Er nann­te sich „Com­mo­do­re”, obwohl er kei­nen mili­tä­ri­schen Rang beklei­de­te – schon das war stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on. Cor­ne­li­us Van­der­bilt (1794–1877) gilt als einer der ers­ten gro­ßen Tycoons Ame­ri­kas. Doch wer ihn ledig­lich als his­to­ri­sche Kurio­si­tät des Gild­ed Age betrach­tet, ver­kennt, wie prä­zi­se sein Han­deln das Dreh­buch vor­weg­nahm, das akti­vis­ti­sche Inves­to­ren und Hedge­fonds-Mana­ger heu­te noch spie­len. Ein Blick zurück, der nach vor­ne weist.


Kapi­tal als Waf­fe: Die Vanderbilt-Methode

Van­der­bilt wuchs in einer Fähr­manns­fa­mi­lie auf, ver­ließ die Schu­le früh und betrieb zunächst Segel‑, dann Dampf­schif­fe. Was er dabei ent­wi­ckel­te, war kein roman­ti­scher Unter­neh­mer­geist, son­dern ein kal­ter, stra­te­gi­scher Umgang mit Kapi­tal als Kampf­mit­tel. Prei­se wur­den zunächst rui­nös gesenkt, bis Kon­kur­ren­ten kapi­tu­lier­ten – dann ange­ho­ben, bis Mono­pol­ren­ten flos­sen. Effi­zi­enz und Kon­so­li­die­rung waren kei­ne Mit­tel zur Ver­bes­se­rung des Ange­bots, son­dern Instru­men­te der Marktbeherrschung.

Als er ab den 1850er Jah­ren in Eisen­bah­nen wech­sel­te, ver­fei­ner­te er die­se Logik. Die Über­nah­me der New York & Har­lem Rail­road, der Hud­son River Rail­road und schließ­lich der New York Cen­tral waren kei­ne visio­nä­ren Infra­struk­tur­pro­jek­te im gemein­wohl­ori­en­tier­ten Sin­ne. Es waren geziel­te Manö­ver zur Errich­tung eines Trans­port­mo­no­pols, finan­ziert durch aggres­si­ve Akti­en­käu­fe, Short Squeezes und – wo nötig – par­la­men­ta­ri­sche Korruption.

Der Erie War: Akti­vis­mus avant la lettre

Der soge­nann­te Erie War (1866–1868) ist das viel­leicht auf­schluss­reichs­te Kapi­tel. Van­der­bilt ver­such­te, die Erie Rail­road über den Kapi­tal­markt zu über­neh­men. Sei­ne Geg­ner – Jay Gould, James Fisk, Dani­el Drew – kon­ter­ten mit „wate­red stock”, also ille­ga­ler Akti­en­ver­wäs­se­rung, Bestechung und Gerichts­ma­nö­vern. Van­der­bilt ver­lor meh­re­re Mil­lio­nen Dol­lar, setz­te sich aber als Figur durch: als Markt­teil­neh­mer, der bereit ist, das Sys­tem bis an sei­ne Gren­zen zu deh­nen, und dem der mora­li­sche Gehalt die­ser Gren­ze gleich­gül­tig ist.

Was heu­te in Pro­xy Fights, öffent­li­chen Kam­pa­gnen­brie­fen und koor­di­nier­ten Stimm­rechts­in­itia­ti­ven pas­siert, ist struk­tu­rell das­sel­be: Es geht nicht um das Unter­neh­men an sich, son­dern um Kapi­tal­ren­di­te – und um die Macht, die­se durchzusetzen.

Par­al­le­len zur Gegen­wart: Icahn, Ack­man, Elliott

Die Namen wech­seln, die Logik bleibt. Carl Icahn baut stil­le Akti­en­po­si­tio­nen auf, bevor er das Manage­ment öffent­lich unter Druck setzt – wie Van­der­bilt beim Short Squeeze der Har­lem Rail­road. Bill Ack­man struk­tu­riert sei­ne Kam­pa­gnen als öffent­li­che Ankla­ge gegen Manage­ment­ver­sa­gen – der Ges­tus unter­schei­det sich, die Kapi­tal­stra­te­gie dahin­ter kaum. Elliott Manage­ment, viel­leicht der aggres­sivs­te Akteur im heu­ti­gen akti­vis­ti­schen Uni­ver­sum, führt Über­nah­me­schlach­ten gegen Unter­neh­men von Sam­sung bis Tele­com Ita­lia mit einer Prä­zi­si­on, die Van­der­bilt ver­stan­den hätte.

Der ent­schei­den­de Unter­schied liegt nicht in der Metho­de, son­dern im regu­la­to­ri­schen Rah­men. Die SEC setzt Gren­zen, die Van­der­bilts Erie-Geg­ner ein­fach umgan­gen hät­ten. Insi­der-Tra­ding-Rege­lun­gen, Trans­pa­renz­pflich­ten beim Über­schrei­ten von Betei­li­gungs­schwel­len, Pro­xy-Advi­so­ry-Fir­men als insti­tu­tio­nel­le Kon­troll­me­cha­nis­men – all das exis­tiert, weil Figu­ren wie Van­der­bilt gezeigt haben, was ohne die­se Schran­ken mög­lich ist.

Die Schum­pe­ter-Fal­le

Es liegt nahe, Van­der­bilt im Lich­te Schum­pe­ters zu lesen: schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung als trei­ben­de Kraft des Kapi­ta­lis­mus. Die Kon­so­li­die­rung von Eisen­bahn­li­ni­en zur New York Cen­tral schuf tat­säch­lich effi­zi­en­te­re Infra­struk­tur. Aber die­se Effi­zi­enz war kein Ziel, son­dern ein Neben­pro­dukt. Und Schum­pe­ter selbst hät­te erkannt, dass schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung dann sys­te­misch gefähr­lich wird, wenn sie zur rei­nen Ren­ten­stra­te­gie dege­ne­riert – wenn also nicht mehr inno­viert, son­dern ledig­lich umver­teilt wird.

Genau das ist der Vor­wurf, der akti­vis­ti­schen Inves­to­ren heu­te mit zuneh­men­der Berech­ti­gung gemacht wird. Wenn ein Hedge­fonds ein Unter­neh­men zwingt, Divi­den­den aus­zu­schüt­ten oder Akti­en zurück­zu­kau­fen, statt in For­schung und Ent­wick­lung zu inves­tie­ren, dann ist das kei­ne Dis­rup­ti­on – das ist Extrak­ti­on. Van­der­bilts Erbe lebt fort, aber nicht in der Grün­dung des Grand Cen­tral Ter­mi­nal, son­dern in der Share­hol­der-Value-Dok­trin, die Mil­ton Fried­man spä­ter theo­re­tisch unter­mau­er­te und die seit­her die Unter­neh­mens­füh­rung prägt.

Was bleibt

Cor­ne­li­us Van­der­bilt war kein Finanz­ge­nie im roman­ti­schen Sin­ne. Er war ein außer­or­dent­lich dis­zi­pli­nier­ter Kapi­ta­list, der frü­her als die meis­ten erkann­te, dass Kapi­tal selbst zur Waf­fe wer­den kann – wenn man bereit ist, sie kom­pro­miss­los ein­zu­set­zen. Die Insti­tu­tio­nen, die heu­te akti­vis­ti­sche Inves­to­ren ein­he­gen, exis­tie­ren als direk­te Ant­wort auf das, was er und sei­ne Zeit­ge­nos­sen mög­lich gemacht haben.

Für Bank­stil ist Van­der­bilt des­halb rele­vant: nicht als his­to­ri­sche Anek­do­te, son­dern als Struk­tur­mo­dell. Die Fra­ge, die er auf­wirft, ist die­sel­be, die im Zusam­men­hang mit Elliott, Icahn oder Third Point immer wie­der gestellt wer­den muss: Ab wann ist kapi­tal­ge­trie­be­ne Effi­zi­enz nicht mehr schöp­fe­risch, son­dern para­si­tär? Eine Ant­wort dar­auf lässt sich nur im insti­tu­tio­nel­len Kon­text geben – und der ist heu­te, trotz aller Regu­lie­rung, fra­gi­ler als er aussieht.

Ralf Keu­per


Quel­len

Cor­ne­li­us Van­der­bilt – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Cornelius_Vanderbilt
“Van­der­bilts Unter­neh­men und erfolg­rei­che Bör­sen­spe­ku­la­tio­nen mach­ten ihn zu einem der reichs­ten Unter­neh­mer sei­ner Zeit. Am Ende sei­nes Lebens besaß er etwa 100 Mil­lio­nen Dollar.”

Cor­ne­li­us Van­der­bilt – “Eisen­bahn­kö­nig”
https://www.frag-machiavelli.de/cornelius-vanderbilt/
“Cor­ne­li­us Van­der­bilt gehör­te zu den gro­ßen Wirt­schafts­bos­sen des Gild­ed Age… Er dräng­te die Kon­kur­renz mit rui­nö­sen Preis­kämp­fen aus dem Geschäft oder streb­te über die Bör­se feind­li­che Über­nah­men an.”

Erie War (eng­li­sche Wikipedia)
https://en.wikipedia.org/wiki/Erie_War
Beschreibt den Kon­flikt zwi­schen Van­der­bilt, Jay Gould und ande­ren um die Erie Railroad.

The Erie War: Van­der­bilt vs Gould
https://www.american-rails.com/erwr.html
“Titans Fight For Con­trol” – Detail­lier­te Ana­ly­se des Erie Wars.

Wie die Van­der­bilts ihr Ver­mö­gen verprassten
https://www.welt.de/wirtschaft/article8527555/Familiendynastie-Wie-die-Vanderbilts-ihr-Vermoegen-verprassten.html
“Das Geld aus dem Schiff­ge­schäft inves­tier­te Cor­ne­li­us Van­der­bilt ab 1863 in die Eisenbahn.”

Die neu­en Räuberbarone
https://www.cole.de/die-neuen-raeuberbarone/
Par­al­le­len zwi­schen Räu­ber­ba­ro­nen und moder­nen Hedgefonds.

Cor­ne­li­us Van­der­bilt (eng­li­sche Wikipedia)
https://en.wikipedia.org/wiki/Cornelius_Vanderbilt
Umfas­sen­de Bio­gra­fie mit Fokus auf Eisen­bah­nen und Vermögen.