Der Elbtower in Hamburg ist kein Einzelfall spekulativer Überhitzung. Er ist ein Lehrstück darüber, wie wirtschaftliche Werte nicht entdeckt, sondern politisch und diskursiv hergestellt werden – und warum diese Herstellung gefährlich werden kann, wenn der Vorhang fällt.
Wert ist kein Naturphänomen
Es gibt eine tröstliche Vorstellung, die im Immobiliengeschäft wie in der Finanzwelt gleichermaßen gepflegt wird: dass Werte irgendwie da draußen existieren, objektiv, ableitbar aus Lage, Nutzung, Nachfrage. Die Aufgabe von Gutachtern, Analysten und Bankern bestünde dann darin, diesen Wert möglichst präzise zu messen.
Der Fall des Hamburger Elbtowers legt nahe, dass diese Vorstellung fundamental falsch ist.
Wirtschaftssoziologische Arbeiten – insbesondere jene, die auf Jens Beckert und Michel Callon aufbauen – wie Dasha Kuletskaya in Performing Real Estate Value The Elbtower and the Politics of the Future beschreiben ökonomischen Wert als performativ: Wert entsteht nicht durch Entdeckung, sondern durch Inszenierung. Narrative, Renderings, Modelle, Wettbewerbe, Architektengespräche, Pressemitteilungen – all das sind keine bloße Verkleidung eines dahinterliegenden „echten” Wertes. Sie erzeugen diesen Wert erst. Oder präziser: Sie machen bestimmte Zukunftsszenarien glaubwürdig genug, damit Märkte, Behörden und Banken auf ihrer Grundlage handeln.
Das ist nicht böswillige Manipulation. Es ist der normale Betrieb großer Stadtentwicklungsprojekte.

