Als das Hei­li­ge Römi­sche Reich Deut­scher Nati­on sei­ne größ­te ter­ri­to­ria­le Frag­men­tie­rung erleb­te, ent­wi­ckel­te es insti­tu­tio­nel­le Mecha­nis­men zur Schul­den­prä­ven­ti­on, die erstaun­lich wirk­sam waren. Ein Frank­fur­ter Tagungs­band zur Finanz­ge­schich­te des Rei­ches (1648−1806) zeigt: Nicht zen­tra­le Fis­kal­po­li­tik, son­dern dezen­tra­le Inno­va­tio­nen – von Trup­pen­ver­mie­tung bis völ­ker­recht­lich bin­den­den Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen – sta­bi­li­sier­ten das Sys­tem. Die his­to­ri­schen Lösun­gen wer­fen ein kri­ti­sches Licht auf heu­ti­ge Gover­nan­ce-Defi­zi­te in Deutsch­land.


Die sieb­te Kon­fe­renz zur Finanz­ge­schich­te des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches, doku­men­tiert im Tagungs­band „Reich, Recht und Schul­den” (IBF Paper Series 2025-05), legt eine bemer­kens­wer­te Para­do­xie frei: Ein poli­tisch zer­split­ter­tes Gebil­de ohne zen­tra­le Fis­kal­ge­walt erwies sich als erstaun­lich schul­den­re­sis­tent – nicht trotz, son­dern wegen sei­ner insti­tu­tio­nel­len Fragmentierung.

Der Markt für Gewalt als Finanzinnovation

Andre­as Flur­schütz da Cruz zeich­net nach, wie nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ein regel­rech­ter „Markt für Gewalt” ent­stand. Fürs­ten ver­mie­te­ten Trup­pen an aus­län­di­sche Mäch­te, um ihre ste­hen­den Hee­re zu finan­zie­ren – ein Sys­tem, das meh­re­re struk­tu­rel­le Pro­ble­me gleich­zei­tig lös­te. Da Steu­er­erhö­hun­gen am Wider­stand der Land­stän­de schei­ter­ten, exter­na­li­sier­ten Sub­si­di­en die Kos­ten: Die Trup­pen blie­ben im Ein­satz, die Rech­nung zahl­ten Eng­land oder die Niederlande.

Was im 17. Jahr­hun­dert pri­mär der Kos­ten­de­ckung dien­te, wur­de im 18. Jahr­hun­dert pro­fi­ta­bel. Die Nach­fra­ge stieg par­al­lel zur Hee­res­kon­tin­gen­tie­rung (1683−1710: +80% im Reich), Eng­land finan­zier­te bis zu 18,8% sei­ner Kriegs­aus­ga­ben 1748 durch Sub­si­di­en. Doch die öko­no­mi­sche Dimen­si­on greift zu kurz: Ent­schei­den­der waren imma­te­ri­el­le Fak­to­ren – Pres­ti­ge, Kli­en­tel­be­zie­hun­gen, Koali­ti­ons­fä­hig­keit gegen Frankreich.

Das Bei­spiel Wal­deck illus­triert den Auf­stieg vom Ver­mitt­ler zum Trup­pen­lie­fe­ran­ten. Hes­sen-Kas­sel nutz­te Sub­si­di­en­ge­win­ne sogar zur Kre­dit­ver­ga­be an ande­re Reichs­stän­de – nach umfang­rei­chen Boni­täts­prü­fun­gen, wie Karl Murk zeigt. Hier kom­pen­sier­te finan­zi­el­le Domi­nanz ter­ri­to­ria­le Grenzen.

Insti­tu­tio­nel­le Schul­den­brem­sen vor der Schuldenbremse

Rai­ner Klumps Bei­trag zu den Hoch­stif­ten for­mu­liert eine Grund­fra­ge: War­um erleb­ten geist­li­che Ter­ri­to­ri­en kei­ne Schul­den­kri­sen, die Reichs­hof­rats-Inter­ven­tio­nen oder Debit­kom­mis­sio­nen nötig gemacht hät­ten? Die Ant­wort liegt in den Bischofs­wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen – Wahl­ver­spre­chen, die expli­zi­te Schul­den­ver­bo­te ent­hiel­ten. Die­se insti­tu­tio­nel­len Brem­sen wirk­ten prä­ven­tiv, nicht reaktiv.

Ste­phan Wen­de­horst wei­tet den Blick: Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen, Stän­de­ver­trä­ge und Dynas­tie­ab­kom­men gal­ten als völ­ker­recht­lich bin­dend. Sie schu­fen „mul­ti­ple Schul­den­brem­sen” und ein dif­fe­ren­zier­tes hori­zon­ta­les wie ver­ti­ka­les Rechts­sys­tem, das den frag­men­tier­ten Reichs­zu­sam­men­halt sicher­te. Wil­fried Rei­ning­haus zeigt am kur­köl­ni­schen West­fa­len, wie Land­stän­de Steu­er­erhö­hun­gen blo­ckier­ten – par­ti­zi­pa­ti­ve Rech­te begrenz­ten fürst­li­che Fis­kal­au­to­no­mie wirksam.

Dezen­tra­le Lösun­gen statt zen­tra­ler Steuerung

Was hier zum Vor­schein kommt, ist ein Gover­nan­ce-Modell, das auf insti­tu­tio­nel­ler Selbst­bin­dung und dezen­tra­ler Inno­va­ti­on basiert. Kei­ne zen­tra­le Instanz dik­tier­te Finanz­po­li­tik; statt­des­sen ent­wi­ckel­ten sich kom­ple­men­tä­re Mecha­nis­men: Sub­si­di­en als Ein­nah­me­quel­le, stän­di­sche Kon­trol­le als Aus­ga­ben­brem­se, völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge als Bindungsinstrument.

Die Iro­nie der Geschich­te: Ein Reich, das nach heu­ti­gen Maß­stä­ben als hand­lungs­un­fä­hig gel­ten wür­de, erwies sich als finanz­sta­bil – gera­de weil es kei­ne zen­tra­le Fis­kal­sou­ve­rä­ni­tät aus­bil­de­te. Die Frag­men­tie­rung erzwang insti­tu­tio­nel­le Kreativität.

Leh­ren für die Gegenwart?

Die Ver­su­chung liegt nahe, dies als roman­ti­sche Ver­klä­rung vor­mo­der­ner Struk­tu­ren abzu­tun. Doch der Kon­trast zu heu­ti­gen deut­schen Gover­nan­ce-Defi­zi­ten ist auf­schluss­reich. Wo das Alte Reich dezen­tra­le Selbst­bin­dung prak­ti­zier­te, domi­niert heu­te die Illu­si­on zen­tra­ler Steu­er­bar­keit – bei gleich­zei­ti­ger Unfä­hig­keit, die­se umzusetzen.

Natür­lich las­sen sich Sub­si­di­en­mo­del­le und Wahl­ka­pi­tu­la­tio­nen nicht ein­fach ins 21. Jahr­hun­dert über­tra­gen. Aber das Grund­prin­zip bleibt rele­vant: Insti­tu­tio­nel­le Selbst­bin­dung wirkt effek­ti­ver als vol­un­t­a­ris­ti­sche Steue­rungs­an­sprü­che. Dezen­tra­le Inno­va­ti­on schlägt zen­tra­lis­ti­sche Pla­nung, wenn letz­te­re nicht durch wirk­sa­me Mecha­nis­men abge­si­chert ist.

Der Tagungs­band demons­triert, dass Finanz­ge­schich­te mehr ist als Zah­len­werk – sie ist Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te. Und die­se lehrt: Frag­men­tie­rung kann funk­tio­nal sein, wenn kom­ple­men­tä­re Selbst­bin­dungs­me­cha­nis­men ent­ste­hen. Eine Ein­sicht, die heu­ti­gen Gover­nan­ce-Archi­tek­ten nicht scha­den würde.