Die Volksbank Brawo gilt offiziell als „Präventionsbank” – nicht als Krisenfall. Doch hinter dieser beruhigenden Einordnung verbirgt sich ein Geschäftsmodell, das die Grenzen zwischen Genossenschaftsbank und Finanzkonglomerat längst überschritten hat: 386 Gesellschaften, 1,1 Mrd. Euro Sachanlagen, ein fehlender Konzernabschluss – und eine Holding-Konstruktion, die Fragen aufwirft.
Der Begriff „Präventionsbank” klingt technisch und nüchtern. Tatsächlich ist er eine diplomatische Umschreibung für einen institutionellen Grenzgänger: eine Bank, die noch nicht als Restrukturierungsfall gilt, aber deren Geschäftsmodell so weit von der genossenschaftlichen Norm abweicht, dass der BVR zur Beobachtung mahnt. Die Volksbank Brawo aus Braunschweig steht exemplarisch für eine Versuchung, der manche Regionalbanken erliegen – den Glauben, dass Diversifikation in bankfremde Bereiche strukturelle Resilienz erzeugt.
Fast 400 Beteiligungen: Diversifikation oder Kontrollverlust?
Über 380 Beteiligungen – Fitnessstudios, Immobilien, Investment-Holdings – sind kein Diversifikationsprogramm im betriebswirtschaftlichen Sinne. Sie sind ein Komplexitätsproblem. Was in Strategiepapieren als Risikostreuung firmiert, erzeugt in der Realität eine organisationale Intransparenz, die weder für den Aufsichtsrat noch für den Prüfungsverband noch für externe Beobachter beherrschbar ist.
Niklas Luhmann würde das nüchtern beschreiben: Das System produziert mehr Komplexität, als es intern verarbeiten kann. Die Folge ist nicht Resilienz, sondern ein struktureller Kontrollverlust – langsam, unsichtbar, und daher besonders gefährlich.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Datenlage selbst. Was als „Jahresbericht 2024” kursiert, ist zunächst ein hochglänzender Flipbook – kein testierter Konzernabschluss. Der Einzelabschluss der Bank zum 31.12.2024 liegt inzwischen vor und erlaubt einige Einblicke. Er zeigt ein Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit von 27,95 Mio. Euro – gegenüber 27,52 Mio. Euro im Vorjahr eine marginale Verbesserung, aber keine Erholung. Das Niveau bleibt niedrig; der 40-prozentige Einbruch im Konzernabschluss 2023 gegenüber 2022 hat sich im Einzelabschluss als strukturelle Sockelgröße verfestigt, nicht als Ausreißer.
Der konsolidierte Gruppenabschluss für 2024 fehlt indes weiterhin. Und genau dort – auf Konzernebene, wo die 386 Gesellschaften, die Immobilienportfolios und die Beteiligungsstruktur zusammenlaufen – liegt der analytisch relevante Befund.
Einzelabschluss und Konzernabschluss: Zwei verschiedene Wirklichkeiten
Der vorliegende Einzelabschluss der Volksbank BRAWO eG erfasst ausschließlich die eingetragene Genossenschaft selbst – das klassische Bankinstitut mit Kundeneinlagen, Kreditgeschäft und Wertpapierportfolio. Beteiligungen an Tochtergesellschaften erscheinen darin unter Pos. 8 mit 223,8 Mio. Euro – bewertet zu Anschaffungskosten. Was hinter diesen Buchwerten steckt, bleibt im Einzelabschluss unsichtbar: die tatsächliche Vermögens- und Ertragslage der Töchter, ihre Verschuldungsstruktur, ihre Bewertungsrisiken.
Der Konzernabschluss würde die BRAWO GROUP als wirtschaftliche Einheit darstellen – also alle 386 Gesellschaften konsolidiert: die Immobilien-GmbHs mit den Hochhäusern, Einkaufszentren und Mallorca-Objekten, die Energiesparte, die Fitness- und Gastronomiegesellschaften, den Radiosender, die Brauerei. Erst dort würden die im Flipbook genannten 4,8 Mrd. Euro Immobilieninvestitionen als echte Bilanzpositionen ersche…

