Eines der hart­nä­ckigs­ten metho­di­schen Pro­ble­me der Sys­tem­ri­si­ko­for­schung ist die Ver­ein­fa­chung: Wer Ver­net­zung misst, neigt dazu, sie zu agg­re­gie­ren – also alle Expo­sures einer Bank gegen­über ande­ren Ban­ken zu einem ein­zi­gen Gewicht zusam­men­zu­fas­sen. Das Ergeb­nis ist ein „geflat­te­tes” Netz­werk, das zwar rech­ne­risch hand­hab­bar ist, aber struk­tu­rell blind bleibt gegen­über der Fra­ge, über wel­chen Kanal die Ver­bin­dung ver­läuft. Die Arbeit Inte­gra­ting gra­nu­lar data into a mul­ti­lay­er net­work: an inter­bank model of the euro area for sys­te­mic risk assess­ment, die ein empi­risch fun­dier­tes Mul­ti­lay­er-Netz­werk­mo­dell für den Euro-Inter­ban­ken­markt ent­wi­ckelt, greift genau die­se Schwä­che auf – mit einer metho­di­schen Kon­se­quenz, die über bis­he­ri­ge theo­re­ti­sche Mehr­ka­nal-Model­le hin­aus­geht, weil sie auf gra­nu­la­ren Auf­sichts- und Sta­tis­tik­da­ten beruht.

Der zen­tra­le Befund lässt sich knapp for­mu­lie­ren: Eine Bank, die in einer Netz­werk­schicht sys­te­misch bedeut­sam ist, muss es in einer ande­ren nicht sein. Zen­tra­li­tät ist schicht­spe­zi­fisch, nicht uni­ver­sal. Die­se Erkennt­nis klingt intui­tiv plau­si­bel – und ist in ihrer Kon­se­quenz für die Regu­lie­rungs­pra­xis den­noch weitreichend.

Archi­tek­tur des Modells: Meh­re­re Kanä­le, ein kohä­ren­tes Knotenuniversum

Das Modell besteht aus einem gemein­sa­men Uni­ver­sum signi­fi­kan­ter Ban­ken­grup­pen, das aus meh­re­ren hete­ro­ge­nen Daten­sät­zen euro­päi­scher Ban­ken­auf­sicht und Sta­tis­tik zusam­men­ge­führt wird. Die­ser Schritt – die Her­stel­lung kon­sis­ten­ter Iden­ti­fi­ka­to­ren und Kon­so­li­die­rungs­re­geln über ver­schie­de­ne Daten­quel­len hin­weg – ist metho­disch auf­wen­di­ger, als er auf den ers­ten Blick erscheint. Euro­päi­sche Auf­sichts­da­ten sind his­to­risch frag­men­tiert: Sie ent­stam­men unter­schied­li­chen Mel­de­sys­te­men, ope­rie­ren auf ver­schie­de­nen Kon­so­li­die­rungs­ebe­nen und fol­gen nicht ein­heit­li­chen Defi­ni­tio­nen von „Expo­sure”. Die Inte­gra­ti­on die­ser Daten­sät­ze zu einem kohä­ren­ten Netz­werk­mo­dell ist daher kei­ne blo­ße tech­ni­sche Übung, son­dern setzt kon­zep­tio­nel­le Ent­schei­dun­gen über Kon­so­li­die­rung, Zurech­nung und Abgren­zung voraus.

Das eigent­li­che Modell schich­tet auf die­sem Kno­ten­uni­ver­sum vier Trans­mis­si­ons­ka­nä­le auf: lang­fris­ti­ge Kre­dit­be­zie­hun­gen, kurz­fris­ti­ge Kre­dit­be­zie­hun­gen, Wert­pa­pier-Cross-Hol­dings und kurz­fris­ti­ge besi­cher­te Finan­zie­rung (Repo-Märk­te). Hin­zu kommt eine fünf­te Schicht, die gemein­sa­me exter­ne Port­fo­li­o­en­ga­ge­ments abbil­det – die soge­nann­ten Com­mon-Asset-Expo­sures, bei denen zwei Ban­ken nicht direkt mit­ein­an­der ver­bun­den sind, aber ähn­li­che Ver­mö­gens­po­si­tio­nen hal­ten und damit im Fal­le eines gemein­sa­men Schocks gleich­zei­tig unter Druck gera­ten kön­nen. Die­se Feu­er­werks­kon­struk­ti­on unter­schied­li­cher Ver­bin­dungs­ty­pen erlaubt es, Anste­ckung nicht nur als bila­te­ra­les Direk­t­ri­si­ko, son­dern auch als sys­te­mi­sches Port­fo­lio­ri­si­ko zu modellieren.

Empi­ri­sche Befun­de: Hete­ro­ge­ni­tät statt uni­for­mer Zentralität

Die empi­ri­schen Ergeb­nis­se illus­trie­ren, was die Theo­rie schon län­ger nahe­legt: Die Netz­werk­to­po­lo­gie ist schicht­spe­zi­fisch. Wel­che Ban­ken in den lang­fris­ti­gen Kre­dit­netz­wer­ken zen­tral sind, deckt sich nicht not­wen­di­ger­wei­se mit jenen, die im Repo-Markt oder über gemein­sa­me Port­fo­li­o­ex­po­sures sys­te­misch bedeut­sam sind. Ein agg­re­gier­tes Netz­werk, das die­se Schich­ten zusam­men­wirft, pro­du­ziert zwangs­läu­fig Fehl­al­lo­ka­tio­nen in der Sys­tem­ri­si­ko­ein­schät­zung: Eini­ge Insti­tu­te wer­den als sys­te­misch rele­van­ter bewer­tet, als sie es in spe­zi­fi­schen Märk­ten sind; ande­re, die in einer kri­ti­schen Schicht domi­nant sind, wer­den über­se­hen oder unterschätzt.

Das ist kein aka­de­mi­sches Detail. Makro­pru­den­zi­el­le Poli­tik, Stress­tests und die Zuwei­sung von SIFI-Sta­tus (Sys­te­mi­cal­ly Important Finan­cial Insti­tu­ti­on) beru­hen auf sol­chen Ein­schät­zun­gen. Wenn ein Stress­test­de­sign einen Schock im besi­cher­ten Geld­markt model­liert, aber die Zen­tra­li­täts­struk­tur die­ses spe­zi­fi­schen Markt­seg­ments igno­riert, weil es in einem agg­re­gier­ten Netz­werk auf­ge­gan­gen ist, dann ver­fehlt der Test mög­li­cher­wei­se genau die Insti­tu­te, von denen die stärks­te Pro­pa­ga­ti­on ausginge.

Metho­di­sche Zwei­glei­sig­keit: Zen­tra­li­täts­ma­ße und agen­ten­ba­sier­te Simulation

Die Sys­tem­ri­si­ko­mes­sung erfolgt auf zwei Wegen, die sich metho­disch ergänzen.

Ers­tens nut­zen die Autoren zen­tra­li­täts­ba­sier­te Pro­pa­ga­ti­ons­ma­ße, die quan­ti­fi­zie­ren, wie stark ein Initi­al­schock bei einer bestimm­ten Bank über die ver­schie­de­nen Netz­werk­schich­ten wei­ter­ver­brei­tet wird. Sol­che Maße sind sta­tisch, aber rechen­ef­fi­zi­ent und las­sen sich gut interpretieren.

Zwei­tens imple­men­tie­ren sie ein agen­ten­ba­sier­tes Mikro­si­mu­la­ti­ons­mo­dell, das auf den rea­len Expo­sures kali­briert ist und die dyna­mi­sche Schock­aus­brei­tung mit Rück­kopp­lungs­ef­fek­ten simu­liert: Liqui­di­täts­eng­päs­se, die Not­ver­käu­fe erzwin­gen, wel­che wie­der­um Prei­se drü­cken und wei­te­ren Abschrei­bungs­be­darf bei ande­ren Insti­tu­ten aus­lö­sen. Die­se Ver­stär­kungs­me­cha­nis­men – in der Lite­ra­tur als Fire-Sale-Spi­ra­len oder Liqui­di­täts-Sol­venz-Schlei­fen bekannt – sind das eigent­lich Gefähr­li­che an ver­netz­ten Ban­ken­sys­te­men. Sie machen Sys­tem­ri­si­ken nicht-line­ar: Der Scha­den eines Schocks ist nicht pro­por­tio­nal zu sei­ner Aus­gangs­grö­ße, son­dern kann durch endo­ge­ne Ver­stär­kung ein Viel­fa­ches des initia­len Impul­ses erreichen.

Der Vor­zug die­ser Zwei­glei­sig­keit liegt in der Vali­die­rungs­mög­lich­keit: Wenn zen­tra­li­täts­ba­sier­te Maße und Agen­ten­si­mu­la­ti­on zu ähn­li­chen Ein­schät­zun­gen über die sys­te­mi­sche Bedeu­tung ein­zel­ner Insti­tu­te kom­men, stärkt das die Robust­heit der Befun­de. Diver­gie­ren sie, zeigt das an, wo sta­ti­sche Struk­tur­ma­ße die Dyna­mik nicht ange­mes­sen abbilden.

Impli­ka­tio­nen für Auf­sicht und Stresstesting

Der prak­ti­sche Bei­trag der Arbeit liegt weni­ger in einer ein­zel­nen theo­re­ti­schen Inno­va­ti­on als in der Demons­tra­ti­on, dass Mul­ti­lay­er-Sys­tem­ri­si­ko­ana­ly­se auf Basis ver­füg­ba­rer, wenn auch frag­men­tier­ter euro­päi­scher Auf­sichts­da­ten umsetz­bar ist. Das ist eine wich­ti­ge Aus­sa­ge gegen­über einer Pra­xis, die aus Daten­grün­den oft auf sti­li­sier­te oder stark ver­ein­fach­te Netz­werk­struk­tu­ren ausweicht.

Für die Auf­sichts­pra­xis erge­ben sich kon­kre­te Impli­ka­tio­nen: Ein schicht­be­wuss­ter Ansatz erlaubt es, markt­spe­zi­fi­sche Schwach­stel­len zu iden­ti­fi­zie­ren – also zu bestim­men, wel­che Insti­tu­te in wel­chen Seg­men­ten (besi­cher­ter Geld­markt, Wert­pa­pier­hol­dings, lang­fris­ti­ge Kre­dit­ver­ga­be) beson­ders kri­tisch sind. Das ist rele­van­ter als eine gene­ri­sche Sys­tem­re­le­vanz­ein­schät­zung, weil Schocks typi­scher­wei­se in spe­zi­fi­schen Markt­seg­men­ten ent­ste­hen und sich zunächst dort aus­brei­ten, bevor sie cross-sek­to­ral wirken.

Zudem zeigt das Modell, wie kanal­über­grei­fen­de Anste­ckungs­ef­fek­te ver­lau­fen: Ein Schock im Repo-Markt kann über Liqui­di­täts­eng­päs­se in Kre­dit­be­zie­hun­gen über­grei­fen, die auf den ers­ten Blick nichts mit dem Aus­gangs­er­eig­nis zu tun haben. Die­se Trans­mis­si­on über Schich­ten hin­weg ist in ein­di­men­sio­na­len Model­len schlicht nicht abbildbar.

Ein­ord­nung: Zwi­schen theo­re­ti­schem Modell und regu­la­to­ri­scher Realität

Die Arbeit besetzt metho­disch einen Raum, der in der For­schung zwar viel dis­ku­tiert, in der Pra­xis aber sel­ten kon­se­quent beschrit­ten wird: die Über­set­zung von Mul­ti­lay­er-Con­ta­gi­on-Theo­rie in empi­risch kali­brier­te Auf­sichts­mo­del­le. Theo­re­ti­sche Mehr­ka­nal-Netz­werk­mo­del­le gibt es seit mehr als einem Jahr­zehnt; empi­risch fun­dier­te Imple­men­tie­run­gen auf Basis rea­ler Bank­ex­po­sures im Euro-Raum sind deut­lich seltener.

Die Lücke, die die Arbeit schließt, ist also nicht pri­mär theo­re­ti­scher, son­dern daten­tech­ni­scher und metho­do­lo­gi­scher Natur: Wie inte­griert man frag­men­tier­te, hete­ro­ge­ne Auf­sichts­da­ten zu einem kon­sis­ten­ten Netz­werk­mo­dell, das simul­tan meh­re­re Trans­mis­si­ons­ka­nä­le abbil­det? Und wie kali­briert man dar­auf auf­bau­end Sys­tem­ri­si­ko­ma­ße, die gegen­über ein­di­men­sio­na­len Alter­na­ti­ven ech­ten Infor­ma­ti­ons­ge­winn bieten?

Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist das Papier weni­ger ein Bei­trag zur abs­trak­ten Netz­werk­theo­rie als eine metho­do­lo­gi­sche Brü­cke – zwi­schen dem, was die For­schung als nötig erkannt hat, und dem, was Auf­sichts­be­hör­den in der Pra­xis mit ver­füg­ba­ren Daten tat­säch­lich umset­zen können.

Fazit

Die Kern­bot­schaft ist ein­fach, ihre Kon­se­quen­zen sind es nicht: Ver­net­zung im Ban­ken­sys­tem ist mehr­di­men­sio­nal, und wer sie auf eine ein­zi­ge Dimen­si­on redu­ziert, ver­kennt ihre Struktur.

Das vor­lie­gen­de Mul­ti­lay­er-Modell macht deut­lich, dass sys­te­mi­sche Bedeu­tung eine schicht­spe­zi­fi­sche Eigen­schaft ist – und dass Auf­sicht, die das igno­riert, in man­chen Markt­kon­stel­la­tio­nen die fal­schen Insti­tu­te im Blick hat. Der metho­di­sche Auf­wand, den die Daten­in­te­gra­ti­on und die Imple­men­tie­rung schicht­be­wuss­ter Sys­tem­ri­si­ko­ma­ße erfor­dern, ist kein Selbst­zweck, son­dern der Preis für eine rea­lis­ti­sche­re Abbil­dung der tat­säch­li­chen Trans­mis­si­ons­me­cha­nis­men im Euro-Interbankenmarkt.

Ralf Keu­per