DeFi gilt als radikaler Bruch mit dem klassischen Bankwesen – dezentral, transparent, ohne Intermediäre. Eine neue Studie zeigt: Was sich hinter den Protokollen verbirgt, ist weniger Revolution als Wiederholung. Die Logik der Kreditschöpfung, die das traditionelle Bankensystem antreibt, ist in DeFi einfach neu codiert worden. Und die Risiken, die damit einhergehen, sind dieselben – nur ohne Zentralbank als letzten Sicherheitsanker.
Es gibt eine Geschichte, die Ökonomen gern erzählen, wenn sie erklären wollen, wie aus Geld mehr Geld wird. Sie beginnt mit einer einfachen Einlage: hundert Euro bei einer Bank. Die Bank verleiht neunzig davon. Der Empfänger zahlt sie bei einer anderen Bank ein, die ihrerseits einundachtzig Euro weiterreicht – und so fort. Am Ende existieren aus den ursprünglichen hundert Euro mehrere hundert Euro an Guthaben und Schulden, verteilt über das System. Das nennt man Geldschöpfung durch Kreditvergabe. Es ist das Fundament des modernen Bankwesens.
Gutscheine auf Gutscheine
In der Welt der dezentralen Finanzprotokolle funktioniert dasselbe Prinzip, nur mit anderen Akteuren und anderen Namen. Wer Ether besitzt, kann ihn in ein Staking-Protokoll einzahlen und erhält dafür einen Gutschein-Token – nennen wir ihn stETH. Dieser Token verbrieft den Anspruch auf das hinterlegte Ether samt anfallenden Zinsen. Soweit, so nachvollziehbar.
Doch der Gutschein selbst kann nun wieder als Einlage dienen. In einem Lending-Protokoll hinterlegt, generiert stETH einen weiteren Gutschein – etwa aSTETH –, der den Anspruch auf die Einlage im Lending-Protokoll verbrieft. Gegen diesen Anspruch lässt sich wiederum etwas leihen. Und was man leiht, kann erneut eingesetzt werden.
Am Ende gibt es aus einem einzigen Ether eine Kette von Ansprüchen, Gegenforderungen und Zinszahlungen. Jede Schicht aufgebaut auf der darunter. Jede Schicht abhängig von der Stabilität aller vorherigen.
Eine neue Studie A Money View of Decentralized Finance – verfasst auf Grundlage von Daten zu rund 18.000 DeFi-Pools und 7.000 Protokollen zwischen Februar 2022 und Dezember 2025 – macht diese Struktur erstmals systematisch sichtbar. Die Autorin nennt sie eine Token-Hierarchie: ein gestuftes System von Basis-Assets und abgeleiteten Ansprüchen, das in seiner inneren Logik dem klassischen Bankensystem erschreckend ähnelt.
Der Multiplikator
Das zentrale Messinstrument der Studie ist der sogenannte Layering-Multiplikator: das Verhältnis aller im System vorhandenen Token-Ansprüche zu den tatsächlich vorhandenen Basis-Assets – also zu echtem Ether, Bitcoin, USDC. Er gibt an, wie viele Dollar an Forderungen auf jeden Dollar echter Substanz kommen.
In ruhigen Zeiten liegt dieser Multiplikator bei drei bis vier. Nach den Krisen der Jahre 2022 und 2023 – dem Zusammenbruch von Terra, dem FTX-Schock, den Verwerfungen rund um die Silicon Valley Ba…
