Über die Methodik

Ban­ken­bran­che und Wirt­schaft im All­ge­mei­nen kon­fron­tie­ren uns fort­lau­fend mit neu­en Ent­wick­lun­gen, die eine belast­ba­re Ein­ord­nung erschwe­ren – selbst eine vor­läu­fi­ge. Aus dem Grund­rau­schen jene Signa­le her­aus­zu­fil­tern, die tat­säch­lich für einen tief­grei­fen­den Wan­del spre­chen (in Anleh­nung an Igor Ansoffs Kon­zept der „weak signals”), ist ent­spre­chend anspruchs­voll. Die meis­ten Dar­stel­lun­gen lei­den dabei an einer selek­ti­ven Per­spek­ti­ve: Sie beschrei­ben Ver­än­de­run­gen ent­we­der rein tech­no­lo­gisch oder rein aus dem Blick­win­kel des Marketings.

Der evi­denz­ba­sier­te Ansatz

Die hier ver­folg­te Vor­ge­hens­wei­se ori­en­tiert sich statt­des­sen an einem evi­denz­ba­sier­ten Vor­ge­hen, wie es in den Natur­wis­sen­schaf­ten ent­wi­ckelt wur­de. In der Che­mie lässt sich der Grund­ge­dan­ke so zusam­men­fas­sen: Je mehr belast­ba­re Daten vor­lie­gen und je über­zeu­gen­der sich ver­schie­de­ne Bele­ge zu einer Argu­men­ta­ti­on ver­bin­den las­sen, des­to enger wird der Raum plau­si­bler Alter­na­tiv­deu­tun­gen – erst die Kom­bi­na­ti­on meh­re­rer Bele­ge und die dadurch erzwun­ge­ne Ein­schrän­kung der Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten erzeugt eine Evi­denz mit hoher Überzeugungskraft.

Ein rein empi­risch-expe­ri­men­tel­les Vor­ge­hen, wie es die Che­mie oder Phy­sik kennt, greift für einen Gegen­stand wie die Ban­ken­bran­che aller­dings zu kurz. Dafür ist sie zu groß, zu viel­schich­tig und zu sehr von his­to­ri­schen Pfad­ab­hän­gig­kei­ten geprägt. Es braucht eine ergän­zen­de geis­tes- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Kom­po­nen­te – ohne his­to­ri­sche Ver­glei­che und Ana­lo­gien lässt sich wirt­schaft­li­cher Wan­del nicht ange­mes­sen einordnen.

Die Geo­lo­gie als Vorbild

Als metho­di­sches Vor­bild eig­net sich, auf den ers­ten Blick über­ra­schend, die Geo­lo­gie bes­ser als die Expe­ri­men­tal­wis­sen­schaf­ten. Geo­lo­gi­sches Arbei­ten setzt auf eine bewuss­te Metho­den­viel­falt – Beob­ach­tung, Ana­lo­gie­schluss, her­me­neu­ti­sche und his­to­ri­sche Ver­fah­ren, quan­ti­ta­ti­ve und sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung – um Aus­sa­gen über räum­lich wie zeit­lich hoch­kom­ple­xe, „vier­di­men­sio­na­le” Pro­zes­se zu tref­fen, die sich nicht im Labor nach­stel­len lassen.

Meh­re­re Grund­prin­zi­pi­en geo­lo­gi­schen Den­kens las­sen sich auf die Ana­ly­se wirt­schaft­li­cher und insti­tu­tio­nel­ler Ent­wick­lun­gen übertragen:

  • Das Aktua­lis­mus­prin­zip: Rück­schlüs­se von heu­te beob­acht­ba­ren Vor­gän­gen auf ver­gan­ge­ne oder sich anbah­nen­de Pro­zes­se sind zuläs­sig, aber nur begrenzt – gera­de bei sel­te­nen, his­to­risch neu­ar­ti­gen Ereig­nis­sen ohne unmit­tel­ba­re Refe­renz ist Vor­sicht geboten.
  • Mul­ti­ple Arbeits­hy­po­the­sen: Meh­re­re kon­kur­rie­ren­de Erklä­rungs­an­sät­ze wer­den par­al­lel geprüft und an der Kon­sis­tenz der ver­füg­ba­ren Daten gemes­sen, statt vor­schnell einer ein­zel­nen Deu­tung zu folgen.
  • Rück­wärts­den­ken (Retro­dik­ti­on): Aus einem vor­lie­gen­den Befund – einer Kri­se, einer Bilanz, einem Markt­er­eig­nis – wird der Ent­ste­hungs­pro­zess rekon­stru­iert, ähn­lich wie ein Ermitt­ler aus den Spu­ren eines abge­lau­fe­nen Gesche­hens auf des­sen Ablauf zurückschließt.
  • Kon­ver­genz statt Ein­zel­be­leg: Evi­denz ent­steht durch die Über­ein­stim­mung meh­re­rer unab­hän­gi­ger Daten­ar­ten und Quel­len, nicht durch einen ein­zel­nen, iso­liert betrach­te­ten Beleg.
  • Vor­läu­fig­keit als Grund­hal­tung: Ergeb­nis­se gel­ten, solan­ge sie nicht wider­legt sind – nicht, weil sie end­gül­tig bewie­sen wären. Der Anspruch auf „Wahr­heit” im stren­gen Sinn spielt ent­spre­chend kei­ne Rolle.
Kon­se­quen­zen für die eige­ne Arbeit

Aus die­sem Ansatz erge­ben sich eini­ge prak­ti­sche Kon­se­quen­zen für die Bei­trä­ge auf die­ser Plattform:

Struk­tur­the­sen wer­den nicht als veri­fi­ziert dar­ge­stellt, son­dern – wenn die Beleg­la­ge es her­gibt – bes­ten­falls als vor­läu­fig kor­rob­oriert. Wo meh­re­re Erklä­run­gen für einen Befund plau­si­bel erschei­nen, wer­den sie nach Mög­lich­keit als kon­kur­rie­ren­de Hypo­the­sen benannt, nicht als eine bereits ent­schie­de­ne Dia­gno­se. His­to­ri­sche Ana­lo­gien die­nen der Ein­ord­nung und Kon­tex­tua­li­sie­rung, nicht als Beweis – Rah­men­be­din­gun­gen wer­den benannt, bevor eine Über­tra­gung nahe­ge­legt wird. Exter­ne Quel­len wer­den mög­lichst voll­stän­dig und nach­voll­zieh­bar ver­linkt, damit sich jede Argu­men­ta­ti­on eigen­stän­dig nach­prü­fen lässt.

Die ent­schei­den­de Fra­ge bei jedem Bei­trag lau­tet daher weni­ger „Was ist pas­siert?” als: Wel­che Daten und Beob­ach­tun­gen spre­chen für eine bestimm­te Deu­tung, wel­che dage­gen – und wie belast­bar, wie reprä­sen­ta­tiv ist das vor­lie­gen­de Mate­ri­al am Ende wirklich?

Ralf Keu­per


Quel­len:

Katha­ri­na Land­fes­ter und Hil­de­gard West­phal (u.a.), in: Heu­re­ka. Evi­denz­kri­te­ri­en in den Wis­sen­schaf­ten. Ein Kom­pen­di­um für den inter­dis­zi­pli­nä­ren Gebrauc