Sebastian Gießmanns „Kreditkarten-Buch“ erzählt, wie Europa den Kartenzahlungsverkehr einst mitprägte und dann abgab. Die Fortschreibung bis in die Gegenwart zeigt vier Rollen: Standardsetzer, Anbieter nationaler Lösungen, Zulieferer fremder Wallets und Betreiber einer eigenen Schiene auf Bewährung. Beim Agentic Commerce, bei dem KI-Agenten im Auftrag ihrer Nutzer einkaufen, ist die vierte Rolle noch nicht verteilt. Entscheidend ist, ob Europas Schiene in den Protokollen vorgesehen ist, bevor diese sich verfestigen. Dazu kommt die Identifizierung: Auch dort haben Apple und Google einen Vorsprung, den Banken und Sparkassen mit der EUDI-Wallet aufholen wollen.
Eine Geschichte, die 2014 endet
Der Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann (Universität Siegen) erzählt in „Das Kreditkarten-Buch. Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens“ (Kulturverlag Kadmos, Berlin 2026) die Kreditkarte als Geschichte von Kreditwürdigkeit und vernetzter Buchhaltung. Sie reicht vom Londoner Clearing House, das der Mathematiker Charles Babbage 1832 beschrieb, über die US-Kreditauskunfteien des 19. Jahrhunderts und den Diners Club bis zur Einführung von Apple Pay im Oktober 2014, dem Endpunkt der historischen Erzählung (1832–2014).
Für Leser in Europa ist das Eurocard-Kapitel das aufschlussreichste. Zwischen 1968 und 2003 standen Westeuropäern Eurocheque, EC-Karte und Eurocard als eigene Zahlungsmittel zur Verfügung. Die Eurocard, seit 1977 ein paneuropäisches Konsortium, ging 2003 in Mastercard auf. Gießmann, der nach eigener Angabe als erster Forscher die Eurocard-Akten im Historischen Institut der Deutschen Bank in Frankfurt ausgewertet hat, nennt den Verkauf eine Tragödie: Mastercard habe 25 Jahre gebraucht, um die Europäer dazu zu bewegen. Den Chipkartenstandard EMV, benannt nach Europay, Mastercard und Visa und seit 1998 gemeinsam getragen, sieht er als Ergebnis dieser Zusammenarbeit mit wesentlichen europäischen Anteilen. Das E im Namen stehe heute für nichts mehr.
Die historische Erzählung des Buchs reicht bis 2014 und Apple Pay, das letzte Kapitel führt in die Gegenwart des digitalen Bezahlens und der Zukunft des Bargelds. Die Fortschreibung bis zu den KI-Agenten ist hier eine eigene Überlegung und nicht Gießmanns Argument. Bankstil hatte 2019 an Gießmanns früherem Aufsatz „Geld, Kredit und digitale Zahlung 1971⁄2014. Von der Kreditkarte zu Apple Pay“ festgehalten, dass digitale Medien im Zahlungsverkehr für Kontinuität stehen und nicht für einen Bruch, und dass die Tokenisierung, bei der statt der Kontodaten ein Ersatzwert übermittelt wird, eine Art Ersatzwährung einführt. Das Thema ist älter: Schon 2015 und 2016 hatte Bankstil die Leitannahme des Siegener Sonderforschungsbereichs „Medien der Kooperation“ aufgegriffen, in dem Gießmann ein Teilprojekt leitet, wonach digitale Medien nicht mehr als Einzelmedien zu verstehen sind. Auch seine politische Pointe sollte man als solche lesen: Er versteht sich als kritischen Befürworter des digitalen Euro. Wie groß die Abhängigkeit von den US-Netzen heute ist, hängt vom Maß ab. Nach einem EZB-Bericht liefen 2022 rund 61 Prozent der Kartentransaktionen im Euroraum über internationale Systeme. Nach Zahlungswert waren es 2025 laut GlobalData 47 Prozent. Beide Werte liegen hoch genug, um die Frage ernst zu nehmen, wer die Schiene betreibt.
Die erste Antwort: paydirekt
Die erste Antwort auf die Plattformen kam aus der deutschen Kreditwirtschaft selbst. Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Commerzbank und Deutsche Bank starteten im Herbst 2015 paydirekt als deutsche Alternative zu PayPal. 2021 bündelten sie paydirekt, giropay und das Übertragungsverfahren Kwitt unter der Marke giropay. Es blieb ein einzelnes Vorhaben mit wechselnden Namen. Die Reichweite blieb klein: Der Marktanteil lag nach Schätzungen im einstelligen Prozentbereich, das Zahlungsvolumen 2022 bei rund 1,6 Milliarden Euro. PayPal kam allein in Deutschland auf 35 Millionen aktive Konten. Nach Berichten von heise lag ein Grund im umständlichen Registrierungsprozess, der Kunden wie Händler abschreckte.
Ende 2024 wurde das Verfahren eingestellt, kurz nach dem Start von Wero. Laut Berichten der Süddeutschen Zeitung und des Branchendienstes Finanz-Szene waren die Gesellschafter nicht mehr bereit, parallel zur europäischen Lösung weiter in die nationale zu investieren.
Auffällig ist der …
