Dauerbaustelle Bank-IT

Von Ralf Keuper

Die Bank-IT, und hier insbesondere die Kernbanksysteme, hält mit der technologischen Entwicklung, die häufig unter dem Schlagwort “Digitalisierung” zusammen gefasst wird, kaum noch Schritt. Bei der Frage, wie sie auf die Herausforderungen, wie Echtzeitverarbeitung, Agile Softwareentwicklung, Modularisierung, Open Banking/Fintech etc. reagieren sollen, schwanken die Banken häufig zwischen Standardlösungen und Individualentwicklungen. Ein Königsweg hat sich bislang noch nicht abgezeichnet (Vgl. dazu: Kernbankensysteme: One size fits all?). Rückschläge bleiben daher nicht aus, wie bei der Deutschen Bank mit dem Magellan-Projekt (Vgl. dazu: Digitale Pleite) und der BHF-Bank im Zuge der Einführung von avaloq (Vgl. dazu: BHF-Bank stoppt die Einführung von Avaloq). Belastend auf die Budgets und die Agilität der Systeme wirken sich die steigenden regulatorischen Anforderungen aus (Vgl. dazu: Regulierung hat das Maximum der Belastung erreicht – Banken brauchen punktuelle Erleichterungen). Das Meldewesen, wie mit Anacredit, erfordert ständige Anpassungen, die auch mit den Standardlösungen in dem Bereich (Samba, DaVinci, BAIS) nicht per se abgedeckt werden können. Die Meldewesenvorverarbeitung übernimmt hierbei ein zentrale Rolle. Ein häufig unterschätzter Faktor. Wenn es an dieser Stelle nicht gelingt, überbordende Komplexität zu bewältigen, dann kann das bis zum Risikocontrolling und damit auf die Gesamtbanksteuerung durchschlagen. Wie Dieter Weber in seinem ausgesprochen informativen Buch Risikopublizität von Kreditinstituten. Integrative Umsetzung der Transparenzanforderungen und weiteren Beiträgen darlegt, liegt auf diesem Gebiet noch reichlich Vereinfachungspotenzial.

In dem Beitrag Konfliktpotential in der Bank-IT in der FAZ vom 21.02.18 erwähnt der Autor, Hanno Mußler, lobend das Beispiel von Julius Bär, UBS und der russischen Bank VTB, die ihre IT-Systeme auf einer gemeinsame Plattform betreiben (Vgl. dazu: Steinzeit-IT deutscher Banken als Einfallstor für Rivalen) und damit Effizienzvorteile, Skaleneffekte nutzen wollen, von denen die deutschen Banken, allen voran die Sparkassen und Genossenschaftsbanken, noch meilenweit entfernt seien.

Bei allem Respekt: Ob der Weg von UBS, Bär und VTB sich als erfolgreich herausstellt, muss sich erst noch zeigen. Bei aller berechtigten Kritik an den Sparkassen und Genossenschaftsbanken, so muss man doch festhalten, dass man hier die Zeichen der Zeit erkannt hat. OSPlus, das Kernbankensystem der Sparkassen, darf man durchaus als Erfolg werten. Es muss (sicherlich mehr als) einen Grund geben, weshalb die Haspa von SAP auf OSPlus wechselt. Ob sich die Fiducia & GAD mit dem Wechsel auf agree einen Gefallen getan hat, und vielleicht doch besser Bank21 genommen oder gleich ein neues System entwickelt hätte, darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein.

Letztlich ist jede IT-Plattform auf Basis einer Standardlösung von irgendeinem Punkt an eine proprietäre Lösung. Irgendwann kommen Sonderlocken. Außerdem sind die Geschäftsmodelle der Banken (Retail, Commercial, Private Banking, Investmentbanking …) so verschieden, dass eine Vereinheitlichung zwar wünschenswert ist, in der Realität jedoch an fundamentale Grenzen stösst. Eine Erfahrung, die derzeit die Raiffeisenbanken in der Schweiz machen müssen, die auf avaloq migrieren wollen, sollen (Vgl. dazu: Raiffeisen: Neue IT kommt nicht vor Frühling).

Kurzum: Den Königsweg in der Bank-IT gibt es nicht. Es bleibt bei Stückwerk, bei Provisorien, was angesichts des dynamischen Marktumfelds nicht immer von Nachteil sein muss. Ausschlaggebend für den Erfolg einer Bank sind die Entscheidungen auf strategischer Ebene, d.h. welche Geschäfte machen wir und von welchen lassen wir die Finger? Welche Risiken wollen wir eingehen und welche meiden wir? Wenn auf dieser Ebene die Weichen falsch gestellt werden, dann hilft die beste Bank-IT herzlich wenig, wie die Finanzkrise gezeigt haben sollte …

Weitere Informationen:

What can banks learn from the TSB IT disaster?

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