PayPal hat zwei Jahrzehnte lang die digitale Checkout-Intermediation kontrolliert. Mit der Entstehung von Agenten-Protokollen wie AP2 droht dem Unternehmen eine doppelte Disintermediation – von oben durch KI-Assistenten, von unten durch standardisierte Payment-Protokolle. PayPal hat die strategische Frage bereits beantwortet: nicht durch Integration in fremde Protokolle, sondern durch Aufbau eigener Agenten-Infrastruktur. Ob diese Antwort trägt, hängt davon ab, ob PayPal schneller Fakten schaffen kann als Google Standards setzt.
1. Doppelte Disintermediation bedroht PayPals Geschäftsmodell
PayPal wird gleichzeitig von zwei Seiten unter Druck gesetzt: Von oben übernehmen KI-Agenten die Kaufentscheidung und Zahlungsmittelwahl vom Nutzer – PayPal wird zu “einer Option unter vielen” statt zur präferierten Lösung. Von unten standardisieren Protokolle wie Googles AP2 den Zahlungs-Handshake zwischen Agenten und verschiedenen Payment-Rails – PayPals proprietäre Checkout-Kontrolle verschwindet. Die strukturelle Parallele: Genau so, wie PayPal einst zwischen Nutzer und Händler trat, tritt jetzt der Agent zwischen Nutzer und PayPal.
2. PayPal wählt den Weg der Händler-Middleware statt Protokoll-Integration
Anders als Revolut, das sich in Googles AP2 integriert, baut PayPal mit Agent Ready und Shop Sync eine eigene “One-to-Many”-Infrastruktur. Händler integrieren einmal über PayPal und sind automatisch auf allen angebundenen KI-Plattformen (Perplexity, ChatGPT, Gemini) sichtbar. PayPal positioniert sich nicht als “verfügbare Zahlungsoption” innerhalb fremder Protokolle, sondern als Orchestrator der Händler-Sichtbarkeit in Agenten-Ökosystemen. Das ist kein defensiver Rückzug, sondern der Versuch, eine neue Intermediationsebene zu kontrollieren.
3. Strategischer Kontrast: Revolut akzeptiert Google als Orchestrator, PayPal will es bleiben
Revolut bindet sich an Googles AP2-Protokoll, akzeptiert Google als Orchestrator der Zahlungsflows und sichert sich dafür einen Slot im entstehenden Standard-Stack. PayPal baut eigene Middleware, die plattform-agnostisch mit verschiedenen KI-Ökosystemen kompatibel sein soll. Revolut wird “eine Option”, PayPal will “die Infrastruktur” sein. Diese Strategie ist riskanter, aber potenziell lukrativer – vorausgesetzt, PayPal kann Händler schneller integrieren als Google Standards setzt.
4. Proprietäre Middleware vs. offene Protokolle: Eine historisch fragile Wette
PayPals Strategie basiert auf der Annahme, dass KI-Plattformen bereit sind, mit PayPals proprietärer Lösung zu arbeiten, statt eigene Standards durchzusetzen. Historisch haben solche Strategien selten funktioniert – die Macht liegt bei denen, die Nutzer kontrollieren, nicht bei denen, die Infrastruktur bereitstellen. PayPals Vorteil: 400 Millionen Accounts sind selbst eine Nutzer-Seite, die KI-Plattformen nicht ignorieren können. Das Timing entscheidet: Wenn PayPal bis Ende 2026 signifikante Händler-Integration erreicht, könnte die Strategie tragen. Wenn Google AP2 vorher als dominanten Standard etabliert, wird PayPals Middleware nachgelagert.
5. Die Google-PayPal-Allianz ist strategisch inkonsistent
PayPal kooperiert mit Google bei klassischen Checkouts (Google Cloud, Play Store), fehlt aber als Partner in Googles AP2-Protokoll für Agenten-Zahlungen. Diese Inkonsistenz zeigt: Entweder will PayPal mit Agent Ready/Shop Sync eine von Google unabhängige Lösung – oder Google sieht in PayPal keinen strategischen Partner für die nächste Commerce-Generation. Beide Interpretationen sind problematisch für PayPal. Die Allianz verschärft zudem die Marktkonzentration ohne PayPal in die Agenten-Zukunft einzubinden. PayPal ist Partner für gestern, aber nicht zwingend für morgen.
Die Ausgangslage: Intermediation als Geschäftsmodell
PayPal verdient sein Geld damit, zwischen Käufer und Verkäufer zu stehen. Das Unternehmen reduziert Checkout-Friktion, abstrahiert Zahlungsmittel, bietet Käuferschutz und monetarisiert diese Position durch Transaktionsgebühren, Float auf Guthaben und zunehmend durch Kreditvergabe. Mit rund 400 Millionen aktiven Accounts hat PayPal eine der größten installierten Basen im digitalen Zahlungsverkehr aufgebaut.
Diese Position basierte auf zwei strukturellen Vorteilen: Erstens kontrollierte PayPal den Moment der Kaufentscheidung – der „Pay with PayPal”-Button war die Schnittstelle, über die Zahlungsmittelwahl und Transaktionsrouting stattfanden. Zweitens war PayPal schneller und reibungsärmer als Alternativen, insbesondere als manuelle Karteneingaben oder Banküberweisungen.
Beide Vorteile erodieren.
Disintermediation von oben: Die Agenten übernehmen
Mit der Entstehung von KI-Agenten – sei es Google Assistant, Alexa, ChatGPT-basierte Shopping-Bots oder spezialisierte Commerce-Assistenten – verschiebt sich die Kontrolle über den Kaufprozess. Der Nutzer delegiert nicht mehr nur die Zahlungsabwicklung an PayPal, sondern den gesamten Kaufvorgang an einen Agenten. Dieser Agent wählt dann die Zahlungsmethode nach eigenen Kriterien: Kosten, Geschwindigkeit, Rewards, Verfügbarkeit.
In diesem Szenario wird PayPal zu „einer Option unter vielen”. Nicht mehr die Nutzer-Gewohnheit („ich zahle immer mit PayPal”) entscheidet, sondern die Optimierungslogik des Agenten. Wenn ein Agent systematisch die kostengünstigste Rail bevorzugt – etwa Account-to-Account-Zahlungen via SEPA Instant statt PayPal mit 2–3% Gebühren –, bricht PayPals Volumen ein.
Die strukturelle Parallele ist offensichtlich: Genau so, wie PayPal einst zwischen Nutzer und Händler trat und die direkte Beziehung intermediie…
