Wer Stablecoins nutzt, hält digitales Geld – und finanziert damit unbemerkt US-Staatsschulden, während private Unternehmen die Zinserträge kassieren. Was wie eine Zahlungsinnovation aussieht, verändert still die Architektur des Finanzsystems. Ein neues White Paper erklärt warum – und warum Europa bisher keine Antwort darauf hat.
Wer über Stablecoins schreibt, schreibt meistens über Blockchain. Über Dezentralisierung, über Krypto-Ökosysteme, über das Versprechen einer Welt ohne Korrespondenzbanken und Überweisungsgebühren. Das ist verständlich, denn Stablecoins sind technologisch sichtbar. Ihr ökonomischer Kern ist es nicht.
Ein im März 2026 veröffentlichtes White Paper des Leibniz-Instituts SAFE – verfasst von Tatiana Farina, Günter Franke, Florian Heider, Jan Pieter Krahnen und Marti Subrahmanyam – nimmt genau diesen ökonomischen Kern in den Blick. Und was dabei zum Vorschein kommt, ist weniger spektakulär als die Blockchain-Rhetorik, aber strukturell erheblich folgenreicher.
Die Bilanz entscheidet, nicht die Blockchain
Der konzeptionelle Schlüssel des Papers ist eine Analogie: Asset-backed Stablecoins ähneln sogenannten Narrow Banks. Sie halten überwiegend hochwertige, liquide Aktiva – kurzfristige Staatsanleihen, Treasury-Repos, Bankeinlagen, Cash – gegen digital ausgegebene Verbindlichkeiten, die zum Nennwert rückzahlbar sind. Keine nennenswerte Fristentransformation, keine Kreditvergabe, keine Geldschöpfung.
Das klingt solide. Ist es in gewisser Hinsicht auch. Aber die Implikationen liegen nicht in der Stabilität des Instruments, sondern in seiner systemischen Einbettung: Stablecoins schaffen keine neuen Finanzaktiva. Sie verpacken bestehende Staats- und Bankverbindlichkeiten in tokenisierte Salden und verschieben damit Po…
