Eine Mil­li­ar­de Euro zusätz­li­cher Geschäfts­wert durch KI – so lau­tet das Ver­spre­chen, das San­tan­der-Che­fin Ana Botín beim Inves­tor Day in Lon­don ver­kün­de­te. Das Pro­blem ist nicht die Zahl. Es ist, dass sie jeden Ana­lys­ten mit Taschen­rech­ner zur Gegen­fra­ge einlädt.


Die Aus­gangs­la­ge

San­tan­der hat 2025 einen Rekord­ge­winn von 14,1 Mil­li­ar­den Euro erzielt – plus 12 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr, der vier­te Rekord in Fol­ge. Die Kun­den­ba­sis erreich­te erst­mals 180 Mil­lio­nen. Das sind star­ke Zah­len, die für sich ste­hen könnten.

Statt­des­sen wählt Botín beim Inves­tor Day eine ande­re Head­line: eine Mil­li­ar­de Euro Geschäfts­wert durch KI bis 2028. Eine Zahl, die bei nähe­rer Betrach­tung mehr Fra­gen auf­wirft als sie beantwortet.

Die Arith­me­tik, die nie­mand sehen sollte

San­tan­der hat 2024 nach eige­nen Anga­ben bereits 200 Mil­lio­nen Euro durch KI-Initia­ti­ven ein­ge­spart. Die ange­kün­dig­te Mil­li­ar­de bis 2028 ist also kei­ne neue Wet­te, son­dern die linea­re Fort­schrei­bung einer lau­fen­den Ent­wick­lung – grob mal fünf, über vier Jah­re. Das ist kei­ne Visi­on. Das ist eine Trendlinie.

Dann die Rela­ti­on zur Bilanz: San­tan­der ver­wal­tet eine Bilanz­sum­me von knapp 1,9 Bil­lio­nen Euro. Die KI-Mil­li­ar­de ent­spricht etwa 0,05 Pro­zent davon. Ein ein­zi­ger Basis­punkt Ver­bes­se­rung in der Risi­ko­ge­wich­tung eines mitt­le­ren Kre­dit­port­fo­li­os wür­de mehr bewe­gen – ohne Inves­tor Day, ohne Ope­nAI-Part­ner­schaft, ohne Pressemitteilung.

Und schließ­lich der Ver­gleich mit dem eigent­li­chen stra­te­gi­schen Ziel: San­tan­der will bis 2028 einen Gewinn von über 20 Mil­li­ar­den Euro erzie­len – aus­ge­hend von 14,1 Mil­li­ar­den in 2025. Ein Sprung von gut 40 Pro­zent in drei Jah­ren. Die KI-Mil­li­ar­de wäre, selbst wenn voll­stän­dig rea­li­siert, ein 5‑Pro­zent-Bei­trag zu die­sem Ziel. Die rest­li­chen 95 Pro­zent des Weges blei­ben stra­te­gisch auf­fäl­lig unkommentiert.

Wovon das 20-Mil­li­ar­den-Ziel wirk­lich abhängt

Der Weg von 14,1 auf über 20 Mil­li­ar­den Gewinn führt nicht über Chat­bots im Cont­act Cen­ter. Er führt über die Über­nah­me der Webs­ter Finan­cial Cor­po­ra­ti­on für 12,2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar – Anfang Febru­ar 2026 ange­kün­digt, Abschluss frü­hes­tens zwei­tes Halb­jahr 2026, Syn­er­gien voll­stän­dig erst ab Ende 2028 rea­li­sier­bar. Das 20-Mil­li­ar­den-Ziel ist damit in wesent­li­chen Tei­len eine M&A‑Wette, kei­ne Transformationsstory.

Was ist Webs­ter über­haupt? Eine soli­de Nord­ost-Regio­nal­bank mit Schwer­punkt in Con­nec­ti­cut, Mas­sa­chu­setts und New York, rund 75 Mil­li­ar­den Dol­lar Bilanz­sum­me und etwa 200 Filia­len. Der stra­te­gisch ent­schei­den­de Aktiv­pos­ten ist weni­ger das Fili­al­netz als ein Nischen­pro­dukt: Webs­ter über­nahm 2005 die HSA Bank und ist seit­dem der füh­ren­de US-Ver­wal­ter von Health Savings Accounts – steu­er­lich begüns­tig­ten Gesund­heits­spar­kon­ten, die sta­bi­le, kos­ten­güns­ti­ge Ein­la­gen gene­rie­ren. San­tan­der kauft also kein Fin­tech, kei­ne Platt­form, kei­ne KI-Infra­struk­tur. San­tan­der kauft eine Ein­la­gen­ba­sis. Das ist klas­si­sches Bank­ge­schäft: Ein­la­gen erwer­ben, Kos­ten­struk­tur ver­bes­sern, Ska­len­ef­fek­te heben. Die Gewinn­lü­cke von 14 auf 20 Mil­li­ar­den schließt man über Bilanz­zu­kauf – nicht über digi­ta­le Transformation.

Die Trans­ak­ti­on selbst ist alles ande­re als risi­ko­arm. San­tan­ders letz­te nen­nens­wer­te US-Akqui­si­ti­on liegt 17 Jah­re zurück – die Über­nah­me von Sove­reign Bank 2009, die erheb­li­che Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me mit sich brach­te. Jef­fe­ries-Ana­lyst David Chia­ve­ri­ni zeig­te sich “some­what sur­pri­sed” über den Schritt; der Markt hat­te ursprüng­lich M&T Bank als wahr­schein­li­che­ren Käu­fer von Webs­ter gehan­delt. Tru­ist-Ana­lyst David Smith brach­te die regu­la­to­ri­sche Kern­fra­ge direkt auf den Punkt: “It is a fair ques­ti­on if U.S. regu­la­tors will love a Euro­pean bank buy­ing an Ame­ri­can one under the cur­rent admi­nis­tra­ti­on.” Aus­län­di­sche Erwer­ber unter­lie­gen erfah­rungs­ge­mäß län­ge­rem regu­la­to­ri­schem Prü­fungs­pro­zess – was den ohne­hin schon “incre­men­tal­ly lon­ger time­frame” im Ver­gleich zu ande­ren aktu­el­len Bank­de­als wei­ter ver­län­gern könnte.

Par­al­lel dazu läuft die Über­nah­me der bri­ti­schen TSB von der spa­ni­schen Sab­a­dell für 2,65 Mil­li­ar­den Pfund. Zwei Groß­in­te­gra­tio­nen gleich­zei­tig, in zwei ver­schie­de­nen angel­säch­si­schen Rechts­sys­te­men, wäh­rend das rest­li­che Kon­zern­ge­schäft trans­for­miert wer­den soll – das ist ope­ra­tiv ambi­tio­niert formuliert.

Ähn­lich das Kun­den­ziel: 210 Mil­lio­nen bis 2028, aus­ge­hend von gera­de erst erreich­ten 180 Mil­lio­nen. Ein Wachs­tum von 17 Pro­zent in drei Jah­ren, in gesät­tig­ten euro­päi­schen Märk­ten, mit erheb­li­chen Wäh­rungs- und poli­ti­schen Risi­ken in den latein­ame­ri­ka­ni­schen Kern­märk­ten Bra­si­li­en, Mexi­ko und Argen­ti­ni­en. Woher die­se Kun­den kom­men sol­len, bleibt offen.

Was gute PR hier gemacht hätte

Die 200 Mil­lio­nen Euro Ein­spa­run­gen aus 2024 in den Vor­der­grund zu stel­len wäre die klü­ge­re Ent­schei­dung gewe­sen. Das ist ein beleg­ba­rer Erfolg, der Sub­stanz hat. Statt­des­sen wählt man eine Hoch­rech­nung in die Zukunft, die beim ers­ten Nach­rech­nen zur Gegen­fra­ge wird.

Bloom­berg lie­fert die Auf­schlüs­se­lung, die in der offi­zi­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on fehlt: 700 Mil­lio­nen Kos­ten­sen­kun­gen, 300 Mil­lio­nen Umsatz­wachs­tum. Das wäre prä­zi­se und ver­tret­bar gewe­sen. Aber “700 Mil­lio­nen Kos­ten­sen­kun­gen” klingt nach dem, was es ist: Auto­ma­ti­sie­rung, Stel­len­ab­bau, Ratio­na­li­sie­rung. Das kom­mu­ni­ziert man lie­ber als “Geschäfts­wert.”

Noch pro­ble­ma­ti­scher: Botín spricht vor insti­tu­tio­nel­len Inves­to­ren – einem Publi­kum, das Bilan­zen liest und Ver­hält­nis­se kennt. Die Mil­li­ar­de als Head­line zu set­zen bedeu­tet ent­we­der, dass das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­team die Rela­tio­nen nicht bedacht hat, oder dass man dar­auf spe­ku­liert hat, dass nie­mand nach­rech­net. Bei­des ist kein Ruhmesblatt.

Das Ergeb­nis

Eine Zahl, die zu klein ist, um stra­te­gisch zu über­zeu­gen. Zu vage, um ana­ly­tisch stand­zu­hal­ten. Und zu leicht dekon­stru­ier­bar, um als PR zu funktionieren.

San­tan­der hat 2025 tat­säch­lich beein­dru­cken­de Ergeb­nis­se gelie­fert. Die eigent­li­che Fra­ge des Inves­tor Days – wie belast­bar sind die 20-Mil­li­ar­den- und 210-Mil­lio­nen-Zie­le ange­sichts einer noch nicht abge­schlos­se­nen Groß­ak­qui­si­ti­on und gesät­tig­ter Märk­te? – bleibt unbe­ant­wor­tet. Statt­des­sen lenkt eine KI-Mil­li­ar­de die Auf­merk­sam­keit auf eine Zahl, die das Nar­ra­tiv stüt­zen soll, aber die Sub­stanz nicht trägt.

Wenn selbst der Inves­tor Day nicht mehr über­zeugt, ist das kei­ne Fra­ge der Stra­te­gie. Es ist eine Fra­ge des Handwerks.

Ralf Keu­per 


Quel­len:

Ori­gi­nal­mel­dung

San­tan­der Geschäfts­er­geb­nis­se 2025

KI-Stra­te­gie & Inves­tor Day

Webs­ter Finan­cial Cor­po­ra­ti­on – Übernahme

Webs­ter Finan­cial Cor­po­ra­ti­on – Unternehmensprofil

Regu­la­to­ri­sche Risikooffenlegung