Wie spe­zia­li­sier­te API-Anbie­ter und KI-Agen­ten die Preis­mo­del­le von Bloom­berg & Co. unter­gra­ben – und war­um der Finanz­jour­na­lis­mus dabei unter dop­pel­ten Druck gerät.

Als das Unter­neh­men hin­ter financialdatasets.ai kürz­lich sei­ne neue Ear­nings API vor­stell­te[1]https://x.com/virattt/status/2023869068697067625, klang die Ankün­di­gung wie eine wei­te­re nütz­li­che Ent­wick­ler­werk­zeug-Mel­dung im unüber­schau­ba­ren Strom sol­cher Nach­rich­ten: zwei Mona­te Ent­wick­lungs­zeit, vier Neu­fas­sun­gen, rund 15.000 Dol­lar Rechen­auf­wand – und das Ergeb­nis: sau­be­re, struk­tu­rier­te Gewinn­da­ten, unmit­tel­bar nach der Ver­öf­fent­li­chung eines Unter­neh­mens­be­richts, inklu­si­ve der Ein­ord­nung, ob die Erwar­tun­gen über­trof­fen, ver­fehlt oder erfüllt wur­den. Zugang zunächst kostenlos.

Was sich dahin­ter ver­birgt, ist mehr als ein prak­ti­sches Werk­zeug. Es ist ein sym­pto­ma­ti­scher Schritt in einer struk­tu­rel­len Trans­for­ma­ti­on, die nicht nur die Geschäfts­mo­del­le der gro­ßen Daten­an­bie­ter unter Druck setzt – son­dern auch eine Berufs­grup­pe, die bis­lang glaub­te, ihr Ter­rain sei sicher: den Finanzjournalismus.


Bloom­berg und die Öko­no­mie der Knappheit

Bloom­berg Ter­mi­nal, Refi­ni­tiv (heu­te LSEG) und S&P Glo­bal haben ihr Geschäfts­mo­dell jahr­zehn­te­lang auf der Knapp­heit und Exklu­si­vi­tät von Finanz­da­ten auf­ge­baut. Ein Bloom­berg-Ter­mi­nal kos­tet nach wie vor über 20.000 Dol­lar im Jahr. Die­se Prei­se sind nicht das Ergeb­nis von Markt­ver­sa­gen – sie sind das Ergeb­nis von Markt­macht, gewach­sen durch Netz­werk­ef­fek­te, regu­la­to­ri­sche Anfor­de­run­gen und die schie­re Gewohn­heit pro­fes­sio­nel­ler Inves­to­ren, die ihre Arbeits­pro­zes­se auf die­sen Platt­for­men auf­ge­baut haben.

Das Geschäfts­mo­dell der gro­ßen Daten­an­bie­ter ist dabei nie allein auf den Roh­da­ten basiert. Bloom­berg ver­kauft kei­nen Daten­punkt – es ver­kauft einen inte­grier­ten Infor­ma­ti­ons­raum: Echt­zeit-Kur­se, Ana­ly­se­funk­tio­nen, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur, Com­pli­ance-Werk­zeu­ge, Ter­min­ka­len­der, Nach­rich­ten­ver­sor­gung. Der Wert ent­steht durch die Kom­bi­na­ti­on, nicht durch das ein­zel­ne Ele­ment. Das macht das Ange­bot schwer angreif­bar – und erklärt, war­um die Prei­se trotz sin­ken­der Grenz­kos­ten für Daten über Jahr­zehn­te sta­bil geblie­ben sind.

Gegen die­ses Modell arbei­ten nun zwei Kräf­te gleich­zei­tig – und sie ver­stär­ken einander.

Zwei Kräf­te, ein Trend

Die ers­te Kraft ist tech­no­lo­gi­scher Natur: Die Kos­ten für Daten­be­schaf­fung, ‑ver­ar­bei­tung und ‑dis­tri­bu­ti­on sind durch Cloud-Infra­struk­tur und KI dras­tisch gesun­ken. Was vor zehn Jah­ren noch erheb­li­che Infra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen erfor­der­te, ist heu­te mit über­schau­ba­rem Auf­wand rea­li­sier­bar. financialdatasets.ai hat 15.000 Dol­lar in die Ear­nings API inves­tiert – eine Sum­me, die in einem ande­ren Jahr­zehnt für eine ver­gleich­ba­re Leis­tung nicht annä­hernd aus­ge­reicht hätte.

Die zwei­te Kraft ist struk­tu­rel­ler Art: Eine neue Gene­ra­ti­on von Anbie­tern setzt bewusst auf Dis­ag­gre­ga­ti­on. Statt den inte­grier­ten Infor­ma­ti­ons­raum nach­zu­bau­en – was kapi­tal- und zeit­in­ten­siv wäre –, grei­fen sie ein­zel­ne Daten­ka­te­go­rien her­aus, berei­ten sie sorg­fäl­tig auf und machen sie als API zugäng­lich. Ear­nings-Daten. Insi­der­trans­ak­tio­nen. Bilanz­kenn­zah­len. Ana­lys­ten­schät­zun­gen. Jeder die­ser Daten­punk­te, für sich genom­men, ist nur ein klei­ner Teil des­sen, was Bloom­berg bie­tet. Zusam­men­ge­nom­men – und kom­bi­niert durch KI-gestütz­te Ana­ly­se­schich­ten – ergibt sich ein funk­tio­na­les Sub­sti­tut zu einem Bruch­teil der Kosten.

Das ist die Logik, die Jake Ruth von Sto­ckUn­lock auf den Begriff brach­te, als er auf die Ankün­di­gung der Ear­nings API kom­men­tier­te: Er sehe die Kos­ten für Finanz­da­ten bis 2030 gegen null ten­die­ren. Das ist kei­ne prä­zi­se Pro­gno­se, son­dern ein Rich­tungs­an­zei­ger – aber ein plausibler.

Die eigent­li­che Spreng­kraft: KI-Agen­ten als Integrationschicht

Die bis­her beschrie­be­ne Dyna­mik – sin­ken­de Daten­be­schaf­fungs­kos­ten, dis­agg­re­gier­te API-Anbie­ter – wäre für sich genom­men bereits rele­vant. Was ihr eine qua­li­ta­tiv neue Dimen­si­on gibt, ist das Auf­kom­men von KI-Agen­ten als eigen­stän­di­ge Marktakteure.

Agen­tic Com­mer­ce – der Han­del und die Ent­schei­dungs­fin­dung durch auto­no­me KI-Sys­te­me – setzt vor­aus, dass Agen­ten auf struk­tu­rier­te, ver­läss­li­che und zeit­kri­ti­sche Infor­ma­tio­nen zugrei­fen kön­nen. Ein Ear­nings-Beat oder ‑Miss ist genau die Art von Signal, auf das ein Han­dels­agent reagie­ren muss: unmit­tel­bar, prä­zi­se, im rich­ti­gen For­mat. Die Inte­gra­ti­ons­leis­tung, die bis­lang das Herz­stück des Bloom­berg-Wert­an­ge­bots war – die Zusam­men­füh­rung hete­ro­ge­ner Daten­quel­len zu einem kohä­ren­ten Infor­ma­ti­ons­raum –, kön­nen KI-Agen­ten zuneh­mend selbst erbrin­gen. Vor­aus­ge­setzt, die Roh­da­ten sind zugänglich.

Dar­in liegt die eigent­li­che Spreng­kraft: Nicht die ein­zel­ne API ersetzt Bloom­berg. Es ist das Zusam­men­spiel aus vie­len spe­zia­li­sier­ten Daten­pipe­lines und KI-Agen­ten, die die­se Pipe­lines abon­nie­ren, kom­bi­nie­ren und in Han­dels­si­gna­le über­set­zen, das das tra­di­tio­nel­le Inte­gra­ti­ons­mo­dell struk­tu­rell unterläuft.

Die Pro­to­kol­le dafür sind bereits in Ent­wick­lung oder im Ein­satz. Anthro­pics Model Con­text Pro­to­col, auf­kom­men­de Zah­lungs­in­fra­struk­tu­ren für KI-Agen­ten, stan­dar­di­sier­te Daten-APIs – es ent­steht eine Infra­struk­tur­schicht, auf der maschi­nel­le Ent­schei­dungs­fin­dung im Finanz­be­reich ope­rie­ren kann. Die Ear­nings API von financialdatasets.ai ist ein Bau­stein in die­ser Schicht.

Was das für tra­di­tio­nel­le Anbie­ter bedeutet

Für Bloom­berg, LSEG und ihre Kon­kur­ren­ten ist die­se Ent­wick­lung nicht unmit­tel­bar bedroh­lich. Ihre insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung – Com­pli­ance-Anfor­de­run­gen, eta­blier­te Arbeits­pro­zes­se, regu­la­to­ri­sche Zer­ti­fi­zie­run­gen – schützt sie auf abseh­ba­re Zeit. Aber die mit­tel­fris­ti­gen Impli­ka­tio­nen sind ernster.

Die dis­agg­re­gier­ten Daten­märk­te ent­zie­hen den gro­ßen Anbie­tern schritt­wei­se ihre Preis­set­zungs­macht in den Berei­chen, die am ein­fachs­ten zu repli­zie­ren sind: struk­tu­rier­te Fun­da­men­tal­da­ten, Ana­lys­ten­schät­zun­gen, Unter­neh­mens­mel­dun­gen. Was bleibt, sind die schwe­rer repli­zier­ba­ren Ele­men­te: Echt­zeit-Infra­struk­tur mit nied­rigs­ter Latenz, pro­prie­tä­re Ana­ly­se­funk­tio­nen, der Bloom­berg-Mes­sen­ger als insti­tu­tio­nel­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk, und die regu­la­to­ri­sche Zer­ti­fi­zie­rung für bestimm­te Anwendungsfälle.

Die stra­te­gi­sche Ant­wort kann daher nur in der Ver­tie­fung lie­gen: kom­ple­xe­re Ana­ly­se­funk­tio­nen, pro­prie­tä­re Model­le, KI-gestütz­te Aus­wer­tungs­schich­ten, die über rei­ne Daten­ag­gre­ga­ti­on hin­aus­ge­hen. Wer glaubt, die ein­fa­chen Daten­pipe­lines durch Preis­set­zungs­macht ver­tei­di­gen zu kön­nen, unter­schätzt die Geschwin­dig­keit, mit der das dis­agg­re­gier­te Modell Markt­an­tei­le gewinnt.

Das Modell und sei­ne Grenzen

Das financialdatasets.ai-Modell hat frei­lich auch Gren­zen. Daten­be­schaf­fung und ‑nor­mie­rung erfor­dern kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­wand – vier Neu­fas­sun­gen der Ear­nings API in zwei Mona­ten legen nahe, dass die Kom­ple­xi­tät nicht unter­schätzt wer­den soll­te. Die Qua­li­täts­si­che­rung struk­tu­rier­ter Finanz­da­ten, die von tau­sen­den von Unter­neh­men in unter­schied­li­chen For­ma­ten und nach unter­schied­li­chen Rech­nungs­le­gungs­stan­dards ver­öf­fent­licht wer­den, ist kein tri­via­les Problem.

Hin­zu kommt die Fra­ge der wirt­schaft­li­chen Nach­hal­tig­keit. Kos­ten­lo­ser Zugang als Ein­füh­rungs­an­ge­bot ist eine klas­si­sche Pene­tra­ti­ons­stra­te­gie – aber die Fra­ge, wie sich spe­zia­li­sier­te Daten­an­bie­ter bei sin­ken­den Grenz­kos­ten und inten­si­vem Wett­be­werb lang­fris­tig finan­zie­ren, ist nicht tri­vi­al. Die Geschich­te des Inter­nets kennt vie­le Anbie­ter, die kos­ten­los began­nen und ent­we­der durch Mone­ta­ri­sie­rungs­mo­del­le ihre ursprüng­li­che Zugäng­lich­keit ein­schränk­ten oder von grö­ße­ren Play­ern über­nom­men wurden.
Das min­dert die struk­tu­rel­le Rele­vanz des Mus­ters nicht – aber es mahnt zur Nüchternheit.

Der Finanz­jour­na­lis­mus unter dop­pel­tem Druck

Die Kon­se­quen­zen die­ser Ent­wick­lung beschrän­ken sich nicht auf Bloom­berg und sei­ne insti­tu­tio­nel­len Kon­kur­ren­ten. Sie tref­fen auch den Finanz­jour­na­lis­mus – und zwar auf zwei Ebe­nen gleich­zei­tig, die in ihrer Kom­bi­na­ti­on beson­ders beun­ru­hi­gend sind.

Die ers­te Ebe­ne ist die der Ereig­nis­be­richt­erstat­tung. Was Bloom­berg, Reu­ters oder das Han­dels­blatt bis­lang geleis­tet haben – die schnel­le Ein­ord­nung von Quar­tals­zah­len, die Destil­la­ti­on eines Ear­nings-Signals aus dem Zah­len­ma­te­ri­al, die knap­pe Nach­richt über eine über­ra­schen­de Mar­gen­ent­wick­lung –, ist exakt das, was struk­tu­rier­te APIs wie die von financialdatasets.ai auto­ma­ti­sier­bar machen. Das Signal “Beat/​Miss/​Met” wird nicht mehr vom Jour­na­lis­ten aus Roh­ma­te­ri­al erar­bei­tet, son­dern direkt mit­ge­lie­fert. Auto­ma­ti­sier­te Finanz­be­richt­erstat­tung auf Basis sol­cher Daten­pipe­lines gibt es bei Reu­ters und AP bereits seit Jah­ren. Bis­lang war sie eine Ergän­zung. Je bil­li­ger und zugäng­li­cher die struk­tu­rier­ten Daten wer­den, des­to mehr wird sie zum Standard.

Die zwei­te Ebe­ne ist sub­ti­ler und mit­tel­fris­tig gra­vie­ren­der: Sie betrifft die Kon­tex­tua­li­sie­rung. Der eigent­li­che Wert des Finanz­jour­na­lis­mus lag nie im blo­ßen Daten­trans­port, son­dern in der ana­ly­ti­schen Ein­ord­nung – war­um ver­fehlt ein Unter­neh­men die Erwar­tun­gen struk­tu­rell, nicht nur zyklisch? Was bedeu­tet eine Mar­gen­ent­wick­lung im Kon­text der Bran­chen­dy­na­mik? Wel­che Signa­le wer­den vom Markt gera­de igno­riert oder falsch bewer­tet? Die­se ana­ly­ti­sche Tie­fen­schicht galt lan­ge als siche­res Ter­rain, das mensch­li­che Urteils­kraft erfor­dert und algo­rith­mi­scher Repro­duk­ti­on widersteht.

Auch die­ses Ter­rain schrumpft – nicht weil KI-Agen­ten bes­se­re Finanz­jour­na­lis­ten wären, son­dern weil sich die Nach­fra­ge nach die­ser Kon­tex­tua­li­sie­rung selbst verschiebt.

Pro­fes­sio­nel­le Inves­to­ren arbei­ten zuneh­mend mit eige­nen Model­len und Agen­ten, die Kon­text algo­rith­misch erzeu­gen, Abwei­chun­gen von Erwar­tun­gen in Echt­zeit ver­ar­bei­ten und Bran­chen­ver­glei­che auto­ma­tisch ein­bet­ten. Was bleibt als Kern­ziel­grup­pe für klas­si­schen Finanz­jour­na­lis­mus? Zuneh­mend der infor­mier­te, aber nicht insti­tu­tio­nel­le Leser – ein Publi­kum, das breit ist, aber mit den bis­he­ri­gen Geschäfts­mo­del­len des Qua­li­täts­fi­nanz­jour­na­lis­mus schwer zu mone­ta­ri­sie­ren war und es künf­tig noch weni­ger sein wird.

Das ist struk­tu­rell das­sel­be Mus­ter wie im Nach­rich­ten­jour­na­lis­mus ins­ge­samt – mit dem Unter­schied, dass im Finanz­be­reich die Auto­ma­ti­sier­bar­keit der Kern­in­hal­te beson­ders hoch ist. Die Aus­gangs­da­ten sind nume­risch, stan­dar­di­siert und maschi­nen­les­bar. Das Grund­pro­blem lässt sich nicht durch bes­se­res Sto­rytel­ling lösen, son­dern erfor­dert eine grund­le­gen­de Neu­de­fi­ni­ti­on des­sen, was Finanz­jour­na­lis­mus als eigen­stän­di­ge Leis­tung zu erbrin­gen hat – jen­seits der Daten­auf­be­rei­tung, die Maschi­nen über­neh­men wer­den, und jen­seits der Kon­tex­tua­li­sie­rung, die zuneh­mend algo­rith­misch erzeugt wird.

Finanz­in­for­ma­tio­nen als Infrastruktur

Was bleibt, ist eine The­se, die über den Ein­zel­fall hin­aus­weist: Finanz­in­for­ma­tio­nen sind auf dem Weg von einem knap­pen, exklu­si­ven Gut zu einer Infra­struk­tur­res­sour­ce. Infra­struk­tur im öko­no­mi­schen Sin­ne bedeu­tet: weit­ge­hend stan­dar­di­siert, zu nied­ri­gen Grenz­kos­ten ver­füg­bar, und für über­ge­ord­ne­te Anwen­dun­gen vor­aus­ge­setzt, ohne dass ihr Vor­han­den­sein noch als beson­de­rer Wett­be­werbs­vor­teil gilt.

Ob Finanz­da­ten bis 2030 tat­säch­lich gegen null ten­die­ren, ist eine offe­ne Fra­ge. Dass die heu­ti­gen Preis­mo­del­le unter erheb­li­chem Druck ste­hen – und dass die­ser Druck durch das Auf­kom­men des Agen­tic Com­mer­ce struk­tu­rell ver­stärkt wird –, ist es nicht.

Das financialdatasets.ai-Modell ist ein frü­hes, noch klei­nes Indiz für eine Trans­for­ma­ti­on, die am Ende grö­ße­re Spie­ler und tie­fe­re Märk­te erfas­sen wird. Die stil­le Dis­ag­gre­ga­ti­on des Finanz­in­for­ma­ti­ons­mark­tes hat begonnen.

Ralf Keu­per