NVIDIA gilt als unan­greif­bar – domi­nan­ter Chip­de­si­gner der KI-Revo­lu­ti­on, 87 Pro­zent Markt­an­teil im Data-Cen­ter-Seg­ment, Bewer­tung in stra­to­sphä­ri­schen Höhen. Doch die Wirt­schafts­ge­schich­te kennt die­ses Mus­ter: Cis­co erreich­te 2000 als wert­volls­ter Kon­zern der Welt 555 Mil­li­ar­den Dol­lar Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung, bevor die Dot­com-Bla­se platz­te. Intel domi­nier­te die PC-Ära mit 31 Pro­zent Mar­ge, ver­pass­te dann Mobi­le und KI. Nokia fiel von 250 Mil­li­ar­den auf Null, weil inter­ne Part­ner­schafts­kon­flik­te jede kohä­ren­te Stra­te­gie vereitelten.

Was Peter Dru­cker “Manage­ment by Excep­ti­on”, Karl Weick “Loo­se Cou­pling” und James March “Explo­ita­ti­on Trap” nann­ten, sind kei­ne abs­trak­ten Theo­rien, son­dern prä­zi­se Dia­gno­sen struk­tu­rel­ler Fra­gi­li­tät. NVIDIA weist die­sel­ben Mus­ter auf: 39 Pro­zent Umsatz von zwei Kun­den, 59 Kreis-Deals über 24 Mil­li­ar­den Dol­lar, die Nach­fra­ge finan­zie­ren statt sie zu befrie­di­gen, voll­stän­di­ge TSMC-Abhän­gig­keit bei der Fer­ti­gung, und ein CEO-Kult um Jen­sen Huang, der an Elon Musk erin­nert. Dies sind kei­ne zufäl­li­gen Schwä­chen – sie sind sys­te­ma­ti­sche Kon­se­quen­zen von Erfolg.

Die Tech­no­lo­gie­le­bens­zy­klen nach Utter­back und Aber­nathy zei­gen: NVIDIA steht in der spä­ten spe­zi­fi­schen Pha­se, dem Moment maxi­ma­ler Domi­nanz vor der Dis­rup­ti­on. Nicht weil das Manage­ment inkom­pe­tent wäre, son­dern weil struk­tu­rel­le Fak­to­ren sys­te­ma­tisch gegen Trans­for­ma­ti­on arbei­ten. Dru­cker for­mu­lier­te es 1973: “Every suc­cess crea­tes its own obso­le­s­cence.” Eine wirt­schafts­his­to­ri­sche und manage­ment­theo­re­ti­sche Betrach­tung über die Mecha­nis­men des Schei­terns – und war­um sie bereits aktiv sind.

I. Theo­re­ti­scher Rah­men: Lebens­zy­klen, Loo­se Cou­pling und die Illu­si­on der Kontrolle

1. Tech­no­lo­gie­le­bens­zy­klen als ana­ly­ti­sches Grundgerüst

Die klas­si­sche Lebens­zy­klus­theo­rie nach Utter­back und Aber­nathy unter­schei­det drei Pha­sen tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung: die flui­de Pha­se (Expe­ri­men­ta­ti­on, mul­ti­ple designs), die Über­gangs­pha­se (Emer­genz eines domi­nan­ten Designs) und die spe­zi­fi­sche Pha­se (Stan­dar­di­sie­rung, inkre­men­tel­le Inno­va­ti­on). Was die­se Theo­rie jedoch ver­schlei­ert, ist die struk­tu­rel­le Vul­nerabi­li­tät, die in jeder Pha­se ent­steht – nicht trotz, son­dern wegen des Erfolgs.

Peter Dru­cker warn­te bereits in “Manage­ment: Tasks, Respon­si­bi­li­ties, Prac­ti­ces” (1973) vor der Gefahr, dass Unter­neh­men in der Pha­se maxi­ma­ler Markt­do­mi­nanz ihre eigent­li­che Auf­ga­be ver­ges­sen: nicht die Per­p­etu­ie­rung bestehen­der Geschäfts­mo­del­le, son­dern die sys­te­ma­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ihrer eige­nen Obso­les­zenz. “The grea­test dan­ger in times of tur­bu­lence is not the tur­bu­lence – it is to act with yesterday’s logic.”

Was wir bei NVIDIA, Cis­co, Nokia und Intel beob­ach­ten, sind kei­ne zufälligen …