Prolog: Der letzte Mahner
Am 8. Mai 1989 hielt Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, im Übersee-Club Hamburg einen Vortrag[1]Vortrag zum Übersee-Tag in Hamburg, der heute wie eine Prophezeiung liest. Sechs Monate vor dem Fall der Mauer, inmitten der Gewissheit westlicher Überlegenheit, warnte ausgerechnet ein Banker vor der schleichenden Erstarrung des eigenen Systems. Die Pointe dieser Geschichte ist bitter: Der Osten kollabierte spektakulär – aber die Verhärtungen, die Herrhausen im Westen diagnostizierte, blieben nicht nur unbehandelt, sie vertieften sich in den folgenden Jahrzehnten zu jener strukturellen Krise, die Deutschland heute als “Transformationsstau” erlebt.
Herrhausens Vortrag war keine Gelegenheitsrede. Er nutzte das 800-jährige Jubiläum des Barbarossa-Privilegs für Hamburg, um grundsätzlich über das Verhältnis von Freiheit, Komplexität und institutioneller Anpassungsfähigkeit nachzudenken. Sein Befund: Westliche Gesellschaften hätten zwar die offensichtliche Starre planwirtschaftlicher Systeme vermieden, entwickelten aber eigene Formen der Verkrustung – durch Bürokratie, durch falsch verstandene “Sozialität”, durch begriffliche Unschärfen, die politisches Handeln in Sackgassen führen.
Was folgt, ist der Versuch, Herrhausens fünf Widersprüche als diagnostisches Raster auf die deutsche Industriepolitik der vergangenen 35 Jahre anzuwenden. Die These: Seine Warnungen wurden nicht widerlegt, sondern bestätigt – allerdings erst mit einer Verzögerung, die das Ausmaß des Versäumnisses potenzierte.
I. Die verdrängte Diagnose
Der Triumph, der keiner war
Die Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des Ostblocks erschienen als ultimative Bestätigung des westdeutschen Modells. Die “soziale Marktwirtschaft” hatte gesiegt, der Exportweltmeister bewies Jahr für Jahr seine Überlegenheit, die Cluster aus Automobil, Maschinenbau und Chemie lieferten Präzisionsprodukte in alle Welt. Wer wollte da noch Warnungen vor westlicher Selbstzufriedenheit hören?
Herrhausens Ermordung im November 1989 – wenige Tage nach dem Mauerfall – trug zur Verdrängung bei. Seine Stimme fehlte genau in jenem Moment, als die Euphorie jeden Zweifel erstickte. Die Deutsche Bank, sein Instrument zur Gestaltung, wurde unter seinen Nachfolgern zum Symbol genau jener Fehlentwicklungen, vor denen er gewarnt hatte: kurzfristige Renditeorientierung statt strategischer Weitsicht, Größenwahn statt Substanz, am Ende der tiefe Fall.
Aber die Verdrängung reichte weiter. Herrhausens erster Widerspruch – die Starrheit gesellschaftlicher Strukturen, die auf Unsicherheit mit noch mehr Planung reagieren statt mit Anpassungsfähigkeit – beschrieb exakt das Muster, das deutsche Industriepolitik in den folgenden Jahrzehnten prägen sollte.
Die Legende vom Exportweltmeister
Die 1990er und 2000er Jahre verfestigten einen Mythos: Deutschland als Werkbank der Welt, überlegen durch Ingenieurkunst und Qualität. Was dabei übersehen wurde: Diese Stärke beruhte auf Voraussetzungen, die bereits erodierten. Die Wertschöpfung verschob sich von Hardware zu Software, von Produkten zu Plattformen, von linearen Lieferketten zu Netzwerkeffekten. Der “Exportweltmeister” exportierte zunehmend die Vergangenheit.
Herrhausens Kritik an nationalen Lösungsversuchen für globale Probleme – sein fünfter Widerspruch – traf hier ins Mark. Die deutsche Industriepolitik blieb in einem Denkmuster gefangen, das Wettbewerbsfähigkeit als Optimierung des Bestehenden verstand, nicht als fundamentale Transformation.
II. Die schleichende Verfestigung
Das Konsortium als Rettungsillusion
Die strukturelle Antwort auf jede erkannte Schwäche lautete: Konsortium. Von Anfang an prägte dieses Muster die deutsche Reaktion auf digitale Herausforderungen. Wenn amerikanische Plattformen Märkte dominierten, musste die Antwort ein “deutsches” oder “europäisches” Gegenprojekt sein – getragen von etablierten Playern, orchestriert durch Ministerien, legitimiert durch industriepolitische Rhetorik.
Das Problem: Konsortien perpetuieren genau jene Strukturen, die sie überwinden sollen. Sie binden die Akteure, die am meisten vom Status quo profitieren, und schaffen Governance-Architekturen, die Innovation durch Abstimmungsprozesse ersetzen. Herrhausens Plädoyer für dezentrale Lernprozesse und subsidiäre Verantwortung war die exakte Gegenthese – und blieb ungehört.
Cluster-Politik als Strukturkonservierung
Die Förderung regionaler Wirtschaftscluster – ob im Automobilbereich in Stuttgart und München, in der Chemie am Rhein oder im Maschinenbau in Baden-Württemberg – galt lange als Erfolgsrezept. Was übersehen wurde: Cluster verstärken bestehende Spezialisierungen, sie schaffen aber keine neuen. Sie optimieren das Gestrige, während die Zukunft anderswo entsteht.
Schlimmer noch: Die enge Verflechtung von Politik, Verbänden und Unternehmen in diesen Clustern erzeugte jene “korporatistische Kartelle”, die Herrhausen in anderem Zusammenhang kritisiert hatte. Entscheidungsträger in Unternehmen, Ministerien und Gewerkschaften teilten dieselben Grundannahmen, besuchten dieselben Veranstaltungen, zitierten dieselben Studien. Die Fähigkeit zur Selbstkritik verkümmerte.
Die Kostenfalle
Herrhausens dritter Widerspruch betraf den Arbeitsmarkt: die gleichzeitige Forderung nach mehr Arbeit und mehr Freizeit, nach höheren Löhnen und Wettbewerbsfähigkeit. Er plädierte für Flexibilisierung und kreative Arbeitsformen statt starrer Zeitregeln. Was geschah, war das Gegenteil.
Die deutsche Industrie reagierte auf Kostendruck nicht mit Innovation, sondern mit Verlagerung. Die Komplexität globaler Lieferketten wurde zur strategischen Kernkompetenz erklärt – bis die Krisen der 2020er Jahre die Verwundbarkeit offenlegten. Die Transformation zu wissensintensiver Dienstleistungsarbeit, die Herrhausen als Kennzeichen der “Post-Industriegesellschaft” antizipierte, wurde verschleppt.
III. Das digitale Offenbarungswerden
Gaia‑X: Die Anatomie eines Scheiterns
Das europäische Cloud-Projekt Gaia‑X verdichtet alle Pathologien deutscher Industriepolitik in einem einzigen Fall. Angekündigt als souveräne Alternative zu amerikanischen Hyperscalern, wurde es zum Musterbeispiel für Herrhausens Diagnose institutioneller Starrheit.
Die Governance-Struktur – Hunderte von Mitgliedern, komplexe Abstimmungsprozesse, endlose Arbeitskreise – reproduzierte exakt das Muster, das Herrhausen als “Unsicherheitsbewältigung durch mehr Planung” kritisiert hatte. Statt dezentraler Lernprozesse dominierte das Streben nach Konsens unter Akteuren mit divergierenden Interessen. Das Ergebnis: technische Irrelevanz bei maximaler bürokratischer Komplexität.
Catena‑X: Digitalisierung der Abhängigkeit
Das Automobilindustrie-Projekt Catena‑X zeigt die Grenzen konsortialer Digitalisierung in einem anderen Licht. Hier ging es um die Vernetzung der Lieferkette – eigentlich ein sinnvolles Ziel. Aber die Umsetzung folgte der Logik bestehender Machtverhältnisse: Die OEMs definierten Standards, die Zulieferer hatten zu folgen.
Was als “Ökosystem” verkauft wurde, war in Wahrheit die Digitalisierung der Abhängigkeit. Die strukturellen Asymmetrien der physischen Lieferkette wurden in die digitale Infrastruktur eingeschrieben – mit dem Unterschied, dass nun auch die Datenhoheit bei den Mächtigen lag.
Wero und die Legende vom digitalen Zahlungsverkehr
Im Zahlungsverkehr wiederholt sich das Muster auf tragikomische Weise. Nach dem Scheitern von Paydirekt sollte Wero – ein Projekt der European Payments Initiative – den europäischen Gegenpol zu PayPal und Apple Pay schaffen. Die Ausgangslage war bekannt: fragmentierte nationale Märkte, etablierte Akteure mit wenig Innovationsanreiz, ein Governance-Modell, das Geschwindigkeit strukturell verhindert.
Herrhausens Warnung vor der “Wortfrage” – begrifflichen Ungenauigkeiten, die zu Irrwegen führen – trifft hier besonders zu. Die Rhetorik der “Souveränität” und “europäischen Werte” überdeckte die Tatsache, dass ein Me-too-Produkt ohne funktionalen Mehrwert am Markt keine Chance hat. Die Frage war nie, ob Wero europäisch ist, sondern ob es für Nutzer und Händler besser funktioniert als die Alternativen.
IV. Die PR-Schere als Systemsymptom
Von der Wortfrage zur institutionalisierten Unschärfe
Herrhausens Sensibilität für sprachliche Präzision – sein vierter Widerspruch betraf begriffliche Ungenauigkeiten, die “zu Irrwegen führen” – gewinnt im Zeitalter professioneller Unternehmenskommunikation eine neue Dimension. Die PR-Schere beschreibt das systematische Auseinanderklaffen zwischen kommunikativer Außendarstellung und operativer Realität.
Diese Schere ist kein Zufall und kein individuelles Versagen. Sie ist ein strukturelles Phänomen: Je größer die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, desto intensiver die kommunikativen Anstrengungen, diese Diskrepanz zu kaschieren. Unternehmen, die an Substanz verlieren, investieren in Narrative. Die Rhetorik wird raffinierter, während die Fähigkeit zur Selbstkorrektur erodiert.
Das Versagen der kritischen Instanzen
Besonders auffällig ist das Versagen jener Institutionen, die als kritisches Korrektiv hätten wirken sollen: Wirtschaftsjournalismus, Verbände, Wissenschaft. Die enge Verflechtung zwischen Kommunikationsabteilungen und Redaktionen, die Abhängigkeit der Forschung von Industriefinanzierung, die Nähe der Verbände zu ihren Mitgliedern – all dies trug zur Verstärkung der PR-Schere bei, statt sie zu überwinden.
Herrhausens Appell an “Gewissen, Wahrheit und Verantwortung” war auch ein Appell an intellektuelle Unabhängigkeit. Diese Unabhängigkeit ist institutionell kaum noch verankert.
V. Die uneingelöste Forderung
Was Herrhausen wollte
Im Kern zielte Herrhausens Vortrag auf eine Haltungsänderung. Er verlangte nicht bessere Pläne, sondern die Fähigkeit, ohne starre Pläne zu navigieren. Er forderte nicht mehr Sozialleistungen, sondern ein anderes Verständnis von Solidarität – eines, das auf Subsidiarität und individuelle Verantwortung setzt. Er plädierte nicht für weniger Arbeit, sondern für andere Arbeit – kreativ, flexibel, kundenorientiert.
Sein optimistischer Schluss – dass Freiheit die Chance zur Korrektur bietet – setzte allerdings voraus, dass diese Freiheit auch genutzt wird. Dass gesellschaftliche Lernprozesse stattfinden, die zu Kurskorrekturen führen. Dass begriffliche Klärung zu besserem Handeln führt.
Die vertane Chance
Diese Voraussetzungen sind nicht erfüllt worden. Die deutsche Wirtschaft hat nicht gelernt, sondern optimiert. Sie hat nicht adaptiert, sondern skaliert. Sie hat nicht grundsätzlich gefragt, sondern inkrementell verbessert – bis die Grenzen des Inkrementellen erreicht waren.
Die aktuelle Transformationskrise – ob in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Chemie oder im Bankensektor – ist keine plötzliche Disruption. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Verdrängung.
Die Widersprüche, die Herrhausen 1989 benannte, wurden nicht aufgelöst, sondern akkumuliert.
Ist Korrektur noch möglich?
Herrhausens Vertrauen in die Selbstkorrekturpotentiale freier Gesellschaften beruhte auf einer Annahme: dass Fehlentwicklungen irgendwann so sichtbar werden, dass sie Anpassung erzwingen. Diese Sichtbarkeit ist mittlerweile gegeben. Die Frage ist, ob die institutionellen Voraussetzungen für tatsächliche Korrektur noch vorhanden sind.
Die bisherige Reaktion – mehr Subventionen, mehr Konsortien, mehr industriepolitische Rhetorik – deutet auf das Gegenteil. Die Antwort auf erkannte Starrheit ist noch mehr Planung. Der Mechanismus, den Herrhausen beschrieb, läuft weiter.
Was bleibt, ist sein Appell an “intellektuelle Anstrengung in Zeiten globaler Herausforderungen”. Anstrengung, die nicht in besserer PR mündet, sondern in schärferer Analyse. Die bereit ist, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Die Subsidiarität ernst nimmt und dezentrale Lernprozesse ermöglicht.
35 Jahre nach Herrhausens Vortrag ist Deutschland nicht klüger geworden. Aber vielleicht ehrlicher. Die Illusionen sind aufgebraucht. Was jetzt noch fehlt, ist der Mut zur Konsequenz.
Ralf Keuper
References
| ↑1 | Vortrag zum Übersee-Tag in Hamburg |
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