Von 1,6 Milliarden auf 25.000 Euro – wie das Berliner Banking-as-a-Service-Unternehmen zum Sinnbild für die Illusionen der deutschen Fintech-Szene wurde
Das Berliner Fintech Solaris steht vor einem personellen und strategischen Wendepunkt, der weit mehr offenbart als nur unternehmerisches Scheitern. CEO Carsten Höltkemeyer verlässt das Unternehmen vorzeitig zum Jahresende, Risikovorstand Ansgar Finken folgt Anfang 2026. Der japanische Hauptinvestor SBI, mittlerweile mit über 75 Prozent Beteiligung de facto Eigentümer, sucht offenbar neue Führungskräfte – ein unmissverständliches Signal, dass man dem bisherigen Management nicht zutraut, das Unternehmen aus der Krise zu führen. Die Geschichte von Solaris ist dabei exemplarisch für die strukturellen Schwächen der deutschen Fintech-Landschaft: überzogene Bewertungen, regulatorische Unterschätzung und ein Geschäftsmodell, das sich unter Druck als weniger robust erwies als erhofft.
Der Fall: Von 1,6 Milliarden auf einen „Witzpreis”
Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache. Im Jahr 2021 wurde Solaris mit rund 1,6 Milliarden Euro bewertet – ein sogenanntes Unicorn, jenes begehrte Prädikat, das Start-ups über die magische Milliardenschwelle hebt. Anfang 2025 lag die Pre-Money-Bewertung bei 25.000 Euro. Nicht 25 Millionen, nicht 25.000 Euro pro Aktie – sondern 25.000 Euro für das gesamte Unternehmen. Nach der Kapitalspritze von SBI und der Börse Stuttgart pendelte sich der Wert bei etwa 90 Millionen Euro ein. Altinvestoren wie HV Capital und Finleap, die sich an der Rettungsrunde nicht beteiligten, erhielten für ihre Anteile lediglich zehn Cent pro Aktie – ein Wertverlust von über 99 Prozent.
Andreas Bittner, Mitgründer von Solaris, hat gegen diesen Deal Anfechtungsklage beim Landgericht Berlin eingereicht. Sein Anwalt Wolfgang Schirp spricht von „unangemessenen Sondervorteilen” für einzelne Aktionäre und bezeichnet den Abfindungspreis als „Witzpreis”. Der Vorwurf: Das Management um CEO Höltkemeyer habe die finanzielle Situation bewusst dramatisiert, um die Zustimmung zur Rettungsfinanzierung zu erzwingen. Ob diese Vorwürfe zutreffen, werden die Gerichte klären. Fest steht: Der Streit dürfte teuer werden und bindet Ressourcen, die das angeschlagene Unternehmen dringend anderweitig bräuchte.
Das Geschäftsmodell und seine Grenzen
Solaris verfolgte ein Konzept, das auf dem Papier bestechend wirkte: Banking-as-a-Service. Das Unternehmen stellte seine Banklizenz und technische Infrastruktur anderen Firmen zur Verfügung, die selbst keine Lizenz besaßen oder die regulatorische Komplexität scheuten. Fintechs wie Trade Republic, Vivid Money oder Tomorrow nutzten diese Dienste, um Konten, Karten und Brokerage-Funktionen anzubieten, ohne selbst die aufsichtsrechtlichen Hürden nehmen zu müssen.
Die Schwäche dieses Modells offenbarte sich, als die Partner erwachsen wurden. Trade Republic, einst einer der wichtigsten Kunden, kündigte im Sommer 2024 die Zusammenarbeit und setzte fortan auf eine eigene Banklizenz. Vivid Money hatte sich bereits zuvor verabschiedet. Die Logik ist nachvollziehbar: Wer erfolgreich skaliert, will die Abhängigkeit von einem Infrastrukturanbieter reduzieren und die Margen selbst behalten. Solaris verdiente an genau jenen Partnern am wenigsten, die am erfolgreichsten…
