Im 14. Jahr­hun­dert ver­wal­te­te ein west­fä­li­scher Woll­händ­ler und Han­se­kauf­mann das eng­li­sche Zoll­sie­gel, pach­te­te Zinn­mi­nen in Corn­wall und nahm die Gro­ße Königs­kro­ne als Pfand. Die Geschich­te des Tide­mann Lem­berg zeigt: Lan­ge bevor die Fug­ger und Medi­ci die euro­päi­sche Herr­scher­fi­nan­zie­rung präg­ten, hat­ten Dort­mun­der Kauf­leu­te ein Geschäfts­mo­dell per­fek­tio­niert, das erstaun­lich modern anmu­tet – Kre­dit gegen insti­tu­tio­nel­len Zugang.


Wer nach den Ursprün­gen moder­ner Bank­ge­schäf­te sucht, lan­det gewöhn­lich bei den Medi­ci oder den Fug­gern. Das ist nicht falsch, aber unvoll­stän­dig. Denn lan­ge bevor die ober­deut­schen Han­dels­häu­ser ihre Kre­dit­net­ze über Euro­pa spann­ten, hat­ten Kauf­leu­te der Han­se ein Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckelt, das in sei­ner Struk­tur erstaun­lich modern anmu­tet: Kre­dit gegen insti­tu­tio­nel­len Zugang.

Tide­mann Lem­berg, gebo­ren um 1310 in Dort­mund-Lück­lem­berg, ist dafür ein exem­pla­ri­scher Fall. Sein Vater Diet­rich unter­hielt bereits Woll­han­dels­kon­tak­te nach Eng­land. Tide­mann trat in die Dort­mun­der Schus­ter- und Loh­ger­ber­gil­de ein, stieg zum Groß­kauf­mann auf und wur­de Rats­herr. Das allein wäre eine bemer­kens­wer­te, aber kei­ne außer­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re gewe­sen. Was Lem­berg von den meis­ten sei­ner Zeit­ge­nos­sen unter­schied, war die Fähig­keit, Han­dels­ka­pi­tal in poli­ti­sche Hebel­wir­kung zu übersetzen.

Kre­dit als Zugang

Ab 1340 schloss sich Lem­berg einem Gläu­bi­ger­kon­sor­ti­um west­fä­li­scher Han­se­kauf­leu­te an, das König Edu­ard III. von Eng­land Dar­le­hen gegen die Ver­pfän­dung der Hafen­zöl­le gewähr­te. Edu­ard brauch­te Geld – für den Hun­dert­jäh­ri­gen Krieg, für die Ver­wal­tung sei­nes Rei­ches, für die Auf­recht­erhal­tung sei­ner Macht­ba­sis. Die Han­se­kauf­leu­te erhiel­ten in ihrer Funk­ti­on als Kre­dit­ge­ber im Gegen­zug etwas, das wert­vol­ler war als jeder Zins: die fak­ti­sche Kon­trol­le über die eng­li­sche Wollausfuhr.

Das war kei­ne Rand­no­tiz im Han­dels­ge­sche­hen. Wol­le war im 14. Jahr­hun­dert Eng­lands wich­tigs­ter Export­ar­ti­kel, der Woll­zoll die ergie­bigs­te Ein­nah­me­quel­le der Kro­ne. Wer die Aus­fuhr kon­trol­lier­te, kon­trol­lier­te den Geld­fluss. Tide­mann Lem­berg ver­wal­te­te das könig­li­che Zoll­sie­gel – ein Vor­gang, der in heu­ti­gen Kate­go­rien etwa der treu­hän­de­ri­schen Ver­wal­tung einer Zen­tral­bank­funk­ti­on entspräche.

Ver­ti­ka­le Inte­gra­ti­on avant la lettre

Lem­bergs Geschäfts­mo­dell ging über Han­del und Kre­dit­ver­ga­be hin­aus. Er pach­te­te Zinn­mi­nen in Corn­wall und ver­band damit Roh­stoff­ge­win­nung, Fern­han­del und Finanz­dienst­leis­tung in einer Hand. Man muss vor­sich­tig sein mit ana­chro­nis­ti­schen Ver­glei­chen, aber die struk­tu­rel­le Par­al­le­le zur ver­ti­ka­len Inte­gra­ti­on, wie sie Alfred Chand­ler für das 19. Jahr­hun­dert beschrie­ben hat, ist frap­pie­rend. Die Logik ist die­sel­be: Kon­trol­le der Wert­schöp­fungs­ket­te redu­ziert Trans­ak­ti­ons­kos­ten und erhöht die Verhandlungsmacht.

Dar­über hin­aus belie­fer­te Lem­berg Fes­tun­gen wie Bor­deaux – also mili­tä­ri­sche Infra­struk­tur der eng­li­schen Kro­ne auf dem Kon­ti­nent – und ver­gab Kre­di­te an den Papst in Avi­gnon. Sein Ope­ra­ti­ons­ra­di­us reich­te von der Nord­see bis ans Mit­tel­meer, von der Roh­stoff­quel­le bis zur höchs­ten poli­ti­schen Instanz der latei­ni­schen Christenheit.

Dort­mund als Kre­dit­ge­ber der Krone

Tide­mann Lem­berg war kein Ein­zel­fall. Im Kre­dit­ge­schäft mit der eng­li­schen Kro­ne spiel­ten Dort­mun­der Kauf­leu­te ins­ge­samt eine bemer­kens­wer­te Rol­le. Über 200 Dort­mun­der aus 68 Fami­li­en hiel­ten sich nach­weis­lich im 14. und 15. Jahr­hun­dert in Eng­land zu Han­dels­zwe­cken auf. Dort­mun­der Kauf­leu­te tätig­ten ein Fünf­tel der gesam­ten eng­li­schen Woll­aus­fuhr – ein erstaun­li­cher Anteil für eine Bin­nen­stadt ohne See­ha­fen. Neben Lem­berg war es vor allem Kon­rad Klep­ping, der sich früh im gro­ßen Stil im Kre­dit­ge­schäft enga­gier­te. Klep­ping saß 1353 im Rat Edu­ards III., zusam­men mit füh­ren­den eng­li­schen und lom­bar­di­schen Kauf­leu­ten – ein Hin­weis dar­auf, dass die Dort­mun­der in einem Feld ope­rier­ten, das von den ita­lie­ni­schen Bank­häu­sern domi­niert wurde.

Die Dimen­sio­nen waren erheb­lich. Die Schul­den des eng­li­schen Königs bei Tide­mann Lem­berg betru­gen zeit­wei­se 47.842 Pfund Ster­ling – eine Sum­me, die das Jah­res­bud­get man­cher euro­päi­scher Fürs­ten­tü­mer über­stieg. Um 1340 schloss sich Lem­berg einem Gläu­bi­ger­kon­sor­ti­um west­fä­li­scher Kauf­leu­te an, das Edu­ard III. gro­ße Dar­le­hen gegen die Ver­pfän­dung der eng­li­schen Hafen­zöl­le gewähr­te. Lem­berg und sein Kom­pa­gnon Johann von dem Wal­de erhiel­ten die Auf­sicht über die eng­li­sche Woll­aus­fuhr durch die Über­ga­be einer Hälf­te des dop­pel­sei­ti­gen könig­li­chen Zoll­sie­gels – ein Hebel, der dem Kon­sor­ti­um fak­tisch die Kon­trol­le über Eng­lands wich­tigs­ten Export­strom sicher­te. 1343 gelang­te die Gro­ße Königs­kro­ne Edu­ards III. als Pfand in die Hän­de der Gesell­schaft, muss­te aber ein Jahr spä­ter zurück­ge­ge­ben wer­den, als die Zoll­mo­no­pol­stel­lung ver­lo­ren ging.

Staats­fi­nan­zie­rung als Geschäftsmodell

Was die Geschich­te Tide­mann Lem­bergs und sei­ner Dort­mun­der Zeit­ge­nos­sen für die Bank­ge­schich­te bedeut­sam macht, ist nicht die indi­vi­du­el­le Leis­tung – es ist das Mus­ter. Die Ver­ga­be von Kre­di­ten an Herr­scher im Aus­tausch gegen Zoll­pri­vi­le­gi­en, Mono­pol­rech­te und insti­tu­tio­nel­len Zugang war ein Geschäfts­mo­dell, das in ver­schie­de­nen Vari­an­ten über Jahr­hun­der­te repro­du­ziert wur­de: von den Bar­di und Per­uz­zi in Flo­renz über die Fug­ger in Augs­burg bis zu den gro­ßen Staats­fi­nan­ciers des 17. und 18. Jahrhunderts.

Lem­berg und sein Kon­sor­ti­um ste­hen dabei für eine Pha­se, in der Dort­mun­der Kauf­leu­te – als Teil des han­si­schen Han­dels­net­zes – eine bemer­kens­wer­te Rol­le in der Kre­dit­fi­nan­zie­rung der eng­li­schen Kro­ne spiel­ten, neben und im Wett­be­werb mit den ita­lie­ni­schen Bank­häu­sern, die das euro­päi­sche Herr­scher­kre­dit­ge­schäft domi­nier­ten. West­fa­len, vor­an Dort­mund und Soest, gilt der For­schung als Wie­ge der mit­tel­al­ter­li­chen Han­se. Aber ein sys­te­ma­ti­sches Kre­dit­netz­werk im Sin­ne spä­te­rer Finanz­in­sti­tu­tio­nen war die Han­se nicht – sie blieb pri­mär Han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on. Das Kre­dit­ge­schäft war das Werk ein­zel­ner Kon­sor­ti­en, nicht einer insti­tu­tio­nel­len Infra­struk­tur. Die­se Rol­le ging im Lau­fe des 15. Jahr­hun­derts ver­lo­ren, als sich die Gra­vi­ta­ti­ons­zen­tren des euro­päi­schen Finanz­we­sens nach Süden und Wes­ten ver­la­ger­ten. Aber das Grund­mus­ter – Kre­dit gegen Zugang, Finan­zie­rung gegen insti­tu­tio­nel­le Kon­trol­le – blieb dasselbe.

Struk­tu­ren statt Heldenerzählungen

Es wäre reiz­voll, Tide­mann Lem­berg als „ver­ges­se­nes Genie” der Finanz­ge­schich­te zu insze­nie­ren. Aber das grif­fe zu kurz. Sein Auf­stieg war weni­ger das Ergeb­nis indi­vi­du­el­ler Genia­li­tät als das Pro­dukt einer spe­zi­fi­schen Kon­stel­la­ti­on: der eng­li­sche Finanz­be­darf im Hun­dert­jäh­ri­gen Krieg, die Export­struk­tur der eng­li­schen Wirt­schaft, die Han­dels­net­ze der Han­se und die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on in den west­fä­li­schen Städ­ten. Lem­berg nutz­te die­se Kon­stel­la­ti­on mit bemer­kens­wer­tem Geschick – aber die Kon­stel­la­ti­on selbst war die Voraussetzung.

Für die Geschich­te des Bank­we­sens ist das die eigent­li­che Leh­re. Die gro­ßen Inno­va­tio­nen der Finanz­wirt­schaft ent­stan­den sel­ten aus dem Nichts. Sie ent­stan­den dort, wo poli­ti­scher Finanz­be­darf auf ver­füg­ba­res Han­dels­ka­pi­tal traf und wo insti­tu­tio­nel­le Arran­ge­ments – Zoll­pri­vi­le­gi­en, Mono­pol­rech­te, treu­hän­de­ri­sche Funk­tio­nen – die Brü­cke zwi­schen bei­den bildeten.

Ralf Keu­per 

 


Quel­len:

Pri­mä­re bio­gra­phi­sche Quellen

  • Bar­ba­ra Ger­stein: „Lem­berg, Tide­mann”, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie (NDB), Band 14, Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 1985, S. 183 f. https://www.deutsche-biographie.de/sfz53507.html
  • Lui­se von Win­ter­feld: Tide­mann Lem­berg. Ein Dort­mun­der Kauf­manns­le­ben aus dem 14. Jahr­hun­dert, Frie­sen-Ver­lag, Bre­men 1927.
  • Lui­se von Win­ter­feld: Geschich­te der frei­en Reichs- und Han­se­stadt Dort­mund, Dort­mund 1981.

Wei­ter­füh­ren­de Quel­len zu Dort­mund und der Hanse

Han­se – all­ge­mein und west­fä­li­scher Kontext

Dort­mund – Stadt­ge­schich­te und Handel