Die BaFin greift bei der PSD Bank West ein – und der Fall steht nicht für sich allein. München unter verschärfter Aufsicht, Koblenz auf dem Weg in die Notfusion, West mit Mängeln im Risikomanagement: Der PSD-Verbund ist auf acht Institute geschrumpft und schrumpft weiter. Was als regulatorischer Einzelbescheid erscheint, ist in Wahrheit ein weiteres Kapitel im schleichenden Zerfall einer Bankengruppe, deren Geschäftsmodell die veränderten Bedingungen nicht mehr trägt.
Das regulatorische Gerüst
Der rechtliche Rahmen ist klar. § 25a Abs. 1 KWG verpflichtet Kreditinstitute zu einer ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation, deren Kernstück ein angemessenes und wirksames Risikomanagement ist. Die laufende Risikotragfähigkeit muss dauerhaft sichergestellt sein. Das setzt eine funktionierende Gesamtbanksteuerung sowie ein adäquates Risikocontrolling voraus – keine abstrakten Anforderungen, sondern operativer Standard.
Die BaFin prüft entlang dieser Anforderungen systematisch: Wie werden Risikotreiber identifiziert? Wie werden sie gesteuert? Werden die richtigen Schlüsse gezogen? Im Fall der PSD Bank West eG lautete die Antwort der Prüfer: in Teilen der geprüften Bereiche – nein.
Die Reaktion der Aufsicht folgt der gesetzlichen Logik: Wer Mängel in der Geschäftsorganisation aufweist, muss zusätzlich Kapital vorhalten (§ 10 Abs. 3 Satz 1 i. V. m. Satz 2 Nr. 2 KWG). Es handelt sich dabei nicht um eine Strafe im klassischen Sinne, sondern um eine aufsichtliche Korrektur: Wer Risiken nicht ordentlich misst und steuert, muss sie mit mehr Kapital puffern.
Risikotragfähigkeit als Achillesferse
Dass ausgerechnet die Prozesse zur Risikotragfähigkeit betroffen sind, ist aufschlussreich. Die Risikotragfähigkeitsanalyse – kurz RTF – ist das zentrale Steuerungsinstrument der Gesamtbanksteuerung. Sie bestimmt, welche Risiken eine Bank eingehen kann, ohne ihre Existenz zu gefährden. Fehler hier sind keine Detailmängel; sie betreffen das strategische Fundament.
Die Anforderungen an die RTF wurden zuletzt durch den überarbeiteten RTF-Leitfaden der deutschen Bankenaufsicht (2018) erheblich verschärft. Der Übergang vom Gone-Concern- zum Going-Concern-Ansatz stellte viele Institute – vor allem kleinere und mittlere – vor erhebliche konzeptionelle und operative Herausforderungen. Wer diesen Übergang nicht vollständig vollzogen hat oder die neuen Anforderungen nur oberflächlich implementierte, ist seither ein potenzieller Kandidat für aufsichtliche Interventionen.
Ein Gruppenphänomen: PSD-Banken unter Druck
Der Fall PSD Bank West eG ist kein Einzelfall – er ist Teil eines Musters, das sich durch die gesamte PSD-Gruppe zieht. Bereits die PSD Bank München wurde als exemplarischer „Zinswende-Verlierer” bezeichnet und unter verschärfte Aufsicht gestellt. Die PSD Bank Koblenz kämpfte nach jahrelangen Ertragseinbrüchen und operativen Verlusten ebenfalls um ihre Stabilität; auch dort ordnete die BaFin im September 2025 zusätzliche Eigenmittel an. Und nun die PSD Bank West – mit Mängeln nicht in der Ertragslage, sondern in der methodischen Grundlage des Risikomanagements.
Das ist eine bemerkenswerte Eskalation. Während Koblenz und München vor allem unter dem Druck veränderter Zinsbedingungen litten – also primär ein Ertragsstrukturproblem –, offenbart der Fall West eine tieferliegende Schwäche: Fehler in den Prozessen, nicht erst in den Ergebnissen. Risikotragfähigkeit und Marktpreisrisikosteuerung sind keine nachgelagerten Controllingfragen, sondern strategische Steuerungsinstrumente. Wer sie nicht ordnungsgemäß betreibt, steuert blind.
Die strukturellen Ursachen liegen nahe beieinander: Als ursprünglich postalsisch-genossenschaftliche Institute, die später in ihre heutige Form überführt wurden, teilen die PSD Banken ähnliche Geschäftsmodelle und Marktpositionierungen. Ihre relative Kleinheit führt zu Skalennachteilen – regulatorische Auflagen, IT-Investitionen und der Aufbau qualifizierten Risikopersonals lasten schwerer auf einer schmalen Ertragsbasis. Gleichzeitig operieren sie in einem schwierigen Mittelfeld: zu klein für die Effizienz der Großbanken, zu wenig regional verwurzelt für die Bindungskraft der Volksbanken und Sparkassen.
Was der Fall lehrt
Der Eingriff der BaFin ist symptomatisch für eine größere Entwicklung: Die Aufsicht nimmt Mängel in der Risikotragfähigkeitssteuerung mit zunehmender Konsequenz wahr – und sie veröffentlicht ihre Maßnahmen nach § 60b Abs. 1 KWG bewusst. Transparenz als Instrument, auch als abschreckende Wirkung gegenüber anderen Instituten.
Für die PSD Bank West bedeutet das: Neben der Kapitalmehrbelastung steht ein Reputationseffekt. Im Wettbewerb um Einlagen und Kundenvertrauen ist eine öffentlich sichtbare BaFin-Maßnahme keine Bagatelle.
Im Fall Koblenz ist die strategische Frage bereits beantwortet – allerdings nicht durch eigene Kraft. Die für 2026 geplante Fusion mit der VR Bank RheinAhrEifel ist keine strategische Entscheidung aus einer Position der Stärke, sondern eine Notfusion. Die offiziellen Verlautbarungen sprechen von Skaleneffekten und digitaler Transformation; tatsächlich handelt es sich um die kontrollierte Übernahme eines Instituts, das in seiner bisherigen Form nicht mehr überlebensfähig ist. Mit dem Verschwinden der PSD Bank Koblenz als eigenständiger Rechtspersönlichkeit schrumpft der PSD-Verbund auf acht Institute – ein schleichender Auflösungsprozess, der sich nicht mehr als Konsolidierung schönreden lässt.
Was bedeutet das für den Fall West? Noch handelt es sich um einen aufsichtlichen Eingriff wegen methodischer Mängel im Risikomanagement – also eine Stufe unterhalb des Überlebensproblems, mit dem Koblenz konfrontiert war. Aber die Richtung ist dieselbe: Wer Risiken nicht ordnungsgemäß steuert, wer die regulatorische Infrastruktur nicht auf dem Stand der Anforderungen hält, wer auf einer schmalen Ertragsbasis immer höhere Anforderungen schultern muss – der nähert sich früher oder später demselben Punkt. Der Bescheid vom November 2025 ist eine Warnung. Ob die PSD Bank West die Kapazität hat, aus dieser Warnung die richtigen Konsequenzen zu ziehen, ist die eigentliche Frage.
Strukturell sind die drei Fälle – München, Koblenz, West – kein Zufall und keine zufällige Häufung. Sie zeigen ein Geschäftsmodell, das unter den Bedingungen der Zinswende, verschärfter regulatorischer Anforderungen und digitaler Transformation systematisch an seine Grenzen stößt. Die Konsolidierung, die sich im PSD-Verbund vollzieht, ist kein Zeichen von Stärke, sondern ihr Gegenteil: Problemverwaltung als Strategie, Fusion als Ausweg, Auflösung als Endpunkt.
Ralf Keuper
Quellen:
PSD Bank West eG: BaFin ordnet zusätzliche Eigenmittel an https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Massnahmen/60b_KWG_84_WpIG_und_57_GwG/meldung_2026_02_17_psd_bank_west_eg.html?cms_expanded=true
Konsolidierung als Krisensymptom: Die Fusion VR Bank RheinAhrEifel und PSD Bank Koblenz https://bankstil.de/konsolidierung-als-krisensymptom-die-fusion-vr-bank-rheinahreifel-und-psd-bank-koblenz/
PSD Bank Koblenz unter verschärfter Aufsicht: Strukturprobleme im deutschen Regionalbanken-Sektor https://bankstil.de/psd-bank-koblenz-unter-verschaerfter-aufsicht-strukturprobleme-im-deutschen-regionalbanken-sektor/
Warum die BaFin am Geschäftsmodell der PSD Bank München rüttelt https://brief.platow.de/banken/warum-die-bafin-am-geschaeftsmodell-der-psd-bank-muenchen-ruettelt/
