Barcode-Lektionen für das Banking

Von Ralf Keuper

In der kleinen Beitragsreihe Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” ging es darum zu zeigen, welche große Bedeutung die Durchsetzung einheitlicher, globaler Standards für den Erfolg ganzer Branchen hat. Während in der Industrie, im Handel und im E-Commerce die Unternehmen, Verbände und Gremien das Problem erkannt, und, wie im Bereich Industrie 4.0, mit OPC-UA bereits einen Standard etabliert haben, hat es die Bankenbranche nicht geschafft, etwas ähnliches auf die Beine zu stellen. Die Internetkonzerne haben mit ihren Plattformen eigene, de-facto – Standards geschaffen, die großen Einfluss auf das Banking haben und ihn weiterhin ausüben werden.

Damit drängt sich die Frage auf, warum die Banken es versäumt haben, eigene Standards für ihre Branche zu schaffen.

Barcode-Lektionen für das Banking

Eine fundierte und plausible Antwort liefert Alistair Milne in The Rise and Success of the Barcode: some lessons for Financial Services. Nach der Schilderung des Siegeszuges des Barcodes im globalen Handel, folgt der Abgleich mit der Situation im Banking. Darin kann Milne die Faktoren benennen, die für die unterschiedlichen Ausprägungen verantwortlich sind.

Auch der Barcode musste mehrere Hürden überwinden und Entwicklungsstufen durchlaufen, bis er zum de-facto-Standard für den globalen Handel wurde. Zu Beginn leuchteten dem Einzelhandel die Vorzüge des Barcodes nicht wirklich ein. Es waren  Personen wie der Supermarkt-Betreiber Robert Marsh in Ohio, der quasi im Alleingang mit der Einführung des Barcodes in seinen Läden begann, die für den entscheidenden Anstoss sorgten:

Despite an effective technology coming onto the market in the mid-1970s, the take-up of bar coding at point of sale was at first relatively slow. Manufacturers had to be persuaded to place the new coding on their products. The original laser scanning systems were expensive. The purchaser of the ten pack of Wrigley’s chewing gum in 1974 was Clyde Dawson, the research and development manager at Marsh’s supermarkets. Without the enthusiasm of individuals like Dawson and of supermarket owner Robert Marsh for technological experiment, regardless of immediate commercial payoff, initial efforts at developing point of sale scanning might never have taken place when they did.

Mit der Zeit jedoch ließen sich die Hersteller und Händler von den Vorteilen des Barcodes überzeugen. Diese bestanden in besonderer Weise in den Informationen, die auf einmal zur Verfügung standen:

Much of these benefits came from the communication of detailed sales information to management, allowing them for example to discover the impact of small price changes on sales volumes. Realisation of the large benefits from point scale scanning led to rapid adoption; by 1980 some 8,000 stores a year in the US were adopting UPC-A scanning.

Barcodes und andere Standards sorgten für mehr Transparenz und Wettbewerb im globalen Handel 

In den folgenden Jahrzehnten sorgte der Barcode zusammen mit dem Schiffscontainer für eine neue Stufe im Welthandel. Die Lieferketten wurden transparenter, der Wettbewerb nahm zu, die Kosten konnten verringert, die Qualität verbessert werden:

This standardization, together with the adoption of that humble but crucial component of the global supply chain the shipping container, underpins modern international trade. In the subsequent 30 years companies have come to rely on electronic recording and communication to provide extraordinary visibility of their global supply chains. Consignments can now be tracked by location and interventions – initial orders, response to delays, financing and payments – can carried out promptly and appropriately. The consequence has been a transformative, reducing costs and delays and radically improving quality standards.

Standards im Banking nur bruchstückhaft

Im Banking verlieft die Entwicklung dagegen anders und fragmentierter. Milne nennt als Standards, die im Banking eine gewisse Verbreitung gefunden haben, SWIFT, FIX und LEI. Letztere geht auf eine Initiative der Regulatoren zurück. Die beiden anderen gingen von den Banken selber aus.

Milne hält fest:

The experience of financial services indicates that, while standards have been adopted at global level by most participants in some particular markets and types of transaction, the adoption of standards many other aspects of financial services has been limited. FIX, while extended to provide functionality in other markets and in the post-trade environment has not become the dominant tool for communication that it is in equity market order and execution. SWIFT is essential in some contexts, in particular international payments and securities transaction messaging, but is by no means a universal standard. The uptake and application of LEI remains untested and unclear.

Grund dafür sind veraltete IT-Systeme, deren Datenbestände sich nur unter hohem (z.T. manuellen Aufwand) vereinheitlichen lassen:

A further reason for weak adoption incentives are the costs of replacing old legacy systems. The cost of change is not just purchasing new hardware and software, it is the herculean task of converting all existing loan and investment records to the new standards (this can explain why most successful examples of standards adoption in financial services – FIX and SWIFT messaging – have all been 12 about addressing critical inefficiencies in potentially profitable transaction processing, not addressing lack of functionality in the recording and management of exposures).

Eine weitere Ursache besteht darin, dass viele Banken kein Interesse an einem größeren Wettbewerb haben:

For individual firms in many, although not all, financial markets and financial transactions, the cost and efficiency benefits of standardization are not nearly large enough to outweigh the potential threat to revenues from increased competition. The virtuous circle found in the supply chain — of development and adoption of standards in the supply encouraging more development and adoption – is not present in most areas of financial services.

Dem Sog der Standards kann sich keine Branche auf Dauer entziehen

Diese Strategie funktionierte solange, wie es keine Standards gab, die – quasi über Umwege – auch im Banking für mehr Transparenz und Wettbewerb sorgen. Eine Branche, die sich dem Sog, der von globalen Standards ausgeht, zu entziehen und ihr eigenes geschlossenes System zu schützen versucht, kann das nur für einen begrenzten Zeitraum mit Erfolg durchziehen. Irgendwann wird sie von der Entwicklung in anderen Teilen der Wirtschaft und Gesellschaft eingeholt. Wenn dann noch veraltete IT-Systeme die Handlungsfähigkeit einschränken, wird die Zeit sehr schnell sehr knapp.

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