Der Begriff Innovation stammt nicht aus dem Bereich der Technik (Peter F. Drucker)

Der Begriff der Innovation stammt nicht aus dem Bereich der Technik, sondern aus der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften. Innovation lässt sich analog zu J.B. Says Definition des „entrepreneur“ als Veränderung von Erträgen aus eingesetzten Ressourcen definieren. Oder wenn man mit den modernen Wirtschaftswissenschaften von der „Nachfrage“ ausgehen will, definiert sich Innovation als Veränderung von Wert und Befriedigung, die der Verbraucher aus Ressourcen erhält.

Quelle: Innovationsmanagement für Wirtschaft und Politik.

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Werkzeuge für das New Banking: Zwischen Experiental und Reflective Mode

Von Ralf Keuper

Ist von den Vorzügen der Künstlichen Intelligenz im Banking die Rede, konzentriert sich das meistens auf die Einsatzmöglichkeiten von Chat Bots, Robo Advisors und Sprachassistenten. Daran ist an sich nichts auszusetzen. Dabei kommt jedoch die Frage, welche Funktion, eine unterstützende, komplementäre oder eine substitutive (für Routineaufgaben) die Assistenzsysteme übernehmen sollen, zu kurz. Beim Robo Advising überwiegen nach meinem Eindruck die substitutiven, bei Sprachassistenten handelt es sich dagegen i.d.R. um komplementäre, ergänzende Funktionen.

Donald A. Norman, Kognitionsforscher und einer der führenden Usability-Experten, ordnet die Routineaufgaben dem Experiental Mode, die komplementären, auf Nachdenken zielenden dem Reflective Mode zu:

The one mode, experiental, involves data-driven processing: Something happens in the world, and the scene transmitted through our sense organs to the appropriate centers of mental processing. But in the experiental mode, the processing has to be reactive, somewhat analogous to the knee-jerk-reflex. .. Experiental processing does involve some thought, but it is similar to the reflex in that the relevant information must already exist in our memory and the experience simply reactivates that information .. .

Reflective reasoning does not have the same kind of limits on the depth of reasoning that apply to experiental cognition, but the price one pays is that the process is slow and laborious. Reflective thought requires the ability to store temporary results, to make inferences from stored knowledge, and to follow chains of reasoning backward and forward, sometimes backtracking when a promising line of thought proves to be unfruitful. This process takes time. .. the use of external aids facilitates the reflective process by acting as external memory storage, allowing deeper chains of reasoning over longer periods of time than possible without aids (in: Things that make us smart)

Trotz der Unterschiede warnt Norman davor, darin ein Gegensatzpaar zu sehen, das keine wechselseitige Beeinflussung zulässt:

It is possible to have a mixture, enjoying the experiental mode while simultaneously reflecting upon it. Most cognition involves components of both. Some kinds of cognition -daydreaming, for example – are difficult to classify as either (ebd.).

Infolgedessen komme es bei der Entwicklung von Werkzeugen, die uns bei der Arbeit unterstützen oder ergänzen sollen, darauf an, die richtige Mischung zu finden.

Ein Beispiel: In Tools for reflection that do not support comparisons, exploration, and problem solving schreibt Norman:

In many cases, we need to be able to look over the situation and compare alternative courses of action or perhaps just ponder and reflect upon the variables involved. The most common tools for this purpose are writing and drawing. Many electronic decision aids tend to restrict the availability of information to small segments visible to the relatively limited display. This makes it difficult to integrate dispararte sources of information, difficult to explore and to make comparisons (ebd.).

Neue Ideen, „Innovationen“ entstehen durch das Wechselspiel von Reflexion und Aktion. Somit kann es – jedenfalls im Banking – nicht nur darum gehen, die Kunden zu bespaßen, sondern auch deren Fähigkeit zum Nachdenken, zum konzeptionellen Denken in Alternativen anzuregen. Ob sich daraus in jedem Fall ein Geschäftsabschluss ergibt, ist nicht sicher. Außerdem setzt das voraus, dass die Mitarbeiter der Bank im Dialog mit den Kunden ebenfalls in der Lage sind, vom Routine- in den Experimentier und Reflexions-Modus zu wechseln. Sollten die Kunden das Gefühl haben, das Gegenüber in der Bank arbeite noch mit Werkzeugen aus der „Steinzeit“ oder wende eine falsche Mischung an, könnte das zu Abwanderungen führen.

Wenn die Banken sich von den anderen Milieus im Internet positiv abheben wollen, dann sollte m.E. der Schwerpunkt auf sog. Intellektuelle Technologien liegen, wie sie Daniel Bell in seinem Klassiker Die nachindustrielle Gesellschaft beschrieben hat. Damit bezeichnete Bell Technologien, die der Entscheidungsfindung dienen. Denkbar ist auch der begleitende Einsatz von Gaming-Komponenten und Wissensmanagement/Kreativitäts-Tools.

Am Ende könnte Alfred Herrhausen recht behalten:

Welche Arbeit wollen wir? Wenn andere hochrationalisierte Wirtschaften nicht unter Arbeitsmangel leiden, ihnen die Arbeit also nicht ausgeht, oder – anders gewendet – Rationalisierung von Produktion und Organisation nicht Arbeitslosigkeit schlechthin schafft, so ist es doch zunehmend eine andere Art von Arbeit, die sie mit sich bringt: nicht mehr körperlich anstrengende und monotone Arbeit, sondern mehr kreative, flexible Arbeit mit erhöhten Anforderungen and Konzentration, Präzision sowie Denk- und Entscheidungsvermögen. Das Tätigsein wird schöpferischer, damit auch verantwortungsvoller, produktiver, individueller und im Systemverbund gleichzeitig kooperativer. Der dispositive Anteil der Arbeit nimmt zu (Denkmuster und Realität, in: Denken_Ordnen_Gestalten)

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Kein „Kulturwandel“ im Banking (Nils Ole Oermann)

Das Geschäftsmodell und Organigramm einer Investmentbank mögen sich ändern, nicht aber die Mission und Haltung der in ihr und für sie Tätigen.  … Die offensichtliche Frage lautet doch: Kann man eine Kultur oder neudeutsch corporate culture ablegen wie einen Mantel? Ein Konquistador jedenfalls wird wohl kein Tierpfleger. …

Warum der Weg zu einem echten Kulturwandel .. in der Praxis so schwierig ist und selten glaubwürdig gelingt, wird noch deutlicher, wenn man sich näher betrachtet, wie Investmentbanker selbst ihr auf virtuellen Finanzmärkten erwirtschaftetes Geld höchst real und vor allem lokal investieren. …

Mein eigenes Geld habe ich selbstverständlich solide angelegt. Etwas Aktien, ein paar Fonds, festverzinsliche Wertpapiere – und kein einziges Zertifikat. (Hilmar Kopper in einer Talkshow im Jahr 1998) …

Ich kenne keinen Investmentbanker, der in seinem privaten Depot Zertifikate, also strukturierte Produkte oder Anleihen, hält. Aber bei den Anlageberatern und privaten Anlegern, den Letzten in der Kette eines nicht regulierten Finanzsystems, war das nie angekommen (Anne T., Die Gier war grenzenlos, Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus).

Quelle: Tod eines Investmentbankers. Eine Sittengeschichte der Finanzbranche.

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Was Deutsche Bank & Co. mit ihrer Datenplattform wirklich bezwecken könnten

Von Ralf Keuper

In die Diskussion um die Erfolgsaussichten der von der Deutschen Bank, Daimler, Allianz, Postbank und weiterer Unternehmen geplanten Datenplattform bringt Gregory Lipinski in „Generalschlüssel“ fürs Web: Was Axel Springer & Co. mit dem Megaprojekt DIPP wirklich bezwecken eine weitere Facette. Demnach ziele das Megaprojekt DIPP auf die Änderungen bei der Verwendung der personenbezogenen Daten als Folge der Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sowie der ePrivacy-Richtlinie. Künftig dürfen die personenbezogenen Daten der Nutzer nur noch mit deren expliziter Zustimmung  verwendet bzw. vermarktet werden. Lipinski schreibt:

Die neue Registrierungsplattform von Axel Springer & Co umschifft das Problem. Denn die User sollen bei der Anmeldung einmalig ihr Okay für übergreifendes werbliches Opt-In geben. Ob dies die Nutzer akzeptieren, wird sich allerdings zeigen. „Es bleibt die Frage, wie viele Nutzer hier am Ende wirklich mitmachen und bereit sind, die Daten zu sharen. Sollte es funktionieren, ist es für alle Partner ein Gewinn, da so auch in Zukunft ausserhalb von Google und Facebook kommunikativ zielgerichtete und damit für den User relevantere Kampagnen realisierbar sind“, meint Mediascale-Chef Simons.

Der Datenschutzbeauftragte für Hamburg, der von einem Leuchtturmprojekt spricht, wird in dem Beitrag mit den Worten zitiert:

Der Schutz persönlicher Daten gewinnt in einer durch Daten und Algorithmen bestimmten Welt für die Verbraucher immer mehr an Bedeutung. Neue Anbieter, die dem Datenschutz und der Datensicherheit einen höheren Stellenwert einräumen, könnten daher eine interessante Alternativen sein

So neu ist die Idee nicht. Mit Emetriq bietet die Deutsche Telekom nach eigener Aussage den derzeit größten Datenpool in Deutschland an. Partner ist u.a. DER SPIEGEL. Ähnliches plant der Handelskonzern Metro mit der ersten branchenübergreifenden Vermarktungsplattform von Handelsdaten in Deutschland. In der Schweiz haben Ringier, SRG und Swisscom vor einiger mit Admeira das Daten-Vermarktungsunternehmen des Landes gegründet. Die Werbeallianz ist in der Schweiz nicht unumstritten (Vgl. dazu: Umstrittene Werbeallianz Admeira. Schweizerisches Kuddelmuddel)

Auf die Entwicklung reagiert hat auch Telefonica mit seiner Personal Data Bank und seiner Data Anonymization Platform. Branchenbeobachter werten das als Zeichen dafür, dass die Telcos im großen Stil in das digitale Advertising-Geschäft einsteigen werden, wie in How telcos like Telefonica plan to muscle in on adland berichtet wird. Erst vor wenigen Tagen gab Telefonica bekannt, dass die Kunden in Deutschland dank einer Partnerschaft mit People.io die Kontrolle über ihre Daten erhalten sollen.

Das alles spricht für das Entstehen der Identity Economy, wie sie auf diesem Blog bereits vorgestellt wurde:

Indentity Economy Landscape (1)

Die Banken würden bei dem Versuch, in das Geschäft mit der Datenvermarktung einzusteigen, ein nicht zu unterschätzendes (Reputations-)Risiko eingehen. Zuerst wird es sehr schwer, mit den Angebot und der Reichweite von Google & Co. konkurrieren zu können. Im Zeitalter großer Medienverbundsysteme haben Google, Apple & Co. hier einen strukturellen Startvorteil. Vor einiger Zeit schrieb ich dazu auf diesem Blog:

Nicht wenige fordern die Banken dazu auf, in das Wettrennen um die Kundendaten mittels Big Data -Technologien einzusteigen. Ganz abgesehen davon, ob diese Strategie zu den gewünschten ökonomischen Ergebnissen (Personalisierung, Cross Selling etc.) führt, handelt es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert. Kann eine Bank ein Interesse daran haben, mit den sog. „Datenkraken“ auf eine Stufe gestellt zu werden; widerspricht das nicht ihrem Auftrag als Treuhänder der Kunden und deren ökonomischen Interessen? Wäre es da nicht besser, sich als Anwalt der Kunden zu positionieren? Könnten Banken sich nicht als sog. Algorithmic Angels empfehlen?

Sollte bei den Kunden der Eindruck entstehen, die GDPR und ePrivacy-Richtlinie diene den Unternehmen nur als Feigenblatt, um die Daten für ihre Zwecke zu verwerten, wäre der Image-Schaden beträchtlich.

Langfristig erfolgversprechender erscheint mir das Ziel, eine Personal Data Bank bzw. eine Bank für Digitale Ethik zu gründen und damit das Relationship-Banking in die Digitalmoderne zu überführen:

Ob es künftig Banken geben wird, die sich explizit Personal Data Bank nennen oder in ihrem Namen auf die digitale Ethik verweisen, ist fast schon zweitrangig. Wichtiger ist da schon eher das Bekenntnis zu einer neuen Form des Relationship Banking.  Diese Form des Banking zeichnet sich dadurch aus, dass die Mitarbeiter sich als Verwalter der personenbezogenen Daten und der digitalen Vermögenswerte ihrer Kunden betrachten und in der Lage sind, die Kunden sachgerecht und möglichst objektiv zu beraten. Das setzt natürlich neben einer fachlichen auch eine hohe technische Expertise voraus, die wiederum nicht allein an Algorithmen (wie z.B. Robo Advisors) delegiert werden können. Wer es als Bank versteht, hier menschliche Expertise mit technologischem Know-How zu kombinieren, hat einen großen Wettbewerbsvorteil.

Die Bank hätte als Trusted Advisor u.a. den Auftrag, eine Datendividende für die Kunden zu erwirtschaften.

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Banken APIs, PSD2 und Daten: Eine unschlagbare Kombination?

Von Ralf Keuper

In der Daten- oder Plattformökonomie liegt in dem Zugang zu den Daten der Kunden der Schlüssel für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und Banken. Um mit den großen Digitalen Plattformen, wie Google, Apple und Amazon, mithalten zu können und deren Wallet Gardens wenigstens ein Stück weit aufzubrechen, sind Standards, die den Datenaustausch unter den Beteiligten regeln, wie PSD2, unabdingbar. Die Zeiten geschlossener Systeme sind vorerst vorbei. Die Banken kommen nicht umhin, sich Dritten gegenüber, wie Fintech-Startups, zu öffnen, wenn sie ihre Reichweite erhöhen und den Kontakt zu ihren Kunden halten wollen. Diese befinden sich ohnehin vorwiegend in den von den Digitalen Plattform geschaffenen Symbolmilieus. Sie von dort fortzulocken dürfte äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich sein, denn: Welche Symbolmileus können Banken dem entgegensetzen? Die Filiale digital aufgemöbelt, Chatbots, mit humanoiden Robotern? Das können Google und Amazon besser, zumal die Technologie von ihnen stammt.

Dennoch: Ohne die Schaffung eines relativ offenen Ökosystems werden Banken und Fintech-Startups die Chancen, die sich aus PSD2 und Open Banking ergeben, nicht nutzen können. In dem Zusammenhang liefert der Beitrag Open Banking: Is Data The New Currency? einige wichtige Anregungen.

Zu den Chancen:

Banks will soon realise that APIs can become a source of new income. The analysis of customer data is a service useful to businesses beyond financial services. As an outcome of creating new infrastructure to manage the new banking API requirements, we could see both banks and API services providers create completely new revenues opportunities. These could include the provision customer authentication, risk scoring and eligibility verification just to name a few.

Zu den, aus Bankensicht, Schattenseiten zählen die Non-Banks, die erst gar nicht eine „echte“ Bank sein wollen, sondern den Banken das Wasser an den wichtigen Kontenpunkten abgraben:

A good example is how Wechat (with Wechat Pay) or Apple (with ApplePay) have woven financial services — in both cases payments — into a proposition that is not meant to be just financial. These players often see income from financial services as marginal, what they really care about is retention — making sure that their offering become so inter-woven to their customers’ lives that they minimise the likelihood of changing social network or hardware provider.

Die Banken haben, womöglich zulange, gebraucht, um zu erkennen, dass es in der Plattformökonomie, wie Alexander Graf schreibt, darum geht, den Zugang zum Kunden zu verkaufen. Was das angeht, haben Google & Co. einen deutlichen Vorsprung.

Obwohl das Mantra der Digitalisierung oder Digitalen Transformation im Banking nach wie vor, vor allem von den diversen Beratern, herunter gebetet wird (nicht selten sind – in Anlehnung an Karl Kraus – Berater das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgeben), liegt das eigentliche Problem in dem Organisationsmodell der Banken, das mit der Plattformökonomie jedenfalls, so nicht mehr kompatibel ist.

Bank APIs können ein Mittel sein, den Datenschatz der Kunden zu veredeln und vor den zudringlichen Blicken der großen Internetkonzerne zu schützen. Ohne Partner, ohne Öffnung nach außen wird es nicht gehen

Damit bewahrheitet sich für mich einmal mehr, was Jürgen Ponto bereits vor mehr als vierzig Jahren den Banken ins Stammbuch schrieb:

Die Banken werden zunehmend die Rolle einer Clearingstelle und Drehscheibe eines auf die praktischen Bedürfnisse der Wirtschaft abgestellten Beratungs- und Informationsflusses zu übernehmen haben. … 

Das hier nur anzudeutende zukunftsträchtige Feld nützlichen Zusammenwirkens über den engeren Bereich des klassischen Bankgeschäfts hinaus wäre vielleicht nicht unzutreffend mit dem Begriff „Consulting Financial Engineers“ zu umschreiben, einer Bezeichnung, die eines Tages auf den Firmenschildern der Banken auftauchen könnte. (in: Mut zur Freiheit) 

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Wiederkehr der Deutschland AG mittels branchenübergreifender Datenplattformen?

Von Ralf Keuper

Die Ankündigung der Deutschen Bank und weiterer deutscher Unternehmen, eine gemeinsame Datenplattform für das Single Sign On zu lancieren, löste in den Medien ein überwiegend positives Echo aus. Wenngleich in den meisten Kommentaren der Hinweis nicht fehlte, dass die Erfolgschancen kaum über 50% liegen, wurde die Entscheidung als wichtiger Schritt begrüßt, um die Abhängigkeit der deutschen Unternehmen und Verbraucher von den großen digitalen Plattformen, wie Google, facebook und Amazon, zu verringern. Die Unternehmen haben die hohe strategische Bedeutung Digitaler Identitäten für ihr Geschäft erkannt. Dem weiteren Verlust ihrer Digitalen Souveränität wollen sie nicht mehr tatenlos zusehen.

So weit so gut.

Irgendwie drängt sich, vielleicht nur mir, der Eindruck auf, dass die Banken und Unternehmen mittels gemeinsamer Datenplattformen, quasi durch die Hintertür, die Deutschland AG wieder auferstehen lassen. Diese war durch enge wirtschaftliche und persönliche Beziehungen der damaligen Großbanken, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank, sowie etwas abgeschlagen, der WestLB und DG Bank (das Vorläuferinstitut der DZ Bank), großer Versicherungen wie der Allianz und den großen deutschen Unternehmen wie Daimler Benz, Siemens, Bayer, Hoechst, BASF, Thyssen, Veba und Mannesmann geprägt.

Über das Verschwinden der Deutschland AG schreibt Wikipedia:

Mit Beschränkung der Anzahl der Aufsichtsratsmandate und der zunehmenden Internationalisierung der Kapitalmärkte sowie einem Abbau der Kapitalbeteiligungen ab den 1990er Jahren wird zunehmend von einem Ende der Deutschland AG gesprochen, zumindest jedoch eine Abnahme der Macht der großen deutschen Finanzinstitute konstatiert

Kann das Modell in der Datenökonomie, der Identity Economy noch funktionieren?

Zweifel sind angebracht. Zwar ist das Internet keinesfalls so offen und dezentral organisiert, wie vielfach noch angenommen; die großen digitalen Plattformen üben in vielen Bereichen einen dominanten Einfluss aus. In dem Zusammenhang wird auch häufig von „Wallet Gardens“ bzw. von digitalem Protektionismus gesprochen. Ein Unternehmen wie Apple liefert nich nur die Hardware, wie Smartphones und Tablet PCs, sondern darüber hinaus Software (Betriebssysteme) und Unterhaltung (iTunes). Weiterhin plant das Unternehmen den Einstieg in den Automarkt. Mit Apple Pay hat der Konzern den Zahlungsverkehr ins Visier genommen. Google verfolgt eine ähnliche Strategie. Als führende Suchmaschine und Werbeplattform im Internet, ist das Unternehmen auch in den Bereichen Unterhaltung (Youtube), Internet of Things (Nest) und Gesundheit aktiv. Daneben hat Google bzw. Alphabet große Investitionen in die Künstliche Intelligenz vorgenommen und liefert eines der führenden mobilen Betriebssysteme. Amazon ist der Konkurrenz in der Logistik weit voraus. Facebook zählt mittlerweile zwei Milliarden Nutzer. Die Internetkonzerne sind schon jetzt in der Mehrzahl branchenübergreifend aktiv und – das ist womöglich das Entscheidende – international vertreten. Die Grundmenge ist also deutlich größer, als die nationaler Datenplattformen.

Die Sparkassen und Volksbanken arbeiten momentan, wie u.a. das IT-Finanzmagazin berichtet, ebenfalls an einer Lösung für das Identitätsmanagement.

In seinem vielbeachteten Buch The Future of The Internet hebt Jonathan Zittrain die Bedeutung sog. Generative Systems für das Internet hervor:

The generative spirit allows for all sorts of software to be built, and all sorts of content to be exchanged, without anticipating what markets want – or what level of harm can arise. The development of much software today, and thus of generative services facilitated at the content layer of the internet, is undertaken by disparate groups, often not acting in concert, whose work can become greater than the sum of its parts because it is not funneled through a single vendor development cycle.

The keys to maintaining a generative system are to ensure its internal security without resorting to lockdown, and to find ways to enable enough enforcement against its undesirable uses without requiring a system of perfect enforcement.

Diese Anforderungen können m.E. auf Dauer nur die Blockchain und/oder Open APIs erfüllen. Dennoch bleibt die Frage nach der Skalierung: Eine gemeinsame Single Sign On — Lösung benötigt eine kritische Größe, eine bestimmte Marktdurchdringung. Stand heute sind dazu nur große Unternehmen oder der Staat in der Lage. Für kleine und mittelständische Unternehmen wäre es dagegen schwierig, einen eigenen Standard zu begründen und durchzusetzen.

Die Frage ist letztlich, wer den bislang fehlenden Identity Layer des Internet dominieren wird: Die Internetkonzerne, Banken, Telcos, Handelsgiganten, Industrieunternehmen, staatliche Organisationen, oder Initiativen, die auf die Blockchain-Technologie setzen wie Sovrin, oder Verbundlösungen wie die BankID in Norwegen, die man als Vorläufer der geplanten Datenplattform der Deutschen Bank bezeichnen könnte? Was fällt in die Zuständigkeit privater Unternehmen, was in die des Staates? Diese Diskussion wird momentan in der Schweiz geführt.

Entsprechen zentrale Lösungen dem deutschen Wirtschaftsstil, der durch ein hohes Maß mittelständischer Unternehmen geprägt ist? Brauchen wir so etwas wie die Wiederbelebung der Idee der Hanse – nur diesmal digital?

Der Wettlauf um die Digitale Identität, von dem Mike Yates bereits 2012 in The Race For Your Digital Identity sprach, ist jedenfalls in vollem Gange. Die Frage und mögliche Antwort: Who will control the identity of the future? Maybe Facebook. Maybe a firm you’ve never heard of. Maybe yourself.

Schaun mer mal.

 

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Fusion Deutsche Bank/Dresdner Bank: Statt Quantensprung großer Flop

Von Ralf Keuper

Im Jahr 2000 schickte sich die Deutsche Bank an, die Dresdner Bank zu übernehmen. Die Deutsche Bank unter ihrem damaligen Vorstandschef Rolf E. Breuer sah am Horizont ein „Powerhouse“ entstehen; aus dem Zusammenschluss wäre die zu dem Zeitpunkt größte Bank der Welt hervorgegangen. Daraus wurde bekanntlich nichts.

In dem Beitrag Der Weg zum Mißerfolg vom 7.04.2000 dokumentierte die Frankfurter Rundschau die Ereignisse. Statt von einem Quantensprung, wie die Deutsche Bank die geplante Fusion kommunizierte, müsse von einem veritablen Flop gesprochen werden. Nicht der letzte der Deutschen Bank, wie die nächsten Jahren zeigen sollten.

Die Führung der Deutschen Bank wurde von dem Scheitern der Fusion, so der Autor des Beitrags Mario Müller, auf dem falschen Fuß erwischt:

Der Tag danach. Pressekonferenz der Deutschen Bank. Ursprünglich sollte der Termin, zu dem der Branchenprimus bereits vor gut drei Wochen eingeladen hatte, zur großen Schau des Rolf-Ernst Breuer werden. .. Einen Tag vorher war das Geschäft mit einem lauten Knall geplatzt, und das Skript für Breuers Auftritt musste rasch umgeschrieben werden. Klar, dass es in der Kürze der Zeit dem Regisseur und seinen Kulissenschiebern nicht mehr gelingt, den überraschenden Szenenwechsel problemlos über die Bühne zu bringen. Die Passage in dem Geschäftsbericht, in dem Breuer den Zusammenschluss als „Quantensprung“ und beide Unternehmen als „optimal zusammenpassend“ feiert, wird mittels eines beigefügten Zettels als „gegenstandslos“ bezeichnet. Auch das Firmenmotto, das ein Diaprojektor groß an die Wand wirft, wirkt angesichts des Debakels reichlich deplaziert. „Deutsche Bank – Leading to results“, stand da zu lesen; frei übersetzt: Der Weg zum Erfolg.

Interne Gegner der Fusion waren Josef Ackermann und der damalige Chef des Investmentbanking der Deutschen Bank, Edson Mitchell. Im Kern ging es dabei wohl um die Investmentbanking-Tochter der Dresdner Bank, Dresdner Kleinworth Benson (DKB). Mitchell soll für den Fall der Übernahme mit seinem Abgang gedroht haben. Weiterer Grund für das Scheitern der Fusion war, dass die Deutsche Bank ihren Führungsanspruch anmeldete:

Eine Eins-zu-Eins-Integration sei „ausgeschlossen“, schließlich sind „wir die Nummer eins“, sagt der Deutsch-Banker, der keinen Zweifel daran lässt, was er von der DKB-Mannschaft hält: so gut wie nichts. „Die haben andere Qualitäten als wir“. Und fügt in der grenzenlosen Arroganz, zu der hier zu Lande nur Deutsch-Banker fähig sind, hinzu: „Das ist nicht negativ gemeint“.

Der neueste Slogan der Deutschen Bank lautet nun #PositiverBeitrag, der von jedem einzelnen Mitarbeiter des Geldhauses erbracht werde. Er löst das Motto „Leistung aus Leidenschaft“ ab, das von Kritikern häufig in „Leistung, die Leiden schafft“ umformuliert wurde. Der neue Slogan weckt Erinnerungen an den Spruch aus dem Jahr 2000: Leading to results.

Wir dürfen also wieder einmal gespannt sein, was daraus wird. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit haben wir fürwahr Anlass, uns auf etwas ganz Großes zu freuen 😉

In seinem Kommentar Standort Frankfurt derselben Ausgabe der FR, schrieb Hans-Helmut Kohl über die Bemühungen der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth und der von Rolf E. Breuer, Frankfurt als Weltmetropole zu bewerben:

Richtig daran ist lediglich, dass die 630.000 Einwohner zählende Stadt wie keine andere in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre einen rasanten Internationalisierungsprozess durchläuft. Die Europäische Zentralbank, die Finanzdienstleister aus allen Kontinenten, die deutschen Großbanken, die Fluggesellschaften um den Rhein-Main-Flughafen, die Reisebranche und die Kreativen der Werbe- und Internetwelt: Sie fühlen sich hier zu Hause, auch wenn sie darüber lamentieren, dass die Kultur- und Bildungsangebote natürlich nicht mit Weltstädten wie London, Paris oder gar New York konkurrieren können – jetzt nicht und auch nicht in fünfzig Jahren.

Auch das klingt mit Blick auf die Diskussion um die Vorzüge Frankfurts als Fintech-Metropole und Zufluchtsort britischer Banken, irgendwie vertraut …

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Kollaborativ betriebene Datenplattformen als Antwort auf Google & Co.

Von Ralf Keuper

Die heutige Meldung, wonach Daimler, Axel Springer, Deutsche Bank und weitere Unternehmen eine gemeinsame branchenübergreifende Datenplattform aufbauen wollen, hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Zum Leistungsumfang heisst es:

Die Plattform der Unternehmen Daimler, Allianz, Axel Springer und Co. soll nun eine Antwort auf all diese Anmeldeprozesse liefern, die von amerikanischen Unternehmen wie Google oder Facebook mittlerweile weltweit etabliert sind. Zudem betonen sie, bei dieser Plattform „höchste Standards bei Datensicherheit und Datenschutz gewährleisten“ zu wollen.

Im Zentrum steht ein sog. Generalschlüssel, der, wenn ich es richtig verstehe, die Funktion einer Trusted ID übernimmt:

Kern des geplanten einheitlichen Zugangs für Online-Angebote wird ein sogenannter Generalschlüssel sein. Diesen können Kunden branchenübergreifend verwenden, um sich bei anmeldepflichtigen Webseiten zu registrieren und zu identifizieren. Die Plattform soll den Nutzern mehr Komfort und auch mehr Datensicherheit und Datenschutz bieten. Sie soll das reformierte EU-Datenschutzrecht berücksichtigen sowie auch die eIDAS-Verordnung, die die Vertrauensdienste der Online-Ausweisfunktion reguliert.

Das wäre der bislang größte Business Case für den nPA (Vgl. dazu: Das noch ungenutzte Potenzial des Neuen Personalausweises (nPA))

Dass die Etablierung kollaborativ betriebener Datenplattformen im Banking sinnvoll ist, war auf diesem Blog bereits häufiger ein Thema, wie in:

Kollaborativ  betriebene Datenplattformen erleben momentan einen Boom. Vor wenigen Monaten lancierte der Handelskonzern Metro die erste branchenübergreifende Datenvermarktungsplattform in Deutschland. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Deutsche Automobilindustrie eine gemeinsame Datenplattform etablieren will.

Auf einem neutralen Server sollen Daten auch Dritten zur Verfügung gestellt werden, die dazu in fünf Kategorien klassifiziert werden – wie Daten zur Verkehrssicherheit, Daten zur technischen Produktbeobachtung oder persönliche Daten des Nutzers bzw. Fahrers. Keinesfalls ist es beabsichtigt, die Daten für Werbezwecke zu verkaufen (Eigenzitat)

Von einem anderen Projekt berichtet Silicon.de. Dabei handelt es sich um das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt SeDaFa (Selbstdatenschutz im vernetzten Fahrzeug). Zur Motivation:

Auch aus Sicht der Fahrzeughersteller ist die Übertragung von Daten auch aus technischen Gründen inzwischen unverzichtbar um die Zuverlässigkeit zu verbessern, Verschleiß frühzeitig zu erkennen und Wartung kundenfreundlich zu planen. Und für Autobesitzer kann der Datenaustausch mit ihrer Versicherung, mit der Werkstatt oder Dienstleistern durchaus vorteilhaft sein – sofern sie die Kontrolle darüber behalten, was für Daten da ausgetauscht werden.

In der Logistikbranche gilt MAN mit seiner Datenplattform Rio als Vorreiter.  Die Plattform ist markenunabhängig ausgelegt:

Einbezogen werden sollen alle Beteiligten der Liefer- und Logistikkette; vom Versender, über das Transportunternehmen, Verlader, Disponenten, Fahrer und Empfänger. Partner zum Start des Projekts sind der Autozulieferer Continental, die führenden Anhänger- und Aufliegerproduzenten Schmitz-Cargobull, Krone und Meiller, Tom Tom als Navigationsspezialist, Microlise, Telogis und Idem als Lösungspartner und Start-ups wie der Parkassistent Parkhere und der Verladungsoptimierer Loadfox. Mittendrin steht MAN.

Auch der Maschinenbau ist nicht untätig. Bereits vor einiger Zeit wurde der Industrial Data Space aus der Taufe gehoben, dessen Ziel es ist, den sicheren Datenaustausch zu fördern und die Datenhoheit der Unternehmen zu gewährleisten. Unlängst wurde vom VDMA eine gemeinsame Schnittstelle für die M2M-Kommunikation kreiert.

Mit anderen Worten: Der Wettlauf um die Daten ist im vollen Gange, um den Vorsprung von Amazon, Google & Co nicht noch größer werden zu lassen und so weit wie möglich aufzuholen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Datenplattformen, die der Vermarktung dienen, wie der von der Metro und  Emetriq der Telekom, und Plattformen, die den branchenübergreifenden Datenaustausch befördern wollen. Langsam wird es unübersichtlich. Selbst die Plattform von Daimler, Deutsche Bank & Co. ist angesichts dessen eine Insellösung. Amazon, Google & Co. haben den Startvorteil, dass sie sich eigentlich nur mit sich selbst abstimmen müssen und somit über deutlich kürzere Entscheidungswege verfügen. In den Disziplinen Logistik, Datenbeschaffung – und Auswertung, Hardware (Smartphone) und Kommunikationskanäle (Soziale Netzwerke) sind sie momentan kaum zu schlagen.

Mal schauen, ob die Wiederbelebung der Deutschland AG als Datenplattform die Erwartungen erfüllt.

Eine Schlüsselstellung erhält in den Modellen die Digitale Identität der Nutzer und ihrer technischen Objekte. In der Summe läuft das m.E. auf die Identity Economy hinaus (Vgl. dazu: Banking in der Identity Economy). Hier müssen sich die Banken positionieren. Ein Mittel dazu ist die Personal Data Bank (Vgl. dazu: Banken für digitale Ethik – Personal Data Banks).

Weitere Informationen:

Allianz, Deutsche Bank & Postbank, Springer, Daimler & co. wollen Single-Sign-Ons der US-Giganten angreifen

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Banking in der Plattformökonomie #5

Von Ralf Keuper

Die Marktmacht von Amazon, Google, facebook & Co. löst mittlerweile selbst bei betont wirtschaftsliberalen Wirtschaftsmagazinen, wie dem Economist, Unbehagen aus. Die Sorge ist durchaus berechtigt. Nicht nur für die NZZ sind die Internetkonzerne die Gewinner der digitalen Revolution.

Die Plattformökonomie hat dazu geführt, dass sich neue Intermediäre gebildet haben; diese Funktion haben in der Vergangenheit Banken ausgeübt. Insofern handelt es sich hier um ein Machtbeben im Sinne von Alvin Toffler.

Die Research-Abteilung für Technologie der französischen Großbank BNP Paribas teilt in Data brokers: it’s time to lay down some effective rules  die Sorge um die wachsende Marktmacht der Datenhändler und plädiert ebenfalls für schärfere Regeln, um die Dominanz von Google & Co. zu begrenzen. Letztlich führe das zu einem Menschenrecht auf die Kontrolle der eigenen personenbezogenen Daten. Der Schlüssel dafür ist das Profil, die digitale Identität, die den Nutzern zugeordnet wird. Daten alleine reichen nicht:

We should not however forget that the user of the device, site or platform is central to this business as s/he is the main source of the data in question. So the fundamental issue of its value should not be studied only through the lens of business. Such data basically carries a highly personal value which is actually priceless because all data left behind by the user, assembled into a whole, forms what we may call his/her digital identity. This ‘substitute persona’ only applies in cyberspace, identifying the user and enabling the system to create a more or less informed profile of his/her personality and preferences – which is of course exactly what data brokers are looking for. And looking at it this way, what these companies are in fact doing – in addition to broking and trading raw data – is trying to capture, categorise and sell our digital identities. This is precisely why we need to ask whether such information should be seen as private or public, personal or shared, with a view to perhaps setting up effective data protection systems. If you are your data, then protection of this data is clearly part of your human rights.

Damit wären wir an dem Punkt Digitale Identitäten und ihre hohe strategische Bedeutung für das Banking angelangt. Sofern die Banken überhaupt noch eine relevante Rolle in der Plattformökonomie spielen wollen, dann liegt hier der Schlüssel.

Die alte Machtposition ist so oder so dahin.

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„Die Rothschilds. Porträt einer Familie“ von Frederic Morton

Von Ralf Keuper

Das Buch Die Rothschilds. Porträt einer Familie ist, obwohl bereits 1961 erschienen, das Standardwerk zum Leben und Wirken der Bankiers-Dynastie. Der Autor, Frederic Morton, schuf ein Werk, das eine Mischung aus Roman und Sachbuch ist, was dem Lesegenuss sehr zugute kommt. Nicht umsonst schaffte es das Buch seinerzeit in das Finale des National Book Awards der USA.

Die Geschichte der Rothschilds als Bankiers beginnt in Frankfurt in der Judengasse. Gründer der Dynastie ist Mayer Amschel Rothschild, der mit der Ernennung zum Fürstlich-Hessen-Hanauschen Hoffaktor seinen Fuss in die Welt der Finanzen setzte. Der eigentliche Durchbruch kam, als seine fünf Söhne, Mayer Amschel, Salomon, Nathan, Kalmann und Jakob, in das väterliche Geschäft einstiegen. Was dann folgte, dürfte in der Bankgeschichte unerreicht sein. Selbst der Glanz der  Fugger verblasst dagegen.  Mit den Söhnen setzte die, auf damalige Maßstäbe bezogen, Internationalisierung des Bankhauses Rothschild ein:

Der erste war Amschel, der künftige Großfinanzier des Deutschen Bundes. Dann kam Salomon, der schließlich im kaiserlichen Wien eine Rolle spielen sollte .. . Nach ihm erblickte Nathan das Licht der Welt, der mehr Macht und Einfluss erringen sollte als je ein anderer Bürger Englands. Es folgte Kalmann, dem schließlich die Halbinsel Italien zufiel. Der jüngste der fünf war Jakob, der sein Regime in Frankreich während der Republik ebenso erfolgreich ausüben sollte wie im Kaiserreich unter den Bourbonen.

Es war wohl eine einzigartige Konstellation, die den Grundstein der Dynastie legen sollte:

Erfolgversprechendes Talent vibrierte in jedem Nervenstrang der Brüder. Aber erst die weise Milde des Vaters ließ sie wirksam werden. Es entwickelte sich eine Tradition, die bis auf den heutigen Tag gewahrt worden ist: Im Hause Rothschild mag der einzelne noch so hervorragend sein, die Leistung wird immer gemeinsam vollbracht. Brüder und Vetter ergänzen einander, und ebenso ist es mit ganzen Generationen.

Ihre Leistung sollte die Brüder überdauern:

Die eigentliche historische Leistung der Brüder ist, wie jeder Kenner der Börse wohl weiß, folgende: Die kurzfristigen Auswirkungen einer Rothschildschen Maßnahme sind in der Regel genau das Gegenteil dessen, was auf lange Sicht erreicht wird und beabsichtigt war. In der Regel war die unmittelbare Wirkung dessen, was die Brüder taten, weder angenehm noch erfreulich und oft für ihre Gegner schlechthin katastrophal. Man konnte auch schwerlich behaupten, dass den fünf Brüdern am allgemeinen Wohl und am sozialen Aufstieg der Massen mehr gelegen war als anderen Bankiers ihrer Zeit. Man hat sie als „Hofjuden der Bourbonen“, als „Schatzmeister der Reaktion“ und „Wucherer Metternichs“ beschimpft, und nicht immer ohne Grund. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass ihre beispiellose Entschlossenheit und Geschicklichkeit letzten Endes doch sehr positive Effekte zeitigte.

Daneben, so Morton, waren die Rothschilds echte, wie man heute sagen würde, Innovatoren oder „Disruptoren“ des Banking:

Jene Geschäftstüchtigkeit, die die Triebkraft von Mayers Söhnen war, hatte die Wirkung eines großen Reinemachens. Veraltete fiskalische Traditionen waren für immer hinweggefegt, mit überholten Methoden des Kredits wurde Schluß gemacht, neue, zeitgemäße Maßnahmen traten an ihre Stelle. Mit der Tatsache, dass fünf verschiedene Bankhäuser der Familie Rothschild in fünf verschiedenen Ländern existierten, war die Grundlage gelegt für neuartige Methoden eines internationalen Geldaustauschs mit Hilfe des Clearing-House-Systems. Der altmodische, umständliche Versand von Goldbarren hin und her wurde ein umfassendes System von Gutschriften und Belastungen ersetzt – dies alles nicht nur bei den Rothschilds, sondern auch bei allen Konkurrenten, die Schritt halten wollten.

Durch ihr geschäftliches Wirken hätten, so Morton weiter, die Rothschilds, wenngleich unbewusst, die Demokratisierung in Europa gefördert:

Die Rothschilds leisteten wertvolle Hilfe bei der Abschaffung des Absolutismus, der sie ursprünglich als ein Werkzeug benutzt hatte. Wahrscheinlich ohne es zu wollen, haben dieses fünf Brüder mehr zum Aufblühen der bürgerlichen Demokratie beigetragen als irgendwelche anderen fünf Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Als Beleg bringt Morton den Einsatz der Rothschilds für die Eisenbahn, der dazu führe, dass nicht nur Aristokraten sondern auch weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen mobiler wurden.

Das erinnert ein wenig an die heutige Zeit, in der die Fintech-Startups sowie die Blockchain-Technologie mit dem Anspruch antreten, die Finanzwelt demokratisieren zu wollen. Die ersten Bankengruppen, die in Deutschland dieses Ziel verwirklicht haben, waren die Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Ob die Fintech-Startups diese historische Rolle erfüllen können, muss sich erst noch zeigen.

Die Latte liegt hoch.

 

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