ven, die die Nut­zer in die Lage ver­set­zen wol­len, ihre Iden­ti­tä­ten dezen­tral per Block­chain zu ver­wal­ten. Könn­te das eine Alter­na­ti­ve zu den eher zen­tra­li­sier­ten Daten­al­li­an­zen sein?

Ob eine Lö­sung Block­chain-basiert ist oder nicht, hal­te ich per­sön­lich für weni­ger erfolgs­ent­schei­dend. Die dis­tri­bu­ted led­ger Tech­no­lo­gie hat bekann­ter­ma­ßen Vor- und Nach­tei­le und es stellt sich eigent­lich immer die Fra­ge, ob man dem Betrei­ber der Iden­ti­täts­lö­sung Ver­trau­en schenkt oder ob man vor allem aus Ver­trau­ens­grün­den ver­sucht, das Sys­tem auf meh­re­re Par­tei­en zu dezen­tra­li­sie­ren. Bei­de Vari­an­ten kön­nen heut­zu­ta­ge ver­gleich­bar sicher imple­men­tiert wer­den. Wenn ich mir den Erfolg und die Ver­brei­tung der GAFAs anse­he, bin ich sehr skep­tisch, ob das Sicher­heits­be­dürf­nis der Benut­zer und die Ver­trau­ens­fra­ge an die­ser Stel­le erfolgs­ent­schei­dend für das Iden­ti­täts­sys­tem sein wer­den. Regu­la­to­risch wird es nun stren­ge­re Anfor­de­run­gen geben und die­se wer­den auch durch die GAFAs umge­setzt wer­den. Des­halb wird der Mehr­wert für den Benut­zer ent­schei­den, weni­ger die tech­ni­sche Umsetzung.

  • Vie­le Bran­chen­be­ob­ach­ter hal­ten die Ban­ken für prä­des­ti­niert bei der siche­ren Ver­wal­tung der digi­ta­len Iden­ti­tä­ten. Tei­len Sie die Ansicht?

Ja und nein. Auf der einen Sei­te sind vie­le der kol­por­tier­ten Begrün­dun­gen für die Prä­des­ti­na­ti­on für Ban­ken zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas beschö­nigt. So ist die Qua­li­tät der sei­tens der Finanz­in­sti­tu­te vor­ge­hal­te­nen Iden­ti­täts­da­ten nicht immer so rosig, wie ange­nom­men. Namen­s­än­de­run­gen bei Hei­rat und Adres­sän­de­run­gen wegen Umzugs oder gar Kon­takt­mög­lich­kei­ten wer­den häu­fig stark ver­zö­gert oder gar nicht gemel­det und korrigiert.

Finanz­in­sti­tu­te kön­nen auf der ande­ren Sei­te seit Jah­ren glaub­haft unter Beweis stel­len, dass sie eine ver­gleichs­wei­se siche­re tech­ni­sche Infra­struk­tur bereit­stel­len kön­nen. Sie besit­zen umfra­ge­ge­mäß nach wie vor einen Ver­trau­ens­vor­sprung in der Gesell­schaft. Dar­ü­ber hin­aus lie­gen digi­ta­le Iden­ti­tä­ten und die Abwick­lung der zuge­hö­ri­gen Zah­lung typi­scher­wei­se sehr eng bei­ein­an­der, so dass die Nähe zum Finanz­dienst­leis­ter auch Vor­tei­le verspricht.

  • Könn­ten nicht auch die Kom­mu­nen die Rol­le der Treu­hän­der für digi­ta­le Iden­ti­tä­ten übernehmen?

Selbst­ver­ständ­lich. Wie auch beim Per­so­nal­aus­weis soll­te das Ver­trau­ens­the­ma dadurch kein Pro­blem dar­stel­len. Der­ar­ti­ge Pilo­ten sind bei­spiels­wei­se bereits in der Schweiz in Schaff­hau­sen und Zug auf Block­chain-Basis gestar­tet wor­den. Her­aus­for­dernd wer­den jedoch die dafür not­wen­di­ge kurz­fris­ti­ge Digi­ta­li­sie­rungs­fähig­keit sowie die Abstim­mung der Kom­mu­nen hin­sicht­lich gemein­sa­mer Spiel­re­geln. Und, sobald es sich in der Wahr­neh­mung um kom­mu­na­le oder staat­li­che Lö­sun­gen han­delt, wird es umso rele­van­ter sein, dass auch ent­spre­chen­de e‑Go­vern­ment-Ser­vices dar­ü­ber nutz­bar sind, da ande­ren­falls ein ähn­li­ches Stör­ge­fühl auf­tre­ten wird, wie beim deut­schen Per­so­nal­aus­weis. Und so schnell mah­len die Müh­len in Deutsch­land lei­der noch nicht – was sehr scha­de ist, denn tech­nisch wä­re das alles sehr schnell machbar.

  • Im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern, wie Kana­da, der Schweiz oder Nor­we­gen, ist hier­zu­lan­de noch kein ein­heit­li­cher Wil­le bzw. die Ten­denz nach einem Stan­dard zu erken­nen. Wor­an könn­te das liegen?

Das ist in der Tat eine unglück­li­che Situa­ti­on und lei­der schon viel zu oft beob­acht­bar gewe­sen. Das Ver­ständ­nis und der Wil­le für einen ein­heit­li­chen Stan­dard sind schon vor­han­den, lei­der ste­hen häu­fig Ein­zel­in­ter­es­sen im Vor­der­grund. In Kana­da inves­tier­ten die größ­ten Ban­ken in eine gemein­sa­me Lö­sung, in der Schweiz gibt es ein gemein­sa­mes Indus­trie­kon­sor­ti­um, in Nor­we­gen genau ein Ver­fah­ren hin­ter dem sich die nor­we­gi­schen Ban­ken ver­sam­meln. In Deutsch­land läuft es (mal wie­der) anders. Das deut­sche Bank­we­sen ist mit sei­ner Drei-Säu­len-Struk­tur zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch deut­lich kom­ple­xer als jenes der benann­ten Län­der und eine Har­mo­ni­sie­rung der Ein­zel­in­ter­es­sen maxi­mal her­aus­for­dernd. Das Bezahl­ver­fah­ren pay­di­rekt zeigt, dass dies zwar grund­sätz­lich mög­lich ist, aber nur dann funk­tio­nie­ren kann, wenn an die­ser Har­mo­nie fest­ge­hal­ten wird. Auch das The­ma digi­ta­le Iden­ti­tä­ten hät­te sich groß­ar­tig über die pay­di­rekt-Platt­form als gemein­sa­mer Ansatz der Deut­schen Kre­dit­wirt­schaft lö­sen las­sen – wä­re man sich einig gewesen.

Lei­der ist immer wie­der beob­acht­bar, dass selbst mit klei­ne­ren Funk­tio­na­li­tä­ten und Ser­vices in den Wett­be­werb gegan­gen wird, wo es viel sinn­vol­ler wä­re, dar­auf zu ver­zich­ten, und die­se Funk­tio­na­li­tät als Teil eines grö­ße­ren Gan­zen gemein­sam zu ent­wi­ckeln. Vie­le vor allem tech­ni­sche The­men sind mit­nich­ten wett­be­werbs­dif­fe­ren­zie­rend und soll­ten daher gemein­sam ent­wi­ckelt wer­den, um sich statt­des­sen auf die rele­van­ten The­men mit Kun­den- Impact zu fokus­sie­ren. Das gilt im Ban­king und beim Zah­lungs­ver­kehr genau­so wie bei­spiels­wei­se im Han­del oder beim The­ma Mobilität.

Soll­te nie­mand mehr ein­len­ken, wird sich das The­ma lei­der nur noch durch den (inter­na­tio­na­len) Wett­be­werb lö­sen lassen.

  • Was mei­nen Sie: Wann könn­te der “Tip­ping Point” für die flächen­de­cken­de Nut­zung digi­ta­ler Iden­ti­tä­ten erreicht sein – wel­che Vor­aus­set­zun­gen feh­len der­zeit noch?

E‑I­den­ti­ty-Sys­te­me wird es kurz­fris­tig gen­ü­gend geben. Es fehlt jedoch ein wei­tes Netz­werk aus Akzep­tanz­stel­len sowie die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft der Wirt­schaft bei über­grei­fen­den Ser­vices und Ansät­zen im Sin­ne der Kun­den. Weni­ger sinn­lo­ser Wett­be­werb und Gol­den Cage für die Kun­den, mehr Fokus auf Anfor­de­run­gen der Kun­den und Viel­falt in den Geschäftsmodellen.

Wirk­lich rele­vant wer­den digi­ta­le Iden­ti­tä­ten näm­lich erst, wenn sie in den All­tag der Men­schen inte­griert sind und/​oder eine Viel­zahl von Anwen­dungs­fäl­len nur noch damit mög­lich sind bzw. damit deut­lich ein­fa­cher mög­lich sind. So ist das Schlie­ßen vor­han­de­ner Digi­ta­li­sie­rungs­lü­cken und das Adres­sie­ren von Kon­so­li­die­rungs­mög­lich­kei­ten der ers­te Schritt auf dem Weg zu einer flächen­de­cken­den Nut­zung digi­ta­ler Iden­ti­tä­ten – mit Fokus auf ins­be­son­de­re jene Berei­che, die eine veri­fi­zier­te Iden­ti­tät benö­ti­gen, denn damit könn­te noch ein Vor­sprung gegen­ü­ber der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz auf­ge­baut wer­den. Das The­ma e- Govern­ment ist zwar unter­wegs, wird aber sicher­lich noch ein paar Jah­re auf sich war­ten las­sen. Beim The­ma Mobi­li­tät exis­tie­ren ers­te tech­ni­sche Kon­so­li­die­rungs­be­stre­ben – dies anbie­te­rü­ber­grei­fend aus­zu­wei­ten und als Role Model auch für ande­re Indus­trien zu ver­ste­hen, wird die Her­aus­for­de­rung sein.

Ich rech­ne aus die­sen Grün­den mit 3–5 Jah­ren für einen „Tip­ping Point“, bin aber zuver­sicht­lich, dass es bereits sehr kurz­fris­tig ers­te weg­wei­sen­de Pilo­ten geben wird.

  • Herr Dr. Win­disch, vie­len Dank für das Gespräch!