Yasuo Hama­na­ka kon­trol­lier­te fünf Pro­zent des Welt­kup­fer­mark­tes und bescher­te Sumitomo elf Jah­re lang Rekord­ge­win­ne. Als der Schwin­del 1996 auf­flog, stand ein Ver­lust von 2,6 Mil­li­ar­den Dol­lar in den Büchern. Der Fall ist mehr als eine Kri­mi­nal­ge­schich­te – er offen­bart die sys­te­ma­ti­sche Blind­heit von Orga­ni­sa­tio­nen gegen­über Erfolg.


Es gibt eine Faust­re­gel im Risi­ko­ma­nage­ment: Je län­ger ein Händ­ler auf sei­nem Pos­ten bleibt, des­to grö­ßer wird das Risi­ko. Sumitomo, einer der ältes­ten Misch­kon­zer­ne Japans, kann­te die­se Regel. Die Fir­men­tra­di­ti­on schrieb vor, dass jeder Händ­ler nach eini­gen Jah­ren sein Auf­ga­ben­ge­biet wech­seln muss­te. Yasuo Hama­na­ka blieb elf Jahre.

Der Grund war sim­pel: Hama­na­ka lie­fer­te. Jahr für Jahr wies er Gewin­ne aus, die sei­ne Vor­ge­setz­ten zufrie­den­stell­ten. In Insi­der­krei­sen trug er bald den Spitz­na­men „Mr. Five Per­cent” oder „Kup­fer­fin­ger” – ein Mann, des­sen Orders so gewal­tig waren, dass er zeit­wei­se fünf Pro­zent des glo­ba­len Kup­fer­mark­tes kon­trol­lier­te. Die Finanz­pres­se zitier­te bereit­wil­lig sei­ne Pro­gno­sen über stei­gen­de Kup­fer­nach­fra­ge. Er war der Star-Händ­ler schlechthin.

Was nie­mand sehen woll­te: Hama­na­ka führ­te ein Dop­pel­le­ben. Tags­über han­del­te er offi­zi­ell für Sumitomo an der Lon­don Metal Exch­an­ge. Nachts, über die New York Mer­can­ti­le Exch­an­ge, bau­te er pri­va­te Posi­tio­nen auf, finan­zier­te Luxus­rei­sen mit einer Gelieb­ten aus dem Gin­za-Vier­tel und unter­hielt ein Schwei­zer Bank­kon­to. Der beschei­de­ne Fami­li­en­va­ter aus Kawa­sa­ki, der einen Klein­wa­gen fuhr und mit Frau und zwei Kin­dern in einem unschein­ba­ren Haus leb­te, hat­te längst die Sei­ten gewechselt.

Die Wet­te gegen China

Ab 1993 setz­te Hama­na­ka auf eine makro­öko­no­mi­sche The­se: Die Indus­tria­li­sie­rung Chi­nas wer­de einen enor­men Kup­fer­be­darf erzeu­gen. Er wet­te­te mas­siv auf stei­gen­de Prei­se. Doch Chi­na ließ sich Zeit mit sei­nen Käu­fen, wäh­rend die Behör­den in Peking den Markt durch ver­ba­le Inter­ven­tio­nen unter Druck setzten.

Die Ver­lus­te began­nen sich zu häu­fen. Hama­na­ka tat, was ver­zwei­fel­te Händ­ler tun: Er ver­dop­pel­te. Er fälsch­te Bilan­zen, mani­pu­lier­te Han­dels­be­rich­te und erschlich sich durch gefälsch­te Unter­schrif­ten wei­te­re Kre­di­te von sei­nen Vor­ge­setz­ten. Die zusätz­li­chen Mit­tel brauch­te er, um sei­ne Posi­tio­nen zu ver­grö­ßern und den Markt in die „rich­ti­ge” Rich­tung zu bewegen.

Ende 1995 wur­de die Situa­ti­on kri­tisch. Hama­na­ka begann zu trin­ken. Im Juni 1996 brach er zusam­men und gestand: 1,8 Mil­li­ar­den Dol­lar an Ver­lus­ten hat­ten sich in Form unge­deck­ter Future-Posi­tio­nen aufgetürmt.

Die Panik der Unwissenden

Was folg­te, war ein Lehr­stück in Kri­sen­ma­nage­ment – aller­dings ein nega­ti­ves. Die Sumitomo-Füh­rung, geschockt von den Ent­hül­lun­gen, ent­ließ Hama­na­ka und liqui­dier­te in Panik sei­ne Posi­tio­nen. Die über­stürz­te Auf­lö­sung kos­te­te wei­te­re 800 Mil­lio­nen Dol­lar. Der Kup­fer­preis brach an einem ein­zi­gen Tag um 27 Pro­zent ein – allein durch das Volu­men der Verkaufsorders.

Am Ende stand ein Gesamt­ver­lust von 2,6 Mil­li­ar­den Dol­lar, der bis dato größ­te Ver­lust eines ein­zel­nen Unter­neh­mens an den inter­na­tio­na­len Finanz­märk­ten. Hama­na­ka wur­de 1998 zu acht Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Vor Gericht nahm er alle Schuld auf sich. Die Öffent­lich­keit hat­te ihren kri­mi­nel­len Einzeltäter.

Die eigent­li­che Frage

Doch Finanz­ex­per­ten stell­ten eine ande­re Fra­ge: Wie konn­te ein ein­zel­ner Händ­ler einen sol­chen Ver­lust über Jah­re vor sei­nen Vor­ge­setz­ten ver­heim­li­chen? Die Lon­don Metal Exch­an­ge hat­te wie­der­holt Vor­wür­fe wegen Markt­ma­ni­pu­la­ti­on und Bilanz­fäl­schung erho­ben – sie blie­ben unge­hört. Die Trans­ak­ti­ons­vo­lu­mi­na waren immens – nie­mand wur­de stut­zig. Die Fir­men­tra­di­ti­on der Rota­ti­on wur­de aus­ge­setzt – weil die Zah­len stimmten.

Die inter­ne Auf­sicht bei Sumitomo hat­te ver­sagt, und zwar sys­te­ma­tisch. Angeb­lich wuss­te kei­ner von Hama­n­a­kas Vor­ge­setz­ten von den Geschäf­ten. Das ist ent­we­der ein monu­men­ta­les Ver­sa­gen der Kon­troll­sys­te­me oder eine beque­me Erzäh­lung, die den insti­tu­tio­nel­len Rah­men schützt.

Der Fall Hama­na­ka illus­triert ein Grund­pro­blem hier­ar­chi­scher Orga­ni­sa­tio­nen: Erfolg immu­ni­siert gegen Kon­trol­le. Wer Gewin­ne lie­fert, wird nicht hin­ter­fragt. Die Zah­len schaf­fen ihre eige­ne Legi­ti­mi­tät, und jede kri­ti­sche Nach­fra­ge erscheint als Miss­trau­en gegen­über dem Erfolg­rei­chen. So ent­steht jener blin­de Fleck, in dem sich Betrü­ger jah­re­lang unbe­hel­ligt bewe­gen können.

Nick Lee­son bei Barings, Jérô­me Ker­viel bei Socié­té Géné­ra­le, Kwe­ku Ado­bo­li bei UBS – die Lis­te der „Rogue Trad­ers” ist lang. Doch der Begriff führt in die Irre. Er sug­ge­riert, das Pro­blem sei­en ein­zel­ne cha­rak­ter­schwa­che Indi­vi­du­en. In Wahr­heit sind es Orga­ni­sa­tio­nen, die ihre eige­nen Kon­trol­len sus­pen­die­ren, sobald jemand das Rich­ti­ge zu lie­fern scheint.

Hama­na­ka war nicht der Feh­ler im Sys­tem. Er war das Sym­ptom eines Sys­tems, das Erfolg über Kon­trol­le stellt.


Quel­le:

Lukra­ti­ve Roh­stoff­märk­te – Ein Blick hin­ter die Kulissen