Blockchain begünstigt Zentralisierung

Von Ralf Keuper

Es wirkt nur auf den ersten Blick paradox: Die Blockchain, Sinnbild der Dezentralisierung, soll Zentralisierung begünstigen? Die ursprüngliche Absicht war, zentrale Machtinstanzen, wie Staaten und Banken, mit der Blockchain zu umgehen, sie, wenn möglich, weitestgehend überflüssig zu machen. Mittlerweile haben die Staaten die Blockchain für sich bzw. ihre Zwecke entdeckt, wie auf diesem Blog in Blockchain: Das Establishment schlägt zurück thematisierte wurde.

Der Staat könnte die Blockchain in ein Herrschaftsinstrument verwandeln, das ihm bisher in dieser Form noch nicht zur Verfügung stand – und dessen Technologie ihm mehr oder weniger umsonst von seinen Untertanen an die Hände gegeben wurde.

In Cryptocurrency Might be a Path to Authoritarianism macht Ian Boggost auf die eingangs erwähnte Parodoxie aufmerksam:

In certain circles, the technology has been hailed for its potential to usher in a new era of services that are less reliant on intermediaries like businesses and nation-states. But its boosters often overlook that the opposite is equally possible: Blockchain could further consolidate the centralized power of corporations and governments instead.

Der Energiebedarf der Blockchain ist schon jetzt immens; mit der Verbreitung von Bitcoin, so Boggost, wird er noch deutlich steigen und damit zur Zentralisierung führen, da nur wenige Organisationen/Unternehmen die Investitionen für die Bereitstellung und Unterhaltung der nötigen Infrastruktur stemmen können. Schon heute könnten chinesische „Minengesellschaften“ mit ihrer Rechenpower Bitcoin manipulieren (Vlg. dazu Bitcoin: Die stille Macht der Minengesellschaften und Bitcoin: Die stille Macht der Minengesellschaften #2):

Each Bitcoin transaction adds more encrypted data to the blockchain, requiring increasingly more computer power to verify (and to earn the associated commission). More computing power means more energy cost to run and cool the machines, which requires more capital and physical infrastructure to support. Those rising costs inspire centralization. Adam Greenfield tells me that two Chinese giants can control over half of the global Bitcoin mining operations. If they collaborate, a majority-control of the blockchain could allow them to manipulate it. That’s precisely the risk a decentralized currency was meant to avoid.

Nach Ansicht des Buchautors Adam Greenfield unterliegen die politischen Kreise, die sich von der Blockchain mehr Freiheit für den einzelnen und weniger Machtkonzentrationen erhoffen, einem fatalen Irrtum:

“I believe distributed ledger enables the kind of central control they’ve never in their worst nightmares contemplated,” he tells me. The irony would be tragic if it weren’t also so frightening. The invitation to transform distributed-ledger systems into the ultimate tool of corporate and authoritarian control might be too great a temptation for human nature to forgo.

Die Blockchain könnte dem Bürokratiemodell Max Webers eine neue Bedeutung verleihen.

In ihrem Paper Blockchain Technology and Decentralized Governance: Is the State Still Necessary? argumentiert Marcella Atzori vom Center of Blockchain Technologies am University College London, dass die Anwendung der Blockchain im großen Stil neue Oligarchien und eine starke Polarisierung der Gesellschaft erschaffen würde, worüber Adrian Lobe in Revolutioniert Blockchain die Bürokratie? berichtet.

In dem Abstract ihres Papers schreibt Atzori:

The analysis highlights risks related to a dominant position of private powers in distributed ecosystems, which may lead to a general disempowerment of citizens and to the emergence of a stateless global society. While technological utopians urge the demise of any centralized institution, this paper advocates the role of the State as a necessary central point of coordination in society, showing that decentralization through algorithm-based consensus is an organizational theory, not a stand-alone political theory.

Weitere Informationen:

Wie die Blockchain staatliche Institutionen überflüssig machen will

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kapilendo: „Meilenstein“ mit 10 Mio EUR Finanzierungs­volumen erreicht

Von Ralf Keuper

Es gibt Meldungen, da weiß man nicht so recht, was man davon halten soll. Um seinen Fall handelt es sich bei Crowdfinanzierung: kapilendo erreicht Meilenstein mit 10 Mio EUR Finanzierungs­volumen. Die Tatsache, dass nach zwei Jahren Tätigkeit bereits 10 Mio. Euro an Finanzierungsmitteln für Unternehmen bereitgestellt werden konnten, wird als Warnung an die etablierten Banken interpretiert.

Allein bei Sparkassen und Volksbanken gibt es zahlreiche Unternehmenskunden, die über eine Kreditlinie von 10 Mio. Euro und mehr verfügen. Das Kreditvolumen im Firmenkundenbereich mancher Sparkassen- oder Volksbank-Filiale beträgt weitaus mehr als 10 Mio. Euro.

Kaum vorstellbar, dass dort oder auch bei der Commerzbank Unruhe wegen des 10 Mio. Euro – Meilensteins ausbricht …

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„Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte“ von Ulrich W. Hanke

Von Ralf Keuper

An Ratgebern, die damit werben, ihre Leser möglichst schnell möglichst reich zu machen, herrscht kein Mangel. Insofern hebt sich das Buch Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte von Ulrich W. Hanke wohltuend ab.

In dem Buch stellt Hanke die Methoden von 15 Investoren vor, die von sich behaupten können, mit ihrem Anlagestil – z.T. über Jahrzehnte  – eine überdurchschnittliche Rendite erzielt zu haben. Am bekanntesten dürfte wohl Warren Buffett sein, einer der reichsten Männer der Welt.

Buffetts Lehrmeister, Benjamin Graham, kann als der Nestor des Value Investing gelten. Der Value Investor konzentriert sich auf unterbewertete Aktien. Hauptwerkzeug des Value Investors ist die Fundamentalanalyse, d.h. die Bewertung von Bilanz- , Gewinn-, Liquiditäts- und kursbezogener Kenngrößen. Davon unterschieden werden muss die Charttechnik, die auf der reinen Betrachtung von Börsenkursen basiert, und eher an Esoterik als an seriöses Handwerk erinnert. Hanke jedenfalls kann der Charttechnik nichts abgewinnen. Die in dem Buch vorgestellten Investoren wenden fast alle die Fundamentalanalyse an.

Weitere Investoren sind: Michael O‘ Higgins, Joel Greenblatt, John Neff, Peter Lynch, Ken Fisher, Willam O’Neil, James O’Shaughnessy, Martin Zweig, David Dreman und Anthony Gallea. Dazu kommen noch die deutschen Investoren Max Otte, Uwe Lang und Susan Levermann.

Auffallend ist, dass die Methoden von James O’Shaughnessy bei einigen der in dem Buch genannten Investoren besonders beliebt sind.

O’Shaughnessy orientiert sich vor allem an der Relativen Stärke einer Aktie:

Als starke Aktien gelten Papiere, die sich im Aufwärtstrend befinden – man spricht auch von Momentum -und die aktuelle höher notieren als ihr Durchschnittskurs der vergangenen 26 Wochen. .. Zur erfolgreichen Methode wird die Relative Stärke aber erst in Kombination mit anderen Kennzahlen. Wichtig ist dabei: Die Gewinner des Vorjahres sind oft auch die Gewinner des laufenden Jahres. Das heisst aber auch: Langfristig sind die Gewinner auszutauschen. O’Shaughnessy hält Aktien in der Regel ein Jahr lang. Ergänzt man nun die Relative Stärke um den Filter KUV, scheint die Zauberformel von O’Shaughnessy perfekt.

Indes, auch O’Shaughnessy hat die Zauberformel für Reichtum noch nicht gefunden, d.h. von einer unreflektierten Übernahme ist abzuraten:

.. nicht zuletzt funktioniert die Methode zwar sehr gut in Hausse-Phasen, aber nur bedingt in einem Bärenmarkt … Statisch anwenden wie O’Shaughnessy würde ich die Methode nicht.

Dennoch:

Die Relative Stärke in Kombination mit fundamentalen Kriterien ist aber trotzdem eines der erfolgreichsten Rezepte für die Börse.

Hanke widmet jedem Investor ein eigenes Kapitel, das mit einer kurzen Einweisung beginnt, für wen sich der Anlagestil eignet und für wen nicht und mit welchem zeitlichen Aufwand man rechnen muss. Vorgestellt wird zunächst der Investor mit biografischen Details, danach wird ein Blick auf die Methode geworfen, die im Anschluss der Systemkritik unterzogen wird. Den Abschluss bildet eine kurze Zusammenfassung des Erfolgsrezepts. Hinzu kommen noch erläuternde Texte/Exkurse, die bestimmte Aspekte der Anlagestrategie des jeweiligen Investors beleuchten.

Erfreulich auch, dass die relevanten Kennzahlen von Hanke erläutert und in einem eigenen Kapitel zusammengefasst werden.

Schlussbetrachtung:

Das Buch gibt einen guten und ausgewogenen Überblick der Methoden einiger der erfolgreichsten Investoren der letzten Jahrzehnte. Wer an der Börse als Anleger Erfolg haben will, braucht dazu einen langen Atem und entsprechende Methoden. Ohne das nötige Investment an Zeit und ohne eigenständiges Denken und Hinterfragen der Methoden, wird es jedoch nicht gelingen. Die Investoren waren auch deshalb so erfolgreich, weil sie in der Lage waren, ihre Methoden zu überdenken und anzupassen. Einziger Nachteil ist, dass die Investoren fast ausschließlich aus den USA kommen und sich auf die amerikanische Börse konzentrieren.

Die in dem Buch vorgestellten deutschen Investoren haben mich persönlich „nicht vom Hocker gehauen“.

Kurzum: Ein lesenswertes und informatives Buch.

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Diebold Nixdorf im Sinkflug

Von Ralf Keuper

Dass die Banken auf vielen Technologiefeldern den Anschluss verpasst haben, lässt sich auch an ihren langjährigen Zulieferern ablesen, wie den Herstellern von Geldautomaten und elektronischen Kassensystemen. Das Geschäft bereitet NCR und Diebold Nixdorf seit Jahren kaum noch Freude. Die „Kistenschieber“ sind – neben Kodak – ein Paradebeispiel für das Innovator’s Dilemma. Zu lange hat man das veränderte Kaufverhalten und den Medienwandel ignoriert und geglaubt, man könne seine Geräte noch auf Jahrzehnte in den Schwellenländern absetzen. Dabei sind es gerade die Schwellenländer wie Indien, die den Wandel in die bargeldlose Gesellschaft besonders entschlossen vorantreiben.

Hartnäckig hat man sich bei Wincor Nixdorf gegen die Einsicht gesperrt, dass der Markt für die Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen vor einer Konsolidierung steht. Bis kurz vor der endgültigen Übernahme durch Diebold ließ man verlauten, es auch alleine schaffen zu können.

Ende letzter Woche musste Diebold Nixdorf sein Jahresziel korrigieren und Sparmaßnahmen ankündigen. Statt 5 Milliarden Dollar Umsatz erwartet man für das Jahr 2017 nur noch 4,7 bis 4,8 Mrd. Bereits im ersten Quartal musste der Konzern einen Verlust von 48,6 Millionen Dollar melden. Der Vorstandschef Andy Mattes erklärte, dass er über diese scheinbar unerwartete Entwicklung sehr enttäuscht sei …

Der Bankautomat befindet sich bereist auf dem Rückzug. An diesem Wochenende wurde bekannt, dass die Deutsche Bank in der Region Ostwestfalen (ca. 2 Mio. Einwohner) nicht nur Filialen schließen, sondern auch SB-Terminals abbauen will. Begründet wird die Entscheidung damit, dass die Kunden im Schnitt ohnehin nur einmal im Jahr die Filiale aufsuchen und ihre Bankgeschäfte überwiegend online abwickeln.

Ein ähnliches Schicksal erwartet über kurz oder lang auch den Geldautomaten, der erst kürzlich seinen 50. Geburtstag beging.

In Zeiten, in denen digitale Ökosysteme und All-in-one Apps wie Alipay oder WeChat, und demnächst Apple Pay, den Nutzern den Bezahlvorgang so angenehm wie möglich gestalten, wirken Geldautomaten, die mehrere Tonnen wiegen, wie aus der Zeit gefallen. Für das kontaktlose Bezahlen an der Kasse werden demnächst nur noch schlanke Systeme benötigt, für deren Herstellung Diebold Nixdorf und NCR kaum noch gebraucht werden; das können andere schneller und günstiger – man denke nur an Foxconn.

Wie das Beispiel Paydirekt zeigt, sind die Zeiten geschlossener Systeme, in denen die Rollen klar verteilt waren – hier die Banken – da die Zulieferer – vorbei. Heute konkurrieren die Banken mit Unternehmen, die Content/Entertainment, Logistik, Zahlungsverkehr, Hardware und Software aus einer Hand anbieten können. Das ist der entscheidende Unterschied. Diebold Nixdorf bekommt diesen Wandel als Erster zu spüren.

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Die Bankiers – Fernsehfilm in vier Folgen mit Kirk Douglas u.a.

Von Ralf Keuper

Das eher langweilige Leben der Bankiers kann, wie die Verfilmung von Arthur Haileys Roman Die Bankiers zeigt, durchaus unterhaltsam sein. Dazu trägt sicherlich auch die Besetzung der Hauptrollen bei. Neben Kirk Douglas, der den Vizepräsidenten Alex Vandervoort der Frist Mercantile American Bank in Los Angeles spielt, zählen dazu der weitere Vizepräsident und Rivale von Douglas, Roscoe Heyward, der von Christopher Plummer gespielt wird. Daneben wirkten noch Susan Flannery, Percy Rodrigues, Ralph Bellamy, Joan Collins und Loren Greene mit.

Im Zentrum des Films steht die Rivalität der beiden Vizepräsidenten Vandervoort und Heyward. Nach dem Tod des langjährigen Chefs der Bank übernimmt zunächst Jerome Patterton (Ralph Bellamy) interimsmäßig die Führung. Nach neun Monaten soll dann die Entscheidung über die Nachfolge zwischen Vandervoort und Heyward fallen. Die beiden Vizepräsidenten stehen für eine unterschiedliche Geschäftspolitik. Während Vandervoort die Verantwortung der Bank für das Gemeinwohl in den Vordergrund stellt, und die wachsende Verschuldung durch den Gebrauch von Kreditkarten kritisch sieht, vertritt sein Gegenspieler Heyward eine offensivere und riskantere Politik. Heywards Chancen auf die Nachfolge steigen deutlich, als es ihm gelingt, mit dem multinationalen Mischkonzern SuNatco, einen neuen Großkunden für die Bank zu gewinnen. Dieser möchte einen Kredit über 50 Millionen Dollar von der Bank. Da es aber zu dem Zeitpunkt einer Bank wie der Frist Mercantile American Bank (FMA) laut Glass-Steagall nicht gestattet war, einem einzelnen Kreditnehmer einen so hohen Betrag als Darlehen zu gewähren, verteilte man die Summe auf verschiedene Tochterunternehmen. Im Direktorium/Kreditausschuss der Bank entbrannte ein heftiger Streit darüber, ob die Bank diesen Trick anwenden dürfte. In der Abstimmung unterlag Vizepräsident Vandervoort deutlich. Die Bank wollte sich das lukrative Geschäft, trotz einiger ethischer Bedenken, nicht entgehen lassen. Da wegen des Großkredits das Kreditvolumen der Bank ausgeschöpft war, drohte ein gemeinnütziges Wohnungsbauprojekt, das von Vandervoort und seiner Lebensgefährtin, einer Rechtsanwältin aus dem politisch linken Spektrum, protegiert wurde, hinten rüber zu fallen.

Das Blatt wendete sich erst zugunsten von Vandervoort, als Gerüchte die Runde machten, dass die SuNatCo in akuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken würde. In der Bank ging es zunächst um Schadensbegrenzung und darum, das Vertrauen der Kunden in die Bank zurückgewinnen bzw. zu erhalten, da in den Medien Berichte kursierten, die Bank könne an dem Kreditausfall zugrunde gehen.

Der Film hat durchaus sozialkritische Untertöne und behandelt ein Thema, das, wie die Finanzkrise und einige Tendenzen der Gegenwart zeigen, noch immer aktuell ist.

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Blockchain als systemisches Risiko

Von Ralf Keuper

Wenn es nach den Vorstellungen der Blockchain-Community geht, dann wird künftig kaum ein Lebensbereich von der Blockchain-Technologie ausgespart bleiben; schließlich handelt es sich hierbei um nichts weniger als das Neue Internet. Mehr noch: Durch seinen Charakter als engmaschige „Blockkette“ werden die verschiedenen Bereiche gleichförmiger, normierter. Abweichungen sind kaum noch zulässig, da sie den reibungslosen Ablauf, die Arbeit der (unfehlbaren) Algorithmen – unnötig – stören. Es könnte wahr werden, was Max Weber mit Blick auf den hochrationalisierten Kapitalismus als „stahlhartes Gehäuse“ bezeichnete.

Keine Frage: Sollte die Blockchain-Technologie den Praxis-Test bestehen, dann ließen sich damit im Idealfall enorme Rationalisierungseffekte erzielen. Ein einheitlicher EU-Binnenmarkt könnte dadurch realisiert bzw. unterstützt werden. Daraus folgt zwangsläufig, dass die Regierungen sich des Themas früher oder später annehmen werden, sofern sie ihre hoheitlichen Aufgaben erfüllen wollen. Die Blockchain als neues Herrschaftsinstrument, wie es sich kein Technokrat oder Bürokrat besser hätten ausdenken können.

Mit der Vereinheitlichung wächst jedoch die Gefahr, dass wir uns ein beachtliches systemisches Risiko aufhalsen, vor allem im hochsensiblen Finanzbereich.

Dass wir den Versprechungen der (Hoch-)Technologie gegenüber eine reservierte Haltung einnehmen sollten, war die Ansicht von Niklas Luhmann. Luhmann, alles andere als technikfeindlich, gab zu bedenken:

Der Versuch, sich gegen Risiken der Technik durch Technik zu schützen, stößt offenbar an Schranken. … (in: Soziologie des Risikos

An einer anderen Stelle unterschied Luhmann zwischen festen und losen Kopplungen. Die Blockchain kann als Paradebeispiel fester Kopplungen betrachtet werden.

Andersartige Probleme treten auf, wenn technische Kopplungen komplexer werden, das heisst: aus vielen, verschiedenartigen und im Zeiteinsatz variablen Elementen bestehen. Dann wird Zeit knapp, vor allem Zeit für eine Reaktion auf Überraschungen. Denn feste Kopplung der technisch bestimmten Operationen heisst ja unter Zeitgesichtspunkten: Sofortige Kopplung. Das System muss dann mit Störungen rechnen, für deren Erkennen und Beheben nicht mehr genug Zeitreserven zur Verfügung stehen. Dies Problem ist zunächst unabhängig von der Größe des Schadens, der aus solchen Störungen entstehen kann; aber es gewinnt besondere Bedeutung im Bereich hochriskanter Technologien, die zu Katastrophen führen können und bereits geführt haben (in: Organisation und Entscheidung).

Auch die Blockchain ist eine riskante Technologie; sie ist nich unfehlbar.

Wollen wir tatsächlich das Risiko eingehen, das Finanzsystem und weitere für die Gesellschaft relevante Bereiche fast ausschließlich über die Blockchain abzubilden? Wäre das Systemrisiko nicht zu groß, das, im Falle seines Eintretens, einer Kernschmelze gleich käme?

Ohne Regulierung, ohne staatliche oder andere Instanzen, die für die Überwachung zuständig sind, wird es kaum gehen. Diese wiederum bekommen dadurch eine Machtfülle, die, wenn überhaupt, nur noch auf politischem Weg kontrolliert werden kann. Was aber, wenn ein diktatorisches oder autokratisches System die Macht übernimmt?

Insofern bekommt der Spruch Lenins „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ neues Gewicht.

Weiterer Grund zum Nachdenken kommt aus Richtung der Naturwissenschaft. Und zwar in Gestalt der Synergetik von Hermann Haken:

Das Wort Synergetik stammt aus dem Griechischen, .., und bedeutet so viel wie „Lehre vom Zusammenwirken“. Wir wollen uns mit ihr fragen, ob es nicht trotz der Fülle verschiedenartigster Strukturen, die in der Natur auftreten, möglich ist, einheitliche Grundgesetze aufzufinden, aus denen heraus wir verstehen können, wie Strukturen zustande kommen. … (in: Erfolgsgeheimnis der Natur. Synergetik. Die Lehre vom Zusammenwirken)

Die Blockchain könnte durchaus die Strukturbildung in Wirtschaft und Gesellschaft dominieren und dadurch bislang abweichende Bereiche zur Anpassung zwingen:

Die Vorgänge der Strukturbildung laufen irgendwie zwangsläufig in bestimmter Richtung, aber keineswegs so, wie es die Wärmelehre voraussagte, keineswegs eben in eine immer größer werdende Unordnung. Ganz im Gegenteil werden auch noch ungeordnete Teilsysteme in den bestehenden Ordnungszustand hineingezogen und in ihrem Verhalten von ihm versklavt. Diese Zwangsläufigkeit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ist, .., weitgehend unabhängig vom materiellen Substrat, auf dem sich die Vorgänge abspielen.

Zurück zum systemischen Risiko der Blockchain. Ein Fehler, ein unvorhersehbares Ereignis kann in kochkomplexen Gebilden, wenn der richtige Resonanzpunkt getroffen wird, zu einer Kettenreaktion führen, die das System zum Einsturz bringen kann.

Ein auslösendes Ereignis kann einmal eine ganze Kaskade von Ereignissen nach sich ziehen, ein anderes Mal nichts bewirken (in: Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie)

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paydirekt: Schon jetzt ein Rohrkrepierer? #5

Von Ralf Keuper

Wie man es auch dreht und wendet: So richtig kommt paydirekt, das online-Bezahlverfahren der Deutschen Kreditwirtschaft, nicht vom Fleck.

Vor wenigen Wochen berichtete Hanno Bender, dass die Registrierungen bei Paydirekt rückläufig sind. Gestern meldete das Handelsblatt einen weiteren Rückschlag. Demnach hat der zu den größeren Online-Shops zählende Möbelhändler Reuter paydirekt wieder abgeschaltet. Als Begründung nennt das Unternehmen, dass paydirekt als Zahlungsmethode von den Kunden nicht ausreichend nachgefragt worden sei.

Hanno Bender legt den Finger in die Wunde:

In der aktuellen EHI-Erhebung zu Zahlverfahren in den Top-1000 Onlineshops taucht Paydirekt noch nicht mal auf. Wenn sich das im kommenden Jahr „signifikant“ ändern soll, müssen die Paydirekt-Banken einen neuen Kurs einschlagen und Händler durch attraktive Gebühren füttern für das Zahlverfahren begeistern.

Etwas süffisant bemerkt Bender, dass die Sparkassengruppe 330.000 Mitarbeiter zählt. Allem Anschein nach sind auch von den Mitarbeitern noch nicht alle von den Vorzügen des hauseigenen Bezahlverfahrens überzeugt. Wenn man dann noch die Beschäftigenzahl der anderen beteiligten Bankengruppen hinzu nimmt, fällt der Befund noch ernüchernder aus.

Unterdessen startet paydirekt seinen neuen P2P-Bezahldienst … mit oder ohne Sparkassen … Same Procedure …

Weitere Informationen / Update:

Frisiert Paydirekt jetzt seine Nutzerzahlen?

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Blockchain: Das Establishment schlägt zurück

Von Ralf Keuper

So war das eigentlich nicht gedacht: Zu den größten Förderern und Anwendern der Blockchain gehört mittlerweile der Staat, wie der Economist leicht irritiert in Land grab Governments may be big backers of the blockchain feststellt. Da muss man schon zur (Selbst-)Ironie greifen: 

Brian Forde, a blockchain expert at the Massachusetts Institute of Technology, argues that governments will drive its adoption—an ironic twist for something that began as a libertarian counter model to centralised authority. Backers say it can be used for land registries, identity-management systems, health-care records and even elections.

Länder, die derzeit besonders intensiv mit der Blockchain experimentieren, sind Schweden, Estland und Georgien.

Damit nicht genug. Eine Studie von IBM kommt zu der Einschätzung:

.. nine in ten government organisations say they plan to invest in blockchain technology to help manage financial transactions, assets, contracts and regulatory compliance by next year.

Die Entwicklung ist nicht neu bzw. war absehbar. Der wahrlich nicht als Technologiekritiker und Kulturpessimist bekannte Investor Marc Andressen wird in dem Buch Wirtschaftswelt der Zukunft mit der Aussage zitiert:

Wenn jemand glaubt, dass Bitcoin Transaktionen einfacher macht, die nicht von der Regierung überwacht werden können, liegt er hundertprozentig daneben. Alle Transaktionen finden in der Öffentlichkeit statt. Jeder kann sich das gesamte Hauptbuch ansehen und verifizieren, wem das gehört. Wenn Sie also eine Polizeibehörde sind oder ein Nachrichtendienst, können Sie auf diesem Weg viel einfacher den Geldfluss nachvollziehen als beim Bargeld. Insofern erwarte ich, dass die Polizei und die Nachrichtendienste letztlich für Bitcoin sein werden und die Libertären letztlich gegen Bitcoin.

Die Blockchain könnte, wie es auf diesem Blog in Blockchain meets Max Weber und sein „Bürokratiemodell“ thematisiert wurde, der vorläufig letzte Schritt zur Digitalisierung der Bürokratie sein.

Die Blockchain ist so rational, wie sie sich kein Bürokrat besser hätte ausdenken können. (Eigenzitat).

Der Staat kann sich das Treiben entspannt ansehen und irgendwann sagen: Vielen Dank, ab jetzt übernehmen wir 😉

Beim IWF macht man sich Gedanken, wie sich die Kryptowährungen gegen ihre eigentlichen Erfinder verwenden lassen, wie in IWF: Zentralbanken sollen Cryptowährung schaffen zu erfahren ist.

Sicher: Es gibt mehrere Varianten der Blockchain-Technologie, und Kryptowährungen sind mittlerweile ein eigenes Thema. Jedoch tritt als Muster immer deutlicher hervor, dass die Blockchain für Zwecke eingesetzt werden kann und wohl auch eingesetzt wird, die ihrer ursprünglichen Philosophie widersprechen. Die Blockchain ist sehr wohl mit Zentralisierung und Überwachung vereinbar – wie keine andere Technologie.

Aber das bleibt ja unter uns 😉

Weitere Informationen:

Wie die Blockchain staatliche Institutionen überflüssig machen will

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Die erste Direktbank Deutschlands wurde von einer Gewerkschaft gegründet

Von Ralf Keuper

Wer hätte das gedacht: Die erste Direktbank Deutschlands wurde von einer Gewerkschaftsbank, der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), gegründet. Auf Wikipedia heisst es:

1965 gründete die BfG die Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung AG (BSV) durch Umbenennung der Kreditbank Hagen GmbH. Diese Bank sollte als Spezialkreditinstitut den Arbeitnehmern die Anlage der damals neu eingeführten vermögenswirksamen Leistungen ermöglichen. Bereits 1969 wurde das Produktspektrum um Baudarlehen und 1975 auf Ratenkredite ausgeweitet. Die Bank arbeitete ohne Filialen und war damit die erste Direktbank in Deutschland.

Die eigentliche Initiative ging jedoch von dem damaligen Chef der IG Bau, Georg Leber, aus.

In dem Beitrag Eine neue Bank, der über die Gründung dieser für die damalige Zeit neuartigen Bank berichtete, wurde Georg Leber für seine visionäre Entscheidung gelobt. Die Bank ging als Bank für die Vermögensbildung der Bauarbeiter an den Start. Jedem Gewerkschaftsmitglied, das ein Konto bei der neuen Bank eröffnete, schenkte die Gewerkschaft fünf DM. Die Planungen waren, dass von den 1,5 Millionen Mitgliedern 400.000 Kunden der Bank würden. Nach zehn Jahren wollte man 1,5 Mrd. an Einlagen gesammelt haben. Weiteres „Alleinstellungsmerkmal“ war, dass der Aufsichtsrat sich in der Mehrheit aus langfristigen Sparern zusammensetzen sollte. Sie konnten entscheiden, wo das Kapital der Bank angelegt werden sollte.

Die BSV lebt in gewisser Weise bis heute weiter. Sie ist die Keimzelle der heutigen ING-DiBa, der größten Direktbank Deutschlands, wie auf Wikipedia und auf den Seiten der ING-DiBa selbst zu erfahren ist.

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Energiefresser Blockchain

Von Ralf Keuper

Dass die Blockchain Stand heute ein beachtlicher Energiefresser ist, war erst kürzlich auf diesem Blog in Wie ökologisch nachhaltig ist das New Banking? ein Thema. In der Zwischenzeit hat sich das Handelsblatt in Blockchain. Der stromfressende Alleskönner ebenfalls damit beschäftigt.

Mittlerweile gibt es einige Ansätze, den extrem hohen Energieverbrauch der Blockchain, wie er vor allem während des sog. Mining anfällt, durch effizientere Verfahren in den Griff zu bekommen. Beispielhaft dafür ist IOTA. Der große Vorteil besteht laut Jeremy Epstein darin:

What it does is require each device to verify the transaction of one other device and, in turn, its own transaction is verified by two other devices. … When all is said and done, I only need to keep a VERY small set of transactions in my memory, but they can be verified at any time and have been verified. As such, the concept of “full nodes” as is common in Bitcoin and Ethereum, goes away. Every node is a micro-node, fully distributed, and relatively inexpensive to operate. (in: Why blockchains fail and decentralization succeeds)

Ob die Erhöhung der Transaktionsverarbeitungskapazitäten der Blockchain, wie sie die BigchainDB von Ascribe, oder ganz aktuell die Red Belly Blockchain technology der Universität Sydney, vorsehen, zu mehr Energieeffizienz führt, bleibt abzuwarten. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten des Rebound-Effektes ist jedenfalls hoch. Je effizienter die Blockchain-Technologie wird, desto mehr wird sie in Anspruch genommen, was wiederum zu einem entsprechenden Energieaufwand führt. Ob dieser dann höher ausfällt, als mit „herkömmlichen“ Datenbanktechnologien und ob der Koordinations- und Managementaufwand nicht ebenso hoch oder sogar noch größer ist, wird sich ebenfalls noch zeigen müssen.

Es dürfte jedoch schwer werden, als Vorzug der Blockchain die Energieeffizienz anzuführen. Insofern ist es schon paradox, wenn, wie in Energiewende per Blockchain? – Digitale Perspektiven des Umweltschutzes, die Blockchain als nachhaltige Technologie präsentiert wird.

 

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