Prof. Hans-Peter Burg­hof lie­fert die bis­her schärfs­te aka­de­mi­sche Kri­tik an der UniCredit-Übernahme—und trifft struk­tu­rell auch die Ver­tei­di­gung. Wer 20 Pro­zent Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te ohne Invest­ment­ban­king und bei schrump­fen­dem Mit­tel­stands­ge­schäft ver­spricht, ope­riert nach der­sel­ben Logik wie der Angrei­fer. Orcel und Orlopp spie­len das­sel­be Spiel. Der Unter­schied ist der Absender.


In den bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­trä­gen die­ser Serie (8. Mai und 19. Mai 2026) haben wir die Über­nah­me­lo­gik von Andrea Orcel als struk­tu­rel­le Par­al­le­le zur Cor­po­ra­te-Rai­der-Metho­dik Carl Icahns ana­ly­siert. Das Kern­mus­ter: schlei­chen­des Akku­mu­lie­ren unter­halb der WpÜG-Pflicht­an­ge­bots­schwel­le, Asym­me­trie der Erschöpfung—das Ziel kom­mu­ni­ziert, der Rai­der war­tet —, und ein Ange­bots­preis, der tak­tisch gesetzt ist, nicht als Abschluss­preis. Die for­ma­le Ableh­nung durch Com­merz­bank-Vor­stand und Auf­sichts­rat am 18. Mai war kein Wen­de­punkt. Bis zum 26. Mai hat­ten ledig­lich rund 1,1 Pro­zent der Aktio­nä­re das Ange­bot ange­nom­men. Orcel war­tet. Wie Icahn.

Prof. Hans-Peter Burg­hof (Uni­ver­si­tät Hohen­heim) hat inzwi­schen die bis­her prä­zi­ses­te aka­de­mi­sche Kri­tik an die­ser Über­nah­me for­mu­liert. Sei­ne Kern­the­sen: UniCre­dits Stra­te­gie sei “eher kurz­fris­tig auf Kos­ten­ein­spa­run­gen gerich­tet anstatt auf ein lang­fris­tig brei­tes Geschäfts­mo­dell”; die Gewinn­pro­gno­sen Orcels sei­en “über­zo­gen”; Kre­di­te für den Mit­tel­stand wür­den “weni­ger ver­füg­bar und teu­rer”; der Finanz­platz Frank­furt erlit­te eine “Kata­stro­phe.” Die­se Posi­tio­nen sind ana­ly­tisch ernst­zu­neh­men. Sie hal­ten der Gegen­prü­fung aber nur teil­wei­se stand.

Das Pro­blem beginnt mit dem Ren­di­te­ziel. Com­merz­bank-Che­fin Bet­ti­na Orlopp hat im Rah­men der “Momen­tum 2030”-Strategie eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von 20 Pro­zent in Aus­sicht gestellt. Zum Ver­gleich: Josef Acker­mann hat­te für die Deut­sche Bank 25 Pro­zent gefordert—ein Ziel, das zum Sym­bol für eis­kal­tes Finanz­ge­ba­ren wur­de und der Bank letzt­lich mehr gescha­det als genützt hat. Orlopps 20 Pro­zent lie­gen dar­un­ter, sind aber rela­tiv dazu womög­lich die aggres­si­ve­re Ansa­ge: Acker­mann ope­rier­te mit einem glo­ba­len Invest­ment­ban­king-Appa­rat, Orlopp ohne—und in einem struk­tu­rell schrump­fen­den Mittelstandsgeschäft.

Die Fra­ge, die die Ver­tei­di­gung schul­dig bleibt, lau­tet daher: Wie soll die­ses Ziel erreicht wer­den? Ohne Invest­ment­ban­king und bei schrump­fen­der Kre­dit­nach­fra­ge aus dem Kern­ge­schäft blei­ben im Wesent­li­chen drei Wege. Ers­tens radi­ka­ler Kostenabbau—also struk­tu­rell exakt das, was Burg­hof Orcel vor­wirft. Zwei­tens Bilanz­sum­men-Schrump­fung durch Akti­en­rück­käu­fe und Aus­schüt­tun­gen, die die Ren­di­te­kenn­zif­fer optisch ver­bes­sern, ohne dass das Geschäfts­mo­dell stär­ker wird. Drit­tens höhe­re Mar­gen im Kreditgeschäft—was bedeu­tet: schlech­te­re Kon­di­tio­nen für Kre­dit­neh­mer. Genau das, was Burg­hof als Scha­den einer UniCre­dit-Über­nah­me beschreibt. Die Ver­tei­di­gung und der Angriff kon­ver­gie­ren auf das­sel­be Instru­ment. Burg­hofs Kri­tik trifft bei­de Sei­ten. Er rich­tet sie nur gegen eine.

Das zwei­te Pro­blem betrifft den Mit­tel­stand selbst. Burg­hofs Argu­ment lau­tet: Weni­ger Wett­be­werb im Mit­tel­stands­ban­king bedeu­te teu­re­re, schwe­rer zugäng­li­che Kre­di­te. Struk­tu­rell korrekt—empirisch aber setzt es vor­aus, dass die Kre­dit­ver­sor­gung des deut­schen Mit­tel­stands heu­te funktioniert.

Das tut sie nicht. Der Mit­tel­stand lei­det bereits unter Kre­dit­ver­knap­pung, und die Com­merz­bank gehört zu den wich­tigs­ten Akteu­ren in die­sem Seg­ment, ohne das Pro­blem gelöst zu haben. Basel III/​IV, gestie­ge­ne NPL-Quo­ten in Belas­tungs­bran­chen, sys­te­ma­tisch gesun­ke­ner Risi­ko­ap­pe­tit: Die Kre­dit­ver­knap­pung ist kein Wett­be­werbs­pro­blem, das durch Erhalt der Eigen­stän­dig­keit gelöst wird. Sie ist ein sek­to­ra­les Struk­tur­pro­blem, das bei­de Sze­na­ri­en unge­löst las­sen. Orlopp prä­sen­tiert eine Ren­di­te­stra­te­gie, kei­ne Kre­dit­stra­te­gie. Orcel prä­sen­tiert Syn­er­gie­zie­le, kei­ne Kre­dit­stra­te­gie. Der Mit­tel­stand ver­liert in bei­den Szenarien—weil kei­ne Sei­te sein eigent­li­ches Pro­blem adressiert.

Für das Finanz­platz-Argu­ment emp­fiehlt sich zunächst die his­to­ri­sche Gegen­pro­be. Frank­furt hat in zwei Jahr­zehn­ten zwei erheb­li­che insti­tu­tio­nel­le Ver­lus­te absor­biert: die Dresd­ner Bank, di…