Wer zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort ist, kann aus einer Wäh­rungs­kri­se ein Ver­mö­gen machen—das zeigt die Kip­per- und Wip­per­zeit des frü­hen 17. Jahr­hun­derts ein­drück­lich. Doch die­sel­be Epo­che lie­fert auch die Geschich­te eines Man­nes, der alle Trümp­fe in der Hand hielt und trotz­dem ver­lor: Hans de Wit­te, der mäch­tigs­te Ban­kier im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, finan­zier­te den Auf­stieg Wallensteins—und mach­te damit sein eige­nes Schick­sal von dem eines ein­zi­gen Man­nes abhän­gig. Als Wal­len­stein fiel, war auch de Wit­te rui­niert. Ein Lehr­stück dar­über, war­um Nähe zur Macht allein nie genug ist.


In frü­he­ren Zei­ten ist nur weni­gen Ban­kiers die Nähe zu den Regie­ren­den bekom­men. Die Kip­per- und Wipperzeit—jene Pha­se mas­si­ver Münz­ent­wer­tung zwi­schen 1620 und 1623, in der Lan­des­her­ren und pri­va­te Münz­händ­ler voll­hal­ti­ge Sil­ber­mün­zen ein­schmol­zen, das Metall mit Kup­fer und Zinn streck­ten und als min­der­wer­ti­ge Mün­zen neu ausgaben—zeigt, war­um die Aus­nah­men exis­tie­ren. Der Name ver­weist auf die Pra­xis selbst: Mit der „Wip­pe”, einer Schnell­waa­ge, wur­den gute Mün­zen aus­sor­tiert und „gekippt”. Die Fol­gen waren Preis­explo­sio­nen und aku­te Not—für die brei­te Bevöl­ke­rung. Für jene, die das Sys­tem von innen kann­ten, war es eine Gele­gen­heit. Wer das Insi­der-Netz­werk rich­tig zu nut­zen wusste—wer Münz­rech­te pach­te­te, das ent­ste­hen­de Infla­ti­ons­geld recht­zei­tig in Güter kon­ver­tier­te und die fina­le Wäh­rungs­re­form mit einem bereits diver­si­fi­zier­ten Real­be­sitz über­stand —, der zemen­tier­te sei­nen Ver­mö­gens­stand für Gene­ra­tio­nen. Karl I. von Liech­ten­stein und Hans Ulrich von Eggen­berg ste­hen für die­sen Typus. Sie ver­stan­den das Spiel nicht nur, sie gestal­te­ten sei­ne Regeln.

Hans de Wit­te ver­stand das Spiel eben­falls. Der aus Flan­dern stam­men­de Kauf­mann und Ban­kier, der sich im früh­neu­zeit­li­chen Prag zu einer der zen­tra­len Kre­dit­fi­gu­ren des habs­bur­gi­schen Finanz­we­sens auf­ge­schwun­gen hat­te, war Teil des­sel­ben böh­mi­schen Finanz­mi­lieus. Nach der Nie­der­la­ge des böh­mi­schen Auf­stands 1620 floss auch über sein Kre­dit­netz die Abwick­lung kon­fis­zier­ter pro­tes­tan­ti­scher Adelsgüter—jener gigan­ti­sche Eigen­tumsum­bruch, von dem Wal­len­stein und ande­re kai­ser­treue Nutz­nie­ßer pro­fi­tier­ten. De Wit­te war kein Außen­sei­ter des Sys­tems; er war einer sei­ner Operatoren.

Und doch: Als Albrecht von Wal­len­stein im Som­mer 1630 von Kai­ser Fer­di­nand II. zum ers­ten Mal ent­las­sen wur­de, brach de Wit­tes gesam­tes Kre­dit­ge­bäu­de in sich zusam­men. Weni­ge Wochen spä­ter nahm er sich das Leben—überschuldet, ohne Rück­zugs­mög­lich­keit, ohne Ausweg.

Der Unter­schied zwi­schen de Wit­te und den erfolg­rei­chen Akteu­ren der Kip­per-Wip­per­zeit liegt nicht in der Nähe zur Macht, son­dern in der Qua­li­tät die­ser Nähe. Liech­ten­stein und Eggen­berg hat­ten ihre Posi­tio­nen insti­tu­tio­nell abge­si­chert: durch Grund­be­sitz, durch diver­si­fi­zier­te Patro­na­ge­netz­wer­ke, durch Ämter, die unab­hän­gig von einem ein­zel­nen poli­ti­schen Akteur exis­tier­ten. Ihre Ver­bin­dung zum Wie­ner Hof war struk­tu­rel­ler Natur—sie tru­gen das Sys­tem mit, ohne von einem ein­zi­gen sei­ner Trä­ger abhän­gig zu sein.

De Wit­tes Ver­hält­nis zu Wal­len­stein war anders. Er hat­te sein Kre­dit­ge­schäft struk­tu­rell mit dem Auf­stieg eines ein­zel­nen Feld­herrn ver­schmol­zen. Das Prin­zip der Hee­res­fi­nan­zie­rung, das Wal­len­stein dem Kai­ser anbot—eine Pri­vat­ar­mee auf eige­ne Kos­ten zu unter­hal­ten, finan­ziert über Böh­mens Güter und de Wit­tes inter­na­tio­na­le Kre­dit­li­ni­en, refi­nan­ziert durch Kon­tri­bu­tio­nen aus den besetz­ten Gebie­ten —, war geni­al als mili­tär-poli­ti­sche Kon­struk­ti­on. Als Ban­kier­po­si­ti­on war es eine Ein­bahn­stra­ße. De Wit­tes Bilanz war nicht nur von Wal­len­steins Kriegs­glück abhän­gig; sie war von des­sen poli­ti­schem Über­le­ben abhän­gig. Die Dif­fe­renz, die ein Finanz­sys­tem von sei­nem Umfeld trennt und ihm ope­ra­ti­ve Eigen­stän­dig­keit sichert, exis­tier­te für de Wit­te fak­tisch nicht mehr.

Sys­tem­theo­re­tisch gespro­chen: De Wit­te hat­te die funk­tio­na­le Ent­kopp­lung ver­säumt, die das Über­le­ben in einem vola­ti­len poli­ti­schen Umfeld erst ermög­licht. Liech­ten­stein diver­si­fi­zier­te und kon­ver­tier­te; Fugger—jene legen­dä­re Aus­nah­me, an der sich alle Ban­kiers­bio­gra­fien des 16. und frü­hen 17. Jahr­hun­derts mes­sen lassen—finanzierte meh­re­re Sou­ve­rä­ne gleich­zei­tig, sicher­te sich Berg­bau­rech­te als rea­le Gegen­leis­tung und schuf damit eine Ver­mö­gens­ba­sis, die kei­ne ein­zel­ne poli­ti­sche Ent­schei­dung in ihrer Gesamt­heit zer­stö­ren konn­te. De Wit­te tat das Gegen­teil: Er konzentrierte.

Das ist kein Ver­sa­gen aus Nai­vi­tät. De Wit­te war ein erfah­re­ner Ope­ra­tor in einem bru­ta­len Umfeld. Es ist ein Ver­sa­gen aus der inne­ren Logik des Geschäfts­mo­dells selbst. Wer einen Feld­herrn auf dem Weg zur Macht finan­ziert, sitzt auf einem sich beschleu­ni­gen­den Sys­tem. Die Ren­di­ten sind außer­ge­wöhn­lich, die Ska­lie­rung gewaltig—und genau des­halb ent­steht jener Sog, der eine recht­zei­ti­ge Diver­si­fi­zie­rung struk­tu­rell unwahr­schein­lich macht. Das Enga­ge­ment wächst schnel­ler als der Real­be­sitz, der es absi­chern könn­te. Wenn der Wen­de­punkt kommt, ist der Hebel bereits zu groß.

Die Kip­per- und Wip­per­zeit lie­fert die Blau­pau­se des erfolg­rei­chen Insi­der­mo­dells. Hans de Wit­te lie­fert die Ana­to­mie sei­nes Scheiterns—und damit, struk­tu­rell betrach­tet, die prä­zi­se­re War­nung: Nicht die Nähe zur Macht ist das Risi­ko. Es ist die Unfä­hig­keit, sie recht­zei­tig in unab­hän­gi­ge Sub­stanz zu übersetzen.

Ralf Keu­per


Quel­len:

Ralf Keu­per: Der fol­gen­schwe­re Han­del zwi­schen dem Ban­kier de Wit­te und dem Feld­herrn Wal­len­stein, Bank­stil (2016) https://bankstil.de/der-folgenschwere-handel-zwischen-dem-bankier-de-witte-und-dem-feldherrn-wallenstein/

Wal­len­steins Ban­kier – der unglück­li­che Hans de Wit­te, Geschi­ma­ga­zin (2012)https://geschimagazin.wordpress.com/2012/10/28/wallensteins-bankier-der-ungluckliche-hans-de-witte/

Ban­kier des Krie­ges, Der Spie­gel /​ Spie­gel Geschich­te http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d‑79558311.html

Joa­chim Petrick: Tod eines Ban­kiers: Hans de Wit­te, Der Frei­tag https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/tod-eines-bankiers

Wiki­pe­dia: Hans de Wit­te https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_de_Witte

Wiki­pe­dia: Albrecht von Wal­len­stein https://de.wikipedia.org/wiki/Wallenstein

Wiki­pe­dia: Wal­len­stein. Sein Leben erzählt von Golo Mannhttps://de.wikipedia.org/wiki/Wallenstein._Sein_Leben_erz%C3%A4hlt_von_Golo_Mann

Ralf Keu­per: Die Geschich­te der Fug­ger-Ban­kiers, Bank­stil (2015) http://bankstil.blogspot.de/2015/02/die-geschichte-der-fugger-bankiers.html