Unter­neh­men kom­mu­ni­zie­ren heu­te unab­läs­sig – und ver­lie­ren den­noch an Ver­trau­en. Offen­heit wird beschwo­ren, Kri­tik gefürch­tet, Distanz ver­mie­den. Alfred Herr­hau­sen hat die­se Ent­wick­lung nicht erlebt, aber prä­zi­se beschrie­ben. Sei­ne Gedan­ken zur Rol­le der Medi­en lesen sich wie ein Kom­men­tar zur Gegen­wart: unbe­quem, anspruchs­voll und erstaun­lich aktuell.


Kom­mu­ni­ka­ti­on im Dauerbetrieb

Unter­neh­men haben noch nie so viel kom­mu­ni­ziert wie heu­te. Sie sen­den, pos­ten, erklä­ren, reagie­ren – in Echt­zeit, auf allen Kanä­len. Und doch hält sich hart­nä­ckig der Ein­druck, dass mit der wach­sen­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dich­te nicht auto­ma­tisch mehr Ver­ständ­nis, geschwei­ge denn mehr Ver­trau­en ent­stan­den ist. Im Gegen­teil: Kom­mu­ni­ka­ti­on wirkt oft defen­siv, kon­trol­lie­rend, ner­vös. Medi­en erschei­nen weni­ger als Reso­nanz­raum denn als Risi­ko. Kri­tik gilt als Stö­rung, nicht als Bestand­teil öffent­li­cher Verständigung.

Alfred Herr­hau­sen und die Idee öffent­li­cher Verantwortung

Die­se Dia­gno­se ist nicht neu. Bemer­kens­wert ist jedoch, wie prä­zi­se sie sich in einem Text von Alfred Herr­hau­sen aus den 1980er-Jah­ren wie­der­fin­det. Herr­hau­sen, Vor­stands­spre­cher der Deut­schen Bank, for­mu­lier­te ein Medi­en­ver­ständ­nis, das sich radi­kal von heu­ti­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pra­xis unter­schei­det. Für ihn war der Dia­log mit den Medi­en kei­ne tak­ti­sche Übung, son­dern eine dau­er­haf­te unter­neh­me­ri­sche Auf­ga­be – und eine mora­li­sche Verpflichtung.

Alfred Herr­hau­sen: Unter­neh­men, Medi­en und kri­ti­sche Gesellschaft

Manch­mal habe ich den Ein­druck, dass vie­le Unter­neh­men und Unter­neh­mer den Dia­log mit den Medi­en noch nicht als stän­di­ge unter­neh­me­ri­sche Auf­ga­be begrei­fen. Die Medi­en wer­den oft weni­ger als Part­ner denn als Geg­ner begrif­fen, der sich nur für das Unter­neh­men inter­es­siert, wenn es in Schwie­rig­kei­ten steckt. Der Dia­log schließt natür­lich Kri­tik ein – Kri­tik an uns und unse­rem Verhalten.. .

Wir brau­chen bei­des: Bericht­erstat­tung und Kom­men­tie­rung, aber eine Kom­men­tie­rung der Wirk­lich­keit, nicht eine sol­che der Unwirk­lich­keit. Das setzt auf unse­rer Sei­te Offen­heit in des Wor­tes direk­ter Bedeu­tung vor­aus. Wir müs­sen sagen, was ist, d.h., wir dür­fen nicht ver­schwei­gen oder ver­de­cken. Bemü­hen wir uns also um Offenheit. ..

Ob ver­ein­facht oder kom­pli­ziert – not­wen­dig ist Über­blick. Aber er setzt Distanz – kri­ti­sche Distanz – vor­aus. Hal­ten wir Abstand. Nähern wir uns allen­falls auf Sicht­wei­se. Dies hat nichts mit Berüh­rungs­angst zu tun und schon gar nicht mit Über­heb­lich­keit. Es bedeu­tet viel­mehr auch kri­ti­sche Distanz zu uns selbst. Wirt­schaft ist wegen des Objekts ihrer Für­sor­ge immer in der Gefahr der distanz­lo­sen Selbst­be­zo­gen­heit. Sie ten­diert dadurch medi­en­po­li­tisch zur Hof­be­richt­erstat­tung. Dem muss eine unvor­ein­ge­nom­me­ne Medi­en­bran­che entgegenwirken.

Quel­le: Alfred Herr­hau­sen. Macht, Poli­tik und Moral, hrsg. von Die­ter Balkhausen

Trans­pa­renz ist nicht Offenheit

Zen­tral ist dabei sein Begriff der Offen­heit. Offen­heit meint bei Herr­hau­sen nicht Trans­pa­renz im stra­te­gi­schen Sin­ne, also das geziel­te Frei­ge­ben aus­ge­wähl­ter Infor­ma­tio­nen. Sie bedeu­tet viel­mehr: „sagen, was ist“. Nicht ver­schwei­gen, nicht ver­de­cken, nicht beschö­ni­gen. Offen­heit ist bei ihm kei­ne Tech­nik der Repu­ta­ti­ons­pfle­ge, son­dern eine Hal­tung gegen­über Öffent­lich­keit. Sie schließt Kri­tik aus­drück­lich ein – nicht als Preis, son­dern als Vor­aus­set­zung von Glaubwürdigkeit.

Damit bewegt sich Herr­hau­sen impli­zit in einem Ver­ständ­nis von Öffent­lich­keit, das man mit Jür­gen Haber­mas beschrei­ben könn­te: Öffent­lich­keit als Raum der Kri­tik, in dem sich gesell­schaft­li­che Akteu­re der Begrün­dungs­pflicht stel­len müs­sen. Unter­neh­men sind in die­sem Raum nicht sou­ve­rä­ne Erzäh­ler ihrer selbst, son­dern Teil­neh­mer an einer Aus­ein­an­der­set­zung, deren Aus­gang sie nicht kon­trol­lie­ren kön­nen. Genau die­se Unkon­trol­lier­bar­keit scheint vie­len heu­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien unzu­mut­bar gewor­den zu sein.

Denn die struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen haben sich ver­än­dert. Unter­neh­men ver­fü­gen heu­te über eige­ne Medi­en, eige­ne Platt­for­men, eige­ne Öffent­lich­kei­ten. Sie sind nicht mehr auf jour­na­lis­ti­sche Ver­mitt­lung ange­wie­sen. Was als Befrei­ung von Gate­kee­pern begann, hat jedoch eine neue Form der Selbst­re­fe­renz her­vor­ge­bracht. Kom­mu­ni­ka­ti­on rich­tet sich zuneh­mend nach dem eige­nen Nar­ra­tiv, nicht nach der gemein­sa­men Wirk­lich­keit. Trans­pa­renz wird kura­tiert, Kri­tik exter­na­li­siert, Dia­log simuliert.

Nähe ohne Überblick

Hier setzt Herr­hau­sens zwei­ter zen­tra­ler Begriff an: Distanz. Über­blick, so Herr­hau­sen, ent­steht nur durch Abstand – auch durch kri­ti­sche Distanz zu sich selbst. Die­se For­de­rung wirkt in einer Zeit der Echt­zeit­kom­mu­ni­ka­ti­on bei­na­he ana­chro­nis­tisch. Reak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit gilt als Tugend, Zögern als Schwä­che. Doch genau die­se Distanz­lo­sig­keit führt zum Ver­lust des Über­blicks. Wer per­ma­nent reagiert, reflek­tiert nicht. Wer jede Kri­tik sofort ein­ord­net, lernt nichts aus ihr.

Aus sys­tem­theo­re­ti­scher Per­spek­ti­ve lie­ße sich sagen: Wirt­schaft ten­diert zur Selb­st­ab­schlie­ßung. Sie ope­riert in ihren eige­nen Kate­go­rien, Erfolgs­ma­ßen und Erzäh­lun­gen. Medi­en­kri­tik wirkt dann nicht als Irri­ta­ti­on, son­dern als Angriff. Herr­hau­sen erkann­te die­se Gefahr früh. Sei­ne War­nung vor der „distanz­lo­sen Selbst­be­zo­gen­heit“ der Wirt­schaft ist letzt­lich eine War­nung vor kom­mu­ni­ka­ti­ver Blindheit.

Zwi­schen Hof­be­richt­erstat­tung und Halo-Effekt

Beson­ders scharf ist Herr­hau­sens Kri­tik an der Hof­be­richt­erstat­tung. Gemeint ist nicht bloß wohl­wol­len­der Jour­na­lis­mus, son­dern eine struk­tu­rel­le Nähe zwi­schen Wirt­schaft und Medi­en, die kri­ti­sche Distanz unter­gräbt. Heu­te tritt die­se Nähe weni­ger sicht­bar, aber nicht weni­ger wirk­sam auf: in Form von Nati­ve Adver­ti­sing, Influen­cer-Koope­ra­tio­nen und algo­rith­misch ver­stärk­ten Erfolgs­er­zäh­lun­gen. Die Gren­ze zwi­schen Bericht­erstat­tung und Selbst­dar­stel­lung ver­schwimmt. Para­do­xer­wei­se wächst damit nicht das Ver­trau­en, son­dern die Skepsis.

Was wir jedoch eben­so wenig brau­chen, ist das ande­re Extrem: kei­nen Jour­na­lis­mus im Bun­te- oder Gala-Stil, der wirt­schaft­li­che Macht ästhe­ti­siert und dem Halo-Effekt frönt. Wo Per­so­na­li­sie­rung, Erfolgs­glanz und Aura die Ana­ly­se erset­zen, ver­liert Jour­na­lis­mus sei­ne auf­klä­re­ri­sche Funk­ti­on. Öffent­lich­keit wird dann nicht infor­miert, son­dern ver­führt. Struk­tu­rel­le Fra­gen wei­chen Figu­ren, Ver­ant­wor­tung wird durch Image über­strahlt, Kri­tik durch Bewun­de­rung neutralisiert.

Hof­be­richt­erstat­tung und bou­le­var­deske Wirt­schafts­nä­he unter­schei­den sich dabei weni­ger im Stil als in ihrer Wir­kung. Bei­de erzeu­gen Nähe ohne Erkennt­nis, Zustim­mung ohne Urteil. Bei­des unter­läuft jene kri­ti­sche Distanz, die Herr­hau­sen für unver­zicht­bar hielt – und ohne die wirt­schaft­li­che Macht sich der öffent­li­chen Begrün­dungs­pflicht entzieht.

Öffent­lich­keit braucht Widerspruch

Herr­hau­sens Poin­te ist unbe­quem: Glaub­wür­dig­keit ent­steht nicht durch Nähe, son­dern durch Distanz. Nicht durch Kon­trol­le der Erzäh­lung, son­dern durch die Bereit­schaft, sich kor­ri­gie­ren zu las­sen. Medi­en sind in die­sem Ver­ständ­nis kei­ne Geg­ner, son­dern not­wen­di­ge Kor­rek­ti­ve. Ihre Unab­hän­gig­keit ist kein Stör­fak­tor, son­dern eine Bedin­gung dafür, dass wirt­schaft­li­che Macht gesell­schaft­lich legi­tim bleibt.

Offen­heit als Hal­tung, nicht als Strategie

Was folgt dar­aus für heu­ti­ge Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on? Sicher kei­ne Rück­kehr zu einer ver­meint­lich „gol­de­nen“ Medi­en­ära. Aber eine Neu­be­wer­tung der eige­nen Rol­le. Kom­mu­ni­ka­ti­on ist kei­ne Ver­län­ge­rung der Unter­neh­mens­stra­te­gie mit ande­ren Mit­teln. Sie ist eine öffent­li­che Pra­xis, die sich an Wirk­lich­keit mes­sen las­sen muss – nicht nur an Reich­wei­te oder Resonanz.

Herr­hau­sens Text erin­nert dar­an, dass Offen­heit ris­kant ist. Sie macht angreif­bar, kor­ri­gier­bar, manch­mal auch sprach­los. Doch ihr Gegen­teil ist ris­kan­ter: eine Kom­mu­ni­ka­ti­on, die nur noch sich selbst bestä­tigt. Wo Unter­neh­men den Dia­log ver­mei­den, ver­lie­ren sie nicht nur Ver­trau­en, son­dern auch die Fähig­keit zur Selbstkritik.

Schluss: Die Zumu­tung der Distanz

In einer Zeit, in der Kom­mu­ni­ka­ti­on all­ge­gen­wär­tig ist, wirkt die­se Ein­sicht fast pro­vo­kant. Viel­leicht liegt genau dar­in ihre Aktua­li­tät. Offen­heit und Distanz sind kei­ne Schwä­chen moder­ner Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie sind ihre Voraussetzungen.