Banking im Datenrausch

Von Ralf Keuper

Nach Ansicht von Viktor Mayer-Schönberger übernehmen datenreiche Märkte in Zukunft die Funktionen, die bislang vom Geld ausgeübt wurden. Daten werden damit zu dem dominierenden Austauschmedium in Wirtschaft und Gesellschaft. Von dem Bedeutungsverlust des Geldes sind die Banken besonders betroffen (Vgl. dazu: Banking in datenreichen Märkten).

Fragen, die sich dabei aufdrängen:

  • Werden durch den Verlust der Unschärfe des Geldes die Kunden nicht zu gläsern bzw. die Beziehungen zu granular?  (Vgl. dazu: Der neue Bankkunde: Homo Granularis)
  • Wäre es nicht vorstellbar, dass wir – ähnlich wie im klassischen Finanzwesen – mit Spekulationen auf den Wert der Daten und dadurch mit stark schwankenden Kursen rechnen müssen? (Vgl. dazu: The trade with data).
  • Wie könnte die Wertschöpfung in datenreichen Märkten einigermaßen fair bemessen und verteilt werden – benötigen dazu nicht wieder vertrauenswürdige Institutionen wie Banken, etwa Personal Data Banks?
  • Von Talcott Parsons stammt der Satz: “Die Verankerung in einem Handlungssubsystem höherer Ordnung ist die grundlegende Bedingung für Standardhebungseffekte eines verallgemeinerten Austauschmediums”. (Das System moderner Gesellschaften). Wenn Daten sich als das neue verallgemeinernde Austauschmedium durchsetzen – welche Konsequenzen könnte das für die Gesellschaft haben bzw. welche Phasen müssen zuvor (parallel) durchlaufen werden?
  • Sind Daten tatsächlich so treffgenau und neutral – sind sie nicht stark von Interpretationen/Zuschreibungen abhängig?
  • Werden Korrelationen unter den Daten mittels Big Data nicht überbewertet und ersetzten damit Kausalbeziehungen? Stichwort: Korrelations-Bingo

Für den Medienphilosophen Marshall McLuhan ist Geld in erster Linie ein Medium (Vgl. dazu: Geld als Medium, oder: Die neue Informationsbewegung (Marshall McLuhan)).

Als umfassende gesellschaftliche Metapher, Brücke oder Umwandler, beschleunigt Geld – wie die Schrift – den Handelsverkehr und strafft die Bande gegenseitiger Abhängigkeit in der Gemeinschaft. Es gibt politischen Organisationen große räumliche Ausdehnung und Kontrolle, wie das auch durch die Schrift und den Kalender geschieht. Es handelt sich um Fernwirkungen, sowohl im Raum wie in der Zeit. In einer hochgebildeten, atomisierten Gesellschaft “ist Zeit Geld”, und Geld ist der Speicher für die Zeit und Arbeit anderer Menschen (in: Die magischen Kanäle, Understanding Media).

Das Geld wird durch die Verbreitung neuer Medien herausgefordert:

Heute stellt die Technik der Elektrizität den Geldbegriff selbst in Frage, da die neue Dynamik menschlicher gegenseitiger Abhängigkeit von zerlegenden Medien wie etwa dem Buchdruck auf allumfassende oder Massenmedien wie den Telegrafen übergeht (ebd.).

Repräsentieren das Internet bzw. das Web 3.0 das neue allumfassende Massenmedium? Daten als digitale Währung? Würden darin Zeit und Arbeit anderer Menschen oder von Maschinen gespeichert? Wer stellt das Vertrauen in die Daten sicher – Data Banks oder das Internet of Trust- brauchen wir neue Institutionen? Wie lässt sich der Wert der Daten einheitlich festlegen, wie die Wertschöpfung messen?

Ob die Möglichkeit, mehr Daten als bislang sammeln und auswerten zu können, Wirtschaft und Gesellschaft so nachhaltig verändern, wie von Mayer-Schönberger u.a. angenommen, ist längst nicht sicher, denn:

While it is hard to deny that some new services have been and will be created thanks to big data, it may be the case that in the future it turns out that big data cannot offer more than a few surpluses made by targeted advertisement or specific new services, economic parties may lose trust in the fulfilment of big data’s future promise –and in its currency. Consequently, the exchange rate of the data currency will drop, losing its attractiveness for investments (in: Research on Identity Ecosystems).

Gut möglich, dass wir demnächst – als Folge des Datenrausches – Data Bubbles bekommen, die genauso platzen werden, wie die Spekulationsblasen der Vergangenheit. Die Frage ist allerdings, ob die Auswirkungen dann nicht sogar verheerender, granularer wären, da sie ja dann – dem eigenen Anspruch folgend – keinen Lebensbereich mehr auslassen würden.

Angesichts dessen erscheint die Vision datenreicher Märkte nicht mehr allzu verlockend …

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