Wenn die UniCre­dit die Com­merz­bank über­nimmt, wird in Mün­chen, Frank­furt und Rom um Sym­bo­le gerun­gen: um Fir­men­sit­ze, Auf­sichts­rats­vor­sit­ze, Reprä­sen­ta­ti­ons­adres­sen. Der Blick auf die Hypo­Ver­eins­bank zeigt, war­um die­se Debat­te an der eigent­li­chen Macht­fra­ge vor­bei­geht – und wohin die Kapi­tal­al­lo­ka­ti­on tat­säch­lich wan­dert, unab­hän­gig davon, wel­che Stadt im Impres­sum steht.


Die Über­nah­me­schlacht um die Com­merz­bank hat, Stand Mit­te Juli 2026, einen Zwi­schen­stand erreicht, der auf den ers­ten Blick wie ein offe­nes Ren­nen aus­sieht: UniCre­dit hält nach Ablauf ihres Umtausch­an­ge­bots rund 47,6 Pro­zent des Kapi­tals und 49,7 Pro­zent der Stimm­rech­te an der Com­merz­bank. Vor­stand und Auf­sichts­rat der Com­merz­bank emp­feh­len wei­ter­hin die eigen­stän­di­ge Stra­te­gie „Momen­tum 2030”, die Bun­des­re­gie­rung als zweit­größ­ter Aktio­när mit gut 12 Pro­zent lehnt eine Über­tra­gung ihrer Antei­le ab, für eine förm­li­che Ver­schmel­zung oder einen Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag feh­len UniCre­dit noch rund 25 Pro­zent­punk­te bis zur erfor­der­li­chen 75-Pro­zent-Schwel­le. Man könn­te dar­aus schlie­ßen, die Sache sei offen.

Sie ist es, folgt man der struk­tu­rel­len Logik von Über­nah­men die­ser Art, nur for­mal. Und genau in die­ser Dif­fe­renz zwi­schen for­ma­ler Offen­heit und fak­ti­scher Fest­le­gung liegt der eigent­li­che Erkennt­nis­ge­winn, den ein Blick auf die par­al­lel geführ­te Stand­ort­de­bat­te – Mün­chen oder Frank­furt, Frank­furt oder Mai­land – liefert.

Die Blau­pau­se: Was aus der HVB wurde

Wer wis­sen will, wie eine UniCre­dit-Über­nah­me über zwei Jahr­zehn­te hin­weg ver­läuft, muss nicht spe­ku­lie­ren, son­dern kann nach­le­sen. Als UniCre­dit 2005 die Hypo-Ver­eins­bank über­nahm, geschah dies als ein­ver­nehm­li­che, sei­ner­zeit unstrit­ti­ge Trans­ak­ti­on. Der Sitz Mün­chen blieb unan­ge­tas­tet – und ver­lor doch, Schritt für Schritt, jede eigen­stän­di­ge Sub­stanz. 2021 über­nahm UniCre­dit-Chef Andrea Orcel per­sön­lich den Auf­sichts­rats­vor­sitz der Münch­ner Toch­ter. 2023 wur­de die HVB von einer AG in eine GmbH umge­wan­delt – ein Schritt, der die Haupt­ver­samm­lung als Kon­troll­in­stanz schlicht über­flüs­sig mach­te, weil eine GmbH mit einem ein­zi­gen Gesell­schaf­ter kei­ne braucht. Was blieb, war ein Rechts­ve­hi­kel mit his­to­ri­scher Adres­se, des­sen ope­ra­ti­ve Steue­rung zuneh­mend direkt aus Mai­land erfolgt – ein Vor­gang, den man in Ban­ken­krei­sen offen als „Durch­re­gie­ren” bezeichnet.

Mün­chen hat dabei nie etwas „ver­lo­ren” im Sin­ne einer sicht­ba­ren Ver­la­ge­rung. Es hat etwas ver­lo­ren, das sich nicht im Impres­sum abbil­det: Ent­schei­dungs­macht über Kapi­tal­al­lo­ka­ti­on, Risi­ko­po­li­tik, IT-Architektur.

War­um Mün­chen ohne­hin nie zur Debat­te stand

Die aktu­ell par­al­lel geführ­te Dis­kus­si­on, ob eine fusio­nier­te Ein­heit ihre deut­sche Steue­rung in Mün­chen oder in Frank­furt ansie­deln wür­de, beant­wor­tet sich bei nüch­ter­ner struk­tu­rel­ler Betrach­tung fast von selbst. Frank­furt beher­bergt die EZB-Ban­ken­auf­sicht, die Bun­des­bank, die Deut­sche Bör­se und den über­wie­gen­den Teil der Kapi­tal­markt- und Invest­ment­ban­king-Infra­struk­tur der übri­gen deut­schen Groß­ban­ken – eine über Jahr­zehn­te gewach­se­ne Agglo­me­ra­ti­on, die Mün­chen im Ban­ken­sek­tor im enge­ren Sinn nicht annä­hernd erreicht, so bedeu­tend die Stadt für Ver­si­che­rungs­wirt­schaft und Rück­ver­si­che­rung auch sein mag. Es gibt für UniCre­dit öko­no­misch schlicht kei­nen Anreiz, eine funk­tio­nie­ren­de Kon­zen­tra­ti­on auf­zu­lö­sen, um sie mit Kos­ten und ohne erkenn­ba­ren Gegen­wert nach Mün­chen zu verlagern.

Der his­to­ri­sche Ver­gleichs­fall bestä­tigt dies von uner­war­te­ter Sei­te. Als die Alli­anz 2001 die Dresd­ner Bank über­nahm, saß der Mehr­heits­eig­ner in Mün­chen – am Ende blieb den­noch nichts in Mün­chen hän­gen, son­dern die Dresd­ner Bank ging 2008/​2009 in der Frank­fur­ter Com­merz­bank auf, mit Sitz und Mar­ke in Frank­furt. Selbst ein mäch­ti­ger, aus­wär­ti­ger Eigen­tü­mer ver­la­gert eine wert­vol­le Bank­in­fra­struk­tur nicht dort­hin, wo er selbst zu Hau­se ist, wenn der Ziel­stand­ort öko­no­misch schwä­cher ist. Die Mün­chen-Fra­ge ist damit, was die Com­merz­bank betrifft, weit­ge­hend eine Scheindebatte.

Die eigent­li­che Sitz­fra­ge liegt in Rom

Bemer­kens­wer­ter ist eine zwei­te, deut­lich schär­fer geführ­te Stand­ort­de­bat­te, die sich nicht zwi­schen zwei deut­schen Städ­ten, son­dern zwi­schen Mai­land und Frank­furt abspielt. Ita­li­ens Wirt­schafts­mi­nis­ter Gian­car­lo Gior­get­ti stell­te im April 2026 nach einer Kabi­netts­sit­zung in Rom unmiss­ver­ständ­lich klar, dass eine Ver­le­gung des UniCre­dit-Haupt­sit­zes oder zen­tra­ler Kon­zern­funk­tio­nen nach Deutsch­land für sei­ne Regie­rung nicht infra­ge kom­me. UniCre­dit selbst demen­tier­te par­al­lel jede der­ar­ti­ge Absicht.

Inter­es­sant ist, aus wel­cher Rich­tung der eigent­li­che Druck kam. Nach über­ein­stim­men­den Berich­ten befürch­te­te Rom nicht in ers­ter Linie eine von außen erzwun­ge­ne Ver­la­ge­rung, son­dern dass UniCre­dit selbst eine Ver­le­gung anbie­ten könn­te – als Zuge­ständ­nis, um den poli­ti­schen Wider­stand Ber­lins gegen die Com­merz­bank-Über­nah­me zu besänf­ti­gen. Ita­li­en hält sich für die­sen Fall die Opti­on offen, sei­ne „Gol­den Powers” – staat­li­che Son­der­rech­te bei Unter­neh­men von natio­na­lem Inter­es­se – ein­zu­set­zen, um den ein­ge­tra­ge­nen Sitz oder wesent­li­che Manage­ment­funk­tio­nen als Bedin­gung für den Deal in Ita­li­en fest­zu­schrei­ben. Für die Mit­te-rechts-Regie­rung in Rom gilt das The­ma Insi­der­be­rich­ten zufol­ge als rote Linie.

Drei Städ­te, ein Muster

Damit ergibt sich eine Kon­stel­la­ti­on aus drei Stand­or­ten mit sehr unter­schied­li­cher, aber in ihrer Funk­ti­on ver­gleich­ba­rer poli­ti­scher Aufladung:

  • Mün­chen, der his­to­ri­sche HVB-Sitz, fak­tisch bedeu­tungs­los für die künf­ti­ge Kon­zern­steue­rung, aber gewerk­schaft­lich und poli­tisch als Mene­te­kel prä­sent – Ver­di ver­wies bereits im März 2026 aus­drück­lich auf den „Schrumpf­kurs”, den die Über­nah­me der HVB 2005 für die Münch­ner Bank bedeutete.
  • Frank­furt, poli­tisch ver­tei­digt von Ober­bür­ger­meis­ter Mike Josef und Minis­ter­prä­si­dent Boris Rhein, der als Maß­stab for­mu­liert, dass „der euro­päi­sche Finanz­platz Frank­furt am Main, Euro­pas Num­mer 1, gestärkt und nicht geschwächt” wer­den dür­fe – eine Posi­ti­on, die auch der SPD-Poli­ti­ker Armand Zorn mit der For­de­rung unter­leg­te, der Haupt­sitz eines fusio­nier­ten Insti­tuts müs­se in Deutsch­land liegen.
  • Mai­land, poli­tisch ver­tei­digt von Rom mit dem Instru­ment der Gol­den Powers, als „rote Linie” mar­kiert, obwohl UniCre­dit selbst nie eine Ver­le­gung ange­kün­digt hat.

Auf allen drei Ebe­nen wird der­sel­be Mecha­nis­mus sicht­bar: Poli­ti­sche Akteu­re ver­tei­di­gen ein Sym­bol – den for­ma­len Sitz, den Klang eines Auf­sichts­rats­vor­sit­zes, die Adres­se im Han­dels­re­gis­ter –, wäh­rend die struk­tu­rell ent­schei­den­de Fra­ge, wer über Kapi­tal­al­lo­ka­ti­on, Risi­ko­po­li­tik und IT-Archi­tek­tur eines fusio­nier­ten Kon­zerns bestimmt, davon rela­tiv unbe­rührt bleibt. Der HVB-Fall zeigt, dass die­se Ent­kopp­lung kein hypo­the­ti­sches Risi­ko, son­dern der bereits ein­mal voll­zo­ge­ne Nor­mal­fall ist: Der Sitz blieb Mün­chen, wäh­rend die Steue­rung nach Mai­land wan­der­te, for­ma­li­siert zuletzt durch die GmbH-Umwand­lung 2023 – rund 18 Jah­re nach der ursprüng­li­chen Übernahme.

Was das für die Com­merz­bank bedeutet

Für die Com­merz­bank lässt sich dar­aus kei­ne Pro­gno­se über den genau­en Zeit­punkt, aber eine belast­ba­re struk­tu­rel­le Erwar­tung ablei­ten: Die aktu­el­le poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung um Eigen­stän­dig­keit, Stand­ort­si­che­rung und Arbeits­plät­ze – so berech­tigt und wir­kungs­voll sie kurz­fris­tig sein mag, wie die ver­zö­ger­te 75-Pro­zent-Schwel­le zeigt – ver­än­dert ver­mut­lich vor allem das Tem­po der for­ma­len Schrit­te, nicht deren Rich­tung. Der Unter­schied zur HVB liegt weni­ger im Aus­gang als in der Aus­gangs­la­ge: 2005 war die Über­nah­me unstrit­tig, 2026 trifft sie auf orga­ni­sier­ten Wider­stand von Bun­des­re­gie­rung, Betriebs­rat und Vor­stand, und die Com­merz­bank ist für das Pro­jekt einer euro­päi­schen Groß­bank ungleich bedeu­ten­der, als es die HVB je für UniCre­dit war. Das könn­te dafür spre­chen, dass Frank­furt als sicht­ba­re deut­sche Kon­zern­adres­se län­ger und mit mehr Sub­stanz erhal­ten bleibt, als es Mün­chen je war.

Es ändert aber nichts dar­an, dass die eigent­li­che Macht­fra­ge nicht in Wies­ba­den, Frank­furt oder Mün­chen ent­schie­den wird, son­dern in der Aktio­närs­struk­tur und den Mehr­heits­ver­hält­nis­sen, die UniCre­dit nach und nach auf­baut – und die, sobald sie aus­rei­chen, die­sel­be schritt­wei­se Aus­höh­lung for­ma­ler Eigen­stän­dig­keit ermög­li­chen, die sich an der HVB bereits ein­mal besich­ti­gen ließ.

Ralf Keu­per 


Quel­len:

Zur HVB/U­niCre­dit-Gover­nan­ce:

Zur Alli­an­z/­Dresd­ner-His­to­rie:

Zum aktu­el­len Über­nah­me­stand Commerzbank/​UniCredit:

Zur Stand­ort­fra­ge UniCre­dit Mailand/​Frankfurt: