Der Salad Oil Scan­dal von 1963 zeigt, war­um phy­si­sche Kon­trol­le durch kei­ne Tech­no­lo­gie ersetz­bar ist – nicht durch Zer­ti­fi­ka­te, nicht durch Block­chain, nicht durch KI-Agen­ten. Ein Betrug, der sich in digi­ta­ler Form potenziert.


Die Ana­to­mie eines klas­si­schen Betrugs

Anfang der 1960er Jah­re betrieb Antho­ny De Ange­lis in Bayon­ne, New Jer­sey, ein ein­fa­ches Geschäfts­mo­dell: Er ließ rie­si­ge Tanks mit angeb­li­chem Soja­öl als Sicher­heit für Kre­di­te die­nen. Die Lager­haus­quit­tun­gen, aus­ge­stellt von der Warehousing-Toch­ter von Ame­ri­can Express, gal­ten als soli­de Grund­la­ge für Mil­lio­nen­kre­di­te. Was nie­mand über­prüf­te: In den Tanks befand sich über­wie­gend Was­ser. Nur eine dün­ne Ölschicht an der Ober­flä­che täusch­te bei ober­fläch­li­chen Inspek­tio­nen über den wah­ren Inhalt hinweg.

Der Betrug flog 1963 auf, als ein anony­mer Hin­weis­ge­ber Ame­ri­can Express dazu brach­te, einen Tank genau­er zu unter­su­chen. Die Fol­gen waren ver­hee­rend: Allied Cru­de Vege­ta­ble Oil ging bank­rott, die Soja­öl-Futures bra­chen ein, das Bro­ker­haus Ira Haupt & Co. wur­de liqui­diert, und Ame­ri­can Express muss­te erheb­li­che Ver­lus­te hin­neh­men. War­ren Buf­fett erkann­te im Kurs­sturz eine Gele­gen­heit und kauf­te sich ein – eine Inves­ti­ti­on, die sich als äußerst lukra­tiv erwei­sen sollte.

Doch die eigent­li­che Lek­ti­on des Skan­dals liegt nicht in den Zah­len. Sie liegt in einem struk­tu­rel­len Pro­blem, das bis heu­te unge­löst ist: der Dis­kre­panz zwi­schen doku­men­tier­ter und phy­si­scher Realität.

Das Zer­ti­fi­kat als Realitätsersatz

Ame­ri­can Express fun­gier­te als Zer­ti­fi­kats­stel­le. Die Lager­haus­quit­tun­gen, die das Unter­neh­men aus­stell­te, wur­den von Ban­ken als Sicher­hei­ten akzep­tiert, ohne dass jemand den tat­säch­li­chen Inhalt der Tanks veri­fi­zier­te. Die Zer­ti­fi­zie­rung ersetz­te die Inau­gen­schein­nah­me. Das Doku­ment wur­de zur Realität.

Die­ses Mus­ter wie­der­holt sich mit beun­ru­hi­gen­der Regel­mä­ßig­keit. Bei Wire­card prüf­te EY Treu­hand­kon­ten auf Basis von Doku­men­ten, ohne bei den phil­ip­pi­ni­schen Ban­ken nach­zu­fra­gen, ob die Gel­der tat­säch­lich exis­tier­ten. Die Prü­fung dege­ne­rier­te zur Doku­men­ten­wei­ter­ga­be – ein Pro­zess, der Legi­ti­mi­tät simu­lier­te, ohne sie zu erzeu­gen. Die Zer­ti­fi­zie­rungs­il­lu­si­on war perfekt.

Das grund­sätz­li­che Pro­blem: Je mehr Zwi­schen­in­stan­zen zwi­schen phy­si­scher Rea­li­tät und Finanz­ent­schei­dung lie­gen, des­to grö­ßer wird die Angriffs­flä­che für Betrug. Jede Instanz ver­traut auf die vor­he­ri­ge, nie­mand kehrt zur ursprüng­li­chen Quel­le zurück. Die Ket­te der Vertrauen…