Per­so­nal­be­ra­ter ver­kün­den Ein­stel­lungs­wel­len im deut­schen Finanz­sek­tor. Doch die his­to­ri­sche Evi­denz seit der Grün­dung der Deut­schen Bank 1870 erzählt eine ande­re Geschich­te: Jede tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on führ­te zu Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­nen und Per­so­nal­ab­bau. Mit gene­ra­ti­ver KI erreicht die­ser 150 Jah­re alte Ratio­na­li­sie­rungs­zy­klus sei­ne radi­kals­te Pha­se. Die Fra­ge ist nicht mehr, ob Auto­ma­ti­sie­rung Per­so­nal ersetzt, son­dern wie schnell – und mit wel­chen sozia­len Folgen.


Es gibt in der Wirt­schafts­be­richt­erstat­tung eine merk­wür­di­ge Tra­di­ti­on, kurz­fris­ti­ge Umfra­ge­er­geb­nis­se als Wen­de­punk­te lang­fris­ti­ger Struk­tur­trends zu prä­sen­tie­ren. Die jüngs­te Man­power-Stu­die, wonach 67 Pro­zent der deut­schen Finanz­dienst­leis­ter im ers­ten Quar­tal 2026 Per­so­nal auf­bau­en wol­len[1]Zwei Drit­tel der Finanz­dienst­leis­ter pla­nen Neu­ein­stel­lun­gen, gehört in die­se Kate­go­rie unvoll­stän­di­ger Moment­auf­nah­men. Nicht weil die Umfra­ge falsch wäre – sie bil­det durch­aus aktu­el­le Ein­stel­lungs­ab­sich­ten ab. Son­dern weil sie eine struk­tu­rel­le Logik igno­riert, die seit 150 Jah­ren mit eiser­ner Kon­se­quenz wirkt: Die Ban­ken­bran­che folgt einem kon­ti­nu­ier­li­chen Ratio­na­li­sie­rungs­zy­klus, der sich mit jeder tech­no­lo­gi­schen Wel­le beschleunigt.

Als David Han­se­mann 1851 die Dis­con­to-Gesell­schaft grün­de­te und damit die ers­te deut­sche Uni­ver­sal­bank auf Akti­en­ba­sis schuf, begann nicht nur eine neue Ära des Bank­we­sens. Es war auch der Start­punkt eines Pro­zes­ses, der die Bran­che bis heu­te prägt: die sys­te­ma­ti­sche Ablö­sung per­sön­li­cher Netz­wer­ke durch insti­tu­tio­na­li­sier­te Infor­ma­ti­ons­sys­te­me. Han­se­mann griff zu einem Trick, als er eine Han­dels­ge­sell­schaft grün­de­te statt einer kon­zes­sio­nier­ten Akti­en­ge­sell­schaft. Doch die­ser Grün­dungs­akt war mehr als juris­ti­sche Fines­se – er sym­bo­li­sier­te den Über­gang vom Pri­vat­ban­kier zum insti­tu­tio­na­li­sier­ten Bankbetrieb.

Die Deut­sche Bank, 1870 von meh­re­ren Pri­vat­ban­kiers als Spe­zia­list für Aus­lands­ge­schäf­te kon­zi­piert, per­fek­tio­nier­te die­se Insti­tu­tio­na­li­sie­rung. Unter Georg von Sie­mens und Her­mann Wal­lich ent­stand etwas his­to­risch Neu­es: der Mana­ger-Ban­kier, der nicht mehr als Eigen­tü­mer, son­dern als ange­stell­ter Spe­zia­list agier­te. Das Sekre­ta­ri­at wur­de zur infor­mel­len Kom­man­do­zen­tra­le, das Archiv zur Infor­ma­ti­ons­zen­tra­le der deut­schen Wirt­schaft. Was die Deut­sche Bank von der Kon­kur­renz unter­schied, war nicht pri­mär ihr Kapi­tal oder ihre Kon­tak­te, son­dern ihre über­le­ge­ne Organisationsstruktur.

Die Dis­con­to-Gesell­schaft unter Adolph von Han­se­mann, dem Sohn des Grün­ders, lie­fert das instruk­ti­ve Gegen­bei­spiel. Han­se­mann emp­fand sich zeit sei­nes Lebens als Pri­vat­ban­kier, der sich für das Wohl sei­ner Bank per­sön­lich ver­ant­wort­lich fühl­te. Kei­ne wich­ti­ge Ent­schei­dung wur­de ohne ihn getrof­fen. Die­se auto­kra­ti­sche Füh­rung erwies sich als struk­tu­rel­le Schwä­che: “Per­sön­li­che Koor­di­na­ti­on und Kon­trol­le hät­ten dele­giert wer­den müs­sen, was jedoch mit dem Anspruch Han­se­manns nicht zu ver­ein­ba­ren war”, kon­sta­tiert Mar­kus Dah­lem in sei­ner Stu­die zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Bank­be­triebs. Die Deut­sche Bank über­hol­te die Dis­con­to bereits 1876 – nicht weil ihre Ban­ker talen­tier­ter waren, son­dern weil sie frü­her auf sys­te­ma­ti­sche Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung setzten.

Die­se orga­ni­sa­to­ri­sche Inno­va­ti­on war von Anfang an mit einer kla­ren Ten­denz ver­bun­den: Insti­tu­tio­na­li­sie­rung bedeu­te­te Effi­zi­enz­ge­winn, und Effi­zi­enz­ge­winn bedeu­te­te rela­ti­ven Per­so­nal­ab­bau. Die Ber­li­ner Han­dels-Gesell­schaft unter Carl Fürs­ten­berg wähl­te einen Mit­tel­weg. Fürs­ten­berg galt 1908 als der Ban­kier mit den meis­ten Auf­sichts­rats­man­da­ten – 44 an der Zahl. Sein per­sön­li­ches Netz­werk war legen­där, sei­ne enge Bezie­hung zur AEG und zu Emil Rathen­au exem­pla­risch für das Modell des unter­neh­me­ri­schen Ban­kiers. Doch auch Fürs­ten­berg erkann­te, dass “ein schaf­fen­der und ord­nen­der finan­zi­el­ler Geist” sys­te­ma­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on erfor­der­te. Die Kor­re­spon­denz­ab­tei­lung und die Aus­kunf­tei der Ber­li­ner Han­dels-Gesell­schaft waren insti­tu­tio­nel­le Ant­wor­ten auf die Kom­ple­xi­tät moder­ner Industriefinanzierung.

Das Bank­haus Beth­mann in Frank­furt hin­ge­gen schei­ter­te an genau jener Trans­for­ma­ti­on. Als inha­ber­ge­führ­te Pri­vat­bank fehl­ten Beth­mann “nicht nur eine aus­dif­fe­ren­zier­te Orga­ni­sa­ti­on, son­dern haupt­säch­lich ein unmit­tel­ba­rer Zugang zu Unter­neh­mens­in­for­ma­tio­nen”. Wenn ver­mö­gen­de Kun­den in St. Lou­is & San Fran­cis­co Bonds inves­tier­ten, muss­te sich Beth­mann bei Carl Fürs­ten­berg oder der Deut­schen Bank erkun­di­gen. Die Groß­ban­ken pro­fi­tier­ten, indem sie Beth­mann als Absatz­ka­nal nutz­ten. Beth­manns Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit war exis­ten­zi­ell – aber es war kein Per­so­nal­pro­blem. Mehr Mit­ar­bei­ter hät­ten nichts genutzt. Es war ein Strukturproblem.

Die­se Mus­ter aus der Kai­ser­zeit sind kei­ne anti­qua­ri­sche Fuß­no­te. Sie illus­trie­ren eine Grund­dy­na­mik, die sich über andert­halb Jahr­hun­der­te fort­setzt. Jede tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on im Bank­we­sen – Tele­gra­fie, Tele­fon, Loch­kar­ten­tech­nik, Com­pu­te­ri­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung – folg­te der­sel­ben Sequenz: Beschleu­ni­gung der Trans­ak­ti­ons­ab­wick­lung, Zen­tra­li­sie­rung der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung, Reduk­ti­on des Personalbedarfs.

Die Com­merz­bank-Geschich­te, wie sie im Band “Tech­nik in der Com­merz­bank von 1870 bis heu­te” doku­men­tiert ist, liest sich wie eine Chro­nik fort­schrei­ten­der Ratio­na­li­sie­rung. Addi­ti­ons­ma­schi­nen von Bur­roughs, Schreib­ma­schi­nen von Mer­ce­des, Kas­sen­quit­tie­rungs­ma­schi­nen von Anker – jede Inno­va­ti­on ratio­na­li­sier­te Tätig­kei­ten weg. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg setz­te sich die Loch­kar­ten­tech­nik durch. 1958 instal­lier­te die Dresd­ner Bank als ers­te deut­sche Bank eine voll­wer­ti­ge Daten­ver­ar­bei­tungs­an­la­ge. Die Com­merz­bank grün­de­te eine Zen­tra­le Orga­ni­sa­ti­ons­ab­tei­lung unter dem damals 32-jäh­ri­gen Wolf­gang Star­ke, der…