Am 11. Febru­ar 2026 prä­sen­tier­te die Com­merz­bank Rekord­ergeb­nis­se: 4,5 Mil­li­ar­den Euro ope­ra­ti­ves Ergeb­nis (+18%), 2,6 Mil­li­ar­den Euro Net­to­ge­winn, Divi­den­de +70%, Akti­en­rück­käu­fe[1]Aktie der Com­merz­bank bricht trotz ange­ho­be­ner Pro­gno­se ein. Die Reak­ti­on der Märk­te: Kurs­ein­bruch um sie­ben Pro­zent auf 33,48 Euro. Die­se Para­do­xie offen­bart die zen­tra­le Pro­ble­ma­tik der Com­merz­bank: Ope­ra­ti­ve Exzel­lenz ohne stra­te­gi­sche Per­spek­ti­ve wird zur Fal­le. Je bes­ser die ope­ra­ti­ven Zah­len, des­to kla­rer die stra­te­gi­sche Ausweglosigkeit.


Was der Markt wirk­lich liest: Drei fun­da­men­ta­le Zweifel

Die ober­fläch­li­che Les­art und war­um sie nicht ausreicht

Die gän­gi­ge Erklä­rung für den Kurs­ein­bruch lau­tet: Nach dem Kurs­an­stieg von 130 Pro­zent im Jahr 2024 waren die Erwar­tun­gen über­zo­gen hoch. Die Bank hat­te die Mess­lat­te selbst hoch­ge­legt. Als die Pro­gno­sen für 2026 dann als “zu kon­ser­va­tiv” wahr­ge­nom­men wur­den – trotz ange­kün­dig­ter Divi­den­den­er­hö­hung und Akti­en­rück­käu­fe – kam die Ent­täu­schung. Hin­zu kam die Unsi­cher­heit um den Abgang von Risi­ko­vor­stand Bernd Spalt Ende 2026, der mit­ten in der kri­ti­schen Pha­se der UniCre­dit-Aus­ein­an­der­set­zung geht. Schließ­lich wur­den auch die Risi­ko­vor­sor­ge-Pro­gno­sen (Loan Loss Pro­vi­si­ons) skep­tisch aufgenommen.

Die­se Erklä­rung ist nicht falsch – aber sie behan­delt Sym­pto­me, nicht die Krank­heit. Sie bleibt an der Ober­flä­che von Quar­tals­pro­gno­sen und per­so­nel­len Fra­gen hän­gen. Was sie über­sieht: Der Markt stellt fun­da­men­tal ande­re Fra­gen als “Sind die Pro­gno­sen ambi­tio­niert genug?” Der Markt fragt: “Hat die­se Bank über­haupt noch eine eigen­stän­di­ge Zukunft?”

Ein Kurs­ein­bruch von sie­ben Pro­zent nach Rekord­ergeb­nis­sen ist kein “Sell on good news” und kei­ne Über­re­ak­ti­on auf kon­ser­va­ti­ve Hal­tung. Es ist ein prä­zi­ses dia­gnos­ti­sches Signal. Der Markt liest in den Bilan­zen nicht das, was die Bank kom­mu­ni­ziert (Stär­ke, Ertrags­kraft, Share­hol­der Returns), son­dern das, was die Bank ver­schweigt: struk­tu­rel­le Zwei­fel an der lang­fris­ti­gen Über­le­bens­fä­hig­keit als eigen­stän­di­ge Institution.

Der Kurs­ein­bruch signa­li­siert drei sol­cher fun­da­men­ta­len Zwei­fel, die weit über Quar­tals­zah­len hinausgehen

1. Kei­ne Nach­hal­tig­keit der Ertragskraft

Die kon­ser­va­ti­ven 2026-Pro­gno­sen sind ein Ein­ge­ständ­nis: Das Manage­ment glaubt selbst nicht an die Fort­set­zung. Die Gewinn­stei­ge­run­gen waren zins­ge­trie­ben – ein tem­po­rä­rer Effekt, der ver­siegt. Erhöh­te Risi­ko­vor­sor­gen und Aqui­la-Abschrei­bun­gen zei­gen: Alt­las­ten sind nicht berei­nigt, nur über­tüncht. Der Markt liest Fra­gi­li­tät, nicht Stärke.

2. Stra­te­gi­sche Optionslosigkeit

UniCre­dit hält 29 Pro­zent und plant Voll­über­nah­me. Die Bun­des­re­gie­rung (12%) lehnt ab. Jede ope­ra­ti­ve Ver­bes­se­rung erhöht nur den Über­nah­me­wert für UniCre­dit. Die Com­merz­bank betreibt fak­tisch Wert­op­ti­mie­rung für einen Käu­fer, nicht für Eigen­stän­dig­keit. “Kurs­ab­wehr durch Per­for­mance” ist kei­ne Stra­te­gie, son­dern Ein­ge­ständ­nis feh­len­der Alternativen.

Die Divi­den­denstra­te­gie (+70%) plus Rück­käu­fe ent­larvt dies: Man ver­teilt Kapi­tal, weil man kei­ne über­zeu­gen­den Inves­ti­ti­ons­nar­ra­ti­ve hat. Peter Dru­cker hat wie­der­holt betont: Unter­neh­men, die mas­siv aus­schüt­ten statt zu inves­tie­ren, haben kei­ne Zukunftsvision.

3. Gover­nan­ce-Glaub­wür­dig­keit

Spalts Abgang Ende 2026 mit­ten in der Über­nah­me­schlacht signa­li­siert Füh­rungs­in­sta­bi­li­tät. Der 12-pro­zen­ti­ge Staats­an­teil schafft Unsi­cher­heit: Ist der poli­ti­sche Wider­stand durch­halt­bar oder sym­bo­li­sche Rhe­to­rik vor unver­meid­li­cher Kapitulation?

Der Markt fragt nicht mehr “Wird sie über­nom­men?”, son­dern “Zu wel­chem Preis und wann?”

His­to­ri­sche Par­al­le­len: Das Dresdner-Bank-Echo

Die Iro­nie der Geschichte

2009 über­nahm die Com­merz­bank die Dresd­ner Bank für 5,5 Mil­li­ar­den Euro, um “too big to fail” zu wer­den und euro­päi­sche Ska­lie­rung zu errei­chen. Die Trans­ak­ti­on soll­te die Com­merz­bank zum deut­schen Ban­king-Cham­pi­on machen. Heu­te, 17 Jah­re spä­ter, ist sie selbst Über­nah­me­ziel – gegen­über UniCredit.

Die dama­li­ge “Ret­tung” durch Kon­so­li­die­rung ent­puppt sich als tem­po­rä­re Lösung, die das struk­tu­rel­le Pro­blem nur auf­schob. Der fun­da­men­ta­le Unter­schied: 2009 kon­so­li­dier­te Deutsch­land natio­nal, heu­te über­nimmt Ita­li­en Deutschland.

Das HVB-Mus­ter

Die Hypo­Ver­eins­bank-Über­nah­me durch UniCre­dit 2005 galt lan­ge als Aus­nah­me, als spe­zi­el­ler Fall nach Kirch-Kre­di­ten und Immo­bi­li­en­kri­se. Mit der Com­merz­bank zeigt sich: Es war kein Ein­zel­fall, son­dern ein Mus­ter. Deutsch­land ist vom euro­päi­schen Ban­king-Hege­mon zum Über­nah­me­ziel geworden.

Die Post­bank-Inte­gra­ti­on in die Deut­sche Bank (2010−2018) zeigt zudem: Selbst wenn deut­sche Ban­ken kon­so­li­die­ren, führt die Exe­ku­ti­on oft zu Wert­ver­nich­tung statt zu den erhoff­ten Synergien.

Luh­mann und die Para­do­xie orga­ni­sa­tio­na­ler Selbstbehauptung

Ope­ra­ti­ve Auto­no­mie vs. struk­tu­rel­le Kopplung

Niklas Luh­manns Sys­tem­theo­rie erhellt die Com­merz­bank-Situa­ti­on prä­zi­se. Luh­mann unter­schei­det zwi­schen ope­ra­ti­ver Auto­no­mie und struk­tu­rel­ler Kopp­lung: Eine Orga­ni­sa­ti­on kann ope­ra­tio­nal hoch­ef­fi­zi­ent funk­tio­nie­ren, gleich­zei­tig aber struk­tu­rell so deter­mi­niert sein, dass ech­te Auto­no­mie Illu­si­on wird.

Die Com­merz­bank demons­triert die­se Kon­stel­la­ti­on perfekt:

  • Ope­ra­tio­nal: Effi­zi­ent, Rekordgewinne
  • Struk­tu­rell: Durch Aktio­närs­struk­tur, Markt­po­si­ti­on und Tech­no­lo­gie-Abhän­gig­keit deter­mi­niert – stra­te­gi­sche Auto­no­mie exis­tiert nicht mehr

Die Para­do­xie der Selbststabilisierung

Luh­mann beschreibt: Orga­ni­sa­tio­nen ver­su­chen Sta­bi­li­sie­rung durch Leis­tungs­stei­ge­rung – und errei­chen das Gegen­teil. Sie opti­mie­ren für extern gesetz­te Kri­te­ri­en (Share­hol­der Value, Quar­tals­ge­win­ne) und ver­lie­ren eigen­stän­di­ge Strategiefähigkeit.

Die Com­merz­bank opti­miert Cost-Inco­me-Ratio, RoE, Eigen­ka­pi­tal­quo­te – erfüllt alle Kenn­zah­len. Gera­de dadurch wird sie zum idea­len Über­nah­me­ziel: effi­zi­ent genug für Wert, aber nicht eigen­stän­dig genug für stra­te­gi­sche Behauptung.

Die ope­ra­ti­ve Exzel­lenz wird zur stra­te­gi­schen Kapitulation.

Ent­schei­dungs­prä­mis­sen und Pfadabhängigkeiten

Luh­manns Ent­schei­dungs­prä­mis­sen – grund­le­gen­de Wei­chen­stel­lun­gen, die Fol­ge­ent­schei­dun­gen präformieren:

  • 2009: Dresd­ner-Über­nah­me → Pfad der Grö­ße statt Spezialisierung
  • 2008–2013: Staats­ret­tung → Pfad poli­ti­scher Einmischung
  • 2016–2020: Digi­ta­li­sie­rungs­ver­su­che → Pfad tech­no­lo­gi­schen Hinterherhinkens
  • 2020–2024: UniCre­dit-Anteils­auf­bau → Pfad schlei­chen­den Kontrollverlusts

Jede Ent­schei­dung war ein­zeln ratio­nal. Kumu­liert schu­fen sie eine Pfad­ab­hän­gig­keit, die stra­te­gi­sche Alter­na­ti­ven sys­te­ma­tisch verengte.

Die Com­merz­bank als “Getrie­be­ne”: Ver­lust stra­te­gi­scher Autonomie

Die prä­zi­ses­te Dia­gno­se lau­tet: Die Com­merz­bank ist seit fast 20 Jah­ren nur noch getrie­be­ne. Kei­ne der zen­tra­len Wei­chen­stel­lun­gen erfolg­te aus eigen­stän­di­ger stra­te­gi­scher Vision:

  • 2009: Dresd­ner-Über­nah­me – Nicht gewählt, son­dern poli­tisch gedrängt (“Sys­tem­sta­bi­li­tät”)
  • 2008–2013: Staats­ret­tung – Erzwun­gen durch Kri­se, nicht stra­te­gisch gewollt
  • 2016–2024: Digi­ta­li­sie­rungs­ver­su­che – Reak­tiv auf Fin­Tech-Druck, nicht pro­ak­tiv gestaltet
  • 2020–2024: UniCre­dit-Anteils­auf­bau – Erlit­ten, nicht gesteuert

Eine Bank, die gut zwei Jahr­zehn­te lang reagiert statt agiert, kann kei­ne nach­hal­ti­ge Stra­te­gie ent­wi­ckeln. Es bleibt nur Tak­tie­ren, ope­ra­ti­ve Opti­mie­rung, Quar­tals­zah­len-Manage­ment. Stra­te­gisch geht nichts mehr – die Auto­no­mie, die Hand­lungs­frei­heit ist verloren.

Genau das liest der Markt in den Bilan­zen: Per­fek­te Exe­cu­ti­on tak­ti­scher Maß­nah­men, aber kei­ne stra­te­gi­sche Per­spek­ti­ve mehr. Die Bank opti­miert sich für Kri­te­ri­en, die ande­re set­zen (Regu­la­to­ren, Ana­lys­ten, UniCre­dit), nicht für eige­ne Zukunftsvision.

Die Illu­si­on der Kontingenz

Luh­mann spricht von Kon­tin­genz­be­wusst­sein: der Ein­sicht, dass Din­ge auch anders sein könn­ten. Orga­ni­sa­tio­nen in Kri­sen flüch­ten oft in die Illu­si­on der Kon­tin­genz – sie kom­mu­ni­zie­ren Optio­nen, die fak­tisch nicht bestehen.

Die Com­merz­bank kommuniziert:

  • “Wir haben eigen­stän­di­ge Stra­te­gie” (deter­mi­niert durch UniCredit)
  • “Wir ver­tei­di­gen durch Per­for­mance” (Per­for­mance stei­gert nur Übernahmewert)
  • “Wir haben Wahl­frei­heit” (fak­tisch: UniCre­dit oder lang­sa­me Irrelevanz)

Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on ist sys­te­mi­sche Not­wen­dig­keit – ohne Kon­tin­genz­be­wusst­sein ver­lö­re die Orga­ni­sa­ti­on Mobi­li­sie­rungs­fä­hig­keit. Aber sie täuscht über rea­le Hand­lungs­frei­heit hinweg.

Fazit

Die zen­tra­le Einsicht

Die Com­merz­bank-Para­do­xie lehrt eine fun­da­men­ta­le Ein­sicht: Ope­ra­ti­ve Exzel­lenz ohne stra­te­gi­sche Dif­fe­ren­zie­rung ist wertlos.

In der Platt­form­öko­no­mie muss man entweder:

  • Sys­te­misch rele­vant sein (zu groß/​vernetzt/​kritisch)
  • Öko­sys­tem-domi­nant sein (Platt­form-Betrei­ber, Standard-Setzer)
  • Nischen-exzel­lent sein (spe­zia­li­siert, unersetzlich)

Die Com­merz­bank ist kei­nes davon. Sie ist gut – aber gut reicht nicht. Gute Ban­ken sind Commodity-Assets.

Quar­tals­ge­win­ne als Hygienefaktor

Der Markt unter­schei­det zwi­schen ope­ra­ti­ver Per­for­mance und stra­te­gi­scher Rele­vanz. Quar­tals­ge­win­ne sind Hygie­ne­fak­tor – ihre Abwe­sen­heit wird bestraft, ihre Anwe­sen­heit nur hono­riert mit über­zeu­gen­der lang­fris­ti­ger Story.

Die Com­merz­bank hat Kenn­zah­len, aber kei­ne Erzäh­lung. Effi­zi­enz, aber kei­ne Visi­on. Per­for­mance, aber kei­ne Perspektive.

Die Com­merz­bank hat alles rich­tig gemacht – im Rah­men des Mög­li­chen. Kos­ten gesenkt, Risi­ken redu­ziert, Kapi­tal­puf­fer erhöht, Gewin­ne gestei­gert. Gera­de des­halb wur­de sie zum idea­len Übernahmeziel.

Sie hat sich ope­ra­tio­nal per­fek­tio­niert, aber stra­te­gisch auf­ge­ge­ben. Alle KPIs opti­miert, die Regu­la­to­ren und Ana­lys­ten for­dern – und dabei ver­ges­sen, dass die­se KPIs kei­ne Eigen­stän­dig­keit garan­tie­ren, son­dern die Bank im Gegen­teil als Über­nah­me­ziel noch attrak­ti­ver machen.

Ralf Keu­per